Ohne Ironie geht es nicht

Begegnung Er war nicht nur der beste Freund von Peter Hacks, sondern ist auch Schriftsteller, Tischler, Shakespeare-Forscher, Kommunist, Schein-Agent und Theatermann: André Müller

Anti-Biografie

Biografie ist ein Spiel, auf das der am 8. März 1925 in Köln geborene André Müller sen. sich nicht einlassen will. „Wenn man in Rom etwas werden wollte, lief man rum, zog die Toga hoch und zeigte seine Wunden. Das war der Beweis dafür, dass man für das Vaterland etwas getan hatte. Ich fand diese Prozedur verständlich – und irgendwie auch lächerlich. Ich werde keine Autobiografie schreiben. Ich möchte, dass man über meine Theaterstücke und meine Bücher urteilt, aber nicht über mein Leben.“ Was auf eine Weise zusammenhängt. Der Protagonist Dieter Kaufmann aus Müllers politischer Liebesgeschichte Anne Willing. Die Wende vor der Wende von 2007 trägt autobiografische Züge: die Liebe zur Literatur, das Pendeln zwischen Ost und West, die Wohnung in Ostberlin, die Nähe zur dortigen Theaterszene. Also lautet Müllers Antwort auf die Frage nach der Biografie sybillinisch: „Lesen Sie Anne Willing, da steht ja im Wesentlichen alles drin.“

Waschmittel

In der Wikipedia steht das Wenige, das man über Müllers Leben wissen kann. Vermerkt ist sein bürgerlicher Name: Willi Fetz. Warum das Pseudonym? „Ich habe keine Schwierigkeiten mit meinem eigentlichen Namen. Ich wollte damals ein Pseudonym haben, das einen klassischen französischen Vornamen und einen klassischen deutschen Nachnamen hatte. Unglücklicherweise gibt es einen zweiten André Müller, der ist so geboren. Der ist Journalist. Ich habe ihn nie getroffen, aber ich habe ihm versucht klarzumachen, dass er nicht das Recht habe, als André Müller zu schreiben, nur weil er so geboren ist. Das konnte er nie einsehen. Wenn man als Henkel geboren ist, kann man unter diesem Namen nicht Waschmittel verkaufen. Darauf hat er mir geantwortet: Mit einem Mann, der die höheren Bereiche der Kunst mit einem Waschmittel vergleicht, wolle er nichts mehr zu tun haben. Da es mir nichts ausmachte, erlaubte ich mir den Spaß, ihn des fluchwürdigen Verdachtes auszusetzen, er sei mein Sohn.“

Verdrängung

Worüber André Müller nicht sprechen will: die Jugend in Nazideutschland als Sohn einer Jüdin. Über KZ, Flucht, Glück, „das übliche Schicksal, das unterscheidet sich von dem Schicksal anderer Leute, die so was erlebt haben, kaum.“ Nur das: „Ich habe einen einzigen Komplex behalten. Ich lese keine Bücher über KZs, ich sehe keine Filme über KZs, und Freud hat Unrecht, wenn er meint, man müsste das Verdrängte auferwecken, es zum Bewusstsein heben und dann verschwinde es. Ich habe festgestellt, dass mein ganzes Leben nur dann gut ist, wenn ich in der Lage bin, das alles zu verdrängen.“

Herkunft

„Ich komme aus kommunistischem Hochadel. Mein Großvater ist 1905 Sozialdemokrat geworden, und nach dem Ersten Weltkrieg wie mein Vater Kommunist. Ich bin 1945 Kommunist geworden und im Jahre 2001 aus der hiesigen DKP ausgetreten, weil sie mir zu revisionistisch wurde. Das hat an meinen Gesinnungen nie etwas geändert.“ André Müller kommt aus der Arbeiterklasse. „Ich habe das getan, was man in einer Arbeiterfamilie tut, wenn man 14 Jahre alt ist. Man erlernt einen Beruf und gibt dann seiner Mutter Kostgeld. Ich habe nie ein Abitur gemacht, nie eine höhere Schule besucht. Ich bin das, was man einen Autodidakten nennt.“

Die tschechische Geigerin

André Müller ist ein großer, ein lustvoller Erzähler, und wenn er mit rheinischem Zungenschlag Brecht sagt, klingt das immer wie „Bräscht“. „Am Bahnhof Friedrichstraße gab es früher mal einen tschechischen Pavillon, in dem konnte man gut Schallplatten kaufen, und obwohl ich aus einer Familie komme, die ohne jede Erfahrung ist, war ich sehr früh ein Anhänger von klassischer Musik. Ich ging also dort oft hin. Und dort traf ich eine tschechische Geigerin. Nun wollte ich diese Geigerin verführen, obwohl ich schon verheiratet war, und dachte, ein Theaterbesuch würde dieses Unternehmen befördern. Ich erwarb zwei Theaterkarten und lud sie also ein. Ich geriet in den Hofmeister von Brecht. Ich war schon zweimal in meinem Leben im Theater gewesen, einmal in der Csardasfürstin und einmal in einer Schiller-Vorstellung. Die Csardasfürstin hatte mir gut gefallen, der Schiller überhaupt nicht. Und nun sah ich eine völlig andere Art von Theater, ich war wie besoffen. An diesem Tage habe ich beschlossen, dass ich mit dem Theater zu tun haben würde. Der Umstand, dass mich die Vorgänge auf der Bühne so sehr faszinierten und der Busen der tschechischen Geigerin weniger, hatte die angenehmsten Folgen. Seit jener Zeit war ich aus dem Ensemble nicht mehr wegzubringen. Ich ging da einfach hin, nahm an den Proben teil, bei Brecht konnte man das, und schaute jede Vorstellung ein Jahr lang in der Bundesrepublik an, um zu wissen, was Theater ist. Es war die beste Lehre, die man auf der Welt haben kam.“ Bald gehört André Müller zum Kreis der Brecht-Anhänger. In der Kantine des BE sieht er Peter Hacks.

