Matthias Dell
Ausgabe 1313 | 01.04.2013 | 09:00 10

Mutter, Täter, Kamerad

Im Gespräch Der Medienkünstler Bjørn Melhus über die Arbeit des Kinos am Trauma des Krieges, Hubschrauberklänge und Posttraumatische Belastungsstörungen im Fernsehen

Mutter, Täter, Kamerad

Bild: Bjørn Melhus

Der Freitag: Verteidigungsminister de Maizière hat kürzlich für Aufregung gesorgt, als er sagte, Soldaten haben einen übertriebenen Wunsch nach Wertschätzung. Das wurde als Problem von de Maizières Karriere diskutiert, dabei berührt die Bemerkung einen interessanten Punkt: Krieg ist immer nur abstrakt zu kritisieren, gegen den einzelnen Soldaten, „unsere Jungs“, kann man dagegen nichts sagen. Ist das nicht hinderlich, um zu verstehen, was einer Gesellschaft im Krieg passiert?

Bjørn Melhus: Man muss die Frage stellen, was eigentlich im Krieg passiert. Ich habe gerade ein Buch gelesen, in dem Michael Saleh und Mitch Weiss, zwei Journalisten, die Arbeit der Tiger Forces im Vietnamkrieg aufgearbeitet haben. Das war eine Elite-Kampftruppe, die „search and destroy“-Missionen ausgeführt hat. Das ist außer Kontrolle geraten, die haben sich hinterher mit abgeschnittenen Ohren geschmückt, Fotos gemacht vor abgetrennten Köpfen, Babys enthauptet, Dörfer massakriert – der Einsatz endet in einer sadistischen Orgie. Da kann man nicht sagen: „Don’t blame the soldier.“

Und diese extremen Grausamkeiten wären nicht die Ausnahme, sondern die Realität des Krieges?

Solche Taten sind nicht zu rechtfertigen, aber dass es dazu kommt, ist für mich nachvollziehbar. Es gibt keinen sauberen Krieg. Krieg ist das, was außer Kontrolle gerät. Was gerade in Syrien passiert – da ist keine Seite besser als die andere. Man kann sich weder hinter die Aufständischen noch hinter die Assad-Truppen stellen, wenn man die Videos anschaut, die Täter bei Youtube einstellen. Da sind – von beiden Seiten – Folterungen zu sehen, Leute mit Säcken über den Köpfen, auf die eingedroschen wird. Das nehmen die Täter alles auf. Teilweise ohne ihr Gesicht zu verdecken, so dass man sich fragt, ob in Den Haag jemand sitzt und das alles sammelt für künftige Prozesse. Es gibt kein sauberes Töten. Selbst wenn man die Täter aus dem Konflikt raushält, also Drohnen schickt, dann ist das sauber nur für eine Seite.

Sie beschäftigen sich in Ihren Arbeiten schon seit Jahren mit den Bildern, die vom Krieg bleiben. Wie hat das angefangen?

Mit dem 11. September. Den habe ich in New York erlebt. Davor war ich in Rabat unterwegs auf Einladung des Goethe-Instituts Marokko und bin da durch die Altstadt gelaufen, und irgendwer sagte, Ridley Scott drehe hier gerade Black Hawk Down. Der spielt zwar in Somalia, aber Marokko muss ja immer als fiktionaler arabischer Kriegsort herhalten. Black Hawk Down hat mich dann sehr verwundert, genauso die Stimmung in den USA, die Vorbereitung für den Krieg, der Beginn des Krieges. Ich habe immer mehr darüber gelesen, auch über diese medialen Formate. Etwa dass Jerry Bruckheimer, der Produzent von Black Hawk Down, eine Reality-TV-Serie macht, Profiles from the Front Line. Das tut wie Berichterstattung, eine Vorabendserie, in der die Kamera im Polizeiauto mitfährt durch den Irakkrieg.

Embedded Television.

