Suppig

Linksbündig Schön doof: Eine Kontroverse um Volker Schlöndorff, das Erbe der Defa und den entsprechenden Tonfall

Anfang Dezember ließ der bekannte Regisseur Volker Schlöndorff sich von einem Reporter der Märkischen Allgemeinen besuchen, zeigte seinen Max-Frisch-Jaguar vor sowie seine Marathonzeiten (täglich zehn Kilometer Training) und erwähnte, dass er Defa-Filme "furchtbar" fand, weil bei der Defa alles vor sich "hingesuppt" habe.

Die Berliner Zeitung stieß sich daran, woraufhin Schlöndorff, kaum dass er von einer Arbeitsreise aus Polen zurück gekehrt war und den Text in der Märkischen Allgemeinen überhaupt erst lesen konnte, einen Leserbrief schrieb. Darin schlug er vor, seine Äußerungen als "groteske Übertreibungen" zu werten: Wer ihn kenne, wisse, dass solchen Sätzen von ihm überhaupt nur der "entsprechende Tonfall" zugeordnet werden könne, nämlich der der "epischen Übertreibung".

Da nun aber unmöglich jeder Leser der Märkischen Allgemeinen Volker Schlöndorff kennen und also den entsprechenden Tonfall zu jedem Volker-Schlöndorff-Satz zweifelsfrei zuordnen kann, bemerkte Schlöndorff auch noch, dass er Ecke Schönhauser (sic!), Ich war 19, Spur der Steine, Jakob der Lügner "und viele andere großartige Filme" überhaupt erst habe entdecken können, nachdem er "hierher" gekommen sei, um 1992 Geschäftsführer der vormaligen Defa-Studios zu werden.

Auslandsvertrieb

Er wies zudem darauf hin, dass Defa-Filme im Ausland nicht zu sehen gewesen seien, ja nicht einmal Konrad Wolfs Solo Sunny, der 1980 auf der Berlinale lief, am 10. April des Jahres in die westdeutschen Kinos kam und drei Jahre später ins Fernsehen (ZDF), während sich Volker Schlöndorff in München vermutlich immer noch an "größten Bemühungen beteiligte", den Film überhaupt erst dem Ausland zugänglich zu machen.

Mittlerweile stieß sich ein offener Brief von Defa-Filmschaffenden an Schlöndorffs Kritik, in dem eine dreistellige Unterzeichnerzahl auf die Weltgeltung und andere Erfolge des DDR-Kinos verwies. Also wies Schlöndorff im entsprechenden Tonfall daraufhin, er wolle "nicht etwa relativieren, mich entschuldigen oder sonst wie davon Abstand nehmen", sondern Fragen stellen: "Ist dieser Protest nicht ein Sturm im Wasserglas? Wen interessiert das außer DDR-Nostalgiker? Wieso sind die prominentesten Unterzeichner frühzeitig in den Westen gegangen, wenn es bei der Defa nicht doch ›furchtbar‹ war? Von angeblich 10.000 produzierten Filmen zählen 10 zu einer Bestenliste: Wie viel Prozent sind das? Waren die Filme frei, inhaltlich und ästhetisch? Waren ihre Autoren frei?"

Wer Schlöndorff kennt, weiß, dass er solche Fragen nur im Tonfall der epischen Übertreibung stellt. Mit der ästhetischen Freiheit kennt er sich aus, im letzten Jahr hat er der Versuchung widerstanden, den beliebten Bestseller Die Päpstin zugleich für Kino und Fernsehen zu verfilmen, weshalb Sönke Wortmann das jetzt macht. Bleiben noch drei Fragen: Könnten die Verteidiger des DDR-Kinos 16 Jahre nach dem Ende der Defa nicht auch gelassener auf jemanden reagieren, der im entsprechenden Tonfall epischen Unsinn redet? Wann wird Schlöndorffs Marathonzeit dreimal so gut seine wie seine zuletzt recht suppigen Filme? Und: Kann man das in Prozent ausdrücken?

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00:00 18.12.2008
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Ausgabe 14/2021

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