Der Trainer als Charisma-Träger

Guardiola und Co Es ist kein Zufall, dass der spektakulärste Neuzugang der Bundesliga kein Spieler, sondern ein Coach ist
Michael Angele | Ausgabe 32/2013 41
Der Trainer als Charisma-Träger

Wäre die Bundesligawelt immer so unaufgeregt wie an diesem sonnigen Montagvormittag in Berlin-Westend, dieser Artikel bräuchte nicht geschrieben zu werden. Da drehen die Spieler des Aufsteigers Hertha BSC locker ihre Runden über das Trainingsgelände, an der Spitze läuft ein kleiner, freundlich schauender Mann mit schwarzem Haar und Schnurrbart. Mit niederländischem Akzent beschwatzt er den Spieler Peer Kluge, es sind Wortfetzen wie „er hatte eine Knieverletzung“ zu hören, dahinter trabt Fabian Lustenberger, den der freundliche Mann, die Rede ist von Trainer Jos Luhukay, gerade zum Kapitän gemacht hatte. Nachdem genug gelaufen wurde, bilden Trainer und Spieler einen lockeren Kreis, der Trainer redet ein paar Minuten, fasst dabei immer wieder einen Spieler an, dann trottet die Stammelf zurück zur Geschäftsstelle, verfolgt von den wohlwollenden Blicken der rund zwei Dutzend Zaungäste, während der Trainer sich zu den Reservespielern am Ende des Platzes verzieht. Nichts Auffälliges also.

Aber es gibt noch eine andere Bundesligawelt. In ihr existieren Männer wie Pep Guardiola, der neue Trainer von Bayern München, der den FC Barcelona zur besten Vereinsmannschaft der Welt gemacht hat und nun die Bayern noch besser machen will, als sie es eh schon sind. Auch Guardiola berührt seine Spieler gerne, wie man liest. Aber wenn er es tut, scheint das nicht ein gängiges kommunikatives Verhalten, sondern eine sakrale Handlung zu sein. Auch ist seine Bescheidenheit, die er etwa in der initialen Begegnung mit seinem Vorbild Alex Ferguson an den Tag legte, nicht nur die Bescheidenheit eines Mannes von einfacher Herkunft (der Vater war Maurer), wie auch seine Nachdenklichkeit besonders nach verlorenen Spielen nicht einfach das ist, was ein etwas grüblerischer Charakter nun einmal nach sich zieht. Nein, Leben und Wirken des Pep Guardiola, wie es in Buchform niedergelegt ist und in den letzten Wochen von den Medien bis zu den Verantwortlichen des FC Bayern rauf- und runtererzählt wurde, trägt die Züge eines Heilsbringers, der sein „Seelenheil“ laut Biograf Guillem Balagué in harter Arbeit und relativer Askese findet.

Materialismus

Dass der spektakulärste Neuzugang der Bundesliga in dieser Saison kein Spieler, sondern ein Trainer ist, ist womöglich kein Zufall. Man könnte die These wagen, dass das Charisma im Spitzenfußball weitgehend von den Spielern auf die Trainer übergegangen ist. Was heißt das? Die Geschichte der Charismatiker zeigt: Sie bilden das Zentrum der Herrschaft und bleiben doch Fremde. An den materialistischen Werten ihrer Umwelt sind sie kaum interessiert – auch wenn sie ja den Materialismus mit ihrer harten Arbeit überhaupt erst ermöglichen. „Reines Charisma ist spezifisch wirtschaftsfremd. Es konstituiert, wo es auftritt, einen ‚Beruf‘ im emphatischen Sinn des Worts: als ‚Sendung‘ oder innere ‚Aufgabe‘“, schrieb der große Soziologe Max Weber.

Die Ablehnung des weltlichen Erlösungsanspruchs kann beim Fußballstar durch sinnlosen Exzess oder demonstrativen Verzicht geschehen. Beides macht sie zu interessanten Außenseitern, im Idealfall zu Idolen. Nach Karriereende wurde der eine Typus oft Alkoholiker (Georg Best), der andere, nun ja, Trainer (Jürgen Klinsmann). Man sieht leicht, dass dieser Typus als Spieler nur noch in Schwundform existiert. Messi, der wohl beste Spieler der Welt, soll glücklich sein, wenn er mit seiner Playstation spielen kann. Aber Charisma existiert eben bei den Trainern. Auch wenn man hört, dass Guardiola nun gar nicht, wie angekündigt, in der Geschäftsstelle der Bayern übernachtet, sondern in einem Luxusappartement, so wirft die wunderbare Fotoserie in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts 11 Freunde zu den „Arbeitszimmern der Trainer“ ein helles Licht auf die asketische Dimension des Trainerlebens: Das kleinste dieser Zimmer ist zwölf Quadratmeter groß, allesamt sind sie von rührender Schlichtheit, auch diejenigen von Hallodri-Trainern wie Thorsten Fink (HSV) und Bruno Labbadia (VfB Stuttgart).

Frust der Leistungselite

Labbadia war es auch, der mit seiner „Wutrede“ letztes Jahr für Aufsehen sorgte. „Die Trainer in der Bundesliga sind nicht der Mülleimer von allen Menschen hier“, sagte er und sprach seinen Kollegen aus dem Herzen. Wie man dem Dokumentarfilm Trainer entnehmen kann, wird die Aussage auch von Armin Veh geteilt; der aktuelle Trainer der Frankfurter Eintracht erklärt weiter mit sphinxhaftem Blick, dass er immer nur Einjahresverträge abschließt, um seine Unabhängigkeit nicht zu verlieren. Wenn Veh über seine Arbeitgeber spricht, dann vor allem im Modus der Distanzierung. „Das machst du nicht mit“ oder „das sagst du denen dann auch“ sind seine Worte. Mit „denen“ sind Präsidenten und Vorstandsmitglieder gemeint, die als die eigentlichen Feinde des Trainers gelten. Ihnen gegenüber fühlt er die größte Ohnmacht und den größten fachlichen Unverstand, denn wenn man über Bundesligatrainer spricht, spricht man über Trainerentlassungen (die drohen, vollzogen werden oder scheinbar noch in weiter Ferne liegen).

Umgekehrt ist die „Mannschaft“ das Gut, dass es als Trainer zu schützen gilt. Und wenn dann sogar aus der Mannschaft ein Trainerrücktritt gefordert wird, sind das immer nur „Einzelstimmen“. So wird der Trainer alles in allem zu einer Art Gesamtrebell bei durchaus fantastischer Bezahlung (was macht er eigentlich mit dem Geld? Klaus Augenthaler ging mit seinen Abfindungen in den Angelurlaub) und hoher öffentlicher Anerkennung (natürlich nicht im Fall von Misserfolgen). Man könnte auch sagen, im Bundesligatrainer bricht sich der Frust der Leistungselite gegenüber den unproduktiven Eliten Bahn. Anmerkungen zu Christian Streich (SC Freiburg), die hier vielleicht vermisst werden, folgen.

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