Kommunikative Ausweichbewegungen

Kulturpolitik Der Leiter der Berliner Senatskanzlei gibt ein Interview über die DFFB-Misere nicht frei und bittet um Nachsicht. Womit? Vom Versuch, Björn Böhning zu verstehen
Matthias Dell | Ausgabe 19/2015 5

Eigentlich sollte hier schon vor zwei Wochen ein Interview mit Björn Böhning gestanden haben. Böhning (SPD) ist als Leiter der Berliner Senatskanzlei zugleich Vorsitzender des Kuratoriums der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) und aktuell verantwortlich für die Suche nach einer neuen Leitung für die Akademie. „Aktuell“ dauert schon eine Weile: Im Juni 2014 hatte der seit 2010 amtierende DFFB-Direktor Jan Schütte das Haus am Potsdamer Platz verlassen, Anfang Dezember ist der Streit um seine Nachfolge öffentlich geworden durch studentischen Protest. Es gab Pressemitteilungen, Interviews, eine Veranstaltung in der Akademie der Künste. Von den Studierenden, mit Unterstützung von Alumni.

Was es nicht gab, war die Sicht von Björn Böhning. Ein Artikel im Tagesspiegel Ende Dezember zitierte zweieinhalb Sätze Böhnings, darunter diesen: „Ob es für die DFFB hilfreich ist, interne Auseinandersetzungen an die Öffentlichkeit zu tragen, möchte ich bezweifeln.“ Das war alles an öffentlicher Verlautbarung von der Hauptfigur bei der Suche nach einer neuen DFFB-Direktion, und daran hat sich, soweit ich die Veröffentlichungen verfolgt habe, nicht viel geändert.

Ich hatte deshalb am 11. März im Sekretariat von Böhning um ein Interview gebeten. Mich störte, dass es in der ganzen Zeit kein Problem war, die Sichtweisen von Studentinnen, Dozenten, Regisseurinnen oder Kollegen zu erfragen, dass aber nirgendwo zu erfahren war, welche Vorstellung Böhning von der Akademie hatte und wie er auf die Vorwürfe gegen seine Arbeit reagierte. Das publizistische Gefälle in der Auseinandersetzung war unbefriedigend. Von der einen Seite gab es schwerwiegende Kritik (etwa: Die Bewerbung des zweiten Böhning-Kandidaten Ralph Schwingel im März sei nachträglich vordatiert worden) und auf der anderen Seite: immer nur Schweigen.

Meine Anfrage für ein Interview wurde noch am 11. März positiv beschieden – am darauffolgenden Freitag, dem 13. März, könne ich mit Böhning telefonieren. Am 12. März wurde dieser Termin wieder abgesagt wegen „Umstellungen“. Ob die terminlichen Nöte in Zusammenhang mit einer DFFB-Vollversammlung am 11. März standen, die wegen der Ungereimtheiten im Verfahren von einem Großteil der Studierenden boykottiert wurde und auf der es, vorsichtig gesprochen, engagiert zugegangen sein soll, war nicht zu erfahren. Angeboten wurde, per Mail zu schickende Fragen schriftlich zu beantworten.

Spiel auf Zeit

Da ich zumindest auf einem telefonischen Gespräch insistierte, wurde mir ein Termin nach Böhnings Osterurlaub angeboten (ab 7. April), weil ich eine Woche länger verreist war, vereinbarten wir das Interview für den Nachmittag des 14. April. Das Gespräch dauerte knapp eineinhalb Stunden und damit länger als vereinbart (eine Stunde), neben Böhning war der stellvertretende Sprecher der Senatskanzlei anwesend, Bernhard Schodrowski. Dem schickte ich am 17. April eine Fassung des Gesprächs, die 18.000 Zeichen lang war. Sie sollte online erscheinen, für den begrenzten Platz in der Zeitung erstellte ich daraus später eine Version, die halb so lang war.

