Unser täglich Brot

Im Gespräch Der Journalistikprofessor Volker Lilienthal über Abwehrkämpfe von Zeitungsverlagen gegen Blogger, Schwierigkeiten bei der Studentenmotivation und „Qualitätsjournalismus“

Der Freitag: Als ich Ihre Stellenbeschreibung zum ersten Mal gelesen habe, „Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur für Qualitätsjournalismus“, ...

Volker Lilienthal: ... „für Praxis des Qualitätsjournalismus“ ...

… musste ich schmunzeln.

Ja, die Bezeichnung ist in der Tat etwas sperrig. Aber Rudolf Augstein ist mir als Lesendem bekannt, seit ich 14 bin. Damals habe ich mir immer bei meinem Großvater den Spiegel abgeholt. Qualitätsjournalismus – dem Leitbild habe ich mich immer verpflichtet gefühlt, wobei ich weiß, dass das nur eine Zielgröße ist, die wir alle nicht in jedem Artikel erreichen.

Der Begriff ist doch erst in den letzten Jahren aufgekommen.

Das ist eigentlich ein Modewort. Aus meiner Sicht auch ein ideologischer Begriff, der kaschieren soll, dass der Qualitätsjournalismus tatsächlich durch manche Prozesse gefährdet ist.

Meint der Begriff nicht statt eines bestimmten Journalismus nicht eher ein bestimmtes Medium – nämlich die gedruckte Zeitung?

Dieser Eindruck entsteht, wenn traditionelle Journalisten in einen Abwehrkampf gegen Blogger und Online-Journalisten gehen. Die Rede vom Qualitätsjournalismus kommt daher, dass Zeitungen nicht mehr automatisch gekauft werden. Die jüngere Generation hat kein Abo, der Einzelverkauf am Kiosk geht zurück. Da haben Verleger gemerkt: Uns bricht der Markt weg. Sie haben darauf reagiert mit der Rede vom Qualitätsjournalismus. Ideologisch ist das, wenn Verleger immer davon ausgehen, unser Produkt ist an sich hoch qualitativ, wir müssen uns gar nicht bemühen. Und die Zeitung bleibt auch gut, selbst wenn wir jetzt Dutzende von Redakteuren rauswerfen. Das ist natürlich Quatsch. Aus Sicht der Leser ist es ein Pleonasmus, ein „weißer Schimmel“. Erwarten wir nicht alle legitimerweise von jeglichem Artikel Qualität? Das normale Publikum versteht das eigentlich nicht.

Also ist der Begriff überflüssig?

Das glaube ich nicht. Weil wir reale Abbauprozesse haben, oder wenn wir erfahren, dass uns das Publikum ignoriert, dann erodiert das Wertbewusstsein. Insofern hat der Qualitätsjournalismus schon seine Funktion als ein Leitbild, das zu Höchstleistungen anspornen sollte, wobei ich auch gleich sagen will: Qualitätsjournalismus ist für mich nicht Elite-Journalismus, der nur in Hamburger Top-Blättern stattfindet. Sondern eine Querschnittsaufgabe für alle Medien, für besseren, unabhängigen Lokaljournalismus und auch online.

Bei den realen Arbeitsbedingungen kommt „Qualitätsjournalismus“ aber nicht so oft vor wie in Sonntagsreden.

Die hohe Moral kann nicht die guten Arbeitsbedingungen ersetzen. Wenn die Arbeitsbedingungen schlecht sind, nützt einem die Moral auch nichts. Gleichwohl glaube ich, dass wir Journalisten im Moment eine Unterfütterung unseres Selbstbewusstseins brauchen.

Wie sehen denn schlechtere Arbeitsbedingungen aus?

Journalismus hat starke rezeptive Anteile: Man geht erst zu Leuten hin und redet mit denen. Dann kommt die Produktionsphase, in der diese Recherche in einen Artikel umgearbeitet wird. Nach meiner Beobachtung wird die rezeptive Phase immer mehr verkürzt – weil Mitarbeiter fehlen und weil das Produzieren wichtiger wird. Viele Journalisten müssen heute gleich für mehrere Plattformen schreiben. Im Lokaljournalismus kommt es vor, dass aus einer Ratssitzung heraus der schnelle Teaser für eine Online-Plattform des Verlags geschrieben werden muss. Wenn ich das mache, dann höre ich in dem Moment nicht mehr dem zu, was debattiert wird.

Ist der Lokaljournalismus der Bereich, in dem der Medienwandel die größten Probleme verursacht?

