Matthias Dell
26.10.2011 | 12:15 4

Liebe ist stärker als das Rot

Kino Was für eine Idee: Leander Haußmann dreht über das Moskauer "Hotel Lux" eine deutsche Komödie – mit Michael "Bully" Herbig in der Hauptrolle eines Stalin-Astrologen

Die erste Pointe dieses Films besteht darin, dass es ihn überhaupt gibt: eine deutsche Komödie mit Michael „Bully“ Herbig in der Hauptrolle, die Hotel Lux heißt und auch davon handelt. Einen Film also, der sich zur Unterhaltung mit dem, wie es im Film freiwillig komisch heißt, „Mekka des Kommunismus“ befasst, dem Moskauer Gästehaus, in dem auch die Spitzen der deutschen Kommunistischen Partei die Nazi-Jahre überlebten – und den stalinistischen Terror dazu.

Denn der deutschen Komödie, und insbesondere der, für die der Massenbelustiger Bully Herbig (Der Schuh des Manitou, Wickie und die starken Männer) steht, wären bei dem Namen Hotel Lux bis dato wohl allenfalls Seifenwitze eingefallen. Zugleich ist die Geschichte des deutschen Kommunismus keine, die auf die Sozialisationserfahrungen eines Publikums zählen könnte, das die Wahl einer Kleidermarke für Überzeugungen nimmt und zu seinen prägenden Erfahrungen den Tod Winnetous in den Weihnachtsprogrammen des Fernsehens rechnet. Darüberhinaus kommt die Bearbeitung der stalinistischen Ära selbst in seriöseren Zusammenhängen bei weitem seltener vor als die Beschäftigung mit Nationalsozialismus oder DDR – ob aus Distanz, Desinteresse oder Traumatisierung, sei dahingestellt.

Diese Widerstände erklären zum einen, warum Bully die Hauptrolle in Hotel Lux spielen musste – weil das Thema ohne den Publikumsdarling überhaupt nicht auf Vermittlung hätte hoffen können. Zum anderen führt die Besetzung mit Bully auf die Spur des Misslingens dieses Films – weil mit ihm ein Publikum adressiert wird, dem man per Insert noch erklären muss, dass Walter Ulbricht in späteren Jahren die Mauer gebaut hat, damit ein schönerer, weil beiläufigerer Gag gegen Ende des Films, wenn Ulbricht (Axel Wandtke) gedankenverloren einen Wall aus Zuckerwürfeln am Tisch mit Lotte (Steffi Kühnert) errichtet, verstanden werden kann.

Bully-Figur

Die Idee zu Hotel Lux stammt von dem Produzenten Günter Rohrbach, ein erstes Treatment von dem Schriftsteller Uwe Timm, der die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Leander Haußmann dann aber aufgekündigt hat, so dass Haußmann, nach einer Überarbeitung von Volker Einrauch, das Buch selbst schrieb – und Bully auf dem Leib. Damit sind die äußeren Widersprüche dieser Produktion in den Film eingewandert: Die Figur des ostentativ unpolitischen und ahnunglosen Komikers Hans Zeisig (Bully), der von Hollywood träumt, doch noch vor den Nazis fliehen muss und zufällig im Hotel Lux landet, ist eine Bully-Figur. Und Bully-Figuren sind gewohnt, Gags zu machen in parodistischen Umgebungen wie Karl-May-Film-Dekorationen.

Auch wenn Bully hier mehr als sonst eine Rolle spielt – das historische Setting hält sein Filou auf Abstand, so dass der Druck, der auf den Hotelbewohnern lastet, dessen Ahnungslosigkeit kaum trüben kann. Die Kommunistin Frida (Thekla Reuten), die Zeisig in Moskau wiedertrifft und ins Bett kriegen will, kommt kaum dazu, ihm zu erklären, wo er hier hineingeraten ist. Dass am Ende die Liebe sich als mächtigste Ideologie erweist, mag dem Kino geschuldet sein – so deutlich, wie hier darauf gepocht wird (inklusive der Hollywood-Sehnsucht, die der Abspann mit Star-Bildern von berühmten Komikern geläutert ausmalt), bekommt man den Eindruck, dass dem Film sein Stoff irgendwie auch unangenehm ist. Und das ist nicht die beste Voraussetzung, um einen Film zu machen.

