Ohne Speck, bitte

Tatort Oh, no, he did it again: Felix Murot aka Ulrich Tukur macht im "Tatort: Das Dorf" einen Ausflug: von Wiesbaden aus in die schnieke Parallelwelt eines Geschmacksdiktators

Wo Ulrich Tukur auftritt, leuchtet keine Farbe mehr, weshalb man sich im Tatort: Das Dorf den Übergang vom Einleitungsschwarzweiß ins entsättigte Geschmackvolldunkel eigentlich hätte sparen können – man sieht den Unterschied ja doch kaum. Das Geschmackvolldunkel ist das Zepter in der Hand von Tukur, der – ob nun durch vorauseilenden Gehorsam oder tatsächliche Mitwirkung – als wahrer Auteur des zweiten HR-Tatorts in Wiesbaden zu wirken scheint. Alles so: Als die Autos H-Kennzeichen trugen.

Der erste Ausflug führte Tukurs LKA-Ermittler Felix Murot – den die herzallerliebste Sekretärin Wächter (Barbara Philipp) tatsächlich französisch, also "Moureau" ausspricht – vor einem Jahr bekanntlich ins Herz der Finsternis der bundesrepublikanischen Nachkriegsgeschichte (RAF-Trauma). Da Murot nur einmal im Jahr kommt, es folglich was Besonderes sein sollte, pimpt der aktuelle Provinzfall seine Geschichte mit Surrealism, einem pseudoschicken Kunstkackelook und einem Bösewicht im grand format: Thomas Thiemes sattes Thüringisch steht hier im Dienste eines Mannes (Bemering), der in diesem strangen Dorf ein ebenso stranges Regiment führt. Bemering hat den späten Nietzsche, den er weltläufig zitiert ("Gott ist tot"), falsch verstanden und nimmt ihn als Anleitung zur Herrschaftsausübung: Wie man dazu sagen soll, ist nicht ganz klar – Bonvivantokratie? Geschmacksterror? Icktatur?

Es ist nämlich so, dass Bemering die öffentlichen Institutionen (Gesundheitswesen, Polizei) und privaten Dienstleister (Schrottwerkstatt, Gasthof) bedient nach seinem Gusto – also ungefähr so wie sich die James-Bond-Bösewichte das mit der Weltherrschaft immer vorgestellt hatten, hätte James Bond sie im letzten Moment darum nicht doch noch immer gebracht. Bemering korrigiert diesen alten Dr. No-Largo-Drago-Fehler und backt in seiner Hybris ersma kleinere Brötchen: First we take this Dorf, das er mit seinem Wohlstand gekapert hat, der sich vermutlich dem Organhandel im großen Stil verdankt, then mal sehen. Dummerweise hat so ein Dorf eine relativ überschaubare Haute Volée, weshalb Bemering meistens allein in der Bel Etage vom Gasthof abhängen muss – mit diesem Dietrich (Tobias Langhoff), der nie was sagt und in Rumänien noch so jung war.

Ein Flügel

steht nicht lang allein

Die Ärztin (die große Claudia Michelsen) kommt noch in Frage genauso wie die Mutter (Alice Kessler), aber das ist auf Dauer etwas öde. Deshalb freut sich Bemering ("Zudem umgeb' ich mich sehr gern mit Menschen, die Sinn für Qualität und gutes Essen haben") wie Bolle, als mit Murot einer vorbeikommt, der einen Fasan noch am Zubereitungsgeruch von der Wildente unterscheiden kann und Weine mit Namen kennt. Mit Murot lässt sich nicht nur das schnieke Gesellschaftszimmer ("22 Uhr Salon, 4 Gläser") mit Leben füllen (unvermeidlicherweise setzt sich Tukur irgendwann hinter den Flügel), es gibt auch jemanden, dem man "philosophische" Gespräche ans Knie nageln kann, die vom "Wert des Menschen" handeln.

