Da stimmt doch was nicht!

Aufklärung Spinner, Irre, Psychopathen – Verschwörungstheoretiker haben einen schlechten Ruf. Dabei richten sie nicht immer nur schreckliches Unheil an. Versuch einer Ehrenrettung

In Hendrik Handloegtens wunderschönem Film Paul is dead glaubt der 13-jährige Tobias, einer ganz großen Sache auf der Spur zu sein. Sein neuer Englischlehrer fährt genau so einen weißen Käfer, wie er auf dem Beatles-Album Abbey Road im Hintergrund zu sehen ist. Vom Plattenverkäufer in der westdeutschen Kleinstadt weiß Tobias freilich, dass es gar nicht Paul McCartney ist, der auf dem Cover dieses Beatles-Albums über den Fußgängerstreifen geht, sondern ein barfüßiger (!) Doppelgänger. Der echte Paul ist zu diesem Zeitpunkt längst tot, erschossen vom Mann im weißen Käfer, erschossen also vom neuen Englischlehrer. So kommt Leben und Gefahr in ein dösiges Sommerferienende in der Provinz. Moritz schärft seine Sinne und entwickelt seine Phantasie. Recht bekommt er am Ende dennoch nicht.

Nein, Paul McCartney ist nicht tot, aber weil so etwas nie zweifelsfrei zu beweisen ist – es könnte ja immer der falsche sein – braucht es eine Autorität, die es ausspricht: in diesem Fall der Radiomoderator Alan Bangs. Auch wenn Paul is dead die Verschwörungstheorie um Paul McCartney also nicht teilt, ist der Film eine Ode an die Verschwörungstheorien. Unsere Welt wäre ärmer ohne sie, geheimnisloser – kein Wunder also, dass Bücher wie Dan Browns gerade erschienener Thriller Das Verlorene Symbol so erfolgreich sind. Aber Tobias wie auch Brown-Fans werden lernen müssen, Verschwörungstheorien nicht zu ernst zu nehmen. Ernst genommen haben sie in der Geschichte Schreckliches angerichtet.

In ihren Studien zum Totalitarismus hat Hannah Arendt gezeigt, wie sehr sich die Vernichtungsideologie der Nationalsozialisten auf eine erbärmliche Fiktion stützte: auf die Protokolle der Weisen von Zion, eine massenhaft verbreitete Fälschung aus dem Umkreis der zaristischen Geheimpolizei. Sie sollte einen geheimen Plan zur Erlangung der jüdischen Weltherrschaft belegen und diente der Rechtfertigung von Pogromen.

Scheinwerfer der Erkenntnis

Geheimbünde unterwandern demnach die Parlamente, kontrollieren die „öffentliche Meinung“, lösen Wirtschaftskrisen aus: Was man aus dem antisemitischen Schriftgut zur Genüge kennt, war im Fall der Protokolle in Passagen einfach abgeschrieben aus einer leidlich lustigen Satire über Napoleon III. Es klingt wie ein schlechter Witz, aber es ist so: Die Nazis fielen auf schlechte Literatur herein – wenn sie überhaupt hereinfielen und nicht so zynisch waren wie Hitler, der meinte, dass die Protokolle auch dann Wahres aussprächen, wenn sie eine Fälschung seien.

Solche Gedanken sind Ausdruck einer „Verschwörungsmentalität“ (Serge Moscovici). Man wittert überall Feindschaft, Täuschung und Verstellung, vor dem Zweiten Weltkrieg war eine solche Mentalität prägend. Leider gab es damals noch keine Popkultur, die sie in die richtigen Bahnen gelenkt hätte. Immerhin existierte seit 1898 H. G. Wells Satire War of the Worlds, in der die Erde von feindlichen Mars-Bewohnern attackiert wird.

Und auch im deutschen Sprachraum hätte man bessere Literatur lesen können als die Protokolle. Franz Kafkas Roman Der Process zum Beispiel, der 1925 auf den Markt kam. Der Bankangestellte Josef K. wird aus unklaren Gründen verhaftet. Er kommt vor Gericht. Während seiner ersten Vernehmung entdeckt er, dass die Anwesenden heimlich dieselben „Anzeichen“ tragen. Gehören die „scheinbaren Parteien links und rechts“ also zu einer „großen Organisation“, die „hinter der Verhaftung“ steckt? Bis zum Schluss weiß K. es nicht. Er kann keine Verschwörung aufdecken, kann aber auch keine wiederlegen. Er stirbt quasi als verschwörungstheoretischer Agnostiker.