Hacks

Mit Hacks verband André Müller eine enge Freundschaft bis zum Tode des Dichters 2003. Von Müller erschien 2008 im Eulenspiegel-Verlag das dicke Buch Gespräche mit Hacks. 1963-2003, das eine dichte Beschreibung vom Verhältnis der beiden, der Künstlerwelt von Ostberlin, den Gesprächen über Literatur und Politik liefert. Man kann daraus vieles über Hacks erfahren und einiges über André Müller.

Stücke lesen

Von Brecht lernt André Müller, Dramen zu lesen, „weil der Fragen stellte, auf die ich nie kam: Was steht da drin?“ Müller wendet diese Methode auf Shakespeare an, seine Lektüren von dessen Dramen liegen in den beiden Bänden Shakespeare verstehen (2004) und Shakespeare ohne Geheimnis (Neuauflage 2006) vor. Darin geht es um Details wie die Datierung von Hamlets Geburtstag oder die Frage, warum Hamlet den Wahnsinnigen auch vor Ophelia spielt. Von 1973 bis 2006 hat Müller nach dieser Methode Schauspielschülern in München Shakespeare nahegebracht. „Miete will ständig bezahlt werden, Hausbesitzer pflegen sich nicht nach den Problemen künstlerischen Schaffens zu richten – also habe ich ein Gelegenheit, die sich mir bot, angenommen, und bin an der Otto-Falckenberg-Schule in München Dozent für Shakespeare geworden. Dort habe ich 33 Jahre lang unterrichtet, alle 14 Tage, 2 Tage hintereinander, 4 Stunden. Ich fuhr jede zweite Woche einmal nach München, da hatte ich schön Zeit zum Lesen, ursprünglich dauert die Fahrt 8 Stunden, am Schluss nur noch 4 1/2. Wenn ich da rein schaue (zeigt auf den Fernsehapparat), kenne ich die Hälfte.“

Erfolg

Mit seinem ersten Stück Das letzte Paradies hat André Müller Anfang der siebziger Jahre einen Erfolg. „Wenn sie Erfolg haben auf dem Theater, interessierte sich damals das Fernsehen dafür. Das brachte 30.000 DM.“ Der Film wird mehrfach wiederholt, „als Autor kriegen sie immer wieder Geld. Dann ging‘s nach Japan und in die Schweiz, und auf diese Weise kam so viel zusammen, wie ich brauchte, um mein Landhaus in der Eifel zu kaufen, ein total zerfallenes Bauernhaus. Aber ich bin schließlich Tischler von Beruf.“ Das letzte Paradies ist eine Komödie, in der ein Zoodirektor seine Tiere verspeist, „wobei er noch eine Art des perfekten Mordes entdeckt: er verfüttert die Knochen der Tiere, die er heimlich schlachtet, an den Tiger.“ Das ist der Einfall, den man haben muss für einen Text. Auf ihn gekommen ist Müller, als er mit seiner Frau, der Journalistin Anja Weintz, im Kölner Zoo unterwegs ist. „Ich amüsierte mich darüber, da ich gerne koche, was aus diesen Tieren alles zubereitet werden könnte. Schrecklich, ich bin wirklich kein Vegetarier. Ich sagte, es gibt immer die Aushänge über die Tiere, lebt da und da unter diesen Umständen. Man müsste aber Aushänge mit Kochrezepten machen.“ Müllers APO-Satire Am Rubikon (Freitag vom 18. Dezember 2008) hat keine Chance auf einen Erfolg: Sie erscheint erst 1987 in einem Kleinverlag, als sich kein Mensch mehr dafür interessiert (2008 vom Verlag André Thiele neu aufgelegt).

