Alles zu den Fritz-J.-Raddatz-Festwochen

Feuilletonkunst Der Großkritiker Raddatz hat über zwei Dutzend etwa hundertseitige Bücher geschrieben. Das Onlinefeuilleton "Der Umblätterer" würdigt sie einen Monat lang

Der Freitag: Warum veranstaltet der Umblätterer die Festwochen gerade zu Fritz J. Raddatz?

Frank Fischer: Raddatz selbst würde darauf wahrscheinlich mit einem berühmten Zitat antworten: „Warum ich? Warum denn nicht ich?“ Also unter anderem deswegen.

Wie laufen die Festwochen bisher?

Joseph Wälzholz: Die Fritz-J.-Raddatz-Festwochen laufen bislang hervorragend. Ganz im Gegensatz zur Ulla-Berkéwicz-Festwoche, die wir im April veranstaltet haben und die für uns mit einem kleinen Desaster endete. Wir hatten nämlich im Schlusswort auf ihren neuen Hundertseiter „Reine Erfindung“ verwiesen. Der Erscheinungstermin war damals für den 20. Mai 2013 angekündigt, wurde aber später auf den 11. November 2013 und schließlich auf den 4. Januar 2014 verschoben. Und seit kurzem ist die Ankündigung nun komplett von der Suhrkamp-Homepage verschwunden. Dass ein Buch mit dem Titel „Reine Erfindung“ erscheinen soll, war also reine Erfindung. Das ist eben der etwas verschrobene Ulla-Berkéwicz-Humor und wir sind tatsächlich darauf hereingefallen.

Aber die über zwei Dutzend Hundertseiter von Raddatz gibt es ja. Welches seiner Werke sollte man Ihrer Ansicht nach unbedingt lesen?

Wälzholz: Auf jeden Fall alle, ohne Ausnahme. Sonst wäre es ja sinnlos.

Sind denn im Raddatz’schen Œuvre gewisse Konstanten erkennbar?

Fischer: Meinen Sie stilistische oder inhaltliche?

Beides natürlich.

Fischer: Was das Stilistische angeht, kann man bei Raddatz geradezu eine Vernarrtheit ins Semikolon feststellen, achten Sie mal darauf. Zum vollendeten Literaten macht Raddatz aber eigentlich erst der inflationäre Gebrauch der Genitivinversion: „des noblen Wutbürgers Rolf Hochhuth Appell“, „des Amerika-Emigranten Brecht Stück“, „des sechsundachtzigjährigen Georg Lukács’ Tod“, „für des Sprachmagiers Karl Kraus Verhältnisse“, „nach seiner Frau Janes lockerer Frage“ usw. Es ist vor allem Raddatz, der die Genitivinversion ins neue Jahrtausend rübergerettet hat.

Wälzholz: Das Schlimme ist nur, wenn man sich so eingehend mit Raddatz befasst wie wir es tun, ist irgendwann der Punkt erreicht, an dem man gar nicht mehr auf den Inhalt seiner Texte achtet, sondern man scannt sie praktisch nur noch auf Genitivinversionen und Semikola ab.

Und gibt es thematische Konstanten? Vielleicht seine lebenslange Beschäftigung mit Kurt Tucholsky, die er dem 'Freitag' mal erklärt hat?

Wälzholz: Na ja, das Objekt der Untersuchungen ist bei Raddatz eigentlich das Unwichtigste, ob das nun Tucholsky ist oder Paul Wunderlich oder Sylt oder Nizza oder wer oder was auch immer. Durch das ganze Werk ziehen sich zwei Leitmotive, nämlich überraschenderweise das Judentum und nicht so überraschenderweise das, was er bei Tucholsky die „Phallokratie“ nennt. Zum Beispiel beschreibt Raddatz seine überbordende Begeisterung für bunte Glasfenster mit Schwänen drauf als einen „Schock bis zum Pimmel“, wie Volker Weidermann mal in der FAS berichtet hat.

Fischer: Oder wenn Raddatz sich vom Focus interviewen lässt, erfindet er für die unter Autoren übliche Geltungssucht und Eitelkeit eine sinnreiche, bis dato nie gehörte Metapher. Sie seien „das, was ich ‚Peniszeigen‘ nenne: Hat der den Größeren, oder habe ich den Größeren?“ Und wenn er mit Rolf Hochhuth über dessen Unterwürfigkeit gegenüber Titanen wie Churchill, Ernst Jünger oder Golo Mann spricht, dann sagt er, das sei „deutlich ein Ersatz für nie angefasste Schwänze“. Hochhuth hat dieses Zitat in der „Weltwoche“ auch bestätigt, andererseits aber bezweifelt, dass Raddatz als Elfjähriger auf Geheiß seines Vaters „die überall rothaarige Stiefmutter ficken“ musste. Entschuldigung, aber so steht es laut Hochhuth bei Fritz J. Raddatz.

