Ziemlich christlich hier

Tatort Luzern? Sieht man gern! Reto "Flücki" Flückiger (Stefan Gubser) muss in der Fastnacht von Luzern ermitteln, was der Folge "Schmutziger Donnerstag" hübsche Bilder beschert

Der Berlinale wegen heute nur die Shortversion: Luzern gut. Luzern so gut wie noch nie. Und besser wäre Luzern noch, wenn der deutsche Zuschauer nicht immer mit dieser furchtbaren Nachsynchronisation belästigt würde. Wie kann man etwas, in das so viel Geld und Arbeit gesteckt wurde wie in einen Tatort, hernach so respektlos behandeln, nur weil der deutsche Zuschauer es einfach nicht versteht und sonst nicht gucken würde beziehungsweise weil da irgendein Karriereangst driven Senderverantwortlicher meint, dass der deutsche Zuschauer Allergie kriegte, wenn er Untertitel lesen muss, und dass diese Allergie, wenn er sie denn kriegte, irgendetwas bedeuten sollte? Man kann's nicht offen genug sagen: Die Schweiz hat doch auch Gefühle.

Was nun aber einnimmt: Es ist was los in Luzern, Fastnacht, gab's schon mal mit good ol' Bienzle kriminalerzählökonomisch geht im Karneval naturgemäß einiges, Stichwort: Masken, Stichwort: Tarnung, Stichwort: Massen. Massen ist vielleicht das schönste Stichwort, weil der Tatort hier mal da ist, wo das Leben spielt, in da streets, und nicht immer nur zwei Leute für einen Dialog in einer Kulisse abhängen.

Dass Regisseur Dani Levy gewillt ist, Kino zu machen und nicht nur Kammerspiel zu verwalten, zeigt sich schon an den Revierszenen, wo ordentlich Komparserie rumsitzt und stetig mault (müssen Subalterne eigentlich immer alles besser wissen respektive Stunk machen?). Kamera (Charlie Koschnik), wie Marcel Reif artikellos sagen würde, hat sich derweil Gedanken gemacht: ganz hübsch, wie Flücki (Gubsern) da in die Tiefgarage runter geht und die Kamera ihm so twisting und zugleich distanziert hinterher. Der ganze Look der Folge hat zwar was von dieser gebrauchten, relativen instantösen sepia-orangen Modecoolheit, aber: es korrespondiert. Selbst im Traum, als Flücki von Travestie-Steiner (Peter Zumstein) sediert wird und DJ Bobo, ein schöner Gag, ihm in der Hallu, wie wir Trip Addicts sagen, das Auto zerkloppt.

Willy was a woman

Schmutziger Donnerstag ist stimmig in dem, was er tut, die Geschichte gar nicht unspannend (Buch: Petra Lüschow), die Kostüme der Beteiligten sehr liebe- und fantasievoll, kurz: es kann sich sogar sehen lassen, wenn Flücki auf Action macht und in der Sparversion von James Bond in Istanbul über die Dächer von Luzern rennt (statt mit dem Motorrad drüber zu brettern).

Gesellschaftspolitisch parkt Luzern derweil da, wo alle stehen. Dass die Zunftboys vormodernen Geschlechter- und Ehrbegriffen anhängen, ist vermutlich dem Grundkonservatism der Schweiz geschuldet, zu dem sich immer diese Geschichte mit dem Frauenwahlrecht erzählen lässt. Hier müsste man mal Auskenner um Erklärungen bitten. Die angezeigte Vergewaltigung wird künftig, post Sexism-Debatte, auch zu mehr Stoff taugen, lässt sich vermuten.

Und Liz Ritschard wird als Antidot zur Modernisierung in bed with a lady ausgegeben. "Ich bin's, Biene Maja", und der Willy ist eine Frau. Die Liebe sieht beim ersten Mal ein wenig wie Ringen aus; vielleicht soll da auch noch mit gespielt werden, dass es sich nicht um eine heterosexuelle Bettgeschichte handelt. Normalisierung am richtigen Fleck, kann man machen, gerade weil Flücki noch mit seinen Heteronormativen arbeitet und einen Macker vermutet – wobei dann nur nicht ganz klar wird, worin der Herzensschmerzanlehnungsbedarf der Kollegin besteht: Haben Lesben keine One-Night-Stands? Oder muss Lizzie Ritsch für den Zuschauer bei der Sortierung seiner Normative daheim vor der Knipse jetzt erstmal bewältigen, dass sie nicht mit Männern in die Kiste geht?

Vielleicht haben wir auch nur was verpasst, den Trouble von Liz. Flücki – in dieser orangenen Segelweste mussten wir die ganze Zeit die Dienstkleidung eines Piratenparteigängers sehen – gibt sich dagegen als Blogwart der Enstpannung, wenn er zwar vom Fenster zu den Ruhestörern runterschnauzt, dann aber auffordert, zur Sache zu kommen. Schwächer ist Gubsern in den Momenten, in denen er so unglaublich verständnisvoll klingt. Und wenn er Schlagfertigkeit beweisen will, aber im Stile des Kindergartens dem Gegenüber immer nur das zurückgibt, was dieser selbst gerade gesagt: "Lügen ist nicht Ihre Stärke" – Reto: "Und Gesichtzeigen nicht Ihre." Touchéchen. Da könnte vielleicht noch mal ein Kurs in Smartness des Drehbuchschreibens aka Souveränität als Führungskraft belegt werden. Aber vielleicht geht unser Verständnis auch nur fehl wegen dieser furchtbaren Nachsynchronisation, die einem die ganze Atmosphäre zerkloppt wie DJ Bobo den Passat.

Ein Satz, den Bärbel Bohley unterschrieben hätte: "Gerechtigkeit ist auch nur ein Wort" 

Eine Antwort, die Bärbel Bohley Helmut Kohl nie gegeben hat: "Sparen Sie sich ihr zynischen Machosprüche"

Eine Regel, die nicht nach Bärbel Bohleys Gusto gewesen wäre: "Ein Zunftmeister kann keinen drogensüchtigen und kriminellen Sohn haben" 

21:45 10.02.2013
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