Es ist widerlich; patriotisches Zeug aus der Zusammenarbeit mit dem Pentagon. In der Zeit hab ich zum ersten Mal den Begriff Militainment gelesen. 2003 ist dann eine erste Arbeit zum Kriegsthema entstanden, Still Men out there, ein Zitat aus Black Hawk Down, von dem Donald Rumsfeld gesagt hat, es sei der beste Kriegsfilm aller Zeiten. Bei meiner Beschäftigung geht es auch um diese merkwürdige Wende bei den Kriegsfilmen im Vergleich zu denen aus den siebziger und achtziger Jahren.

Die nannte man Antikriegsfilme.

Diese kritischere Auseinandersetzung gibt es nicht mehr. Obama hat 2012 den Commemoration Act beschlossen, da buttert die Regierung 13 Jahre lang Geld in die Verschönerung des öffentlichen Bilds vom Vietnamkrieg. Die Leute, die dort gewütet haben, sind nie als Helden anerkannt worden. Das muss jetzt noch geändert werden, das ist immer noch eine Wunde in der Geschichte der USA.

Für Ihre Arbeiten interessieren Sie sich für fremde Tonspuren. Was passiert da in den Kriegsfilmen aus Hollywood?

Man kann das eine Rock’n’Rollisierung des Krieges nennen, wie da mit Helikoptern in den Kampf geflogen wird und dazu Heavy Metal läuft. In der Zeit nach dem Vietnamkrieg gab es im amerikanischen Unterhaltungskino unglaublich viele Hubschrauberserien. Der Sound von Vietnam, das ist der Helikopter „Huey“. Veteranen sagen, wenn sie nur das Geräusch hörten, ginge ihnen das Herz auf. Schaut man in Musikprogrammen am Computer – „Garage Band“ bietet für Nachvertonung von Filmen verschiedene Töne an –, dann gibt’s da verschiedene Kriegsgeräusche: Zweiter Weltkrieg, Vietnam und so weiter. Beim Vietnamkrieg ist immer der Helikopter im Hintergrund. Wobei es eigentlich komisch ist, dass wir Vietnamkrieg sagen. Die Vietnamesen sagen: der amerikanische Krieg, das trifft es eher.

In diesen Serien kommt der Krieg aus der Ferne als Kriminalitätsbekämpfung in die Heimat zurück.

Das ist schon absurd, wie etwa in Das fliegende Auge, im Original heißt der Blue Thunder, von 1983 in der finalen Schlacht über Los Angeles der Krieg in das Land hineingetragen wird. Der Film handelt von zwei Figuren, die Helikopterpiloten im Vietnamkrieg waren. Die kennen sich, und die sind jetzt der gute und der böse Cop. Im Luftkampf am Ende muss der gute dann den bösen Polizisten vernichten, damit der Gerechtigkeit genüge getan wird. Bei Roland Emmerichs Universal Soldier mit Jean-Claude Van Damme ist das noch Jahre später der gleiche Antagonismus. Das Trauma quillt an allen Ecken und Enden der Unterhaltungskultur hervor.

Die bekannteste Figur des unversöhnten Heimkehrers ist Rambo.

Rambo ist der absolute Klassiker: ein schwer depressiver Typ, ein wenig auf der Kippe, zugleich eine Kampfmaschine, absolut beziehungsunfähig. Wenn es dann doch mal eine Liebesaffäre gibt, wird die Frau meist in der nächsten Szene umgebracht. Die muss sterben, damit der Heimkehrer der einsam kämpfende Wolf bleiben kann.

Das soziale Umfeld dieser Figuren haben Sie in „I’m not the Enemy“ arrangiert, einer Arbeit von 2011, in der Sie wie immer alle Rollen selbst spielen. Etwa die der besorgten Mutter.

