Loving for Freedom

Label Der David Hasselhoff des politischen Raums, das One-Trick-Pony einer Erfolgsgeschichte: Über den Begriff der Freiheit beim designierten Bundes­präsidenten Joachim Gauck

Als Bundeskanzlerin Angela Merkel am Sonntagabend Joachim Gauck als Kandidaten für die Christian-Wulff-Nachfolge vorstellte, kam sie nicht umhin, von der „Idee der Freiheit“ zu sprechen, für die er stehe. Gauck selbst war es bei seiner unmittelbaren Reaktion vor der Presse wichtig zu sagen, „dass die Menschen in diesem Land lernen, dass sie in einem guten Land leben, dass sie lieben können, weil es die wunderbaren Möglichkeiten gibt, in einem erfüllten Leben Freiheit für etwas und zu etwas zu leben, und diese Haltung nennen wir Verantwortung.“ Und der ehemalige Fernsehmoderator Ulrich Wickert machte sich später in der Günther-Jauch-Sendung die Mühe, Gaucks Freiheitsbegriff zu erklären und vor allem, dass der an die Verantwortung für andere gebunden sei.

Wo Gauck auftaucht, ist von der Freiheit die Rede. Und wie zum Beleg dieser Verbindung zog der Kösel-Verlag in München die Veröffentlichung des Büchleins Freiheit. Ein Plädoyer des einstigen evangelischen Pastors auf den Tag nach seiner Nominierung vor. Was also bedeutet die Freiheit nach Joachim Gauck?

Auf einer ersten Ebene ist die DIN A6 große, 64 Seiten starke, großzügig layoutete Publikation eine symbolische Veröffentlichung. Der Text basiert auf einer Rede, die Gauck bei einem Neujahrsempfang in der Evangelischen Akademie Tutzing 2011 gehalten hat. Das Buch erweckt schon ob seines Umfangs den Eindruck, dass es ihm weniger um eine sorgsam ausgearbeitete Grundlegung der Gauck’schen Gedankenwelt geht als vielmehr um die rasche Befriedigung eines öffentlichen Interesses an der Person.

Scharfe Braut

Auf einer zweiten Ebene ist die Veröffentlichung programmatisch. Sie schließt an das vorletzte Kapitel von Gaucks Lebenserinnerungen Winter im Sommer. Frühling im Herbst aus dem Jahre 2009 an. Dort wie hier sticht einem zuerst die emotionale, wenn nicht libidinöse Verbindung Gaucks zu seinem Lieblingsbegriff ins Auge: als „Liebhaber der Freiheit“ stellt Gauck sich selbst den Lesern seiner Schrift vor, und den Gedanken einer innig-verwandtschaftlichen Beziehung zur Freiheit führt er noch in der Auswahl eines Heine-Zitats aus: „Der Engländer liebt die Freiheit wie sein rechtmäßiges Weib... Der Franzose liebt die Freiheit wie seine erwählte Braut... Der Deutsche liebt die Freiheit wie seine Großmutter.“ Was die Freiheitsliebe betrifft, muss man sich Joachim Gauck als „Franzosen“ vorstellen.

Die Erklärung für die liaison amoureuse findet sich in den Memoiren: „Doch ich wollte und will mir jene warme und tiefe Zuneigung zur Freiheit erhalten, die wohl nur versteht, wer sich lange und intensiv nach ihr gesehnt hat und in ihr magnetisches Feld geraten ist.“ An dieser Stelle sind zwei Punkte interessant.

Zum einen der jahrelange bangende Mangel, der im Moment der Erfüllung die ungemeine Innigkeit der Verbindung Gauck-Freiheit gestiftet hat. Diese Verbindung hat etwas Missionarisches (auf der Pressekonferenz mit Merkel sprach er von „wieder lernen“). Gaucks Freiheitsprojekt besteht darin, die Deutschen, die seine Erfahrung von 1989 ff. nicht teilen, von der Liebe zu einer scheinbaren Selbstverständlichkeit zu überzeugen, indem er diese als für ihn, den Dazugekommenen, noch immer exquisit schildert. Das christliche Stellvertreterprinzip wird erkennbar: Gauck hat etwas erfahren, das der Westdeutsche so nicht erfahren haben kann, weshalb Gauck dem Westdeutschen dankenswerterweise die Härte der Erfahrung erspart, ohne ihm das darin zu findende Glück vorzuenthalten.

In den nicht ganz unproblematischen Auseinandersetzungen, unter denen das vereinte Deutschland in den letzten 20 Jahren mitunter wahrgenommen werden konnte („Jammerossi“, „Besserwessi“), ist diese Positionierung von Gauck zweifelsohne geschickt, ja avanciert. Er integriert sich in die Mehrheitsgesellschaft, indem er seine Vergangenheit nicht zurücklässt wie ungewollten Ballast. Er leugnet den Mangel, die Zurückgesetztheit nicht, sondern entfaltet gerade daraus die Geschichte einer belehrenden Überflügelung. In den Erinnerungen wird ein Erweckungserlebnis zitiert, bei dem Gauck seinem westdeutschen Gegenüber dessen Geschichte, die seit kurzem erst Gaucks Geschichte war, mit totaler Begeisterung erzählte, und der Westdeutsche schließlich nur noch strahlen konnte: „Ich habe eben immerfort ja, gesagt, ja, ja.“ Vielleicht ist in dieser Szene Gaucks Funktion und Erfolg seit 1990 beschrieben: Was der Westdeutsche nur als Sonntagsrede kennt, lädt Gauck ihm mit seinem eigenen Lebenslauf emotional auf.

