Mario Barth für Reiche

Regression Der Kleinkünstler Rainald Grebe füllt die Waldbühne, tourt durchs Land, macht Theater, tritt im Fernsehen auf. Sein Kabarett steckt aber tief in den achtziger Jahren fest

Rainald Grebe gilt als „komischster Liedermacher Deutschlands“ (Zeit), als „so kunstvoll, witzig und aasig“ (Tagesspiegel), als „der neue Star der deutschen Comedy-Szene“ (Stern), er wird „von den Kritikern gelobt und von den Zuschauern gefeiert“ (Sueddeutsche.de), mit seinem Hit Brandenburg ist ihm eines der „genialsten Stücke des deutschen Kabaretts“ (Kommentar von 1800IMAFrek auf Youtube) gelungen. Grebes Erfolg lässt sich mittlerweile nicht mehr nur durch Kleinkunstpreise und Auftritte in Fernsehsendungen abbilden: In diesem Sommer kamen 14.000 Leute inklusive des Regierenden Bürgermeisters zum „Geburtstagskonzert“ in die Berliner Waldbühne, Anfang September erscheint das neue Album Zurück zur Natur, und am nächsten Mittwoch hat im Berliner Gorki-Theater sein neues Stück Völker, schaut auf diese Stadt Premiere.

Wer also ist dieser Rainald Grebe und worin besteht seine hochgelobte Kunst? Auf die Frage, wer Rainald Grebe ist, gibt es mindestens zwei Antworten. Rainald Grebe ist zum einen Künstler. Den konnte man kürzlich in der Jenenser Kulturarena erleben, Konzert und Zusatzkonzert: beide ausverkauft.

Neu und komisch: Chai Latte

Fast pünktlich erscheint Rainald Grebe auf der Bühne und probiert eine halbe Stunde lang an einem Konzertanfang rum. Er erzählt vom Besäufnis der letzten Nacht, von den Proben im nahegelegenen Saalfeld, er fängt andere Konzerte an, Classic Open Airs, Stadionformate, für die ein lokaler DJ die größten Arenenhits aller Zeiten (etwa David Hasselhoffs Looking for Freedom) fix durchmischt. Grebe spielt verschiedene Lieder an nach dem Muster „Das ist ein Hit“ beziehungsweise „Das wird kein Hit“, und weil er ein Kenner des Regionalen ist, gehört dazu in Thüringen das Rennsteiglied des seligen Volksmusikers Herbert Roth ebenso wie die Fangesänge des ortsansässigen FC Carl Zeiss, die vor allem in Bezug auf den Dauerrivalen aus Erfurt („Schweine-RWE“) dem Publikum das Gefühl geben, gemeint zu sein.

Jena ist für den 1971 im suburbanen Raum Kölns geborenen Grebe ein besonderes Gastspiel; nach seinem Studium des Puppenspiels an der Berliner Ernst-Busch-Schule war er einige Jahre am dortigen Theater beschäftigt. Grebes Kenntnis der provinziellen Sehnsüchte verdankt sich aber auch einer Erfahrung als tourender Kleinkünstler. Das Wissen, das sich über Jahre in der Ebene anhäuft, dürfte ihn in Paderborn genauso anschlussfähig machen wie in Jena. Billige Absteigen gibt es nicht nur in Saalfeld, „Groupies“ oder stolz-pseudowitzige Lokalradiomitarbeiter nicht nur im Harz. Grebes Auftakt ist der heiter vorgetragene, aber durchaus ernst empfundene Versuch einer Verortung in der Populärmusik von gestern und heute.

In diesen Momenten wie in den Liedern über sich und seinen Erfolg (Auf Tour, Massenkompatibel, Ich bin oben) kann man das Grebe-Lob nachvollziehen: Ein Künstler hadert mit seinem Selbstentwurf, zu dem der Traum vom Hit genauso gehört wie das Wissen darum, dass ein Hit zur Zwangsjacke von Erwartungen werden kann, die zwangsläufig korrumpieren. Grebe ist eine bürgerliche Figur, die Respekt hat für Modelle einer Entgrenzung, wie sie ihm immer verwehrt bleiben wird: Nicht zufällig spielt er während des Konzerts stumpfe, aber emotional aufgefüllte Fangesänge aus Fußballstadien ein. Oder verweist auf die saarländische Punkband Heizöl, die seit Jahren das Gleiche macht mit der Begründung, dass es doch gut sei. Grebes Zerrissenheit zwischen dem Heizöl-Glück überzeugter Selbstidentifikation und dem Traum vom Momentum David Hasselhoffs mit anderen Mitteln wirkt rührend; in der Vermessung seiner künstlerischen Ansprüche ist er, zumal live, groß.

Modewort-Dropping

Zum anderen ist Rainald Grebe Kabarettist. Und da wird es heikel, was man auch in Jena merken kann. Grebe spielt das Lied Aufs Land aus dem neuen Album Zurück zur Natur, das Songs aus zwei Theaterarbeiten kompiliert. Aufs Land handelt von der neobürgerlichen Entdeckung brandenburgischer Idyllen, von Großstadtgeplagten („Jeder Zweite hat ne Galerie/Jeder Zweite macht ne Therapie/viele machen beides“), die sich die Einfachheit des Landlebens als Sinnerfüllung schönreden. Wenn man nun in die erwartungsfrohen Gesichter der zur Grebe-Feier Gekommenen schaut, dann dauert es lange, bis sich schmunzelnde Entladung im Erwarteten zeigt: im Witz. Und der Witz in Aufs Land heißt „Sitzrasenmäher“: „Ich will hier raus, ich steige aus/Ich wünsch mir so sehr/du, ich und der Sitzrasenmäher“.

