Großer Wosinn, kleiner Wannsinn

Sprachzauberer Der rumäniendeutsche Dichter Oskar Pastior ist am Mittwoch vergangener Woche kurz vor der Verleihung des Büchnerpreises überraschend verstorben

jalousien aufgemacht, jalousien zugemacht,
jalouzien aufgerauft, zulozien raufgezut
Oskar Pastior

Talent zeige sich früh, zwinkert er über die Brille weg, die ihm immer ganz unten auf der Nase saß. "Jalousien, war mein erstes Gedicht", erzählt der große Oskar und man kann sich den kleinen Oskar gut vorstellen, wie er da so sitzt, am Fenster der elterlichen Wohnung in Hermannstadt Siebenbürgen, vier Jahre alt, Dreikäsehoch, und im Müßiggang die Zeilen wiederholt: "Jalousien aufgemacht, Jalousien zugemacht ...". Viele Jahre später war es ihm wieder zugeflogen, in Charlottenburg, Schlüterstraße, wo er bis zuletzt gewohnt hatte, und er hat es weiter fliegen lassen, - als ein "Unding an sich", wie er seine Dichtung einmal nannte.

Oskar Pastior der Sprachgrenzgänger, der Sprachzauberer ist tot. Eine reichlich unzumutbare Vorstellung, er sei auf der Frankfurter Buchmesse verstorben. Im Lärm, im Tumult, Oskar Pastior, der die leisen, diskreten Töne liebte. Er hatte dort mit der Schriftstellerin Herta Müller, Rumäniendeutsche wie er, an einer Lesung teilnehmen sollen: Texte zur Deportation nach dem Krieg hätte er vorgelesen, zur Zwangsarbeit in der Ukraine als junger Mann von 1944 an, fünf lange Jahre lang. Es hat anders kommen sollen: Spät abends saß er, so wird berichtet, mit einer Zeitung auf dem Sofa seiner Frankfurter Gastgeber. Der Tod schlich sich auf leisen Sohlen an. Als man es bemerkte, war der schmale Kopf wohl längst auf die Brust gesunken.

Nun nimmt sich der Trubel um ihn schon fast absurd aus, der Trubel um einen, den lange Jahre nur wenige kannten, dessen eigensinnige und widerborstig schönen Texte nur einem kleinen Kreis von Lesern zugänglich waren. Oder sagen wir besser Zuhörern? Für viele erschloss sich der Sprachkosmos Oskar Pastiors zuerst auf Lesungen, wenn er mit seiner unverwechselbar weichen Stimme, dem zart rollenden "R", das den siebenbürger-sächsischen Akzent seiner rumänischen Heimat verriet, vortrug. Dichtung war ihm Dialog mit der Sprache, mit ihrem Eigensinn. Hineinrufen, heraushören, wie es widertönt:

das gedicht gibt es nicht. Es/gibt immer nur dies gedicht das/dich gerade liest. aber weil/du in diesem gedicht siehe oben/sagen kannst das gedicht gibt/es nicht und es gibt immer nur/dies gedicht das dich gerade/liest kann auch das gedicht das/du nicht liest dich lesen und/es dies gedicht hier nur immer/nicht geben. beide du und du/lesen das und dies. Duze beide/denn sie lesen dich auch wenn/es dich nicht nur hier gibt

Dass man ihn nun und seinen unerwarteten Tod landauf landab wahrnimmt, liegt an der späten Ehrung. Man hatte ihm den Büchnerpreis verliehen. Dass er ihn erst am kommenden Samstag, einen Tag nach seinem 79. Geburtstag am 20. Oktober, in Darmstadt hätte entgegennehmen sollen, entbehrt nicht der Ironie - scheute er doch die falschen Eindeutigkeiten, Zuschreibungen, Ordnungen, die mit solchen Aufläufen zwangsläufig verbunden sind. Der Unangepasste passte nicht in den Betrieb. Wer kennt schon Sestine, Villanelle, Vokalise, Anagramm und Palindrom? - allesamt mehr oder weniger vergessene Gedichtformen, die Oskar Pastior wiederentdeckt und denen er sich mit Liebe und Leidenschaft hingegeben hatte. Oskar Pastior suchte darin das Andere der Sprache, wie er aus anderen Sprachen, im Fremden, das Vertraute hervorholte - vor allem in der Dichtung Petrarcas, den er bis zuletzt las und übersetzte, Gertrude Steins, Laurence Sternes oder Baudelaires und des russischen Dichters Chlebnikow.