Und wie kommen Sie darauf, dass auch das Judentum ein Leitmotiv in Raddatz’ Werk sein soll?

Fischer: Da brauchen Sie ja nur seine Äußerungen zu verfolgen oder seine Tagebücher zu lesen, einmal schreibt er: „Wolfgang Hildesheimer hatte etwas Jüdisch-Tieftrauriges, was mir sehr nahe ist“. Wir sind gespannt, ob in den Tagebüchern 2002-2012 wieder etwas Ähnliches stehen wird, die erscheinen ja jetzt im März.

Ein einziges Beispiel macht doch noch kein Leitmotiv.

Wälzholz: Nein, natürlich gibt es noch mehr Beispiele. An anderer Stelle in den Tagebüchern 1982-2001 bezeichnet Raddatz sich als „jüdisch-schnell“. Diese Stelle wäre den meisten vielleicht noch schneller ins Auge gesprungen, wenn er sich, was weiß ich, als „buddhistisch-schnell“ oder als „altkatholisch-schnell“ bezeichnet hätte, aber auf eine derartige Pointe verzichtet er komischerweise. Also seine legendäre Schludrigkeit in Detailfragen versucht Raddatz irgendwie abzufedern mit der Schnelligkeit, die er dem jüdischen Wesen im Allgemeinen und ganz konkret eben auch sich selber zuschreibt.

Fischer: Erst neulich zum Beispiel hat Raddatz, ich glaube, im Stern, Karl Kraus wie folgt zitiert: „Wer nichts zu sagen hat, der trete vor und schweige.“ Da hat er offensichtlich aus dem Kopf zitiert, aber gerade der Kopf ist natürlich jenes Körperteil, auf das am allerwenigsten Verlass ist, denn bekanntlich hat Karl Kraus das genaue Gegenteil geschrieben. Diesen Kraus-Spruch lernen die Kinder in Wien schon in der Volksschule: „Wer etwas zu sagen hat, trete vor und schweige.“

Sind das nicht Petitessen?

Wälzholz: Absolut. Wenn über die Jahrzehnte hinweg viele Leute Raddatz mit dem Hinweis verteidigt haben, dass es kleinlich sei, ihm seine Schlampigkeit vorzuhalten, hätten sie sich immer auch auf Pseudo-Longinus berufen können, in seiner berühmten Schrift Vom Erhabenen steht ja der wahre Satz: „Vielleicht muss es sogar so sein, dass kleine und mittelmäßige Geister, die nie etwas wagen und nicht nach den Sternen greifen, in der Regel fehlerfrei und sicher bleiben, während das Große eben durch seine Größe strauchelt.“

Und wegen seiner fehlenden Fehlerfreiheit ist Raddatz dann bei der Zeit gestrauchelt und wurde als Feuilletonchef entlassen.

Wälzholz: Ach, das ist eigentlich ein Mythos, was ins Deutsche übersetzt ja bedeutet: eine olle Kamelle. Es heißt immer, Raddatz sei auf ein fingiertes Goethe-Zitat hereingefallen, in dem Goethe das Gebiet hinter dem Frankfurter Bahnhof beschreibt. Und die Gräfin Dönhoff und Theo Sommer seien dann böse auf Raddatz gewesen, weil er in einer so verantwortlichen Position doch hätte wissen müssen, dass Goethe 1832 gestorben ist, es den Frankfurter Bahnhof zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gab und der erste Zug erst ein paar Jahre später fuhr. Aber wir haben uns diese Glosse einmal genauer angekuckt, in der das Goethe-Zitat stand, über das Online-Archiv der NZZ findet man die leider nicht, die muss man sich schon anderweitig besorgen. Und die erschien, verfasst von Martin Meyer, Anfang Oktober 1985 als Buchmessenbeilage in der NZZ und trägt den Titel: „Wohlwollend zu prüfen …“. Sie endet mit den Worten: „Erfunden, alles erfunden …“ Deutlicher geht es ja wohl kaum.
Fischer: Auch der ganze Text dazwischen ist quasi eine hermeneutische Lesehilfe: Da ist von „kühnen Entdeckungen“ die Rede, von „Büchern, die – nur die Rezensenten schon geprüft haben“ usw. Also kurz gesagt, die NZZ hat dem Leser die Ironie geradezu mit dem Holzhammer auf den Kopf gehauen.

Um so schlimmer, dass Raddatz die Satire eben nicht erkannt hat, gerade er! Das ist doch noch viel schlimmer als die Eisenbahngeschichte nicht genau zu kennen, und so wird es doch auch überliefert.

