Sagt zum Abschied nicht mal Servus

Tatort: Sonntagabend Uwe Steimle hört nach 15 Jahren beim NDR-Polizeiruf auf. Und es wird ihm kein Abscheid gegönnt. Dabei werden wir ihn noch vermissen, wie die letzte Folge erahnen lässt

In einem Fernseh-Interview hat der Schauspieler Lars Eidinger, der im Kino zur Zeit in Maren Ades Film Alle Anderen zu sehen ist und im Polizeiruf 110: Die armen Kinder von Schwerin eine Gastrolle spielt, kürzlich gesagt, dass die Zusammenarbeit mit Kindern vor der Kamera häufig schwierig sei: "Da gibt's ganz selten welche, bei denen man den Eindruck hat, dass es ihnen Spaß macht und nicht, weil die Eltern sich was dazuverdienen wollen oder weil die Eltern gerne an so nem Film-Fernsehset abhängen. Ich bin immer nur verwundert, wie professionell die sind und wie gut die spielen können. Die können so auf Ansage alles spielen, wo ich manchmal echt länger brauche."

Diese kühle Professionalität war im Polizeiruf zu bewundern. Im Mittelpunkt stehen Mika (Joel Eisenblätter) und Lilly (Paraschiva Dragus), die beiden Kinder von Kurt (Eidinger) und Rose Ratgaus (Fritzi Haberlandt). Und das ist leider eher schrecklich, vor allem Mika, der einen altklugen Atlas gibt und ohne jede Regung (sieht man von dem "Albtraum" ab) die Familie durchzubringen scheint, weil der Vater dazu nicht in der Lage ist. Wird zumindest behauptet; den Säufer, als der uns Kurt vorgestellt wird, nimmt man Eidinger nicht ab.
Als Krimi taugt der Film wenig. Das Drehbuch (Eckhard Theophil, Christine Hartmann) macht es sich bei der Geschichte um einen toten Kleinkriminellen und "Geschäftspartner" von Ratgaus und Bolten (Tom Jahn), der auf den fast reineckerhaften Namen Schuldzeck hörte und einer immer nur angestrengt fremdsprachig fluchenden Mafia zugearbeitet hat, relativ leicht: Jede Vermutung trifft ins Schwarze. So läuft alles auf den Thrill hinaus, ob es den Kommissaren Tellheim (Felix Eitner) und Hinrichs (Uwe Steimle) mit SEK-Hilfe rechtzeitig gelingt, den gekidnappten Klugscheißer zu befreien. Das wird dann aber auch eher ungestüm inszeniert (Regie: Christine Hartmann).

Irritierend war der Polizeiruf aufgrund seiner Besetzung: Kommissar (Eitner) und Mutter (Fritzi Haberlandt) waren doch erst vor zwei Wochen Elektriker und Mutter in dem Bremer Tatort Tote Männer. Gänzlich haarsträubend gerät jedoch erst die gesellschaftspolitische Dimension von Die armen Kinder von Schwerin. So plump wie der Titel wirft die Folge alle aktuellen prekären Phänomene, über die man bei der Zeitungslektüre stolpert (Kupferklau, Kindersuppenküche, Klassenfahrt-nicht-mitmachen-Können, Demografie), in einen Topf und rührt sie noch nicht mal durch: Tellheim liest tatsächlich aus der Zeitung vor wie aus einem Lexikonartikel, dass Schrottdiebstahl das neue kriminelle Ding für wegbrechende Mittelschichten sei. Herrje.

Über die Armut wird geredet wie bei Anne Will, was vor allem bei den Kindern absurd wirkt, zumal sie auch sonst keine Themen haben: der Blick aufs neue Fahrrad, die Pausenmilch, die Ranzen der Anderen scheint immer mehr zum soziologischen Befund zu taugen als einer unmittelbaren Gefühlsregung zu entsprechen, die sich ja selbst Anne Will versprechen würde, wenn diese Kinder auf ihrem Publikumssofa Platz nähmen. Gefühlt sitzen Mika und Lilly aber immer schon in der Expertenrunde. Mika zu Mama, die Tag und Nacht und am helllichten Nachmittag putzt, aber eigentlich Lehrerin ist: "Lillys Lehrerin hört auf, da wird eine Stelle frei, ich kann Dich vorschlagen." Wenn Kinder so reden, muss über das Konzept Kindheit neu nachgedacht werden. Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass der Umgang mit der Armut hier von einer ähnlichen Distanz ist wie einst ein Artikel Michel Friedmans in der ständig nach Scoops suchenden, mittlerweile eingestellten Vanity Fair: Friedman ging in einer Suppenküche und stellte sinngemäß fest – "Mein Gott, sind die alle arm hier".
Es war also ziemlich öde (der Fall) und ziemlich ärgerlich (die Politik), aber es war der letzte Fall von Uwe Steimle als Jens Hinrichs. Deshalb folgt hier:

