Wie heißt der überhaupt?

Tatort Schicke Bilder, bemerkenswerte Musik und durchaus Spannung, die auf Kosten der Glaubwürdigkeit geht: Lena Odenthal diagnostiziert in "Der Schrei" Frauen-Pathologien

Das Tatort-Fernsehen bleibt Tatort-Kino: Mit Gregor Schnitzler inszeniert diesmal ein Regisseur, der auch schon Filme gedreht hat, die zuerst im Kino gelaufen sind – Was tun, wenn's brennt? (2002), Soloalbum (2003), Die Wolke (2005). Das sieht man dem Lena-Odenthal-Tatort Der Schrei durchaus an: Die Bilder vom Vergnügungspark (in echt: ein Park mit dem fancy Namen "Tripsdrill") oder auch dem Kinderzimmer (besonders rührend: der drollige große Bär halb rechts) der toten Sandra versuchen ihr möglichstes, um die Atmo von Leere und Weite auf den Fernsehbildschirm zu transportieren. Ebenso schlägt die eigenes komponierte Musik (Mathias Neuhauser, Michael Meinl, Manu Kurz) Töne an, die mit melancholischer Absicht doch Abstand halten zu dem, was man ein Durchschnittsscore nennen könnte.

Der Aufbau ist etwas ungeschickt, was am Anfang bereits bemerkbar ist: Bis zum Leichenfund dauert es eine Weile, ohne dass diese Einführung etwas über die Tat verraten würde. Es geht in erster Linie darum, das Verdächtigen-Trio – bestehend aus dem vorbestraften Pädophilen Tom Heyer (Fabian Busch), dem seltsam Bräutigam Werner Rahn (Jan Messutat) und dem dubiosen Elternpaar Peter (Roeland Wiesnekker) und Ruth Fichter (Annika Kuhl) – dem Zuschauer schon mal gezeigt zu haben. Die Ungeschicktness taucht am Ende wieder auf (diese absurde Pressekonferenz! Überhaupt, die zwanghaften Fahrten von Vater Fichter in den Park), wenn alle Verdachtsmomente abgeklappert der Pfeil der Wahrscheinlichkeit auf die psychisch kranke Mutter Ruth zu zeigen scheint, dummerweise aber noch 20 Minuten zu spielen sind. Deshalb wird kurz vor der Verhaftung noch mal abgebogen zu good old Werner Rahn, der am Anfang mit seinem Popcorn schon den allerseltsamsten Eindruck gemacht hatte und nun eine haarsträubende Geschichte über Messerstiche und Mundzuhalten präsentieren muss. So billig ist selbst der Apologet von Spannung, Spannung, Spannung nicht zufrieden zu stellen, geht es doch irgendwie auch um Glaubwürdigkeit im dramaturgischen Zusammenhang.

Gesellschaftlich bietet Der Schrei Glanz und Elend zu gleich: Unbedingt lobenswert ist das Understatement, mit der Fabian Busch die Resozialisierungsbemühungen seines Pädophilen behaupten darf, auch wenn Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) vermutlich heut nacht nicht gut wird schlafen können, weil sie sich immer noch den Kopf zerbricht, wie sie so leichtfertig Heyers Beziehung ("Meine Freundin liebt mich, das hat schon lang keiner mehr gemacht") kaputt machen konnte.

Giuliano nervt

Dominiert wird die Folge – und damit steht sie in der Reihe von Frauen-Pathologien der letzten Wochen – allerdings vom Liebesdefizitwahn der Ruth Fichter, der für traumatöse Wahnbilder sorgt, aber Privatsache bleibt. Dass Kopper sich parallel pädagogisch wertvoll mit dem Rotzlöffel von Sohn seiner Kusine rumschlagen muss (nervende Kinder, Platz 1: Giuliano!), ist ein Tatort-Standard, den wir leidvoll ertragen.
Dafür steht Lena Odenthal nach dem Jubiläums-Tatort nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit, was der hier gepflegten Privatismusabneigung in die Hände spielt, Ulrike Folkerts manchmal aber noch immer etwas hölzern erscheinen lässt ("Was ist wirklich passiert an dem Abend, Kopper, was?").

Eine Bestätigungsformel, die umgehend in jedermanns Sprachschatz einwandern sollte: Positiv.

Das gibt es auch nur im Film: per Wandschalter das Decken- und Schreibtischlicht im Kommissariat löschen

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21:45 17.10.2010
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Ausgabe 42/2021

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