Diese Mutterfiguren sind ganz wichtig für die Welt, in die der Soldat zurückkehrt. Dann gibt es zumeist noch einen Vater oder Bruder, der in der Zivilgesellschaft verblieben ist. Und einen Freund, der auch im Krieg war. Die Reintegration der Soldaten ist in den USA ein Riesenproblem. Allein menschlich, die Familien werden durch den Krieg oft zerrüttet bis in die dritte Generation. Und das multipliziert sich für die ganze Gesellschaft.

Diese Produktion von menschlichem Leid im eigenen Land hört nicht auf, weil die amerikanischen Kriege weitergehen.

Die USA haben ein Problem mit Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS). Suizide nehmen schon im Einsatzgebiet zu, und die Zahl der Suizide von Soldaten, die im Irak und in Afghanistan waren, ist mittlerweile höher als die der dort umgekommenen. Wobei die Regierung natürlich versucht, so wenig wie möglich davon an die Öffentlichkeit dringen zu lassen. Wirtschaftlich ist das ein Problem für die Krankenkassen, wenn man Tausende von Menschen über Jahre hinweg therapieren muss. Deswegen werden die Heimkehrer schnell ausgespuckt aus der Armee, die sollen einen Bogen ausfüllen, dass sie okay sind, und wenn sie das unterschrieben haben, können sie keine Regressansprüche mehr stellen.

Ist vermutlich eine naive Frage, aber wieso wird aus diesen Folgeschäden nichts gelernt?

Krieg ist letztlich ein Riesengeschäft. Die Waffenindustrie braucht Anlässe, hin und wieder die Arsenale zu leeren und das Zeug nicht nur im eigenen Land zu verschrotten. In den Golfkriegen ist mehr Bombentonnage abgeworfen worden als in den beiden Weltkriegen – das muss alles nachproduziert werden. Das ist ein Wirtschaftsfaktor. Außerdem sind die Leute, die dahingeschickt werden, vom unteren Ende der Gesellschaft. Die haben sowieso nichts zu sagen. Wenn’s da knallt bei der Rückkehr, ist das egal.

Die Behandlung von traumatisierten Soldaten ist ein Thema, das für Deutschland relativ neu ist.

Es gibt die Zahl von 2.000 PTBS-Patienten aus dem Afghanistankrieg. Im Bundeswehrkrankenhaus in Berlin ist eigens eine neue Abteilung eingerichtet worden, um diese Leute zu behandeln. In asymmetrischen Kriegen gibt es keine Frontlinie mehr, du weißt nicht, wo der Feind ist, das war schon in Vietnam so. Die Soldaten sind also permanent einer Bedrohung ausgesetzt, und da verändert sich rein physisch was, im Mandelkern, der Amygdala, das ist der Bereich im Gehirn, der für die Angst zuständig ist.

Was deutsche Filme zu reflektieren beginnen.

Es gibt Filme zum Thema Krieg, mittlerweile schon drei Tatort-Folgen, die das bearbeiten. Das fängt jetzt an, dass Filme zu erzählen versuchen, was mit den Kriegsrückkehrern in der Zivilgesellschaft passiert.

Unterscheiden sich diese Darstellungen von denen in amerikanischen Filmen?

Komischerweise sind die Figuren ähnlich.

Weil es um die gleichen Verletzungen geht oder weil man sich an Hollywood orientiert?

Ich würde sagen, dass da eine Menge abgeguckt worden ist. Bei dem ersten Tatort, in dem das vorkam, hatte die Mutter eine zentrale Rolle. Als der ausgestrahlt wurde, war ich gerade mit dem Feinschnitt von I’m not the Enemy beschäftigt. Das war schon seltsam, wie die Figuren aus der Arbeit da auftauchten in so einem deutschen Fernsehformat.

Also gibt es nur universelle Soldatengeschichten?