Da tue ich mich mit einer Pauschalisierung schwer, weil ich Lokaljournalisten kenne, die eine sehr engagierte Arbeit machen. Aber nach meiner Beobachtung sind viele Lokalzeitungen beispiels­weise zu schnell bereit, ein Investorenprojekt, das die Verwaltung ausschreibt, einfach zu befördern, anstatt es zu hinterfragen.

Ist der Blogger deshalb ein Feindbild: weil er die Preise verdirbt?

Im Grunde gab es Blogger früher schon in der Lokalzeitung. Das waren pensionierte Lehrer, Vorsitzende von Vereinen, und die kamen in die Redaktionsstube und mussten einen Bückling machen, damit der Herr Redakteur gnädigerweise ihren Artikel druckte. Dieses Hierarchieverhältnis hat sich umgedreht. Das verunsichert den Journalisten, der früher der Torwächter war, der allein entschied, was veröffentlicht wurde und was nicht. Das gibt es so nicht mehr. Das ist auch gut so.

Das muss man den Zeitungen aber noch erklären. Ich verstehe die Gehässigkeit nicht, die bei diesen Abwehrkämpfen stellenweise herrscht. Sie beherrscht auch die Auseinandersetzung zwischen den Verlagen und den Öffentlich-Rechtlichen TV-Anstalten um deren Internetangebote. Dabei könnte man doch sagen: Nicht das Fernsehen wird online zur Zeitung, sondern die Zeitung wird im Internet zum Fernsehen.

Wenn schon Wettbewerb, dann richtig. Es ist die digitale Technik, also eine innovative Kombination aus Kreativität und Kapitalismus, die den Wettbewerb zwischen den Medienanbietern verschärft hat. Digitalität erleichtert und beschleunigt den Austausch von Inhalten auf vielerlei Plattformen. Alle können alles: Der Zeitungsverleger macht Radio und Fernsehen – übrigens schon seit den 1980er Jahren, eine damals äußerst unliebsame Konkurrenz für ARD und ZDF –, und nun geht beides zusammen via Internet. Ebenso muss es dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk unbenommen bleiben, seine Sendungen online neu aufzubebreiten und mit Hintergrundtexten anzureichern. Schlicht weil wir das Maximum an Information wollen. Wettbewerb lässt sich nicht protektionistisch stillstellen. Von ihm profitiert am Ende das Publikum.

Andererseits verdienen die Verlage immer noch Geld. Sie sagen dann aber immer, Verlage seien nicht zu vergleichen mit Konservenfabriken. Was halten Sie von dieser Aussage?

Geist aus der Konserve – nein, danke. Ich würde einen anderen Vergleich ziehen, vom Journalismus zum Brotbacken. Es gibt gutes und schlechtes Brot, aber wir sind alle daran gewöhnt, dass wir für Brot bezahlen. Beim Journalismus sind wir nicht mehr gewohnt, dass wir dafür bezahlen. Da stimmt etwas nicht in unser aller Wertehierarchie: Wenn wir erwarten, dass journalistische Produkte, die Gehirnschmalz verlangen, bevor sie gut und genießbar sind, im Internet umsonst zu haben sein sollen.

Brot ist Brot. Was in der Zeitung steht, kann dagegen auch auf einem Bildschirm gelesen werden.

Sie meinen, dass die Zeitung auf Papier irgendwann obsolet wird?

Genau.

Das halte ich für absolut möglich. Die jungen Generationen sind von Anfang an gewöhnt, im Internet zu surfen, auf dem iPad zu lesen. Ich will nicht einen überholten Lobgesang auf die gedruckte Zeitung anstimmen. Aber es ist doch so: Technisch ist es unaufwändiger, wenn ich einen gedruckten Spiegel mit in die Bahn nehme und mir den durchlese. Das Gerät iPad ist an sich wertvoll, da muss ich aufpassen, dass ich es nicht verliere. Es mag sein, dass die Vorteile der papiernen Zeitung in Zukunft kaum noch beachtet werden.

Ein anderer Begriff, der sich jüngst großer Beliebtheit erfreut, ist „Haltung“. Zeugt das Beschwören von Haltung nicht gerade davon, dass man keine hat?

