Architektur frisst Skulptur

Kannibalismus In einer Thesenausstellung untersucht das Kunstmuseum Wolfsburg das parasitäre Verhältnis des Bauens zur Bildhauerei

Die überdimensionierten Nachbarn haben sie verbaut. Dennoch zählt sie zu den faszinierendsten Gebäuden Berlins: Hans Scharouns Philharmonie. Vom Orchester in der Mitte des Konzertsaals entwickelt sich der Baukörper auf einem unregelmäßigen Grundriss schichtweise über die Ränge in das Foyer bis in die kristalline, gelbe Außenhaut. Ursprünglich für einen innerstädtischen Standort West-Berlins geplant, errichtete man sie unweit der Sektorengrenze. Die Philharmonie war jahrelang ein Solitär, der in seiner eigenwillig skulpturalen Form alles vertrug, außer Nachbarschaft.

Scharouns Philharmonie hätte bestens in die nun nach Basel und Bilbao in Wolfsburg angekommene Themenausstellung ArchiSkulptur gepasst, zumal es an anderen, jedoch weniger trefflichen Berliner Reminiszenzen, von der Schweizer Botschaft bis hin zu Peter Zumthors nicht realisiertem Besucherzentrum für die Topografie des Terrors, nicht mangelt. Denn sie steht wie wenige Gebäude - Le Corbusiers Wallfahrtskirche bei Ronchamp und Fritz Wotrubas Kirche zur Heiligsten Dreifaltigkeit in Wien-Mauer etwa - für die skulpturale Qualität von Architektur und somit für die zwei Thesen des Kurators und neuen Leiters des Kunstmuseums, Wolfsburg Markus Brüderlin, um die herum er seine streitlustige Ausstellung, begleitet von einem lesenswerten Katalog in Wolfsburg eingerichtet hat.

Dass es seit jeher ein Wechselverhältnis von Architektur und Skulptur gegeben hat, ist keine sonderlich originelle These. Holz und Stein waren schon immer Materialien der Architekten und Bildhauer. Ob Parler, Michelangelo, Bernini oder Schinkel, bis in die Neuzeit begegnet man ihnen in Personalunion. Doch wie Brüderlin in den ersten Kapiteln seiner Ausstellung nachzuweisen versucht, beginnt im Barock mit Borromini und vor der Französischen Revolution mit Boullée durch die Besinnung auf plastische Grundformen eine Loslösung der Architektur von ihren überkommenen Formsprachen. Francesco Borrominis Turmhelm der Kirche Sant´ Ivo - in Wolfsburg in einem Modell präsentiert - windet sich als Spirale in die Höhe. Etienne-Louis Boullée reduziert in seinem Kenotaph Newtons den gesamten Baukörper auf Kugel und Zylinder.

Brüderlins These lautet nun, dass sich von hier aus die Geschichte der modernistischen Architektur nicht nur als ein Wechselverhältnis und Austausch der Architektur mit der Skulptur darstelle, sondern dass die Architektur die Skulptur aufnimmt, ablöst, gleichsam vertilgt, frisst, kannibalisiert. In der zweiten Abteilung von insgesamt zehn gelingt Brüderlin ein erster augenzwinkernder Beleg der These: Vor einer Fotowand, einem Ausschnitt des Ateliers Constantin Brancusis mit seinen schlank aufragenden Stelen, sind neben dem Modell des World Trade Centers unter anderen die gurkenförmigen Hochhäuser Renzo Pianos und Norman Forsters ausgestellt. Von Brancusi ist überliefert, er soll beim ersten Anblick der Skyline von Manhattan ausgerufen haben, das sehe aus wie sein Atelier - der Städtebau: eine Fortsetzung der Bildhauerei mit anderen Mitteln und neuer Maßstäblichkeit.

