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Tatort Bremen versucht sich in den globalen Migrationsdiskurs einzuschalten, produziert aber nur exotische Klischees und billige Empörung: der "Tatort: Der illegale Tod"

"Der Wolf kommt aus dem Süden", heißt es in Heiner Müllers Titus Andronicus-Bearbeitung. Die kann man als ein Stück über den schwelenden Nord-Süd-Konflikt lesen, und auch wenn Müllers kulturalistisches Verständnis aus heutiger Sicht nicht mehr ganz weit vorn ist, so war das damals doch auch schon: eine Metapher.

Deshalb reibt man sich angesichts des Bremer Tatort: Der illegale Tod die Augen, denn da wird mit der Metapher ernst gemacht. Amali Agdebra, die einzig Überlebende eines im Mittelmeer gesunkenen Flüchtlingsschiffs aus Nordafrika, bewegt sich durch diesen Film wie ein Tier, was man besonders deutlich sehen darf, wenn sie wildkatzenhaft die Kneipe beobachtet, in der Stedefreund (Oliver Mommsen) und sein alter Freund Peer Förden (Michael Pink) haltlos dem Alkohol zusprechen, um ihr Wiedersehen zu feiern. Hätte man Stedefreund das zugetraut? Würde unser heterosexueller, männlicher, weißer Mittelstandsdarling Bootz aus Stuttgart  ebenso exaltiert feiern, wenn alte Kumpels vom Einsatz vor Malta zurück wären? Man kann den Hinweis von Tante Lürsen (Sabine Postel) – "Was sind denn das für Machospielchen?" – als verkniffen-lustfeindliche Kontrollwut auslegen, aber Stedefreund ist doch mittlerweile auch in einem Alter, in dem man sich so etwas wie einen Alkoholpegel eher als langsame Addition von gepflegten Bieren vorstellte.

Zurück nach Afrika. Das bleibt für das deutsche Fernsehen (Drehbuch: Christian Jeltsch, Regie: Florian Baxmeyer, Musik: Stefan Hansen) eine Herausforderung, an der es immer nur scheitern kann, und das Betrübliche daran ist, dass man selbst von einem Tatort schon nicht mehr Differenzierung erwartet als von der x-ten Wiederholung des Degeto-Klassikers Mein Traum von Afrika mit Jutta Speidel. Wo eine "Afrikanerin" auftritt, muss die Musik sofort auf "ethno" schalten, weil dass der Horizont ist, in den sich die Idee des Anderen dieses Südens überhaupt nur integrieren lässt.

Spitze Finger

So wird man also umgehend von "sphärischen" Klängen belästigt, die den Eskapismus von Michael Cretus Enigma-Projekt maximalst mit Nusrat-Fateh-Ali-Khan-Wehklagen aktualisieren. Dabei wäre es, ausnahmsweise gerade einmal im Sinne einer sarrazinschen Lesart von Integration, doch viel wohltuender, wenn so ein Tatort die Szenen mit dem Flüchtlingsschiff in seinem deutschen Fernsehstyle verwursten würde, statt ehrfurchtsvoll das Andere mit spitzen Fingern anzufassen, nur weil der Drehort Tunesien sein soll (immerhin: sinnvolle Inserts this time) und die handelnden Personen keinen Ariernachweis bis ins Mittelalter erbringen können.

Es ist also nicht schlimm nicht genug, dass, von außen betrachtet, Schauspielerkarrieren wie der Florence Kasumba, die hier Amali Agdebra spielt, in exotisierenden Musicals (Der König der Löwen) beginnen müssen, sondern dass im staatstragenden deutschen Fernsehfilm Rollen für Darsteller wie Kasumba immer nur als Exotismen denkbar sind. So schätzenswert der Versuch ist, die Migrationsproblematik im Mittelmeer, Bremerhaven sei dank, auf den Tatort Bremen herunterzubrechen, so unterkomplex wird er hier ausgeführt. Auch wenn Realität als schwieriges Kriterium für ein künstlerisches Produkt gilt, das der Tatort am Ende auch ist – die Idee der versuchten Rachegeschichte einer überlebenden Flüchtlingsmutter, die kurz vor Ende auf reines Theater zur Sichtbarmachung von Ungerechtigkeit abgebremst wird, kommt einem reichlich weit hergeholt vor.

