Raus aus Europa

Tatort Figuren, denen man das Leben abnimmt, das zu führen sie vorgeben, und Tilli lächelt wie noch nie: die plausibel erzählte Berliner Folge "Dinge, die noch zu tun sind"

Nightswimming/ deserves a quiet a night, muss man natürlich immerfort singen, wenn nachts jemand in ein Freibad einsteigt, um dort zu baden. Und auch wenn das nicht die beste Szene und der schönste Ort im Berliner Tatort: Dinge, die noch zu tun sind ist, muss man dann sofort an den Satz denken, der am Anfang einer Kurzgeschichte namens Nachtschwimmen steht: "Die ästhetische Erfahrung eines Swimmingpools konnte mich schon immer begeistern." Genauer und richtiger kann die Schönheit von so was nicht beschrieben werden.

Die Schönheit dieses Berliner Tatort zeigt sich daran, dass er Luft hat. Die Stadt darf atmen in diesem Film, sie musste ja lang genug – Falk Schreiber hat in seinen tollen Tatort-Beobachtungen einmal darauf hingewiesen – die Luft anhalten und irgendwas anderes sein, Weltmetropolenfantasie oder schlimmer: einfach nur Stadt, Großstadt, statt Berlin. Das mit dem Atmen spürt man schon daran, dass hier ein Girl nur U-Bahn fährt nach der langen Nacht oder sein Fahrrad anschließt, was doch recht typische Tätigkeiten eines Teils der Berlinbewohner sind.

Der Milieuismus führt in Dinge, die noch zu tun sind zwar nicht so weit, dass sich auf das für Berlin doch prägende Leben in den Kiezen aka Parallelgesellschaften konzentriert würde – von der Waldsiedlung Zehlendorf führt der Schnitt an die Betontreppe zur Wildwiese überm Velodrom, wo Stark mit einem Superpolizeigriff auf sich aufmerksam macht (ohne dass wir jetzt einem "realistischen" Schnitt das Wort reden wollten) –, aber man muss doch lobend sagen, dass sich die Stadt zeigen darf mit ihren eigenen Orten. Der Start-up-Gecko residiert in der Spitze vom Kollhoff-Tower am Potsdamer Platz und parkt sein Geschoss auf diesem herrlichen Parkplatz am Rand vom selben.

Und der Start-up-Gecko ist ein gutes Stichwort, weil eine hübsche Figur, so sanftkarikaturös-fatzkig ihn Barnaby Metschurat spielt mit der Brille mit Goldrand. Die Figuren atmen in Dinge, die noch zu tun sind auch, das heißt, sie finden zu einem Leben, das man ihnen glauben kann. Selbst Melissa "Wo ist der" Mainhard (Ina Weisse) ist gut konturiert, obwohl sie eigentlich eine Stereotype ist – die von der Krankheit des Falles befallene Kollegin, die's am Ende war. Die Hinweise gibt die Folge aber nur in kleinen Dosen aus (Drehbuch: Jörg Tensing, nach einer Idee von Nadja Brunckhorst, Regie: Claudia Garde), und am Anfang denkt man noch, oh, je, nicht schon wieder eine vom Arbeitsleben abhängig gemachte Königin der Kaputtheit, aber dann erweisen sich die Morphium-Pflaster als hübsch erzählt und das Verdächtigenkarussell fährt einmal im Kreis, ehe es die Erkennungsmelodie von Melissa "Da issa" Mainhard pfeift, die – that's why! – Sophisticated Stark (Boris Aljinovic) umgehend identifiziert: "Cello-Konzert Nr. 1, das ist Bach."