Fischer: Es gehörte schon einige Kunstfertigkeit dazu, die nicht zu erkennen. Aber gut, kann passieren. Zuletzt ist Bernard-Henri Lévy in seinem Hundertseiter De la guerre en philosophie ja etwas ähnliches unterlaufen, wo er Aussagen des fiktiven Kantianers Jean-Baptiste Botul zur Untermauerung seiner Argumentation heranzieht.

Wälzholz: Raddatz wurde jedenfalls damals bei der „Zeit“ nicht deshalb auf Immerwiedersehen rausgeschmissen, weil ihm mangelndes Bildungsbürgerwissen angekreidet worden wäre. Vielmehr muss die Chefetage instinktsicher sofort erkannt haben, dass man sich völlige Ironieresistenz im Feuilleton ab sofort nicht länger leisten kann. Wir fühlen in diesem Fall sehr mit Raddatz mit, denn natürlich war die NZZ in den Achtzigern die wirklich allerletzte Zeitung, von der man geglaubt hätte, dass sie zu Ironie überhaupt fähig ist.

Entschuldigung, aber dass Sie einem Fritz J. Raddatz völlige Ironieresistenz attestieren, ist doch komplett absurd.

Wälzholz: Ja aber das sagen doch nicht wir, das war die Ansicht der damaligen Zeit-Babos! Wir haben viel eher mit dem Problem des Stilmittels der Metaironie zu kämpfen, das Raddatz bevorzugt einsetzt. Jetzt sind wir beim UMBLÄTTERER eh schon um die zwanzig Leute, die zurzeit die Anspielungen des bisherigen Raddatz’schen Gesamtwerks zu entschlüsseln versuchen, ein wahres Dechiffriersyndikat, und trotzdem gelingt es uns nicht immer.

Fischer: Neulich schrieb er irgendwo, ich glaube, in der Süddeutschen, vom Bischof von „Limbach“. Damit meinte er offenbar den persönlichen Bischof von Jutta Limbach, aber wo ist denn da der Witz? Im Grunde droht sich unsere Ulla-Berkéwicz-Pleite zu wiederholen.

Sind nach der Ulla-Berkéwicz-Festwoche und den Fritz-J.-Raddatz-Festwochen noch weitere Festwochen geplant?

Wälzholz: Selbstverständlich. Als nächstes Projekt steht aber was anderes an, wir wollen nochmal die Dissertation von Karl-Theodor zu Guttenberg als Buch herausbringen, allerdings in einer Fassung, in der die Zitate korrekt ausgewiesen sind. Unserer Ansicht nach ist das Kunst, damit ist es auch von der Kunstfreiheit gedeckt, aber ob die Rechtsprechung das genauso sehen wird, klären wir z. Zt. mit einem guten Freund von uns ab, der von Beruf Urheberrechtsanwalt ist.

Die etwa hundertseitige Dissertation von Fritz J. Raddatz haben Sie ja auch untersucht.

Fischer: Na, untersucht kann man das nicht nennen, wir haben sie halt gelesen. Schon dass überhaupt jemand über Johann Gottfried Herder promoviert, verdient Bewunderung, es gibt ja nun nachgewiesenermaßen keinen langweiligeren Autor als Herder.

Wälzholz: Am interessantesten an dieser Dissertation fanden wir eigentlich die Paratexte. Im wahren Leben hat Raddatz ja erzählt, dass er am 3. September 1931 geboren wurde und dass seine Mutter „bei“ seiner Geburt gestorben ist, so drückt er es z.B. in einem Interview mit dem Tagesspiegel aus. Literaturhistoriker denken da natürlich sofort an Rousseau und die „Confessions“. Aber in dem Lebenslauf, den Raddatz in seine Dissertation eingebunden hat, schreibt er etwas völlig anderes, nämlich dass seine Mutter „im Januar 1933 starb“. Mit solchen Widersprüchen werden künftige Raddatz-Biografen sich auseinanderzusetzen haben.

Sollte der UMBLÄTTERER statt einer alten Guttenberg-Dissertation nicht lieber eine solche ganz neuartige Raddatz-Biografie herausbringen?

Fischer: Ich weiß nicht, so was ließe sich wahrscheinlich nur über Crowdfunding finanzieren. Aber das könnte eigentlich schon klappen, denn glücklicherweise hat Fritz J. Raddatz auf der ganzen Welt wahnsinnig viele Fans.

Das Gespräch führte Michael Angele

Frank Fischer ist Herausgeber des UMBLÄTTERER, Joseph Wälzholz ist Festwochenkoordinator

15:43 16.12.2013

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