Beziehungsarbeit leisten

Nun könnte man gegen Gaucks Schwärmerei ins Feld führen, dass die Liebe zwar ein attraktives Gefühl ist, aber vielleicht nicht das langlebigste. Insofern ist es bewunderswert, dass Gauck sich seine Freiheitsliebe 20 Jahre lang erhalten hat. Wenn man will, steckt in dem Wollen zum Freiheitsgefühl („will mir jene Zuneigung ... erhalten“) das Wissen, dass Beziehungen scheitern können. Kann man, verliebt in die Freiheit, Beziehungsarbeit leisten? Muss man gar?

Der Freiheitsliebhaber Gauck ist sich der Flüchtigkeit des Gefühls durchaus bewusst, weshalb er bei der „Verantwortung“ an eine stabilere Bindung appelliert wie die zwischen Mutter und Kind. Die „Verantwortung“ gehört mit der „Toleranz“ zu dem, was neben der Freiheit laut Gauck unsere Gesellschaft ausmacht. Leider lässt sich nicht sagen, wie diese Begriffe zusammenhängen, Gauck argumentiert nicht nur hier unscharf. Einerseits scheint die Verantwortung das zu sein, worin die Freiheit zwangsläufig mündet („Wie willst du Freiheit gestalten?“), andererseits braucht die Verantwortung die Freiheit überhaupt nicht, weil sie sich dem Glück der „Bezogenheit“ verdankt („Selbst die Nutzer von Facebook wünschen sich ja Bezogenheit, letztlich Gemeinschaft“).

Bei der Toleranz überrascht der sonst so positivistische Gauck mit der Volte, den Begriff nur ex negativo zu gebrauchen: „Wir sollten daher nicht der irrigen Meinung sein, dass wir der Toleranz etwas Böses antun, wenn wir noch einmal unsere christlich-jüdische Dogmatik anschauen, fragen, welche Werte für unsere Gesellschaft heilsam und wichtig sind, und sie neu zu schätzen lernen.“ Das ist ein ungewöhnlicher Zug, der sich mitunter auch ungewöhnlich liest: „In der Tradition unserer antikapitalistischen Selbstgeißelung kann es tatsächlich so weit kommen, dass nicht wenige sagen: ‚Wir wollen ja andere nicht überfremden.‘“

Abwesende DDR

Abgesehen davon, dass man noch niemanden einen solchen Satz hat sagen hören, drängt sich gegen Ende der Freiheit-Schrift der unangenehme Eindruck auf, dass Gauck diffus von Sachen redet, die er direkter nicht sagen kann oder will. Wenn er von Toleranz spricht, meint er sie nie. Toleranz ist hier eine Art Mixed-Zone, in der man auf kulturell oder religiös „Andere“ trifft, und weil diese Begegnung für den eigentlich so furchtlosen Gauck angstbesetzt zu sein scheint, spricht er dem Leser Mut zu, dort nur mit durchgedrücktem Rücken aufzulaufen: „Es ist wichtig zu begreifen, dass wir der Toleranz nicht dienen, wenn wir unser Profil verwässern.“ Was Gauck hier „Profil“ nennt, würden andere vielleicht als „(Leit-)Kultur“ bezeichnen. Vielleicht auch nicht, denn Gauck driftet ins Erratische, wenn er, wie bei „Verantwortung“ und „Toleranz“, sich Gedanken über Dinge macht, die er nicht sentimental mit seiner Biografie belegen kann. Ein Intellektueller ist Gauck also vermutlich nicht.

Dafür spricht auch, dass sein Lieblingsbegriff Freiheit keiner genaueren Definition unterliegt. Freiheit ist bei Gauck vor allem als die Abwesenheit von DDR zu verstehen. Diese Bestimmung leuchtet auf gewisse Weise ein (Mauer), steht aber als Konzept vor dem Problem, dass die DDR seit 20 Jahren abwesend, Freiheit in diesem Sinne also ein altmodischer Begriff ist. Heutige Unfreiheiten kriegt man mit solch einer ideologisch aufgeladenen Idee schwer zu fassen.

So ist Freiheit im Gauck’schen Pathos nicht mehr als ein Label, das auf einer abgeschlossenen Erfolgsgeschichte pappt, die er für sich privatisiert hat. Wo Gauck auftaucht, ist die Freiheit – ein Markenzeichen des Umbruchs von 1989. Der kommende Bundespräsident ist ein One-Trick-Pony, der David Hasselhoff des „politischen Raums“ (Gauck). Hasselhoff hatte als Sänger auch nur einen Hit, ungefähr zur selben Zeit, zu der sich Gaucks Freiheit ereignete: I’ve been looking for Freedom/I’ve been looking so long.

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13:50 23.02.2012
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