Schweinis Nasenwurz

Der Sauerstoff für die Figuren vitalisiert Tilli (Dominic Raacke), der meliertest auftritt wie ein World Wide Beau (Trug er schon immer so viel Geschmeide?) und beim Anklampfern von Melissa lächeln darf, wie er noch nie gelächelt hat, was doch ein Zeichen ist für den Auslauf, den er vom Standarddialogsatzperformen hier bekommt. Hätte man nicht gedacht, dass Tilli sich noch mal als Troubleshooter des Emotionalen empföhle und Kalenderweisheiten mit Gefühl servierte: "Meine Seele ist voller Narben, aber die Zeit heilt's." Nur dass es mit dem Kuss so lange dauert aka nichts wird, will nicht ganz einleuchten.

Darling unter den Figuren (wir können aus Zeitgründen nicht alle einzeln loben) ist allerdings der junge Stutzer Tom (Leonard Carow), der als Szene-Re-Mod hübsch durch die konspirative Bude tanzt und dessen epic Gesicht einnehmen muss, und da vor allem der Nasenwurz (also wie wuchtig die Nase da zwischen den Augen entspringt), der an das bockige Gutaussehen von Schweini erinnert. Zu dem, was besser ist, als in vielen Tatort-Folgen, gehört Verticker-Toms Flucht aus der Siedlung im Angesicht der Gesetzeshüter, die sich eben nicht drehbucheingeimpften Wissens, sondern einer plausiblen Erzählung (die Mutter warnt vor) verdankt.

Mit der Mainhard-Tochter (Johanna Ingelfinger), die beim Angebot zum großen Ausritt nach Australia dann doch kalte Füße bekommt vor der eigenen Emanzipation von der Erwachsenenwelt und schluchzend auf die Muttertreppe zurückkehrt, findet überdies ein schönes Remake der spezifischen Kindfrauverzweiflung beim Tête-à-tête mit dem sogenannten Ernst des Lebens Eingang in Dinge, die noch zu tun sind – das Original stammt bekanntlich von ganz vom Ende des allergrößten Finke-Tatort Reifezeugnis, wenn Sina Wolf aka Nastassja Kinski an diesem schleswig-holsteinischen See die Waffe nicht entsichert kriegt zur finalen Weltschmerzentledigung.

Rache-Angel of Dahlem

Dass es, dazu recht sachlich, um Drogen geht, die hier "Heaven" heißen, haucht dem Tatort Gegenwart ein, und eine – zumindest kleine – Zukunft wird die Folge haben wegen ihres Endes. Man sortiert zwar noch ein wenig die Rechtslage im Kopf, ob Tilli und Soffy Stark da jetzt wirklich Gnade vor Recht ergehen und Familie Mainhard in den lange verdienten Urlaub abreisen lassen dürfen, und man fragt sich auch, ob mit Aussicht aufs Ende wirklich durchgearbeitet werden muss bis zum Schluss oder ob nicht das letzte Stück im "Endspurt" zurückgelegt werden würde, wie es in der all the time forever größten Krebs-Ballade von Marius Müller-Westernhagen heißt ("Um die Welt ist sie gereist, sie liest alle Werke Kleists").

Andererseits kommen mit Melissas Großprojekt der Selbstinszenierung als Rache-Angel of Dahlem Fragen über Leben und Tod, Opferness und Gerichtsbarkeit auf den Tisch, die sich auf die Schnelle nicht beantworten lassen. Die decent Meldung auf der Mailbox vom Tod des Anwalts Schädlich (Stephan Grossmann sachte hinter der eigenen Frontlinie als Freak) bleibt jedenfalls nicht ohne Wirkung, auch wenn man nicht damit rechnen muss, dass sich die beiden Kommissare dafür in der nächsten Folge noch verantworten müssten.

Ein Satz, der aus Kollegen Freunde macht: "Ich hab' zu tun, siehste doch"

Ein Satz, der aus Kollegen Freunde macht: "Ich beneide sie um Ihre Zeit"

Ein Satz, der aus Kollegen Freunde macht: "Das gibt s ja nicht, was seid ihr denn für Dilettanten?"

21:45 18.11.2012
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