Sein winkeliger Lebensweg bis in die siebziger Jahre hinein hat ihn zum Sprachskeptiker, Sprachgrenzgänger, Sprachspieler werden lassen. Zwar redete man im Elternhaus Deutsch, doch Oskar Pastior wurde früh mit dem Hermannstädter Straßen- und Behördenrumänisch ausgestattet - das Französische, Italienische einverleibte er sich Jahre später über das Schullatein lesend. Mit dem sowjetischen Arbeitslager 1944-1949 kam das Russische in Brocken hinzu. Während er sich mit Gelegenheitsarbeiten durchschlug, holte er das Abitur nach und studierte schließlich Germanistik. Seine ersten Gedichtbände, auf deutsch, veröffentlichte er noch in Rumänien, Offene Worte 1964 und Gedichte 1966, in Bukarest, wo er beim deutschsprachigen Rundfunk als Redakteur arbeitete.

Zwei Jahre später nutzte Oskar Pastior ein Reisestipendium nach Wien, um das repressive Rumänien Nicolae Ceausescus zu verlassen - auch eine Flucht des Homosexuellen aus homophober Gesellschaft. Erst Westberlin sollte ihm ab 1969 eine dauerhafte Bleibe bieten. Dort lebte er fortan als Hörspielautor und freier Schriftsteller, unbestechlich und bescheiden, ab und an mit einem Preis oder einem Stipendium ausgestattet. Das Villa-Massimo-Stipendium 1981, seit 1984 Mitglied der Akademie der Künste, der Ernst-Meister-Preis für Lyrik 1993 und der Erich-Fried-Preis 2002 sind seine bekanntesten Auszeichnungen vor dem Büchnerpreis in diesem Jahr. Oskar Pastior hat sich darüber immer gefreut, doch war ihm jedes Gewese um seine Person fremd. Zwar war Oskar Pastior seit den Bänden Gedichtgedichte 1973 und Höricht 1975 einer kleinen Fangemeinde bekannt, doch seine Dichtung schien im Vergleich zu der (ebenfalls bei Kurt Schwitters Ursonate beheimateten Lautdichtung eines Ernst Jandel) zu verstiegen, als dass sie hätten populär werden können. Dabei ist sie alles andere als verschlossen oder gar hermetisch. Denn, wer mit Oskar Pastior das Eindeutige verlässt, hebt einen ganz eigenen Schatz. Man nehme zum Beispiel die Bände Vokalisen und Gimpelstifte von 1992 oder Das Hören des Genitivs von 1997. Wer hört da was? Bei Oskar Pastior verlässt man das Sichere, sicher geglaubte. Unversehens verschieben sich die grammatisch-syntaktischen Ordnungssysteme, der Laut, der Satz, der Sinn: Wo der Große Wosinn in den Kleinen Wannsinn mün/det, dort ist es dann: Vollmond. Wo umgekehrt der/Kleine Wosinn in den Großen Wannsinn mündet: dann/eben nie. Wie Klein und Groß miteinander/müssen! So ist es klar wie Espenlaub

Noch dem Betagten ist der Schalk im Nacken, das Kind im Sinn, wenn das enge Korsett einer Sprach-Regel auf den Prüfstand, besser, auf den Spieltisch kommt. Oskar Pastior, der bis zuletzt keinen PC besaß und die Texte auf einer Reiseschreibmaschine produzierte, konnte sich bei der Arbeit an Anagrammen und Palindromen diebisch über neue Wortfindungen freuen, die er beim Verlegen und Neusortieren ausgeschnittener Buchstaben entdeckte. "Bei allem, was ich schreibe ist, glaube ich, etwas wie Alchemie im Spiel". So hat er sein Verfahren einmal beschrieben. Seine Dichtung gleicht tatsächlich einem Schmelztiegel, in dem sich die Sprache amalgamiert und zu einem Neuen fügt: "Krimgotische Fächer", Sprachlandschaften, die man mit Spaß und Staunen durchschreiten kann, nicht obwohl, sondern weil in ihnen immer auch das Skeptische, der Witz, das Transitorische erfahrbar bleibt. Oskar Pastior hat seine Jalousien nun erst einmal zugemacht. Nun kann es auch heißen: Jalousien aufgemacht!


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00:00 13.10.2006
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Ausgabe 43/2021

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