Läuft wohl nicht so

Polizeiruf Trauer und Erleichterung: "Raubvögel" zeigt, warum es gut ist, dass der Hallenser Polizeiruf 2013 ein Ende finden wird. Und warum wir ihn in dann vermissen werden

Nu’ ist es raus: Raubvögel heißt nicht nur der 48. Hallenser Polizeiruf mit den two Herberts Schmücke (Jaecki Schwarz) und Schneider (Wolfgang Winkler) sowie der nicht mehr ganz so Neuen (Isabell Gerschke), sondern auch der vorvorletzte. In einem Jahr wird die 50. Folge gesendet werden, deren Arbeitstitel Tödliche Entscheidung an die hochgradig inspirierte Schule der Titelwahl beim Tatort in Ludwigshafen erinnert. Und es wird die Abschiedsfolge sein – eine Entscheidung, die dieser Tage verkündet wurde und die ein „wunderbarer Kollege“ (Hans Rosenthal) mit den treffenden Worten kommentierte: „Selten lagen Trauer und Erleichterung so eng beieinander.“

Denn naturgemäß begegnet man immer wieder Leuten, die ihre Pause vom regelmäßigen Sonntagskrimischauen an den Tagen nehmen, an denen Halle am Start ist. Gleichzeitig formuliert die senioröse Betulichkeit und die Verweigerung von künstlerischen Mitteln, die man state oft the art nennen könnte, einen Gegenentwurf zum zwangscool-mittelalten Einheitspersonal an den anderen Schauplätzen der sonntäglichen Gesellschaftsbeschreibung. Vermutlich wird man an Schmück und Schneider „dereinst“ (Thomas Mann) die Transformation des Ostens in einen Durchschnittswesten allererster Kajüte beschreiben können, bei dem der Wohlstand durch dicke Autos markiert wird (auch in Raubvögel ist der Fuhrpark bis auf den Lada Niva vom Naturschutzgebiet-Knut in dieser Hinsicht eindrucksvoll), die aber immer nur mit einem Fernsehstyle korrespondieren, der geschmacklich nichts will. Halle ist angewandter Helmut Kohl: Blühende Landschaften meint genau diese bmw-neue, wirtschaftliche Zufriedenheit, der es jenseits der Fahrgastzelle eklatant an so was wie einer Kultur mangelt.

Raubvögel nun ist ein exemplarischer Polizeiruf für „Trauer und Erleichterung“, also die Widersprüche, die Halle in uns seit je ausgelöst hat. Ästhetisch ein Graus: Wenn Ornithologen-Maria (Esther Zimmering) ihrem Knut (Kai Scheve) auf pittoreskester Observatoriums-Burg verzweifelt in die Arme fällt („Versteh mich doch!“), wähnt man sich in der Sachsenklinik. Der Nippes des Emotionalen im tausendfach sonnig gefilterten Bild performt Psychologie immer nur in der Streichholzschachtel. Man kann schon ins Grübeln kommen, was die Meldung, dass mit Esther Wenger hier eine Regisseurin beim Polizeiruf debütiert, überhaupt an Meldungswert hat, wo Wengers Ambitionen im fürs deutsche Fernsehen immerhin relativ exklusive Sonntagskrimiformat so gering ausfallen.

Showdown im Vorharz

Allein die Besetzung gibt zu denken, wenn sich die drei männlichen Mitdreißiger – der Manipulierer-Superlover-André (zum Glück bald tot: Jean-Marc Birkholz), der Hotelier-Hanfanbauer-Dominik (Matthias Ziesing) und eben Naturschutzgebiet-Knut – so ähnlich sehen, dass man einen Großteil seiner Zuschauerenergie darauf verwenden muss, die Jungdynamos auseinanderzuhalten. Bei der Geschichte drängt sich der Sturm-der-Gefühle-Fernsehfilmquatsch (Maria und Jenny in Konkurrenz um Manipulierer-Superlover-André) leider immer unangenehm vor die eigentlich interessanten wirtschaftlichen Verwicklungen, die mit etwas mehr Wollen ein aufschlussreiches Bild des transformierten Ostens hätten zeichnen können. Wozu unbedingt die Verweise ins Westernhafte der Anlage gehören (Münzers fahren Pick-Up wie in Amerika, die Frauen traben in ihren Geschossen zum Showdown auf dem Feld an).