Eine Würdigung Uwe Steimles als Jens Hinrichs

Schließlich war dessen Mittun der einzige Grund, Die armen Kinder von Schwerin auch unterhaltsam zu finden. Steimles übereifriger Bürokrat ist unter den Kommissaren von Tatort und Polizeiruf einer der wenigen, die glaubhaft das behaupten, was alle wollen: die unaufgeregte Verbindung von Privatleben und Beruf. Selten ist Steimles Hinrichs auch, weil er ungewöhnliche Positionen ebenso glaubhaft besetzt. Gegen die Coolness der meisten Fernsehkommissare verteidigt Steimles Hinrichs zum einen mit Witz den eher stulligen Beamten, der der Wirklichkeit vielleicht viel näher ist. Nach dem Tod von Kurt Böwe, dessen altem, aber mit Geschichte belastendem DDR-Kriminaler Groth er als praxisferner ostdeutscher Wende-Yuppie offiziell sogar vorstand, spielte Hinrichs in Bezug auf seine lässigen neuen Vorgesetzten zum zweiten mit weiblichen Attributen.

Um die einsame Wölfe, die ihm gegenüber sitzen, sorgt er sich mit mütterlich-strenger Zuneigung. Wenn man auch sagen muss, dass Felix Eitner im Zusammenspiel mit Steimles weicher Beamtenschusseligkeit deutlich blasser bleibt als Henry Hübchen als Tobias Törner zuvor. Seinem Vater, den der große Hermann Beyer beiläufig und souverän über das bemühte Buddytum etwa des Axel-Prahl-Vaters im Münsteraner Tatort hebt, von der Standby-Maria-Furtwängler-Mutter im Hannoveraner Tatort ganz zu schweigen, seinem Vater tritt Hinrichs zum dritten, trotzdem er bei ihm wohnt, wie der Vater entgegen: Wo der alte Hinrichs macht, was er will und worauf er Lust hat, macht der junge Hinrichs sich Sorgen. Außerdem hat der Kabarettist Steimle eine ebenfalls sehr eigene, verschmitzte Form von Humor. Besonders schön in dieser Folge, in der der Vater in der Suppenküche für die Kinder kocht: "Mensch, Papi, ne Buchstabensuppe, die Kinder sollen wohl noch was lernen."

Nach 15 Jahren und 31 Fällen hört Uwe Steimle nun auf (gilt auch für den erst 2005 für Hübchen dazugekommene Eitner). Das ist ganz zweifellos ein Verlust, – ganz egal, welche Gründe die Entscheidung motiviert haben; Steimle selbst witterte politische Differenzen – weil gerade in der Schwämme der Fernsehkommissare Steimle ein Charakter war, der dem Eindruck entgegen gewirkt hat, der Tatort/Polizeiruf sei mehr als ein Versorgungswerk für namhafte deutsche Schauspieler, die nicht immer nur auf Kinorollen warten wollen. Das Presseheft nennt zur Erklärung die "fast 20 Jahre", die seit der Wiedervereinigung vergangen sind und reduziert Steimle damit auf einen überholten Proto-Ostdeutschen, für den man ihn früher wegen seines sächsischen Zungenschlags oder kabarettistischer Honecker-Parodien halten konnte.

Tatsächlich kann man an Jens Hinrichs aber sehen, wie sich das, was proto-ostdeutsch ist, in der Normalität einer deutschen Gegenwart "fast 20 Jahre" nach der Wiedervereinigung verfeinert: Der Reiz von Hinrichs besteht gerade darin, dass er erkennbare Wurzeln hat, aber immer weiter dazulernt. Diese Figur in Steimles Interpretation hat anders als solche, die nur auf ihre Marotten festgelegt sind (Schimanski), ein Potential, vielmehr über die Zeitläufte zu sagen als alle Suppenküchen von Schwerin. Sie modernisiert sich quasi dauernd selbst. Wo der Vater noch Küchengeräte repariert ("deutsche Wertarbeit"), hat der Sohn die Lektionen heutiger Krisen gelernt ("den Konsum ankurbeln").
Jens Hinrichs geht, wir werden ihn vermissen. Und der eigentliche Skandal dieser Folge ist, dass zum Abschied niemand etwas sagt.

Das ist die Realität: "Ich latsch' hier einmal pro Nacht mit dem Hund durch, was soll mir da auffallen?"
So kann man die industrielle Leere in Ostdeutschland auf den Punkt bringen: "Seit der Kehre ist hier Schicht."

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21:45 28.06.2009
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Ausgabe 40/2020

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