Knoblauchfreunde

„Ab 1953 war ich ein kritischer Mensch. Das hat nichts mit dem Tod Stalins zu tun. Ich war mal 2. Sekretär der Kommunistischen Partei Köln, der 1. Sekretär war Toni Fleischhauer, und wir hatten zwei Todsünden begangen, wenn Sie jemals in einer Partei sind, dürfen sie diese Todsünde nie begehen, wir hatten mehr Erfolg als andere.“ Müller organisiert Arbeiter für eine Demonstration gegen die Wiederbewaffnung in Bonn, und weil Arbeiter wochentags arbeiten, zahlt er ihnen den Lohnausfall. Als auf einer Versammlung später der gewachsene Widerstandswille gelobt wird, weiß Müller, woher der kommt. Die Geschichte des Parteiverfahrens ist verwickelt, ein Instrukteur kommt, der etwas finden muss, am Ende bleibt nur eine Rüge. Fleischhauer sagt: „Ach, weißt du André, all das, was wir jetzt hier erleben, hat es schon hundertmal gegeben, und manches, was wir noch erfahren werden, wird uns die Haare zu Berge stehen lassen. Aber ich denke mal, das hebt das Mehrwertgesetz von Marx nicht auf.“ Die Erfahrungen seiner Parteiarbeit verarbeitet Müller zu einer Satire: Die Partei der Knoblauchfreunde, die gerade wieder bei Eulenspiegel erschienen ist, am 25. März liest Müller daraus in Berlin (Ladengalerie der Jungen Welt). „Eine Kampagne in der Partei, Sie haben so was wahrscheinlich nie erlebt, es fehlt Ihnen da wirklich was.“

Ironie

„Ohne Ironie kann man doch nicht leben“, sagt Müller heute. Auch wenn man sich vielleicht wundert, wie gelassen er von ernsthaften Dingen redet, die noch immer Überzeugungen sind. Links sein und ironisch? „Fleischhauer war ein Ironiker. Er hatte die Fähigkeit, die Welt sehr genau zu sehen, was viele Kommunisten tun, die aus diesem Grunde Kommunisten sind – sie wollen die Welt ja verändern. Aber wenn Sie mehr und breiter sehen, können sie das ohne Ironie gar nicht ertragen.“ Man kann bei André Müller eine erfahrungsgesättigte Illusionslosigkeit spüren, die vor Verbitterung schützt. Seine ersten publizistischen Arbeiten waren Satiren für linke Zeitungen. Eine, die über einen Hochstapler, der sich als Kriegsverbrecher ausgibt, um Zuwendungen zu bekommen, und dann bestraft wird, gerade weil er kein Kriegsverbrecher war, hat Slatan Dudow 1956 unter dem Titel Der Hauptmann von Köln verfilmt („ein sauschlechter Film“). Für die Texte gab es damals „5 oder 7 Mark“, „linke Zeitungen zahlen im Zweifelsfall schlecht, das werden Sie selber wissen“.

Konspirative Wohnung

„Sie wissen nicht, was Bürokratie ist. Da weiß die linke Hand nicht, was die rechte tut, und was einmal geschehen ist, ist geschehen. So bin ich zu meiner Wohnung in Ostberlin gekommen. Es war immer schwierig, ein Hotelzimmer zu bekommen, also hab ich vorgeschlagen, ich könnte doch ein Zimmer mieten, daraufhin kriegte ich die Genehmigung. Der Mann auf dem Amt war der Meinung, ich sei ein Westspion. Hacks hat auf Nachfrage immer erzählt, ich sei Agent. Dieser Irrtum ist der beste, der mir in meinem Leben passiert ist, als Stasi-Agent zu gelten, aber keiner zu sein. Man hat alle Vorteile, ich wurde nie wegen dieser Wohnung irgendwie belangt.“ Als Müller in den siebziger Jahren nicht mehr so häufig nach Berlin fährt, vermietet er unter, Heinz Kahlau, der Lyriker, wohnt in der Chodowieckistraße, Wolfgang Harich nach seiner Rückkehr. Müller hält die Wohnung bis zum Ende der DDR: „Danach hätte ich Westmiete zahlen müssen, Mark Ost hatte ich auf meinem Konto immer genug, ich habe noch beim Umtausch ein paar Tausend Mark West gekriegt, das waren Honorare für Bücher, allein die Anekdoten über Brecht hatten 10 Auflagen. Irgendwann hatten Sie mir gesagt, wir haben doch nicht viele Devisen, können wir Ihnen auch Ostmark bezahlen?“

Schreiben

Müller ist ein Morgenmensch (während der Morgen für Hacks immer erst mittags anfing, wenn er aufgestanden war). Ab neun hat er früher geschrieben, drei, vier Stunden, und am Wochenende („Ich bin Proletarier“) war frei. Geschrieben wird mit der Hand, erst die späteren Fassungen werden in den Computer übertragen: „Ab der dritten Fassung schreib ich auf dem Computer.“ Schreibt er noch? „Ich bin gerade dabei, den Briefwechsel mit Hacks herauszubringen. Das machen zwar zwei Leute im Verlag, aber wenn es Fragen gibt, muss ich denen das erklären. Da bin ich die nächsten zwei, drei Jahre beschäftigt. Ob ich dann noch was Großes schreiben werde, weiß ich nicht. Ich glaube aber nicht.“

Theater

Über das Theater, das aktuelle, kann man mit André Müller nicht mehr sprechen. „Gäbe es Theater, ginge ich hinein. Es gibt kein Theater mehr. Gut, die Schauspieler sehen das anders. Kann sein, ich bin da hinter dem Mond zurückgeblieben.“

10:25 10.03.2010
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