Was die Gewaltbereitschaft bei der Rückkehr betrifft, da sind die deutschen Filme noch nicht an dem Punkt, wo sie die Soldaten zu Helden werden lassen, die mit der verrotteten Zivilgesellschaft aufräumen. Das machen die Rambo-Typen in Amerika. Die haben zwar diese Narbe, aber die Narbe hat sie auch so stark gemacht, dass sie moralisch über allem stehen. Bei dieser Moral ist der deutsche Film noch nicht angekommen.

Bjørn Melhus, geboren 1966, ist einer der bekanntesten deutschen Videokünstler. Seit 2003 hat er eine Professur an der Kunsthochschule Kassel inne. Seine Arbeiten werden weltweit gezeigt – bis auf die App, die Melhus für den neuen Berliner Flughafen konzipierte und die der Verzögerung bei der Eröffnung zwangsläufig zum Opfer fiel

Das Gespräch führte Matthias Dell

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 13/13.

Kommentare (10)

Magda 01.04.2013 | 10:16

Man kann das eine Rock’n’Rollisierung des Krieges nennen, wie da mit Helikoptern in den Kampf geflogen wird und dazu Heavy Metal läuft.

Na, nicht nur Heavy Metal. Gerade zu klassisch ist ja vor allem Wagners Walkürenritt in "Apokalypse Now". Wagner wurde nicht nur von den Nazis gebraucht, sondern war vielleicht genau deshalb für solch einen Film ein adäquates, hintersinniges Motiv.

Magda 01.04.2013 | 10:22

http://de.wikipedia.org/wiki/Walk%C3%BCrenritt

Hier ist auch noch einiges darüber, wie oft und in welchen Zusammenhängen der Walkürenritt verwendet wurde. Sehr interessant.

Über die Frage, was der Krieg mit Männern macht, habe ich auch schon mal - ein bisschen lang - meditiert. https://www.freitag.de/autoren/magda/ein-vorfahr-und-sein-krieg-ii

Daraus ein Zitat:

Der Krieg ist doppelte Flucht

Der Krieg mag abenteuerliche Flucht vor den wirklichen Aufgaben des Lebens sein, wie Thomas Mann so aufklärend - mahnend sagte. Er kann auch Flucht in ein anderes Leben sein, das dem großen Schriftsteller durchaus nicht fremd war. Ein Leben intensiver Männlichkeit, hin zu homoerotisch getönten Kameradschaften, zu extremen Empfindungen, erhöhtem Lebensgefühl. Einem Lebensgefühl des Risikos und des Wagnisses, deren Fehlen heute von manchen jungen Männern als Defizit erlebt wird, so dass sie extreme Abenteuer suchen.

Auch in den Jahren vor 1914 gab es ein Empfinden von Leere, meinen die Geschichtsschreiber. „Es gab die fast natürliche Abnutzung einer langen Friedenszeit, die Langeweile, den Überdruss am Alltäglichen und im Gegenzug die Lust am Abenteuer, die Sehnsucht nach der Mutprobe, der Bewährung.“, konstatiert der Historiker Christian Graf von Krockow. Wobei man auch hier gespenstische Parallelen zur Gegenwart sehen könnte. Nicht nur die Risiko-Sportarten der Spaßgesellschaft sind dafür ein Beleg, sondern auch die sich zunehmend einstellende Bereitschaft, Kriege nicht als zu vermeidendes Übel zu betrachten, sondern sie als Mittel der Politik wieder zu akzeptieren.

“Der Krieg (...) stellt auf keinen Fall nur ein Mittel dar, er ist vielmehr sehr oft als Endzweck betrachtet worden – als eine höchst attraktive Tätigkeit, für die nichts anderes einen angemessenen Ersatz liefern kann (...) Allein der Krieg gibt dem Menschen die Gelegenheit, all seine Fähigkeiten einzusetzen, alles aufs Spiel zu setzen und sein Wertvollstes gegen einen Gegner zu erproben der genau so stark ist wie er selber (...). Wie unangenehm die Tatsache auch sein mag, der wahre Grund, warum es Krieg gibt liegt darin, dass Männer gern kämpfen“. Mit dieser Einschätzung ist der allerdings nicht unumstrittene Militärhistoriker Martin van Creveld in der Mitte des Zeitgeistes.