Ein komisches Wort, eine komische Praxis, weil sie das große Wilde an der Natur herunterbricht auf die laubenpieperhafte Einhaltung von Akkuratesse. Hört man genauer hin, dann wimmelt es in Grebes Texten von solchen komischen Wörtern und Praktiken: Dinkelbier, Chai Latte, eigenen Senf machen, Riesenbovist panieren, Strom­anbieter wechseln, Nasenhaar epilieren. Diese Worte und Praktiken beziehen ihre Komik daraus, dass sie relativ neu sind und für die nicht enden wollende Verfeinerung moderner Lebensstile stehen. Dass Grebe auf den schlichten Effekt setzt, den allein die Erwähnung des Begriffs „Facebook“ in einem Rund von über 35-Jährigen ob seiner Fremdheit mit sich bringt, macht ihn zu einer Art Mario Barth für höhere Stände: Wo Barth in den pointenlosen Geschichten von sich und seiner Freundin, die immerfort Geschlechterklischees aktualisieren, auf das Einverständnis seines Publikums setzen kann, muss sich Grebes Modewort-Dropping nicht weiter erklären, weil „Car Sharing“ schon wegen seiner fehlenden deutschen Übersetzung verdächtig fremd klingt.

Das soll nicht heißen, dass die Wucherungen der Gegenwart, die sich hinter solchen Modeworten verbergen, nicht Gegenstand für zeitgenössisches Kabarett sein könnten. Das Problem bei Grebe besteht nur darin, dass diese Wucherungen – die Poesie der Speisekarten („Pilzvariation mit Mais, Schluppen und Chili an Misosud“), die Standards wohlständig-bewussten Lebens („fair gehandelte Baumwolle“, „ökoverträgliches Holzspielzeug“) – in sich schon so unendlich lächerlich sind, dass ihr brandmarkendes Aufrufen nichts mehr bloßlegt, sondern nur weiter reproduziert. Mit der Bio-Landleben-Irgendwas-mit-Medien-Kunst-Therapie-Welt, dem Berliner Mikrokosmos, an dem Grebe sich verzweifelt abarbeitet, verhält es sich ein wenig wie mit den Nachmittagstalkshows des Privatfernsehens der neunziger Jahre. Damals gab es eine Sendung namens T. V. Kaiser, die sich mühte, den Irrsinn von Hans Meiser oder Ilona Christen zu parodieren – und dabei blass und unscharf blieb, weil der Irrsinn von Hans Meiser und Ilona Christen so offensichtlich war, dass keine Parodie ihn mehr sichtbar machen musste.

Gut und alt: Münztelefon

Vielleicht bleibt dem zeitgemäßen Kabarett – zumal im Zeitalter von Twitter, in dem alle Sprachspiele auf Kuriosa schon gemacht sind, ehe der Computer zum Verfassen des nächsten Bühnenprogramms hochgefahren ist – nichts anderes, als den Irrsinn mit dem Irrsinn kurzzuschließen. Jon Stewarts aufklärerischer Witz in der amerikanischen Daily Show begnügt sich jedenfalls damit, etwa den Irrsinn, den der reaktionäre Sender Fox News den ganzen Tag absondert, komprimiert vorzuführen. Der Rest erledigt sich von selbst.

Rainald Grebe dagegen glaubt, gegen die Blüten, die das moderne Leben treibt – oder vielmehr: dessen mediale Verarbeitung in Lifestyle-Ratgeberheften wie Nido, Landlust, Neon beziehungsweise diesem ganzen Prenzlauer-Berg-Gedöns, das sich der hohen Dichte an dort lebenden Journalisten verdankt, die ihr „richtiges“ Leben vorzeigen müssen –, mit dem Rasenmäher seiner Sozialisationserfahrung vorgehen zu müssen, die in dem Lied Ich bin 20. Jahrhundert mit krampfhaft selbstironischem Stolz heruntergebet wird: Helmut Kohl darf nicht fehlen, und der Münzfernsprecher kommt auch noch vor.

Das ist reine Regression, und sie bindet den politisch orientierungslosen Grebe, der nur weiß, dass er sich vor dem Bessergewisse des Dieter-Hildebrandt-Kabaretts der achtziger Jahre schützen will, zurück an genau diese achtziger Jahre: Das Aufrufen von teetrinkend-töpfernden Trullas in wallenden Gewändern kalkuliert mit billigen Lachern über die Verästelungen von 1968. Und schnepfige Lehramtsstudentinnen sind denkbar einfache Opfer für Spott – zumal sie „Dörte“ heißen, ein Name, dessen lautmalerisch-komisches Potenzial wiederum seit dem ersten Otto-Film von 1985 ausgeschöpft ist („das dritte Schaf hieß Dörte/weil es so viel röhrte“).

Mit seinem scheinbar unprätentiösen Bezug auf Früher erscheint der Kabarettist Rainald Grebe als singender Manufactum-Katalog: Es gibt sie noch, die normalen Dinge. Und die Ironie, die Grebes Fans zu seiner Verteidigung möglicherweise darin vermuten, ist in Wahrheit viel bitterer: Rainald Grebe leidet unter einem totalitär gewordenen Hedonismus, der sich durch seinen Erfolg perverserweise noch viel besser leben lässt.

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