In der Transparenzfalle

Vergebene Weckrufe Die Leute wollen sich über den NSA-Skandal einfach nicht so recht empören. Woran könnte das liegen?
Michael Angele | Ausgabe 45/2013 17

Seit sie da ist, wird die NSA-Überwachungsaffäre von der unangenehmen Beobachtung flankiert, dass sie vielen Menschen relativ egal ist. „Die Betroffenheit hält sich in Grenzen, auch wenn die Vorgänge von der Mehrheit kritisch gesehen werden“, fasst Renate Köcher, die Geschäftsführerin vom Institut für Demoskopie Allensbach, die jüngste Umfrage ihres Instituts zusammen.

Mal angenommen, dass es nicht leicht sein dürfte, die „Vorgänge“ positiv zu bewerten: Ist eine kritische Einstellung nicht schlicht so erwartbar wie der Ärger über schlechtes Wetter? Aber Empörung ist dann doch noch etwas anderes, stärkeres. Warum bleibt sie weitgehend aus? Der Fall ist zu abstrakt, heißt es, er betrifft die Bürger nicht direkt. Ein Überwachungsskandal ist in seinen befürchteten Konsequenzen nicht zu vergleichen mit drohender Arbeitslosigkeit, unsicherer Rente oder einer Vogelgrippe, selbst die Wiederkehr der Hütchenspieler am Kudamm mag der Mann, die Frau auf der Straße als größere Bedrohung empfinden.

Nun kann man im Spiegel lesen, dass die Nachricht von der Überwachung von Angela Merkels Handy die Bevölkerung „aufgeweckt“ habe: „Wenn das Telefon der Kanzlerin nicht sicher ist, ist nichts mehr sicher“. Wenn das mal nicht Wunschdenken bleibt, angeblich soll Merkels neues Handy ja sicher sein. Und konnte die Kanzlerin ihre Regierungsgeschäfte nicht trotz der Überwachung erfolgreich führen, jedenfalls in den Augen einer Mehrheit, die sie wiedergewählt hat? Man könnte also auch von einer beruhigenden Nachricht sprechen.

Juli Zehs beherzter Auftritt

75 Prozent der von Allensbach Befragten sind der Ansicht, dass ihnen durch die NSA-Überwachung „keine Nachteile“ entstehen. Und vermutlich muss man den anderen 25 Prozent ein diffuses Gefühl der Benachteiligung unterstellen, das sich auch bei Meldungen über „Sozialschmarotzer“ oder Steuerhinterzieher einstellt.

Dass bedeutet natürlich nicht, dass es besonders prickelnd sein muss, von Geheimdiensten gelesen zu werden. Aber ist es nicht viel beunruhigender zu wissen, dass man von privaten Imperien wie Amazon, Google oder Facebook dechiffriert wird? Und was blüht uns, wenn Internetgiganten und Regierung hier zusammengehen? In dieser Perspektive stellt der publizistische Großversuch einer isolierten Empörung über die NSA ein Hemmnis dar. Geheimdienste tun nun einmal, was sie tun. Klar, „die Amerikaner“ sind zu weit gegangen, aber die Empörung über die NSA samt einer ordentlichen Portion Anti-Amerikanismus lenkt doch auch ab von den subtilen und tiefgreifenden Vorgängen um „Big Data“. So sahen das jüngst bei Günther Jauch die Schriftstellerin Juli Zeh, die den Skandal in die Sphäre der Diplomatie verwies, und der Wissenschaftspublizist Ranga Yogeshwar. Es war ein beherzter Auftritt. „Juli Zeh ist der einzige Mensch, dem ich seine Humorlosigkeit nicht nachtrage“, schrieb einer auf Facebook.