Trachten nach dem Tode

Dass es in der deutschen Mentalität ein spezifisches Trachten nach dem Tode gäbe, unterstellt der französische Politiker Georges Clemenceau in einem Brief an den Theologen Karl Barth: " Lieber Freund, es entspricht dem Wesen des Menschen, das Leben zu lieben. Der Deutsche kennt diesen Kult nicht. Es gibt in der deutschen Seele, in der Kunst, in der Gedankenwelt und Literatur dieser Leute eine Art Unverständnis für alles, was das Leben wirklich ist, für das, was seinen Reiz und seine Größe ausmacht und an dessen Stelle eine krankhafte und satanische Liebe zum Tod. Diese Leute lieben den Tod. Diese Leute haben eine Gottheit, die sie zitternd, aber doch mit einem Lächeln der Ekstase betrachten, als wären sie von einem Schwindel erfasst. Und diese Gottheit ist der Tod. Woher haben sie das? Ich weiß darauf keine Antwort. Der Deutsche liebt den Krieg als Selbstliebe und weil an dessen Ende das Blutbad wartet. Der Deutsche begegnet ihm, wie wenn er seine liebste Freundin wäre".

Ist das so oder spiegelt sich in diesem Satz eine – durch die Ereignisse der Zeit verengte Sicht - wider, die das Kriegerische im eigenen Umfeld, der eigenen Nation nicht sehen will?

Sind die Deutschen besonders todesversessen und erklärt sich dadurch ihr Verhalten?

Die Lust am Krieg hat unterschiedliche Aspekte, meinen Psychologen: Der Krieg stille elementare Triebe wie den Beutetrieb oder die Lust am Überleben. Er befriedige aber auch die Lust am Abenteuer, an der Gemeinschaft, am Sieg. Andere wieder fühlten sich durch die Waffen fasziniert, von einer Ästhetik der Gewalt, durch die Perfektion der Ordnung und Organisation oder auch durch den Erfolg, der mit kriegerischen Handlungen einher geht.

Es mag durchaus sein, dass in unterschiedlichen Nationen, vor unterschiedlicher Geschichte und Kultur entsprechend unterschiedliche Aspekte im Vordergrund stehen. Bei den Deutschen der Tod?

Oder Lust am Überleben

Bei den Franzosen das Überwinden des Grauens und die Lust am Überleben? Bei den US-Amerikanern schon im zweiten Weltkrieg und heute ganz besonders die vorrangige Befriedigung an der Funktion der modernen Waffen und der militärischen Organisation?

Van Creveld vermutet, dass das wahre Wesen des Krieges nicht einfach darin besteht, daß eine Gruppe eine andere tötet, sondern in der Bereitschaft ihrer Mitglieder, sich, wenn nötig, im Gegenzug töten zu lassen“.

Ähnliches sagt Simone de Beauvoir: „Nicht indem er Leben gibt, sondern indem er es wagt, erhebt sich der Mensch über das Tier“.

Was mag den deutschen Hauptmann, meinen „Helden“ am Kriege fasziniert haben? Wie aus seinen Briefen erkennbar, erstrebte er den Erfolg, wollte sich auszeichnen . Auch die Gemeinschaft spielt bei ihm eine wichtige Rolle. Er verweist ja bei seinen Kriegsschilderungen immer auf die Truppe ohne die der Erfolg nicht möglich gewesen sei.

Jedoch, den Tod “liebt“ er nicht, zu sehr spricht aus seinen Briefen spricht das Entsetzen und eine tiefe Erschöpfung am Handwerk des Krieges.

Wenn etwas Euphorie erzeugt, dann ist es das Gefühl des Davongekommenseins. Davon ist in den Briefen des deutschen Hauptmanns ebenfalls die Rede.

