Schaf, Kindchen, Schaf

51. Leipziger Dokumentarfilmfestival Langzeitbeobachtungen und Kurzschlusstherapien

Die Eröffnung der Retrospektive am zweiten Tag des 51. Leipziger Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm wurde von zwei Flötenspielerinnen musikalisch gestaltet, die beeindruckender Weise phasenweise mit drei Flöten zu Werke gingen. Zwischendurch trat der dynamische Festivaldirektor Claas Danielsen ans Mikrofon und verhaspelte sich zu dem schönen Satz: "Gestern habe ich Ihnen meine Gedanken gemacht." Bekanntlich verhelfen solche Versprecher zu den klarsten Einsichten, weil man mit geradem Satzbau auf so eine Formulierung nie gekommen wäre. Was machte ein Festival wie das Leipziger einem anderes als Gedanken?

Als nicht ungeeigneter Ort dafür erwies sich praktischerweise die Retrospektive, die gemeinsam mit dem Bundesfilmarchiv unter dem Motto "Fremde Heimat" veranstaltet wurde. So fremd wie in dem Film Asylrecht von 1949 war Deutschland einem selten. Der Film handelt über den Flüchtlingsstrom in das britische Besatzungsgebiet, zeigt ausgemergelte Gesichter, die man heute nicht mehr sieht, und Elend, das man nur mehr von den Krisenherden der Welt kennt. Asylrecht ist Dokumentation und Belehrung zugleich, und darin behauptet er traurig die Höhe des Diskurses, wie er im Europa unserer Tage noch immer geführt wird: Indem das Leid gezeigt wird ("Unterernährung ist eine typische Flüchtlingskrankheit"), dient es der Abschreckung potentieller Asylanten. "Für alle gibt es keine Platz", heißt es im Vorspann, wiederum grammatikalisch falsch, aber lapidar wahr über die Grenzen des Wohlstands, den der Kapitalismus verspricht.

Wie eine Fehlleistung einen wunderbaren Film motivieren kann, zeigte Sollbruchstelle von Eva Stotz. Man weiß lange nicht, worauf der Film hinaus will, aber am Ende hat man das Gefühl, es so treffend noch nie erklärt bekommen zu haben. Zu Beginn steht der Bericht eines Menschen, der Jahrzehnte als Manager in einer Firma gearbeitet hat und dem ohne ersichtlichen Grund gekündigt wurde. Er klagt dagegen, wird wieder eingestellt, aber gemobbt, bis er wiederum nach Jahren aufgibt. Sein Scheitern, für das es keine rationale Erklärung zu geben scheint, hat er nie verwunden, und erst im Abspann entpuppt er sich als Vater der Regisseurin. Eva Stotz hat aus dem ihr nahe stehenden Schicksal keinen privaten Film gemacht, sondern eine essayistische Variation des Themas gefunden, die in Komplexität und Schönheit ihresgleichen sucht. Sie führt Bilder an, die Motive aus der Erzählung, aufnehmen, ohne sie plump zu illustrieren. Und sie knüpft Verbindungen durch weitere Protagonisten, die über die offensichtliche Verwandtschaft, wie sie der klassische Themenabend kompiliert, weit hinausgehen. Eine Schülerin erzählt von der Angst vor der Zeit nach der Schule; wenn sie keinen Ausbildungsplatz findet und, wie die Berufsberaterin ihr versichert hat, in den Augen der Gesellschaft nicht einmal arbeitslos wäre, sondern "nichts". Der Besuch bei einem Motivationsseminar zeichnet ein traurig-komisches Bild von Menschen, die versuchen sich vor dem beruflichen Scheitern mit der künstlichen Ich-Aufladung durch einen Coach zu wappnen. Ein von einem Elektronikfachmarkt gesponserter Dauersitzer wird schließlich zum Doppelgänger des Vaters: Mitten in einer riesigen Werbewand in Berlin, die mit feschen Sprüchen ("Er winkt auch zurück", "Halt durch, Alter") sein trauriges Los vermarktet, hockt Stephan, der nachts nicht schlafen kann, weil die Scheinwerfer, die auf ihn gerichtet sind, so hell leuchten, und der seine Ideale als Sportsmann schwinden sieht, weil er das Geld braucht, um Schulden zu begleichen. Wie der Vater träumt Stephan vom Fliegen, und wie der Vater hegt er Selbstmordgedanken - mit dem Unterschied, wie der Abspann informiert, dass sich der Dauersitzer einige Zeit später vom Dach eines Hochhauses gestürzt hat. Über dem Berlin, das Eva Stotz vorführt (Kamera: András Petrik), liegt eine fremde Traurigkeit; die Werbewand, die eine Alltagswahrnehmung stumpf registriert, erscheint in aller Monstrosität gegenüber dem Menschen, den sie ausstellt. Gerade durch seine distanzierte Kühle gelingt Sollbruchstelle eine genaue Momentaufnahme der aktuellen Arbeitswelt. Das poetische Zentrum des Films ist eine Traumerzählung des Vaters, die er - und das ist die Fehlleistung - aus der Isolation seines Büros beobachtet haben will: Eine Schafherde mit wenig stolzen "Dorfschäfern", die eine Brücke erklimmen; ein verletztes Schaf bleibt zurück, wird eingesammelt von einem weiteren, klumpfüßigen Schäfer im Ford Granada. Die Regisseurin hat diese Geschichte ihres Vaters, die seine Geschichte ist, gekleidet in immer archaischer werdende Bilder, als Kindergeschichte Erstklässlern erzählt, die in der Schule eine philosophische Erziehung genießen. Der Streit der Kleinen geht über die Schuld, ob die nun Schaf oder Schäfer trägt, ehe ein Junge salomonisch und beunruhigend fragt: "Was wird aus dem Schaf, wenn in der Natur kein Schäfer da ist?"