Die Geschwister Dominik und Jenny (Henny Reents) träumen vom eigenen Hotel („So ne Art rundum Wohlfühlpaket: Landhotel, Flugstunden, Falknerkurs“), was nicht unberechtigt ist, wo man als digitalnativer Smartphone-Degenerierter wie blöde auf dem Fernsehbildschirm rumtouchet in der inituitiven Hoffnung, dass eine App sich öffnet, mittels derer man zwei Wochen Urlaub auf diesem allerhübschesten Gehöft buchen kann. Aber die Schönheit der Landschaft (dieser herrlichste Vorharz; Quedlinburg, die alte Holzstadt, hat einen Auftritt) verhält sich umgekehrt proportional zu ihrer touristischen Wirklichkeit, weshalb die Münzer-Geschwister andernorts Quersubventionen beschaffen müssen.

Da das Nebenbei-Schuften in besser laufenden Hotels nicht viel bringt (vgl. hierzu: Anna K. Total bedient. Ein Zimmermädchen erzählt, gerade erschienen bei Hoffmann Campe, ein deprimierender Bericht übers prekäre Bettenmachen), muss Kriminalität her: Hanfanbau und, wenn die Ernte zu lang auf sich warten lässt, Schreiadlereierklau. Raubvögel könnte eine präzise kapitalistische Parabel sein, wenn die Folge in der Verwendung ihrer Mittel etwas smarter wäre: Wie oft muss man mit anschauen, dass Schneider und Frau Lindner auf irgendeinen Verdächtigen zumarschieren. Das sind doch eher Interludes des Erzählens als Bilder eines Films.

Schmücke mit Hut

Die Kette des Mafiösen gestaltet sich zudem unübersichtlich: Der jährzornige Spediteur Adamski (Eckhard Preuß) ist den illegalen Geschäften von Dominiknutandré vorgeschaltet, selbst aber noch dieser größeren Nummer berichtspflichtig, die einmal mit funny Winke-winke-Marko aufläuft, um Dampf zu machen. Dass in der Folge andauernd totaldrastische Ultimaten gestellt werden, um deren Einhaltung sich dann keine Sau schert, spricht nicht unbedingt für ein inszenatorisches Interesse am Thrill.

Zu sich selbst findet Halle dagegen im Auftritt des wiedergenesenen Schmücke (leicht trotzig: „Ich bin nicht übergewichtig, ich bin authentisch“), der seine Abwehrkämpfe gegen Frau Lindner hier subtil führt. Lindner und Schneider düsen wie sinnlos durch die Bretagne, während Innendienst-Schmücke die Fäden zieht, auf die Mittagessenavancen von Frau Weigand (Marie Gruber) nur zum Schein eingeht und sich schließlich als Tourist im Münzerhof einnistet. Dort erlebt man dann, was an Halle reizvoll ist: das Onkelhaft-Missmarplige, Schmücke mit Hut und auf dem Rad, wie er Sachen wie „à la bonne heure“ sagt oder sich mit gutmütig-selbstgewiss auf dem Rücken verschränkten Armen den Problemen des Münzerhofs nährt.

Schmücke als Trickster mit Plautze, wie er sich versonnen durch den Fall schnauft, das ist schon eine Schau.

Etwas, das man über Kollegen im Leben nicht denken würde: "Die nehmen sich Zeit"

Ein Satz, den man enttäuscht der Blöd-Zeitung (Paul Stoever) in Bezug auf ihr Verhältnis zu Christian Wulff vor den Deetz knallen könnte: „Vor einem Jahr war er noch der Größte für dich!“

Ein Name, der (indirekt) das Spektrum der Bildpolitik auf den DDR-Geldscheinen umfasst: Jenny Münzer

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21:45 18.03.2012
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