Wenn im Kino seriöse Filme über den Krieg zu sehen sind, dann enden die Schlachten, die Kämpfe, die Angst und die Entbehrungen meist mit der Rettung von Kameraden. Die Moral: Kriege sind furchtbar, wird politisch korrekt mit transportiert. Die Zuschauer aber sind fasziniert, weil sie die Euphorie der Davongekommenen teilen. Kriege sind furchtbar, wer würde dem nicht auf der Stelle beipflichten. Aber, wenn sie nur das wären, gäbe es sie nicht. Kurt Tucholsky stellte einmal fest: „Nichts als Pazifist sein – das ist ungefähr so, wie wenn ein Hautarzt sagt, „Ich bin gegen Pickel“.Ein Teil der Gründe für Kriege liegt im Wesen des Menschen. Und etwas später in einem Brief an seine Freundin Nuuna: „Es wird immer Kriege geben.“

Fluch und Gegenbeschwörung

Wenn es so wäre, dann will auch dieser Fluch seine Gegenbeschwörung finden. Die Antipoden sind ja nicht nur Töten und Getötet werden, sondern es kommt noch ein Drittes hinzu,. das den Fluch mildert, der mit diesen destruktiven Gegensätzen aufgerichtet ist.

Töten und Tod mögen die dunkle Seite jenes Gefühls sein, dass ein Mensch hat, der Leben hervorbringt, wie es die Mütter tun, oder Leben rettet, das verloren schien.

Das Erlebnis Geburt in seinem Rhythmus von Schmerz und Glück wurde oft beschrieben. Wenn man die Erzählungen von Menschen kennt, die nicht als professionelle Helfer, sondern einfach durch den Zufall ein Leben retten, erfährt man, dass auch sie ein enormes Glücksgefühl verspüren.

Ob bei den „guten“ Mächten oder denen der Finsternis, das Gefühl Herr oder Herrin über Leben und Tod zu sein ist wohl die Mitte, um die sich alles dreht.

ntropy 01.04.2013 | 12:50

Interessantes Interview. Ich würde jedoch bei Apocalypse Now statt einer Rock´nRollísierung von einer Ästhetisierung des Vietnam-Kriegs sprechen, die jedoch nie unkritisch ist. Durch die Überlagerung eines Antikriegs-Songs mit Kampf-Szenen wird ein bemerkenswerter Kontrast erzeugt, der heute zwar nicht mehr so neu ist, früher aber mal innovativ war und die gekonnt die popkulturelle Lebenswelt der Soldaten mit den Kriegserlebnissen verbunden hat. ..

Axel F 01.04.2013 | 21:38

Interessantes Interview, wichtiges Thema!

Die Verklärung des Krieges findet in Deutschland ja mit Til Schweigers "Schutzengel" einen neuen Höhepunkt, plus Truppenbesuch und PR-Auftritte mit "der Truppe", wie ja die PR-Bezeichnung für das deutsche Militär lautet.

Schweigers Motivation war ja ausdrücklich, dass die deutschen Soldaten angeblich nicht genug verehrt würden. Das perfide ist, dass Menschen, die auf die Opfer und menschlichen Tragödien des Krieges hinweisen und aus diesem Grunde Kriegseinsätze ablehnen, unterstellt wird, sie sorften sich nicht um "unsere Soldaten" und auf diese Weise Kriegspropaganda als Geste der Menschlichkeit und Kritik an Kriegseinsätzen als Unmenschlichkeit umdefiniert wird.

Ludwig Hasselberg 02.04.2013 | 00:54

Ja, der Wagner in "Apocalypse Now"...

... steht offensichtlich nicht für den Film, sondern eine einzelne Figur, den durchgeknallten Kommandanten der Hubschrauberstaffel (Robert Duvall). Für den Film kann eigentlich nur "The End" von den Doors stehen, bezeichnenderweise gleich am Anfang des Films eingespielt, oder die umfangreichen Kompositionen von Carmine Coppola mit ihrem meist gruseligen Unterton.