Was aus dem Menschen wird, wenn kein Halt da ist, war in Helena Trestikovas Langzeitbeobachtung René zu sehen. Bereits im vergangenen Jahr hatte die tschechische Filmemacherin mit der über Jahre dokumentierten Lebensgeschichte von Marcela Besucher in Leipzig zu Tränen gerührt. René nun erzählt in unsentimentaler Serialität, wie ein Schritt vom Wege in die Sackgasse einer Biographie führt. Als Pubertierender in der Armeeschule stiehlt er Mitte der achtziger Jahre aus Jux und Übermut Geld und wird zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Die Filmemacherin pflegt seitdem mit ihm Kontakt, besucht ihn immer wieder und bildet so ein Leben ab, das nur aus Stillstand zu bestehen scheint: Jede Entlassung ist das Vorspiel für die nächste Strafe, wenngleich René, der im Gefängnis zwei Bücher schreibt, fortwährend Besserung gelobt. Draußen zieht derweil die Geschichte vorbei und wechselnde Staatsmänner schwören im Fernsehen Eide auf wechselnde Staatsgebilde, worauf jedes Mal die stolze tschechische Hymne ertönt. Trestikovas Film psychologisiert wenig, er konzentriert sich ganz auf seinen Protagonisten, und lässt damit vor allem gegen Ende manches im Vagen. Dennoch ist René ein bewegender Film: Man schaut einem jungen Menschen beim Verwelken zu, einem schönen Gesicht, das trotz seiner pickeligen Unversöhnlichkeit irgendwann einmal ein Versprechen gewesen ist. Und es ist ein Film, der sich Gedanken macht über sich selbst - was die Filmemacherin an ihrer Figur interessiert oder wessen Handschrift die Dokumentation eigentlich trägt.

Die Entscheidung der Jury, mit René einen klassischen Dokumentarfilm als besten des Internationalen Wettbewerbs auszuzeichnen, ist bemerkenswert angesichts der Bemühungen des Leipziger Festivals, neuen Formen dokumentarischen Erzählens zur Aufmerksamkeit zu verhelfen. Die Entscheidung der Jury des Deutschen Wettbewerbs, Hochburg der Sünden von Thomas Lauterbach mit der Goldenen Taube zu ehren, ist dagegen bedenklich. Lauterbachs Dokumentation begleitet die Probenarbeit an einer Stuttgarter Medea, die Regisseur Volker Lösch mit türkischen Frauen inszeniert hat. In seiner Parteinahme für den Theatermann, der sich im Film als stattliche Krawallcharge präsentiert, empfiehlt sich Hochburg der Sünden zuerst und allein für die Henryk-M.-Broder-Ehrennadel in Bronze für fundamentalistische Westliche-Werte-Verteidigung. Alles, was die Inszenierung den Frauen, die nie Theater gespielt haben, an Ausdrucksmöglichkeiten schenkt, überdeckt der Film, in dem er sich darauf kapriziert, Aysel, die einzige Kopftuchträgerin in der Gruppe, einer Instant-Therapie unterziehen zu wollen. Ihr soll eine westliche Offenheit eingeimpft werden, deren Vorstellung so beschränkt ist, für den Höhepunkt von Freiheit zu halten, dass jemand auf der Bühne nur laut genug "Ficken" schreit.

Das Unangenehme an Hochburg der Sünden ist, dass man die angeberhafte Lust von Volker Lösch spürt, einer Frau, die zweifellos ein für unsere Verhältnisse mittelalterliches Geschlechterbild pflegt, die Flötentöne seines total entspannten Schocker-Liberalismus beizubringen. Und dass er sich nicht zu schade dafür ist, die offene, fast "überqualifizierte" Annabella gegen Aysel auszuspielen. Abgesehen davon, dass "Alle gegen eine" unfair ist: Toleranz bringt anderen Kulturen nicht näher, wer großspurig davon ausgeht, sie selbst nicht mehr nötig zu haben. Amüsanterweise durchschaut die beherzte Aysel den Budenzauber, auf den sich Lösch so viel einbildet ("Spielen befreit"), wie ein kritischer Theaterkenner: "Sie verwechseln uns mit den Schauspielern, die für ihre Rolle alles tun würden." So kann man in Lauterbachs Film sehen, wie das Bewusstsein, alles richtig zu machen, allein den falschen Weg leuchtet.

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