Was aber haben neben der formalen Analogie die in der Ausstellung auf Zwergenmaß reduzierten Hochhäuser mit Skulptur zu tun? Gestaltet das eine, die Architektur, nicht Raum, das andere, die Skulptur, Körper? Sind die Funktion und Entstehungsbedingungen der Architektur nicht ganz andere als die Gestaltungsprozesse der Skulptur? In der Wolfsburger Ausstellung lassen sich auf diese Fragen keine direkten Antworten finden - vielmehr ist sie mit Siegfried Gidion oder Adolf Max Vogt als eine analytische Schule des Sehens zu begreifen, die über epochale Grenzen hinweg analoge gestalterische Ansätze deutlich machen will. So verblüfft die formale Nähe der ausgestellten expressiven Kleinskulptur einer "Villa" des Architekten Hermann Finsterlin zu einem brunnenartigen Flaschenmodell des Bildhauers Umberto Boccioni, das wiederum einen Nachhall in einem Kaffeeservice der Architektin Zaha Hadid findet.

Erich Mendelsohns Modell für den Potsdamer Einsteinturm tritt sinnfällig mit einer Figurine des Bauhauskünstlers Oskar Schlemmer in Dialog oder Wilhelm Lehmbrucks Gestürzter mit Ludwig Mies van der Rohes Barcelona-Pavillon. Soweit sich die Ausstellung im Beweisrahmen der klassischen Moderne bewegt, vermag sie überzeugende Einsichten zu vermitteln. Aber löst sich die von Brüderlin unterstellte Prädominanz der Architektur wirklich ein? Beerbt sie im ausgehenden 20. Jahrhundert die Skulptur wirklich? Die Schlusskapitel vermögen nicht zu überzeugen. Hier suggeriert Brüderlin, die Arbeiten der Minimalisten Carl Andre oder Donald Judd seien schon längst von den Kuben eines Adolf Loos oder Ludwig Wittgenstein antizipiert und ihrem Wesen nach selbst schon Architektur. Gerade in Blick auf die Entwicklung der letzten 40 Jahre, verengt sich Brüderlins Blick auf ein klassisch konservatives Verständnis des skulpturalen Gestaltens.

Dan Grahams Glaskonstruktion gibt sich in Wolfsburg notwendig architektonisch. Doch Dan Grahams Arbeiten verstehen sich zuerst als Installation und nicht als Architektur, eine Differenz, die bei Brüderlin gänzlich verwischt erscheint. Um des Triumphs der Architektur willen erscheint diese zum Wolfsburger Schlussbild selbst als Installation: Zwei Plastiken - ein Henry Moore, ein Hans Arp - erscheinen wie Fetische neben Holzmodellen und garnieren den am Boden ausgebreiteten Prospekt Jean Nouvels Monolithen zur Schweizer Expo.02. Dass sich Nouvel mit seiner kunstgewerblichen Installation konzeptuell zu nahe an die Arbeiten von Richard Serra begab, wird der wahre Grund für die im Katalog dokumentierte Absage der US-amerikanischen Kritikerin Rosalind Krauss zu einem Symposion im Vorfeld der Ausstellung gewesen sein. Der Lichtzylinder von Gerhard Merz vermag als einziges Auftragswerk dieser Ausstellung an einen bildenden Künstler nicht darüber hinwegzutäuschen, dass die skulpturale Leistung der Gegenwart - von Louise Bourgeois über Simon Starling bis hin zu Rirkrit Tiravanija - zu kurz kommt. Künstler wie Claes Oldenburg, Eva Hesse, James Turrell oder Franz Erhard Walther haben den Begriff der Skulptur in einem Maße erweitert, wie er in Wolfsburg kaum in den Blick kommen kann.

Vielleicht fehlt Scharouns Philharmonie auch darum: wie die großen skulpturalen Bauplastiken steht sie einsam. Sie dulden nichts neben sich. Sie sind nicht von außen nach innen gedacht, sondern von innen nach außen geformt. Darin hebt sie sich zum Beispiel von Frank Gehrys Drop-Sculptures ab, die mit ihren glänzenden Dachlandschaften für höchste Aufmerksamkeit im Stadtraum sorgen und den Marktwert der beherbergten Einrichtung erhöhen sollen. Dagegen kann man sich mit Hans Scharoun und Josef Beuys auf eine ganz andere plastische Tradition besinnen, die das künstlerische wie das architektonische Gestalten als eine soziale Plastik begreift.

ArchiSkulptur. Kunstmuseum Wolfsburg, bis 28. Mai 2006, Katalog 38 EUR


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 12.05.2006
Geschrieben von

Kommentare