Und dann der Sprung zu "Black Hawk Down" und dessen Soundtrack. Hören Sie sich den mal an, denken Sie da an Verherrlichung von Krieg? "Mogadishu Blues" etc.? Ich persönlich sehe mir lieber 3x "Black Hawk Down" an als 1x einen Themen-Tatort, dessen Agitation mir ganz subtil mit der Faust ins Gesicht schlägt, da hab ich mehr von.

Columbus 02.04.2013 | 12:05

Sehr interessantes Interview, denn tatsächlich ist die Fixierung des Kriegsfilms auf die möglichst glaubwürdige Darstellung der Schlacht, des Kampfes und seiner Folgen, vielleicht auch sein größtes Hindernis, selbst da, wo Regisseure erkennbar mehr darstellen wollten (Kubrick , Cimino, Eastwood, Malik,Stone).

Die haben zumindest begriffen, dass das Kriegserlebnis, viel mehr zerstört und angreift, als die Schlacht-Szene, eine Art kollektiver Hinrichtung, zeigen kann. - Da fängt an, was auch in einer posttraumatischen Belastungsstörung enden kann und kollektiv zu einer solchen Abstumpfung führt, dass auch nach dem Schlachten, weiter täglich grausam gehandelt wird (Irak, Afghanistan).

Vielleicht lohnt es sich, zu dieser Kriegsfilm-Betrachtung, die Hollywood, deutsche Fernseh-Bemühungen und grausame YouTubes als Dokumente des asymetrischen Krieges in den Blick nimmt, noch auf zwei Filme hinzuweisen, die Anti-Kriegsfilme sind, weil sie es nicht drauf anlegen, aber mit einer anderen Sichtweise an die Sache heran gehen, als eine Grausamkeit an die nächste zu hängen.

"Paisà" von Roberto Rosselini, 1946 , ein Episodenfilm, der mehr über die Absurdität und den Schrecken des Krieges mitteilt, gerade weil es nicht um große Action, nicht um Schlachten und Schlachtszenen geht (die als antiseptisches Dokumaterial eingestreut sind). Menschen bauen Beziehungen zueinander auf, die die Wirren des Krieges zufällig schufen, und immer dann, wenn die Erwartung hochgetrieben wird, es könne ein glückliches, ein versöhnliches Ende nehmen, sogar weil einer menschlich und nicht nach der großen Vorgabe Krieg handelt, wird das bisschen Glück zerstört. Entweder vom Kriegsgeschehen selbst oder vom Ungeschick der Menschlichen in einer geschickt brutalen Umwelt. Selbst wer versucht, das Richtige zu tun, traut sich nicht im rechten Moment oder büßt es, weil der Krieg eigene Regeln, irre Regeln, aufstellt.

An den Episoden schrieben auch Fellini und Klaus Mann.


"Iwans Kindheit", 1962, das Frühwerk Tarkowskis, setzt gegen die Kriegsrealität des jungen Iwan seine Erinnerungen und z.B. diese Birkenwaldszene um "Mascha", mit dem schon ausgehobenen Graben, in einer Bildsprache die dem Kriegsfilm völlig entgegen gesetzt ist und auch durch die Filmmusik ganz anders wirkt. - Malik hat wohl versucht, für "The Thin Red Line" da ein wenig abzugucken. Dann aber, muss auch er dieser seltsamen Art von Realismus Tribut zollen, die z.B. Spielberg auf den Abweg führt, mit "Saving Private Ryan".

http://www.youtube.com/watch?v=X-cOMy9k-6s&list=PLAE315486576CFEDC

Anschauen und anhören lohnt sich, auch wenn man kein Wort "versteht". In Berlin wird man wohl ab und an auch einmal eine Kinovorführung zu sehen bekommen, so wie von "Paisà", im Rahmen des Festivals oder in Programmkinos.