Zumal bei so einer schlampig erzählten Geschichte, bei der man sich jede Sekunde fragt, wann und wie Amila zu ihren Recherchen über die deutsche Küstenwache unter Frontex-Flagge gekommen ist, woher sie deutsch kann (ihr Mann studierte in Leipzig, also ist sie bilingual aufgewachsen? Gleichzeitig wird die Togo-Herkunft in Zweifel gezogen, obwohl das doch über den Mann, wenn man von ihm weiß, dass er in Leipzig studiert hat, nachprüfbar sein müsste), wann Stedefreund-Kumpan Peer sich in sie verliebt hat (in der versoffenen Nacht?), warum überhaupt eine Mutter inklusive Kleinkind fliehen und vor allem dann nichts Besseres als Gerechtigkeit im Sinn haben sollte?

Der Jan-Fleischhauer-Komplex

Darüber geht Der illegale Tod aber einfach hinweg, weil ihm an nicht mehr gelegen ist als an billiger Empörung (was Drehbuchautor Jeltsch in einem, gemessen an der Geschichte, differenzierten Interview sogar bestätigt). Das zeigt sich, einmal mehr, in der völlig statischen Anlage der Tante-Lürsen-Figur, die irgendwie 1968 ff. sein soll, in einer Form, die manch einem Anfang der achtziger Jahre zum Hals raus hing. Der Anfang der achtziger Jahre ist nun aber so lange her, dass Tante Lürsen schon ein sehr eindimensionaler Charakter sein muss, um 30 Jahre später noch immer so druff zu sein, dass es bei undifferenzierten Jungdynamos wie Stedefreund zu allergischen Reaktionen kommt ("Die Zeiten haben sich geändert") – zumal dieser insinuierte Sozialkundelehreridealismus so diffus ist, dass wir ihn im Gespräch mit dem ebenfalls äußerst merkwürdigen Flüchtlingsheimhausmeister gar nicht bemerkt hätten. Man merkt schon an den Disclaimern, die in die Handlungsbeschreibung eingebaut werden müssen, wie dürftig das Gerüst dieses Tatort ist. Und das Inzestuöse des 68er-Bashings besteht darin, dass man Figuren wie Tante Lürsen künstlich am Leben erhält, damit die Jan Fleischhauers dieser Welt auch morgen noch zu ihrem Herrenschneider gehen können, um sich guten Gewissens einen neuen Dreiteiler zuzulegen, weil sie im Fernsehen die "Hegemonie" eines von ihnen verachteten moralischen Besserwissertums sehen. Seufz.

Dass Tante Lürsen mit einer Kostüm tragenden Karrieristentochter geschlagen ist (Camilla Renschke), die nun auch noch ihre Vorgesetzte sein soll, ist eine Form von Strafe, die die 68er-Allergie hervorgebracht hat (siehe Jan Fleischhauer, dessen Eltern wir gerne einmal kennenlernen würden, weil sie, gemessen am Grad von Fleischhauers schnöseliger Scheuklappigkeit, vermutlich die einzigen wären, die uns Tante Lürsen als realitätsnah näher bringen könnten). Und ehe das Klagen über diese Folge kein Ende mehr nimmt, rufen wir dem Bremer Tatort für die Zukunft mit diesem dubiosen Küstenwachenquartett zu: "Reiß dich zusammen!"

Wird man sich künftig einen Tatort ohne ihn überhaupt noch vorstellen können: Arnd Klawitter, wieder mal in the house (wenn auch spürbar unterfordert)

Hundenamen, die man sich merken sollte: Balu

21:45 15.05.2011

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andershoppe | Community
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