Hotel Lux steht vor dem grundsätzlichen Problem, dass es im kollektiven Bewusstsein keine Bilder gibt, die es komödiantisch bearbeiten könnte. Was auch erklärt, wieso Wandtkes Ulbricht Darstellung mit dem einprägsamen Singsang und der umständlichen Sprache so schön gelungen ist – von Ulbricht existieren Bilder; wie Wilhelm Pieck (Matthias Brenner), Georgi Dimitrow (Thomas Thieme) oder selbst der junge Herbert Wehner (Daniel Wiemer) gewesen sind, weiß dagegen kein Mensch.

Mehr Revisionismusbezichtigungen

Es ist aber nicht einmal der Mangel an Wissen, dem Hotel Lux seine eigenartige Unentschiedenheit verdankt. Es ist der Mangel an Können, die Unfähigkeit, Genrekonventionen zu erfüllen. Wenn der Stalinismus als Parodie nicht erzählt werden kann (wobei die Parodien, das nebenbei, die Bully-Filme sonst erzählen, zumeist nur aus harmlos-biederen Gags bestehen), dann eben als Verwechslungskomödie. Für eine Verwechslungskomödie braucht man neben der Möglichkeit zur Verwechslung (Zeisig war Stalin-Parodist, sein Freund Meyer, gespielt von Jürgen Vogel, Hitler-Parodist) auch eine Komödie. Das bedeutet Timing, Tempo, Esprit, vor allem aber ein klares Regelystem, in dem sich die Figuren nur bewegen dürfen. Man muss dafür nicht den Kommunismus erklären, aber man muss dem Zuschauer die irrwitzige Logik andeuten, nach der im Hotel Lux über Abgeholtwerden oder Bleibendürfen entschieden wurde.

Aus der Absurdität der ständig wechselnden Revisionismusbezichtigungen im Stalinismus macht Haußmann aber kaum etwas: Hans Zeisig bricht die Slogans der Arbeiterbewegung pennälerhaft auf seine amourösen Ambitionen herunter („...vereinigt euch“) und hat ansonsten Glück, das Wetter richtig vorherzusagen, um als Stalin-Astrologe durchzugehen – das ist ein durchschnittlicher Einfall, weil er nur auf Zufall basiert und deshalb für den Zuschauer als beliebig erscheinen muss. Genauso wie die halbgare Verortung der Geschichte vor dem Hitler-Stalin-Pakt, der als historische Silhouette nicht taugt.

Die Mittelmäßigkeit des Buchs von Hotel Lux illustriert am besten die Szene, in der der NKWD-Chef Nikolai Jeschow (Alexander Senderovich) selbst in Ungnade fällt: Er greift zu jenem berühmten Gruppenfoto, an dem solange retuschiert worden ist, bis nur noch Stalin übrig war – und sieht sich selbst verschwinden. Ein Trick, der in Hotel Lux die Erzählung ersetzt, die es gebraucht hätte, um zu wissen, durch welches Umfeld sich Hans Zeisig hier lavieren muss.

So bleibt die erste Pointe von Hotel Lux seine beste. Und als pädagogisch wertvoll darf der Film gelten, insofern der arglose Bully nun die problematische Geschichte der KPD kennt. Und überdies gelernt hat, Russisch zu sprechen.

