Yippi Ya Yeah!

Rodeo In Pendleton im US-Staat Oregon herrscht jeden September der Ausnahmezustand. Cowboys, Indianer und Western-Fans erinnern an den Wilden Westen – seit 100 Jahren

In diesem Monat feiert das legendäre Pendleton Round-Up seinen hundertsten Geburtstag. Seit 1910 lockt die Veranstaltung jedes Jahr im September Berufs-Cowboys und Rodeo-Fans eine Woche lang nach Oregon, wo sie sich im Bullenreiten, Lassowerfen, Pferdezähmen, Wilde-Kühe-Melken und im „Indianischen Staffellauf“ messen. Beim „Staffellauf“ treten Reiter in Original-Indianerkleidern gegeneinander an und müssen während des Rennens nach jeder Runde ihr Pferd wechseln, was bei den halbwilden Tieren nicht immer reibungslos gelingt.

Das Round-Up wurde ursprünglich von ortsansässigen Ranchern ins Leben gerufen, um Besuchern einen historischen Einblick in die Fertigkeiten zu geben, die für das Leben im Grenzland gebraucht wurden. Echte Cowboys stiegen damals auf die Bühne, um die Zuschauer zu unterhalten und das Tagwerk der amerikanischen Pioniere vorzuführen – die Ära des Wilden Westens ging damals allerdings bereits zu Ende.

Jeder ist gleichzeitig Zuschauer und Teilnehmer

Am Geist des Round-Ups hat sich bis zum heutigen Tag nichts geändert: Es ist immer noch eine Veranstaltung, bei der man sein sportliches Können unter Beweis stellt und die Geschichte des amerikanischen Westens aufleben lässt. Neben dem Rodeoreiten präsentieren die Einwohner von Pendleton und des benachbarten Umatilla-Indianer-Reservats eine ganze Reihe von kulturellen Events: die Westward-Ho!-Parade, den Indian-Princess-Schönheitswettbewerb und die Happy-Canyon-Night-Show, eine Theatervorführung, die die Geschichte des Wilden Westens im Schnelldurchlauf erzählt.

In den Tagen des Round-Ups ist dabei jeder sowohl Zuschauer als auch Teilnehmer. Die Bewohner des Umatilla-Reservats verlassen eine Woche lang ihre festen Häuser, um in Tipis zu leben, die direkt neben dem Rodeo-Stadion aufgebaut werden. Für alle anderen sind Cowboy-Hüte quasi ein Muss – abgenommen werden sie nur während der wenigen Minuten, in denen die amerikanische Nationalhymne ertönt. Bei der Westward-Ho!-Parade, die sich die Pendletoner Hauptstraße entlangschiebt, darf man sich auch nur so wie damals fortbewegen: zu Fuß, hoch zu Ross oder auf einem Planwagen. Amerikanische Ureinwohner sollen die Arena außerdem nur in Mokkasins betreten.

Zusammen mit Cowboys und Ureinwohnern

Ich bin 2008 nach Oregon gereist, um mit der Kamera zu dokumentieren, was während des Round-Ups inner- und außerhalb der Arena geschieht. Ich habe selbst entfernte Verwandte in Pendleton. Als ich dort als Kind zu Besuch war, liebte ich die allgemeine Aufregung und die Energie während der Tage des Round-Up. Der Geist, der die Stadt Jahr für Jahr gefangen nimmt, steckt an. Als ich als Erwachsene nach Pendleton zurückkehrte, bemerkte ich jedoch die Spannungen zwischen dieser Theaterinszenierung und den realen Darstellern; wie seltsam es doch war, dass Cowboys und Ureinwohner hier sich selber in einer Parallel-Erzählung spielten, die ein wenig zu nah an der Realität und ihren ungleichen Machtverhältnissen angesiedelt war. Und mir fiel auch auf, wie hochgradig inszeniert diese Aufführungen waren.

Das Fotografieren während des Round-Ups stellte mich vor die Herausforderung diese Dissonanz offen zu legen und gleichzeitig die besondere Atmosphäre einzufangen, die alles durchdringt, was dort geschieht.

Melanie Glass lebt als freie Fotografin und Grafikdesignerin in New York

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Übersetzung: Christine Käppeler

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