Spätestens an dieser Stelle hätte irgendjemandem auffallen können (Buch: Daniel Nocke, der es doch eigentlich besser kann, Regie: Justus von Dohnanyi), dass beim Tatort nicht Laberskat gespielt wird, sondern Fernsehen ist. Wenn schon Wert des Lebens, dann bitte in der Geschichte als Dilemma, aber nicht doch als eitle Diskurslocke auf der Glatze dieser völlig irrelevanten Handlungen (Warum ist Murot seinem Kollegen zu Hilfe geeilt? Wo ist der vom großen Markus Hering gespielte Kollege? Warum musste wer zu Beginn eigentlich sterben? Und wozu liegt dann "Top", gespielt von Matthias Scheuring, wie wir Freunde sagen, auf dem Krankenbett? Was macht dieser Devid-Striesow-Polizist eigentlich sonst so? Warum wird der Schrottwerkstattlehrling abgemurkst? Um es abzukürzen: Was soll der Driss?).

Wenn es wirklich der Einfluss Tukurs ist, der einem dieses Machwerk eingebrockt hat, dann ist der Einfluss Tukurs entschieden zu groß. Diese Der-richtige-Geschmack-Gehubere geht ordentlich "auf den Docht" (René Artois) und ist in solchem Setting feige wie nichts Gutes – wenn Das Dorf an seine ästhetischen Überzeugungen glauben würde, müsste es die Wirklichkeit nicht auf geschmackvolldunkel dimmen, damit alles so erlesen aussehen kann.

Selbstgespräche auf höchstem Niveau

So aber kennt die Selbstverliebtheit keine Grenzen: Statt eines Kollegen hat Murot für die Diskussion bekanntlich seinen Tumor namens Lilly, der hier zurück spricht und tolle Halluzinationen erlaubt, in die Justus von Dohnanyi seine in Männerherzen und Männerherzen 2 performte Vorliebe für die Revue packen kann (– wegen der Hallus bekommt man auch den Eindruck, die Mutter sei nur ins Drehbuch geschrieben worden, damit die großen Kessler-Twins Quando, Quando, Quando tanzen können – was nicht die schlechteste Motivation ist). Weniger weihevoll könnte dieser Surrealism sogar lustig, das Ganze, wie die eigene Titeloptik nahe legt, tatsächlich die Parodie einer Groschenhefträuberpistole sein, in der Leute wie Bemering leben. Nur dafür bräuchte es einen Funken Humor.

Stattdessen putzt sich dieser Tatort permanent den Mund mit gestärkten Servietten. Und hat seine metonymische Szene in dem Moment, als Tukur gleich mit drei Hallus seiner selbst spricht, die alle auf verschiedene Weise zeigen dürfen, zu welch darstellerischer Vielfalt ein Großschauspieler fähig ist. Man ertappt sich bei dem Gedanken, dass die katholische Kirche umgehend ein großangelegtes Comeback feiern sollte, damit die Leute wieder etwas Respekt vor der Liebe zum Selbst kriegen.

Die Lächerlichkeit des Ganzen zeigt sich am Schluss, als eine einzige Ausfahrt der Sekretärin ausreicht, um Murot aus diesem fiesen Nest rauszuhauen. Der alte Peinsack, eben noch auf der Todesliege, jetzt schon wieder auf der Showbühne, hat umgehend Höhe und muss den Bemerwicht im Rausgehen noch so was von demütigen, indem er ihm unter die Nase reibt, dass sein endgeiler Wein leider falsch gelagert war. Don't mess with the Supertopchecker: So wird das nichts mit der Weltherrschaft.

Vorschlag zur Güte: Drei Straffolgen für Murot auf VHS und im Reihenhausmilieu mit Verbundfenstern, Laminat und Gelsenkirchener Barock.

Etwas, das auch Bushido über sich sagen würde: "Er ist ein guter Junge."

Eine Frage von gesellschaftskritischem Format: "Bin ich euer Tanzbär?"

Mal wieder was für den Grabstein: "Ein Altruist"
 

21:45 04.12.2011

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