Kommentare (4)

Grundgütiger 27.10.2011 | 11:43

Danke, Matthias Dell.
Gewohnt sachlich und umfassend deine Filmkritik.
Mir geht es da anders. Ich errege mich immer.
Allein "Bully" Herbig in eine solche Konstellation zu setzen, spricht für das Unvermögen aller Beteiligten.
Infantilen Humor wie aus seinem Winnetoufilm ohne den geringsten Reflex auf ein so diffiziles Thema wie die Stalin Ära zu übertragen, erfordert schon etwas mehr an Können, und wollen.
Wie man mit schwierigen politischen Themen umgeht, haben Andere besser bewiesen. Inglourius Bastards war für mich ein gelungener Beitrag zum Anschubsen von größeren Zuschauermengen zu einem sehr ernsten Thema.
Auch wenn vielleicht der Nachgeschmack von Faschismuswiderstand für 16jährige ein wenig überkam. Wegen der Ballerei.
Von einem Thema, von dem man null, in Worten Null Ahnung hat, wie die Macher von "Hotel Lux", sollte man keinen vergnüglichen Film produzieren.
Die Geschichte des Stalinismus ist nicht aufgearbeitet, schade, es gäbe eine Menge zu lernen.
Und so sehen wir, wie sich ein Bully an Namen abarbeitet, ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben, um wen oder was es geht.
Wenn das der Charlie Chaplin wüsste.

Matthias Dell 27.10.2011 | 12:11

grundgütiger
da würde ich widersprechen (was die kritik ja auch schon nahelegt). warum sollte bully nicht in einem film übers hotel lux spielen? die gefahr des sich-lustig-machens, ins lächerliche-ziehen besteht ja schon deshalb nicht, weil der stoff, wenn nicht ernst, so doch beschäftigung gebietet: über karl-may-filme kann man schwulenwitze (das ist ja leider das einzige, was "manitou" einfällt) machen, weil jeder weiß, wie dicke old shatterhand und winnetou sind. aber beim "hotel lux" weiß niemand was, zumindest nicht das bully-publikum, und deshalb muss da anders erzählt werden. wenn das gelungen wäre (und ich würde auch glauben, dass es möglich sein muss, hotel lux als komödie zu erzählen), und das meine ich ernst, dann wäre das der tollste film, den man sich vorstellen kann

crumar 28.10.2011 | 15:00

@Magda Dass es diese Literatur und diese Debatten gibt ist ja unbenommen - nur eben nicht in Gestalt eines populären Films im Genre Comedy.

Wie der Herr Dell - sehr bissig, aber richtig - schrieb, ist der Kommunismus in stalinistischer Ausprägung nicht Teil der Sozialisationserfahrung des hiesigen Publikums.
Die Ideologie und den Terror des stalinistischen Ära zu vermitteln ist also eine spannende (pädagogische) Herausforderung.
Insofern hier erst der Sachverhalt eingeführt und erklärt werden muss, über den sich lustig gemacht wird.

Zugetraut hätte ich das Drehbuch demnach auch eher Uwe Timm, der selber in den 70ern Mitglied der DKP war (Buch: "Ein heißer Sommer" von 1974).

So könnte man eine Menge Gags fabrizieren über "Linksabweichler, Rechtsabweichler und Versöhnler" oder über die "Stalinsche Generallinie", die quasi täglich revidiert, modifiziert und umgeschrieben wurde.
Wobei die Generallinie jedoch immer richtig blieb - auch wenn sie am nächsten Tag in eine völlig andere Richtung wies.

Betroffen davon war bspw. Sergej Eisenstein, der seine Filme permanent nach den jeweiligen politischen Erfordernissen umschreiben und umschneiden musste.

Ein gefundenes Fressen für die Darstellung eines notorischen Opportunisten, der aalglatt die jeweils neueste Wendung mitmacht.
Oder eben verschwindet, bzw. sich selbst aus der Geschichte herausschreibt.
Was wiederum Stoff für den Vergleich mit aktuellen politischen Persönlichkeiten und Ereignissen böte.

Aber das nur am Rande.
Gruß, crumar