"Iwan" passt zu dem klugen Titel ihres Interviews, Herr Dell.

Beste Grüße

Christoph Leusch

Matthias Dell 03.04.2013 | 10:00

und eigentlich @alle anderen

weil der wagner natürlich auftaucht, was zeigt, wie wahnsinnig gut dieses bild ist, diese szene. das steht, ohne dass ich melhusens sicht darauf kennen würde, sicherlich gesondert, vielleicht über den dingen, mit denen melhus sich vor allem oder dann auch noch beschäftigt hat, als superzeichen von etwas. ästhetisierung ja, und aneignung dann heute, dass die kampfpiloten ihre einsätze zur playlist aus dem ipod fliegen und ins netz stellen, und es dabei dann immer um rauschmomente geht, um die es bei wagner vielleicht auch geht. als versuch eines gedankens dazu

Columbus 03.04.2013 | 16:49

Ja, ich glaube schon, dass ich das gerafft habe. Was quillt unter, neben, aus den "Action heroes" heraus? Steckt die "postraumatische Belastungsstörung" auch in diesen Formen? Z.B. in dem (pseudo)realistischen "Black Hawk Down", oder in den etwas anspruchsvolleren Versuchen Bigelows oder in den ganzen Produktionen, die einen SF-Krieg, die aber unverkennbar die Zeichen der Selbsteinschätzung der USA gegenüber jedwedem, von ihnen als "böse" erkannten Gegner abhandeln. - Klar, dass Medienkünstler die Chance haben, anders ihrem Publikum gegenüber zu treten und selbst unter der Kombination aus Geschäft und Ideologie, die Hollywood anbietet, das letztere darf nicht vergessen werden, die "Verstörung" sichtbar zu machen.

Vielleicht wissen sie, ob sich Melhus ´mal mit dem, von US-Spezialdiensten bezahlten Fake um die "Befreiung" der Jessica Lynch (2003) aus einem irakischen Krankenhaus beschäftigt hat? - Es läge nahe, weil da das Filmmedium bewusst zu Propagandazwecken und zur Erschaffung einer, sogar noch weiblichen, Heldenfigur eingesetzt wurde.

Damals drehte ein ehemaliger Assistent Ridley Scotts den "Angriff" der US-Spezialeinheiten mit einer Nachtsichtkamera und die ganze, echt wirkende Action- Szenerie, wurde, mit entsprechendem Begleitmaterial vom Pentagon an alle Nachrichtenagenturen und die großen Zeitungen der USA verteilt, die das zunächst als glaubwürdiges und authentisches Material einschätzten. - Es gab überhaupt keine militärische Gegenwehr.

Dabei hatten sich, anders als im Film und vom Pentagon behauptet, die Iraker vorbildlich um die Soldatin gekümmert, die nicht durch Kampfhandlungen, sondern durch einen Unfall, einen Arm und ein Bein gebrochen hatte. Sie stand zu keinem Zeitpunkt unter der Gefahr, getötet zu werden oder in dem Krankenhaus eine schlechte Behandlung zu erfahren.

Vom Pentagon eingestellte Medienberatungsfirmen (z.B. die Rendon-Group) und eine Spezialtruppe, Office of Strategic Influence (OSI), spielten dabei eine wichtige Rolle, die Bilder und die Vorstellungen von Rechtmäßigkeit und Gerechtigkeit zu beeinflussen. - Mittlerweile ist alles bekannt, nachdem Kongressausschüsse untersuchten und die Presseleitmedien ihre Schande, zu sehr embedded zu sein, wieder auszubügeln versuchten. An den medialen Strategien hat sich aber auch unter Obama nichts geändert, der nun noch den Drohnenkrieg, der kein diskriminierender, sondern ein ausweitender Krieg ist, forcierte.

Beste Grüße

Christoph Leusch