Über den Dächern von Stuttgart

Tatort Im Stuttgarter Tatort "Das Mädchen Galina" geht's munter um die großen Themen: Politik, Sex, Mord, Migration. Und natürlich: Liebe. Wenn die auch falsch verstanden wird

Der Stuttgarter Tatort führt vor Augen, dass es immer zwei Sorten von Polizisten gibt: die schlichten und die coolen, den stulligen Streifenbeamten und die lässigen Kriminaler. Das hängt damit zusammen, dass die Hauptrolle (Thorsten Lannert) von Richy Müller gespielt wird, der aus dem Kino in den Tatort hinabgestiegen ist und dementsprechend eine Figur mit Charakter geben muss, Ecken und Kanten und was da alles dazugehört. Also wird Stuttgart gedisst (Lannert kommt der Legende nach aus Hamburg), und jede Folge beginnt mit einer kleinen Regelwidrigkeit (diesmal: Blaulicht, um die rote Ampel nicht abwarten zu müssen). Kann man machen, wirkt aber auch diesmal immer noch etwas bemüht, vielleicht ist der Gegner auch zu schwach – wer findet schon Stuttgart cool?

Aber wir wollen nicht immer nur jammern: Das Mädchen Galina war eine durchaus überdurchschnittliche Tatort-Folge, weil spannend und wenig gefühlig, wenn auch das Zitat im Titel (Das Mädchen Rosemarie) sich erst dem erschließt, der weiß, worum es geht: die feine Gesellschaft und die Prostitution. Das Buch (Stefan Brüggenthies) treibt die Aufklärung mit interessanten Details voran: dem Duft der Täterin (Côte Fleurie) und dem Regen, der auf das Fenster klopft und die Tatzeit verrät. Beides allerdings ein wenig ungeschickt inszeniert: Dass Mörder-Mareen (Margarita Breitkreuz) Kommissar Lannert bei der Beerdigung der toten Galina derart lange und unbequem in den Armen liegen muss, damit Lannert dann nach dem Parfüm riecht, dass die Staatsanwältin erschnuppern kann, sieht ziemlich albern aus. Und dass der Regen als Zeitindikator in einem Film dient, der auf MiniDV aufgenommen wurde, ist eine Ermittlungscoup aus der vordigitalen Zeit: Irgendwo hätte sich auf der MiniDV Datum und Uhrzeit der Aufnahme finden lassen.

Das Problem der einsamen Wölfe

Der Tatort ist auch deshalb interessant, weil er eine Art bundesrepublikanischer Lehrfilm für die Massen ist. Zu loben war in diesem Sinne, wie die Herkunft von Kriminaltechnikerin Nika Banovic (Miranda Leonhardt) erzählt wurde: ohne Gerechtigkeitspädagogik, recht still, eher nebenbei und doch mit einer Ahnung für die Feinheiten eines Lebensgefühls, das nicht konform geht mit der Mehrheit der gelebten Lebensgefühle. Dass so was nicht ohne eine halbe Liebesgeschichte mit diesem trauerkloßigem Galina-Bruder zu haben ist, kann man eher verschmerzen als die Tändelei von Lannert mit seiner Studentennachbarin (die, lustigerweise, ein Referat über "Gewaltdarstellung im Fernsehen" halten muss, dann, lustigerweise, einen Film anschaut, von dem man gerne gewusst hätte, welcher Fernsehsender den produziert hat, und dabei, lustigerweise, einschläft). Das ist ein Problem der einsamen Wölfe, die Tatort-Kommissare werden müssen: Sie haben immer eine Nachbarin, die von ihnen etwas will, ist in Hamburg bei Cenk Batu nicht anders.

Und wo wir gerade beim Vergleichen sind: In Stuttgart, dem "Hamburg des Südens", geht einiges. In der Bermuda-Bar von Zuhälterfotograf und Politikerstudienfreund Wolf Zehender (Christian Koerner) steppt der Bär, da sollte das Limelight in Konstanz mal eine Delegation hinschicken, wenn es nicht schon geschlossen ist. Dieser Zehender ist überhaupt eine interessante Figur: eine Art Schwaben-Berlusconi, der mit seinen Girls jede Party zur Orgie macht (Stuttgart, das Sardinien des Nordens?)

Prostituierte flirten immer mit dem Kommisar

So differenziert Das Mädchen Galina mit Noka Banovics Selbstverständnis umgeht, so platt sind die Prostituierten dargestellt. Prostituierte sind nie nur Zeugen, sie flirten naturgemäß auch mit dem Kommissar, der sie verhört. Das scheint doch eine recht romantische Vorstellung zu sein, die reichlich Schauwerte für den männlichen Zuschauer produziert. Womit wir beim einzigen gravierenden Problem wären: dem Schluss. Wie vor eine Woche in Bremen resultiert der Aufbau am Ende in Trash. Dass eine Frau, für die Sex Arbeit ist, sich in einen Freier verliebt und ihm einen Schrein baut mit sorgfältig ausgeschnittenen Zeitungsausschnitten, ist ebenfalls eine romantische Vorstellung. Sie entstammt wohl eine Freier-Fantasie, die kurzerhand auf die Frau projiziert wird, damit der Mann auch noch unschuldig ist an seinem Glück. Männer können ihre Gefühle nicht zeigen.

Immerhin: Man hat etwas fürs Leben gelernt. Argumente für den Fall, dass die Gattin einmal hinter die bezahlte Seitensprünge kommen sollte ("Das hat doch nichts mit Dir zu tun"). Und unseren Entschluss, dereinst in einem schicken Haus mit sehr viel Glas wohnen zu wollen, überdenken wir auch noch einmal: Man sieht doch immer, wer vor der Tür rumlungert.

Das ist die Einstellung, die den Arbeitgeber erfreut: "Sebastian, was machst denn du hier?" – "Na, ich habe Dienst" (Kommissar Bootz am Tag, nachdem er angeschossen wurde, im Büro)

Kommt als Ausrede nicht so gut: "Ich kann in meinen Kalender auch Angela Merkel reinschreiben."

Das hat über Politiker noch keiner gesagt: "Die labern doch alle den gleichen Mist."

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

21:45 21.06.2009
Geschrieben von

Ausgabe 41/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 8