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Tatort 20 Folgen Münster – und plötzlich sieht es hier aus wie in Köln. Thiel zeigt Gefühle, und Boerne entpuppt sich als Judith-Butler-Schüler: der "Tatort: Zwischen den Ohren"

Es kommt nicht häufig vor, dass Münster sich dessen annimmt, wofür der Tatort in erster Linie – und ob einem das nun passt oder nicht – da ist: gesellschaftliche Problemlagen zu vermitteln. Münster pflegt sein Anderssein auch durch eine Distanz zu den Stoffen, die etwa Köln so pflichtschuldig und sozialdemokratisch bearbeitet wie die Tagesschau. In Zwischen den Ohren geht's – wie neulich schon in Köln (sic) – um Geschlechterfragen, Intersexualität und sogar um Aktualität: Irgendwann musste, angesichts des Loses der upcoming Tennislady Nadine Petri, der Name Caster Semenya fallen – jener 800-Meter-Läuferin, die nicht in die Kategorien passte, in denen der Leistungssport denkt.

Das gänzlich Unmünsterische dieses Münsteraner Tatort (Buch: Christoph Silber, Thorsten Wettcke, Regie: Franziska Meletzky) zeigt sich daran, dass Kommissar Thiel (Axel Prahl), bislang ein Agent des Raunzigen und des Stammelnden, ungewohnt mitgenommen wird von der Geschichte um die genderlaunige Nadine (Anna Bullard) und die tote intersexuelle Susanne (Katja Heinrich). Derart emotionalisiert bittet er am Ende gar den ewigen Boerne (Jan Josef Liefers) durchs Telefon: "Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal zu Ihnen sagen würde, aber ich möchte gerade nicht allein sein." Selbst Boerne erkennt man nicht wieder. Zwar gibt es noch bei jeder Erwähnung eines Adjektivs aus dem Feld des Diminutiven einen Blick zu "Alberich" (Christine Urspruch). Aber zugleich wird in Boernes Angeberwissen umstandslos Intersexualität eingemeindet, und schließlich erweist sich der schnöselig-chauvinistische Professor als Judith-Butler-Schüler, wenn er Thiel nach der heimlichen Untersuchung von Nadine erklärt, dass über Gender nicht zwischen Beinen, sondern im Kopf entschieden werde. Wenn das seine Erfinder sehen! Der Pulloverausziehtechnikgag auf Kosten von Staatsanwältin Klemm (Mechthild Großmann) dürfte eher in deren Sinne sein.

Zwischen den Ohren betreibt also eine Art Entmünsterisierung von Münster, zu der auch die Annäherung der immerfort einsamen Thiel und Boerne gehört. Die erfolgreiche Preisverleihung an Boerne weckt in diesem Gefühle, die bislang durch Komik überspielt wurden: Der Professor erkennt im Moment seines Triumphs vor allem die eigene Einsamkeit und klopft beim Nachbarn an die Tür – der Abend endet trunken in "Brüderschaft". Dass solche Formen der Versöhnung die Konstruktion der Gegensätze gefährdet, aus denen Münster seinen zwiespältigen Reiz bezieht, scheinen die Drehbuchautoren aber rechtzeitig gemerkt zu haben, weshalb am nächsten Tag im Büro wieder gesiezt wird.

Immer wieder Steffen Simon

Ähnlich verhält es sich mit dem gemeinsamen Fußballschauen: Zwar will Thiel nicht allein sein, aber nicht nerven darf Boerne auch nicht. Die Ermüdungserscheinungen des schlichten Antagonismus' zwischen Thiel und Boerne, der nun 20 Folgen lang performt wird, sind offensichtlich – fraglich ist nur, wie eine Entwicklung beider Charaktere aussehen könnte, ohne sie in ihrer Anlage zu beschädigen.

Aufs Niveau drückt der Fall. Wie immer könnte man sagen, weil in Münster wegen der Witze eher so nebenher ermittelt wird. Hier sind die Spuren aber so weit verstreut, dass man irgendwann keine rechte Lust mehr hat draufzukommen, wer der Täter ist: Angefangen von Boernes nichtssagender Verbindung mit der toten Susanne, dem Zwischenspiel im Rockerschuppen hin zu den wenig ausdifferenzierten Tenniseltern (Judith Engel, Alain Blazevic). Am Ende wird, zur Diffusität der Lage passend, entschieden auf Kollektivmord – den unehelichen Bruder des Etappentods – zur Rettung des Ochsen, der da drischt. Die Interessen des Unternehmens können nicht die Interessen sein, die der Einzelne hat.

So nah war Boerne noch nie an dem, was die Leute wirklich denken: "Den mögen Sie wohl nicht, den Herrn Lahm"

So mühsam kann ein Running Gag sein: die wiederholten Versuche Thiels, das Pokalspiel zu schauen, konfrontieren den Betrachter immer wieder mit dem Kommentar Steffen Simons


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21:45 18.09.2011
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Ausgabe 43/2021

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