Immer wieder Sonntag

Kurzfilmer Über den Maler-Regisseur Jochen Kuhn, seinen Erfolg mit Angela Merkel und die große Freiheit, die bestimmte Werktitel schaffen

Französische Kulturpolitik denkt groß, also im Kalender. Die Fête de la Musique hat den 21. Juni fast in den Rang eines klassischen Feiertags gehoben, der längste Tag des Jahres wird heute auch in Deutschland mit einem reichen Angebot dezentral-urbaner Konzerte assoziiert. Noch nicht so bekannt, dafür viel rascher importiert wurde das jahreszeitliche Pendant. Seit 2011 feiert Frankreich zur Wintersonnenwende Le jour le plus court, den kürzesten Tag des Jahres – mit ebensolchen Filmen.

Nach Deutschland hat sich die Idee schon ein Jahr später als Kurzfilmtag übersetzt. Eine Unternehmung, die kunstlogisch hübsch gedacht ist, weil es doch ein Signal kosmischer Größe darstellt, wenn der Lauf der Erde um die Sonne Anlass stiftet für die Promotion einer Kunstform, deren Wahrnehmung auf Festivals und in den Spätprogrammen von Arte, 3Sat und ein paar Dritten ein gewisses Maß an Findenwollen voraussetzt. 150 Veranstaltungen werden am 21. Dezember deutschlandweit angeboten.

Zu sehen gibt es in den verschiedenen Programmen auch Sonntag 3 von 2012. Ein Film, der in knapp 14 Minuten Kultur und Politik auf ganz eigene Weise verbindet. Die Geschichte geht um ein Treffen, das eine Partnervermittlungsagentur im Internet beschert hat, der Ich-Erzähler reiferen Alters trifft im Café nichts ahnend auf die Bundeskanzlerin. Die Idee, Angela Merkel zur Protagonistin eines Kurzfilms zu machen, hat sicher zur Popularität von Sonntag 3 beigetragen. Der Film ist ein Hit, der, auf Festivals ausgezeichnet, 2013 den Kurzfilmpreis Animation gewann.

Von Jesus Christus an

Für Jochen Kuhn, der bis auf den Schnitt und die Mischung (Olaf Meltzer) hinter allen Credits auftaucht, ist es der dritte nationale Filmpreis. Den zweiten gab’s für Silvester (1993), den ersten 1980 für Der lautlose Makubra. Da war Kuhn 26 und schloss gerade sein Studium an der Hamburger Hochschule für bildende Künste ab. Seit 1991 ist er selbst Professor an der Filmakademie Ludwigsburg, Der lautlose Makubra ist daran nicht ganz unschuldig, durch den Film wurde Gründungsdirektor Albrecht Ade auf Kuhn aufmerksam. Er übertrug ihm den Aufbau des Bereichs Filmgestaltung. Heute ist Kuhn hier der Dienstälteste, was der Chiffre seiner Besoldungsgruppe anzuhören ist – C4-Professor wird an Universitäten seit langem niemand mehr.

Kuhn unterrichtet nur im Grundstudium, für alle Disziplinen, die in Ludwigsburg gelehrt werden. „Ich kann noch so tun, als wäre da eine Welt, die künstlerische Filme nachfragt.“ In seinen Seminaren müssen die Studierenden eigene Arbeiten vorstellen und diskutieren lassen. Was nicht immer leicht ist: Dass jedes Geschmacksurteil subjektiv ist und man sich derart gegen Kritik immunisieren kann, will Kuhn nicht gelten lassen. „Man muss schon streiten über einen Wahrheitsgehalt, der verbindlich ist“, sagt er. Im eigenen Studium hatte er unter der Gewissheit seiner Lehrer gelitten. „Ich hatte in Hamburg Professoren, die im Bewusstsein durch die Welt gingen, es gäbe eine direkte Linie von Jesus Christus bis zu ihnen.“ Geprägt worden ist er nicht durch die verbeamteten Avantgardisten einer auslaufenden Moderne, sondern durch Leute wie den Künstler und Kunsttheoretiker Bazon Brock, die keine normative Ästhetik mehr predigten. 2011 ist Kuhn mit dem Lehrpreis des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet worden.

