So was braucht Zeit

Schimanski Schimanski macht, was er immer gemacht hat und neuerdings auch noch auf CSI. "Schuld und Sühne" lässt irgendwie an die Wut Rudi Völlers denken – unterste Schublade

Was das soll, muss bei Gelegenheit noch mal jemand erklären. Schimanski tut es immer noch, und obwohl die personalisierte Rückkehr ins Krimigeschäft seit 1997 läuft, nimmt man davon eigentlich keine Notiz. Es hat einfach nichts zu tun mit dem Tatort-Kommissar, der von 1981 bis 1991 so populär war, dass zwei Folgen gar im Kino liefen. Besser: Es ist eigentlich egal, ob Schimanski noch heute im Fernsehen auftaucht oder nicht, weil das den, sagen wir ruhig mal, Mythos eh nicht kümmert. Was man schon an diesem uninspirierten Vorspann erkennen kann, bei dem das unterliegende Geräusch kaum als Musik zu erkennen ist, schon gar nicht als eine, die man wiedererkennen könnte.

Zwischen dem letzten Fall und dem heutigen liegen zweieinhalb Jahre, und wenn es noch einen weiteren geben sollte, kann man fast sicher sein, dass auch der überflüssig ist. Die ganze Erzählkonstruktion stimmt nicht; wie da einer, der eigentlich Rentner sein soll, doch immer wieder Rächer der Verdammten wird. Naturgemäß muss aber dauernd auf diese Konstellation angespielt werden, was in der Folge Schuld und Sühne bedeutet, dass alle aktiven Polizeimeister fortwährend "Rentner" zu Schimanski sagen dürfen, gleichzeitig aber immer alles auf Schimanski zuläuft. Der tote junge Polizist Oliver Hoppe (Jan Pohl) ist der Sohn von Schimanskis "alter Freundin" Sonja (Ulrike Kriener), weshalb Hotte dann dauernd auf dem total korrupten Polizeirevier Ruhrstraße rumlaufen darf, um seine Nase in Sachen zu stecken, die in eigentlich nichts mehr angehen dürften.

Zum Glück arbeitet sein alter Kollege Hänschen (Chiem van Houweninge) noch bei der Polizei, der lässt ab und zu mal Infos rüberwachsen. Gleichzeitig fragt man sich bei Hänschen, was der mit seiner Altersvorsorge respektive dem deutschen Beamtenrichtlinien angestellt hat, dass er mit 70 noch immer arbeiten muss oder auch darf. Hänschens neuer Chef heißt Hunger (Julian Weigend), der naturgemäß diesen öden Generationengegensatz perpetuieren muss bis zum get no; man denkt dann unweigerlich an das schöne Lied der Band Mutter ("Die Alten hassen die Jungen bis die Jungen die Alten sind"), und damit wäre eigentlich alles zum Thema gesagt.

Bülow macht den Brambach

Wäre da nicht noch Hotte Schimanski, den Götz George mit seinem ewig zerstreut-manieriert-geatmeten Gerede in die Nähe von Thomas Gottschalk rückt – der hat sich auch am eigenen Leib überlebt, da sieht man auch nur noch einen rhetorischen Mechanismus, der Mitte der achtziger Jahre neu war. Wie sonst nur Ulrich Tukur gelingt es George mit seiner Schimanski-Figur den gesamten Krimi zu unterjochen und alles um ihn herum, also Duisburg, in eine Horst-Schimanski-Landschaft zu verwandeln: Angefangen von dem ewigen Currywurst-Pommes-Gepicke, mit dem man von 25 Jahren vielleicht noch Distinktion nach unten betreiben konnte. Das joviale, immer pleite seiende Kumpelgetue, dass permanent street credibility in eine höhere, zeitlose Moral verwandelt (so verrottet und zynisch wurde der Polizeiberuf selten dargestellt, und der Vorwurf an Schimanski lautet dann immer, dass er doch keine Ahnung mehr habe, was so geht), ist die eigentliche Eitelkeit, die Schimanski aber immer nur den anderen vorhalten darf. Sichtbares Zeugnis für die Sonnengotthaftigkeit Schimanskis ist, dass sich immer alle anderen opfern müssen (die Geliebte kommt ins Krankenhaus, Hänschen wirft sich in die Schüsse).

Die Schauplätze dienen immerfort als billigster Kontrast: Das total korrupte Polizeirevier, das innerlich schon geschlossen hat vor den Verheerungen da draußen, ist in einem stylishen Gilb gehalten, damit auch ja der adelige (sic!) interne Ermittler von Rüden (fast lupenreiner Martin-Brambach-Hattrick im Januar 2011: Johann Bülow, der Geschäftsführerfrisör-Edelpuffschönheitschirurgenbesucher) als abgehobener Schnösel in schicker Bürokulisse mit Blick nach draußen appearen kann. Da stimmt doch was nicht. Von der tropfenden, stillgelegten Industriearchitektur ebenso zu schweigen wie von der umständlichen Geschichte (Buch: Jürgen Werner), bei der dann der Chef das größte Schwein von allen ist.

Aber sonderbarsten aber ist, dass Schimanski als Bruce-Willis-Figur avant oder auch pendant la lettre – also als jemand, der körperlich immer einstecken muss, damit er am Ende doch triumphiert –, plötzlich auf Details achtet wie diese Tätowierung der toten Sexarbeiterin. Die Schimanski-Tatorte haben gerade nicht von dem Spürsinn der Hauptfigur gelebt, sondern vom möglichst brachialen (Körper)Einsatz against all odds, und jetzt kommt Hotte an, hat seine CSI-Lektion gelernt und liest da tote Körper wie ein Buch.

Mit Gegenwart hat das doch alles nichts zu tun. Und daran, dass Hannes Jaenicke (der Vaterdarsteller von diesem armen Lindholm-Kind aus dem Hannover-Tatort), der hier eine irgendwie diffuse Rolle spielt, mit Götzimausi schon in Abwärts im Fahrstuhl fest hing, will man überhaupt nicht erinnern.

Das einzige, was einem hier noch einfällt: Was hätte Thanner dazu gesagt?

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21:45 30.01.2011
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Ausgabe 18/2021

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