Die Praxis der Autorisierung von (Politiker-)Interviews ist öfter Gegenstand von innerjournalistischen Diskussionen. Ich habe dazu eine pragmatische Auffassung, weil ich verstehen kann, dass man als Befragter auf das abgetippte Gesagte noch einmal schauen will, bevor es veröffentlicht wird, und ich kann auch verstehen, dass dabei Dinge korrigiert werden, solange solche Überarbeitungen das eigentliche Gespräch nicht ad absurdum führen.

Die Kommunikation – Anrufe, Mails – mit dem stellvertretenden Senatssprecher zog sich über fast zwei Wochen. Allerdings machte die Aktualität in diesem Fall keinen großen Druck: Seit einer Anhörung vor dem Landgericht Berlin am 10. April (die unterlegene Bewerberin aus dem ursprünglichen Verfahren, Sophie Maintigneux, hatte eine einstweilige Verfügung gegen die Berufung Schwingels erwirkt) und einer Pressekonferenz Böhnings am Tag vor unserem Gespräch stand nicht zu befürchten, dass sich die Ereignisse überschlagen würden. Böhnings Angebot einer Neuausschreibung des Direktionspostens und einer neuerlichen Findungskommission (drei Kuratoriumsmitglieder, je eine Vertreterin von Dozenten und Studenten sowie ein „unabhängiger Experte“) war von den Studierenden bereits zurückgewiesen worden als ein Verfahren, das sich „als intransparent und undemokratisch herausgestellt“ und zu „Vertrauensbrüchen geführt hat“. An dem Stand der Dinge hat sich, soweit ich weiß, nichts geändert.

Am Abend des 30. April teilte dann der freundliche Herr Schodrowski mit, was die Verzögerung der Autorisierung ahnen ließ: dass die Langfassung des Gesprächs nicht freigegeben würde. Das Bündel an Erklärungen dafür blieb vage: Böhning habe Sorge, nicht ganz korrekt verstanden zu werden, es sei doch nur ein Hintergrundgespräch gewesen (was nicht stimmt: Ich hatte auf Anfrage mitgeteilt, dass ich ein Frage-Antwort-Interview wollte, notfalls einen Fließtext mit Zitaten – mir ging es die ganze Zeit gerade darum, dass geredet wird und nicht darum, exklusiv mit Björn Böhning gesprochen zu haben), man wolle doch jetzt nach vorn schauen, man bitte um Nachsicht.

Nachsicht womit? Mit einer Politik, deren Begriff von Öffentlichkeit die Größe von Hintergrundgesprächen nicht übersteigt? Einer Politik, die nicht in der Lage ist, ihre Absichten zu erklären und dazu zu stehen (Wie sollte die ganze Geschichte, vom trostlosen Ende meines Interviews her betrachtet, anders aussehen als ein Spiel auf Zeit)? Wie kann – und das ist die traurigste Position in der politischen Rhetorik der Berliner Senatskanzlei – jemand Sorge haben, falsch verstanden zu werden, wenn er sich nicht äußert? Auch in dem Gespräch verwies Böhning darauf, falsch verstanden, unfair wiedergegeben worden zu sein, als ich ihn etwa danach fragte, ob er in der DFFB-Vollversammlung, wie reportiert, von „Kunde“ und „Produkt“ geredet haben soll, als er „Zuschauer“ und „Film“ meinte.

Woran aber soll man jemandes Begriff von den Dingen erkennen, wenn nicht an der Sprache, die er wählt? Was soll man mit jemandem anfangen, der sein Gesagtes als „falsch verstanden“ dementiert, dann aber verweigert, sich „richtig“ zu erklären? Die kommunikativen Ausweichbewegungen des Chefs der Berliner Senatskanzlei führen zu einer kniffligen Frage für philosophische Seminare: Ist es überhaupt möglich, Björn Böhning zu verstehen? Für die Politik sind solche Dilemmata problematisch.