Kunst sei bei den Studierenden heute ein verminter Begriff, meint er. „Alle haben Angst, dass damit Blabla gemeint ist.“ Zu den Ironien der Arbeit von Kuhn, der neben dem Brotberuf an der Akademie kontinuierlich an neuen Filmen arbeitet, gehört der Umstand, dass er auf Festivals mitunter gegen seine Schüler um Preise kämpft. Sehen die ihn als Spielverderber? Kuhn muss lachen. „Die sind tolerant.“

Im Werk von Kuhn spielt die Ausnahme eine interessante Rolle. Im Jahr 2000 drehte der Regisseur mit Fisimatenten seinen einzigen Spielfilm. Eine lehrreiche Erfahrung in vielerlei Hinsicht, die erzwungenen Kompromisse mit dem Sender, die Mühe mit dem Verleih, die lieblose Fernsehausstrahlung („der ganze Farbzauber war weg, ich musste nach fünf Minuten abschalten“) – aber auch für den eigenen Ausdruck. Danach habe er erkannt, dass Kurzfilme seine Domäne seien, dass er sich darin „am freiesten, am originärsten“ ausdrücken könne. „Da kommen die Begriffe alle wieder, man hat keine anderen.“

Von den Begriffen handelt das Werk: Täuschung, Fälschung, Freiheit, Original. Fisimatenten macht das deutlich, weil der Film einer konventionelleren Plotpolitik folgt, als das bei erzählerischen Kurzformen nötig ist. Von heute aus betrachtet wirkt der Film, dem man ob seiner artifiziellen Anmutung und des anekdotischeren Takts die eigentliche Kondition seines Machers anmerkt, fast visionär: Ein Maler (Tonio Arango) geht zur Selbstverwirklichung vom Atelier in die Bank. Sein Galerist (Maximilian Schell) landet im Gefängnis, weil er mit Fälschungen dealt. Man erkennt heute mühelos Diskussionen wieder, wie sie um Wolfgang Beltracchi und Uli Hoeneß geführt wurden.

Empörung ist keine Option, die einem ruhigen Temperament wie Kuhn offenstünde. In der nachträglichen Verdammung von Fälschern wie Beltracchi stört ihn die falsche Enttäuschung – dass die Sammler nicht ihre eigene Hybris sähen, wenn ihnen das angehimmelte Bild plötzlich nichts mehr wert sei. Da ginge es nicht um die Kunst, sondern um gefallene Aktienwerte des Dazugehörens zu einer sozialen Sphäre. „Oder Der Mann mit dem Goldhelm. Warum soll ein Bild, das jahrhundertelang Menschen erfreut hat, das plötzlich nicht mehr tun, nur weil es nicht von Rembrandt ist?“

In Fisimatenten leidet der Maler darunter, dass er niemals fertig wird mit seinem Bild. Kuhn hat aus diesem Dilemma einen Stil gemacht – indem er Malerei in die filmische Bewegung übersetzt, kann er seine Bilder permanent übermalen, Dinge ausschneiden, aufkleben, umarrangieren. Die ständige Veränderung bewirkt dann das, was in der Sprache des Films Schnitt und Blende machen: den Fortgang der Erzählung. „Zeitgeraffte Malerei“, sagt Kuhn.

Berliner Fenstersprung

Die Freiheit der Stoffe, die Kuhn manchmal über Jahre entwickelt, garantieren ihm dabei trickreiche Titel. Reihennamen wie Sonntag oder Neulich erlösen von der Qual, jedes neue Werk in seinem Namen schon zu interpretieren, festzulegen. Die Labels sind geräumig, man kann damit von allem Möglichen erzählen. Nur vielleicht nicht ewig: Winzer veränderten nach ein paar Jahren die Namen der Sorten, sagt Kuhn. Von Zeit zu Zeit bräuchten die Leute Abwechslung.

Sonntag 4 und Sonntag 5 wird es noch geben. Dafür sorgen schon die Preisgelder aus Sonntag 3, dem Blind Date mit der Kanzlerin. Das übrigens nicht glücklich ausgeht. Wohl auch, weil Kuhns Merkel von ihrem Job die Nase gründlich voll hat. „Da lief sie plötzlich zum Fenster und sprang hinaus. Zum Glück wohn ich Parterre“, heißt es am Ende in der leicht absurden, dabei aber immer unaufgeregten Diktion des Werks von Jochen Kuhn.

Sonntag 3 ist am 21. Dezember zum Beispiel in Hirschberg, Stuttgart, Tübingen und St. Ingbert zu sehen, kurzfilmtag.com

06:00 12.12.2014
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