Was machst du da?

Tatort Passend zur Saison: Der Münsteraner Tatort "Spargelzeit" stößt an die Grenzen seines Klamauks. Und präsentiert eine Familie, bei der die Antike noch etwas gilt

Man kann's nicht oft genug sagen: Mit Münster werden wir nicht warm. Und das, obwohl Jan-Josef Liefers' unerträglicher Boerne – der, weil die Karikatur, die er ist, es so will, in Spargelzeit vom Dozieren im Nobelrestaurant direkt zum Tatort eilt – in dieser Folge noch nicht einmal das Unerträglichste ist. Im Gegenteil, es gibt zwischen Boerne und Thiel (Axel Prahl) Momente, in denen die Karikatur in komischer Sinnlosigkeit resultiert, wenn Thiel sagt: "Muss sie nicht, muss sie nicht", und Boerne fragt: "Sagen Sie jetzt immer alles zweimal?", und Thiel: "Nee, nee" antwortet.

Das Problem von Münster ist die Unvereinbarkeit des dort gepflegten Brachialhumors mit einigermaßen ernsthaften Aspekten einer Krimihandlung. Dass sich Boerne in Spargelzeit über Gebühr in die Ermittlungen einmischt, wäre uns gar nicht aufgefallen. Dass die Staatsanwältin Klemm (Mechthild Großmann), die auch nur eine weitere Rolle besetzt im Kasperletheater des Münsteraner Tatort, tatsächlich Thiel anschnauzen könnte, die Ermittlungen gingen nicht voran, glaubt ihr kein Mensch. Die Ermittlungen sollen in Münster gerade nicht vorangehen, damit möglichst viel Zeit für das ganze Geplänkel bleibt: Boernes Snobismen, Thiels Vater-Problem, Thielens Vaters Sohn-Problem.

Offensichtlich wird das widersprüchliche Konzept von Münster in Spargelzeit, weil es diesmal um Dinge geht, die – anders als ein Mord an irgendjemandem, der Voraussetzung für jeden Sonntagskrimi ist (als ob es immer ein Kapitalverbrechen bräuchte, um Ermittlungen in Gang zu setzen) – sensiblere Bereiche berühren. Etwa die Vergewaltigung der Tochter des Spargelhofbesitzers Pütz (Jörg Hartmann), der ob seiner apathischen Jammerlappigkeit jedes Mal, wenn er ins Bild kommt, uns nach der Fernbedienung schielen und erwägen lässt, vielleicht doch umzuschalten – die wenn auch nur in einem Fernsehfilm behauptete Vergewaltigung eines Mädchens nämlich lässt die Affigkeiten der Boerne-Figur doch irgendwie albern aussehen, was Regie (Manfred Stelzer) und Drehbuch (Jürgen Werner) auch gemerkt haben. Es bringt aber nicht viel, da gerade diese Szenen in dem Klamauk dann merkwürdig angestrengt und fremd wirken. Wenn Thiel und Boerne schon auf Muppet-Show machen, wieso läuft dann nicht einfach alles aus dem Ruder und man überlässt heikle Situationen wie diese einem Ermittlerteam, das besser damit umgehen kann?

Titus Andronicus auf dem Spargelhof

Gesamtgesellschaftlich betrachtet gibt Spargelzeit zumindest thematisch einiges her: Das Dorf bei Münster, in dem der Spargelhof von Pützen steht, hat seinen Sarrazin gelesen – und taucht, als es ihm mit den Verdächtigungen zu bunt wird, als klassischer Mob (noch nicht brandschatzend) im Nachtquartier der polnischen und rumänischen Saisonarbeitskräfte auf, um etwas von Lagern zu faseln (Was war da los, Drehbuch?). Dass der Ausländer-Diskurs hier auf dem Stand der frühen neunziger Jahre ist, spielt dann auch keine Rolle mehr – tatsächlich hat die ökonomische Notwendigkeit im Zuge der Globalisierung doch lange dazu geführt, dass kein Mensch auf die Idee käme, in der Anwesenheit von polnischen oder rumänischen oder polnischen und rumänischen Saisonarbeitern etwas anderes zu sehen als die Routine einer Welt von flexibilisierten Arbeitsbiografien. Das Drama der Saisonarbeiter – die Abwesenheit von Zuhause – reduziert sich auf Fotos im Wandschrank; die Fremden treten, natürlich, als Kollektivsubjekt auf – die Idee, zwischen den verschiedenen Charakteren stärker zu differenzieren, liegt einem deutschen Krimi im Jahr 2010 noch immer fern.

Immerhin, und das muss man beim für seinen "Klartext" geschätzten Münsteraner Tatort wohl als Fortschritt betrachten, verbittet sich Thiel die Bezeichnung "Polacken", die Dorfpolizist Künast (trotz allem eine Freude: Ronald Kukulies) verwendet. Und die Einsichten in die Realitäten der Hartz-IV-Welt sind sogar recht interessant.

Mit Spannung, Spannung, Spannung hat Münster sowieso eher selten was am Hut. Dass das Ende aber so verhuscht ist wie hier, und der, wie erwähnt, uns schwer auf den Zeiger gehende Spargelhof-Pütz in einer Anwandlung, die good old Titus Andronicus gut zu Gesicht gestanden hätte, den Lover seiner ihm entfremdeten und getöteten Frau mit in die Hölle nehmen will, die er in der Feldbaracke aufgesetzt hat – ist doch etwas too much. Am Ende, und da ist die attische Tragödie so fern nicht, hat sich die ganze Familie Pütz doch selbst gerichtet.

Und dafür nun das ganze Bohei.

Endlich wieder mal ein putziger Tiername: das Pferd "Tango"

Eine Kameraeinstellung, deren Sinn wir nicht verstanden haben: aus der Frontscheibe eines fahrenden Autos auf die Straße zu filmen, auf der aber nichts passiert

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21:45 10.10.2010
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Ausgabe 39/2020

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