Es gibt ein Bedürfnis nach natürlicher Autorität, Kinder brauchen Vorbilder. Genauso braucht man in der öffentlichen Wahrnehmung Figuren, zu denen man ein wenig aufblicken kann, Journalisten, von denen man glaubt, dass die etwas zu sagen haben, dass die sich etwas trauen. Ich weiß, wo die Gefahr des Haltungsbegriffes liegt – dass er idealistisch ist. Und dennoch bleibe ich dabei, dass wir im deutschen Journalismus wieder mehr Haltung brauchen. Der Journalist ist heute zu häufig ein Duckmäuser, der nur reportiert, was Politiker sagen, der sich keine eigene Meinung bildet, der sich zu selten traut, Kontra zu geben. Wenn Journalismus nur noch der Transmissionsriemen für PR ist, dann verdoppelt er nur etwas, was eigentlich belanglos ist.

Viele der großen Journalisten, die Haltung anmahnen, haben leicht reden, weil sie arriviert sind und gut verdienen. Die junge Berufsgeneration hat andere Probleme. Unsere Masterstudierenden wagen nicht mehr von einer Festanstellung zu träumen. Die stellen sich darauf ein, sich als freie Journalisten durchzuschlagen mit eher wenig Geld. Darauf muss die Ausbildung reagieren, wir müssen eine Dennoch-Motivation vermitteln.

Es gibt Motivationsprobleme?

Das kann man nicht bestreiten. Weil die jungen Leute Journalismus subjektiv als Traumberuf empfinden. Aber es ist kein Traumberuf. Das erfährt man spätestens im Praktikum.

Sind Ihre Zahlen rückläufig?

Komischerweise nicht. Wir müssen noch immer eine Auswahl treffen. 167 Leute wollten hier im Wintersemester angefangen, wir haben aber nur 30 Plätze.

Was ist denn die Alternative – PR?

Aus meiner Sicht nicht. Wahr ist aber: PR ist eine Branche, die den Leuten freundlicher begegnet. Hey, da bist du ja, du kannst gleich anfangen, da kannst du schon was machen. In Redaktionen hingegen wird Praktikanten oft vermittelt: Auf dich haben wir nicht gerade gewartet. Weil es so viele sind.

Was will man denen noch von Moral erzählen?

Es ist sehr schwierig, aber wir ­müssen es versuchen. Ich habe in meiner Berufsvita einige Kämpfe ausgefochten, die waren nicht ­angenehm. Das kann helfen, weil es den Studenten ein gelebtes ­Beispiel gibt. Das war wohl ein Grund, mich auf diese Professur zu berufen: Es sollte ein ausgewiesener Praktiker sein, der auch zur theoretischen Reflexion fähig ist. Ein traditioneller Uni-Dozent sagt in der Schreibübung: So kannst du das nicht schreiben. Und da fragt der selbstbewusste Studierende von heute zurück: Ja, wie soll ich‘s denn schreiben? Mir fällt‘s leicht, da eine textliche Ausdrucksalternative im Dialog mit den Studierenden zu entwickeln. Und das, glaube ich, wird gebraucht.

Um auf die Vorbilder zurückzukommen. Ist es nicht absurd, dass einer der renommiertesten Journalistenpreise den Namen von Henri Nannen trägt, der zur Zeit der Hitler-Tagebücher Herausgeber des „Stern“ war?

Sie könnten noch böser werden und darauf hinweisen, dass Henri Nannen zur NS-Zeit in einer Propaganda-Kompanie diente, ein schneidiger, junger Mann, groß, gutaussehend. Aber sagt das etwas über den späteren Menschen und erfolgreichen Journalisten? Ich glaube nicht. Nannens berufliche Leistungen in der Nachkriegszeit machen ihn zu einem Vorbild und würdigen Patron für diesen Preis.

Aber der größte Name schützt ­offenbar nicht davor, die größte Dummheit der westdeutschen Pressegeschichte zu begehen.

Ja. Aber war es nicht so, dass ­Nannen damals schon nicht mehr richtig in Verantwortung war und die treibenden Kräfte eher im ­Management saßen? Grundsätzlich: Auch wir Journalisten sind fehlbar. Auch ich habe Fehler gemacht, selbst in der so genannten Marienhof-Recherche zum Thema Schleichwerbung sind Fehler ­gemacht worden, und trotzdem war‘s am Ende ein großer Erfolg und sehr notwendig, diesen ­Skandal der ARD zu enthüllen. Das gehört zur Normalität des ­Lebens.

 

Volker Lilienthal, geboren 1959, ist einer der bekanntesten Medienjournalisten des Landes. 2005 enthüllte er für epd Schleichwerbungspraktiken in der ARD. Seit 2009 ist er Stiftungsprofessor an der Universität Hamburg

11:45 02.09.2010
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sachichma | Community