„Finde 7 Unterschiede“

Wobei man Böhning Unrecht tut mit der Behauptung, er äußere sich gar nicht. In der Zeitschrift Blickpunkt:Film, einem wichtigen Branchenblatt der subventionierten deutschen Filmwirtschaft, das eine pathologisch-amüsante Feuilleton-Verachtung pflegt, ist in der Ausgabe vom 20. April ein Frage-Antwort-Interview mit ihm zur Causa DFFB erschienen. Darin wird auch nach Versäumnissen gefragt („Muss sich das Kuratorium aber nicht auch Fehler im bisherigen Verfahren eingestehen?“), die Position der Zeitschrift zeigt sich aber in Fragen wie: „Mitunter erwecken die Studierenden den Eindruck, die wirtschaftliche Seite des Filmschaffens ausblenden zu wollen. Kann diese Haltung Maßgabe für die Weiterentwicklung einer Filmschule sein?“

Auch hier lässt sich nur noch rhetorisch fragen: Wenn man sich das gegebene Interview anschaut im Vergleich mit den nicht gegebenen und meinem nicht freigegebenen – was lässt sich daraus anderes ableiten, als dass Böhning Fragen unlieb sind, die nicht von der „richtigen“, der filmwirtschaftsfreundlichen Seite kommen?

Ich könnte mit dem Blickpunkt:Film-Interview und meinem Gespräch nun „Finde 7 Unterschiede“ spielen, um die Punkte zu benennen, die Böhning nicht passen. Vielleicht war es die Diskussion der Zusammensetzung des Kuratoriums (in dem ZDF, RBB und Medienboard sitzen, aber nicht ein Kreativer, nicht eine Regisseurin), vielleicht die Frage, ob es zum Job des Chefs der Berliner Senatskanzlei gehört, auf Einladung von Fox zur Oscar-Verleihung zu fahren. Den Eindruck, dass Böhning überhaupt begriffe, was das Problem an diesem Roter-Teppich-Tourismus von deutscher Filmförderbürokratie sein kann (der von Lars Henrik Gass hier einmal beschrieben wurde), also um die Gefahren seiner eigenen Abhängigkeit als Politiker wüsste, hatte ich nicht.

Man muss nicht als feuilletonistischer Kunstheinz auf die Sache schauen, um Böhnings Agieren für schlechte Politik zu halten. Man kann auf die Agonie in einem Prozess, der eigentlich doch schön und inspirierend sein könnte, auch blicken durch die Augen eines zynischen Politmackers. Aus dieser Perspektive hat sich der Leiter der Berliner Senatskanzlei auf einem öffentlich unterrelevanten Feld zwei Mal von namenlosen Studierenden die eigenen Entscheidungen kaputtmachen lassen: erst den Maintigneux vorgezogenen Julian Pölsler, der nach studentischem Protest zurückzog, dann den gefakten Bewerber Schwingel (es habe sich eher um einen redaktionellen Fehler gehandelt, hieß es im Interview). Helmut Schmidt würde nicht Staatskunst dazu sagen.

Intern haben sich die Auseinandersetzungen an der DFFB bislang nicht beilegen lassen, wobei „intern“, zumindest nach meinen Erfahrungen mit dem nicht freigegebenen Interview, nur ein freundliches Wort ist für unaufrichtiges Gemauschel (was nicht heißt, dass Politik nur totaltransparente Herzenssache sein könnte). Gegen die Skepsis der Studierenden neuen Angeboten Böhnings gegenüber lässt sich wenig einwenden, solange diese Angebote die gleiche Sprache sprechen wie die Murkeleien zuvor, wenn „nach vorn schauen“ nur bedeutet, so weiterzumachen wie bisher. Über den konkreten DFFB-Streit hinaus geht es in der Sache auch um ein fehlendes Bewusstsein dafür, was eine demokratische Öffentlichkeit ausmacht.

So langweilig das klingt.

09:00 07.05.2015

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