Etwas nicht zu wissen, Ambivalenzen auszuhalten, ist für den Menschen nicht einfach. Lieber teilt er die Welt in gut und böse. Warum passieren guten Menschen böse Dinge? So lautet der Titel eines Aufsatzes von Dieter Groh, der die Verschwörungstheorie als Beantwortung eben dieser Frage sieht. So gesehen, steht sie in der Traditon der Theodizee, der Rechtfertigung der Übel in der Welt angesichts eines allmächtigen und gütigen Gottes. Menschen, die aus diesen Gründen für Verschwörungstheorien empfänglich sind, könnte man Verschwörungsgläubige nennen. Sie sind unfähig, Schuld auf sich zu nehmen. Erich Ludendorff war so einer. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg gab der deutsche General erst den Sozialdemokraten die Schuld (Dolchstoßlegende) später dann den so genannten „überstaatlichen Mächten“, die er mit Büchern wie Vernichtung der Freimaurerei durch Enthüllung ihrer Geheimnisse bekämpfte.

Nun sind Geheimnisse dazu da, enthüllt zu werden. Aber wie schafft man das? Indem man „die okkulten Gebilde mit dem unbarmherzigen Scheinwerfer seiner Aufklärung“ ableuchtet, wie ein Anhänger Ludendorffs in ebenso blumiger wie präziser Sprache formulierte. Verschwörungsgläubige sind also Aufklärer, allerdings irregleitete Aufklärer. Sie sind dem Paranoiker verwandt. Das ist keine Schande, Adorno nannte die Paranoia „den Schatten der Erkenntnis“, und Sigmund Freud mochte die Paranoiker viel lieber als die Neurotiker. Er bewunderte ihren „Scharfsinn“, der sich nur eben unter völlig falschen Bedingungen entfaltet. Paranoiker sehen da einen Zusammenhang, wo es keinen gibt, sie sind zufallsblind.

Anders gesagt, es fehlt ihnen an „Kontingenztoleranz“. Darin unterscheidet sich der Verschwörungsgläubige vom popkulturellen Verschwörungstheoretiker, der den Zufall als Faktor in der Geschichte akzeptiert. Dass er dennoch gebannt ist, hängt mit dem Faszinosum des unwahrscheinlichen Falls zusammen: Was, wenn ein Paranoiker wirklich verfolgt wird (wie etwa im Film Fletscher‘s Visionen)? In seiner Geschichte meines Verfolgungswahns forderte der Kulturphilosoph Arthur Trebitsch, ihn nicht länger für wahnsinnig zu halten. Die „Erreichung eines psychopathologischen Zustand“ sei ja gerade das Ziel des elektromagnetischen Angriffs seiner Feinde gewesen. Wir halten einen solchen Angriff für extrem unwahrscheinlich, und ihn also für paranoid, was ihm wiederum beweist, dass er wirklich verfolgt wird: Robert A. Wilson spricht von einer „seltsamen Schleife“ in der Konstruktion einer Verschwörungstheorie, die jeden Beweis gegen sie ebenso zum Beweis für sie macht.

Restzweifel bleiben

Es ist ja nicht so, dass es keine Verschwörungen gibt. Geheimbünde waren tatsächlich an der Französischen Revolution beteiligt gewesen, daran zweifelt auch die seriöse Geschichtsschreibung nicht mehr. Kein Wunder: Die anti-monarchistische, anti-klerikale bürgerliche Intelligenz wurde in die Geheimbünde geradezu gedrängt.

Verschwörungstheorien sind nicht wahr oder falsch, sie sind mehr oder weniger plausibel. Eine Verschwörung des „Weltjudentums“ ist so unwahrscheinlich, dass nur Dummköpfe daran glauben können. Schon etwas weniger unwahrscheinlich ist es, dass der CIA hinter den Anschlägen vom 11. September steht, sagen wir gerade so unwahrscheinlich, dass halbintelligente Bücher darüber entstehen etc. Fast ausgeschlossen ist allerdings, dass eine Stadt wie Bielefeld nicht existiert. Dass die Bielefeld-Verschwörung trotzdem zu den intelligentesten und witzigsten Verschwörungstheorien gehört, hat damit zu tun, dass ihre Anhänger eine Satire von der Wirklichkeit unterscheiden können – auch wenn Restzweifel bestehen, oder waren Sie schon einmal in Bielefeld?

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05:00 15.10.2009

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