Zehs Auftritt, der in einem Plädoyer für die digitalen Bürgerrechte mündete, verhieß nichts weniger als die Rückkehr des klassischen Intellektuellen. Aber mit welchem Erfolg? Einfach gesagt, ist der klassische Intellektuelle ein Mensch, der viel nachdenkt und sich leicht empört. Sowohl das Nachdenken als auch die Empörung teilt er gerne mit. Aus dem einen Motiv entspringen Bücher, aus dem anderen Flugschriften, Zeitungsartikel, Fernsehauftritte, neuerdings auch Blogs. Emile Zola ist das Urbild dieses Intellektuellen. Er hinterlässt ein Romanwerk und eine flammende Anklage über den Umgang mit dem jüdischen Offizier Alfred Dreyfus. Der klassische Intellektuelle lieh seine Stimme den Außenseitern, den Sprachlosen und Unterdrückten, heute sind an die Stelle von Menschen zunehmend Themen getreten. Das hat damit zu tun, dass die soziale Frage schwach geworden ist und sich eine Mediengesellschaft etabliert hat. Favorisiert werden Themen, die als wichtig gelten, aber von der Gesellschaft noch nicht in ihrer Bedeutung erkannt werden, bis vor Kurzem etwa ökologische Fragen.

Nun also die Überwachung und Lesbarmachung des Menschen durch neue, gewaltige technologische Mittel. Aber wir befinden uns hier weder am Ende einer Tragödie, indem wir eine reinigende Katharsis erfahren, noch sind wir mitten in einem Film von Costa-Gavras, der uns die Sauereien der Mächtigen zeigt, und schon gar nicht befinden wir uns am Anfang einer Predigt, die uns den Fall mit kräftigen Gleichnissen vor Augen führt. Aber es braucht nun einmal starke Bilder, um die Menschen wachzurütteln. Wer an das Waldsterben der achtziger Jahre denkt, der erinnert sich doch vor allem an Autobahnfahrten entlang von Wäldern, die penibel auf abgestorbene Äste etc. inspiziert wurden. Die großen Schäden blieben aber irgendwo hinter dem Eisernen Vorhang, und zumindest in Süddeutschland wurden die augenscheinlichsten Verwüstungen nicht durch Immissionen verursacht, sondern von einem Sturm namens Lothar.

Seither lastet auf den Bildern der Bedrohung der Verdacht, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Oder wie Jacques Derrida formulierte: „Apocalypse, not now“. Immerhin gab es überhaupt etwas zu sehen. Tobias Kniebe hat in der SZ jüngst befürchtet, dass die Spionagestoffe der Zukunft nicht mehr verfilmt werden können. Schon heute lässt sich so etwas wie WikiLeaks mit den Mitteln des populären Films kaum mehr erzählen. Die entscheidenden Vorgänge sind immateriell, das Symbol dafür ist der USB-Stick, ein lächerliches Symbol.

Neue Form des Totalitarismus

Es liegt also in der Natur der Sache, dass es schwer ist, bei diesem Thema die richtigen Zeichen zu setzen, ein Gespür für starke Symbole zu entwickeln. Zweifellos war der offene Brief, den Juli Zeh und über 60 weitere Schriftsteller diesen Sommer an Angela Merkel richteten, ein beeindruckendes Dokument. Ihre Bitte, den Prism-Skandal, wie er damals noch hieß, endlich ernst zu nehmen, war im Vergleich zu anderen, gedanklich oft schlicht gehaltenen Aufrufen scharf formuliert. Aber warum, um Gottes Willen, muss ein von vielen Zehntausenden digital unterschriebener Brief von einem versprengten Haufen zum Kanzleramt getragen werden?

Der Spott über die unbeholfene Aktion blieb so wenig aus, wie der über einen Selbstversuch von Ranga Yogeshwar. Der Wissenschaftspublizist lief für die Günther Jauch-Sendung mit einem präparierten Handy durch München und ließ sich aufzeichnen. Sogar die Gespräche, die er auf einem Flohmarkt führte, konnten mit der Software einer privaten Firma aufgezeichnet werden. Die Aktion war zweifellos dem Versuch geschuldet, dem Publikum die technische Dimension der Überwachung drastisch nahezulegen, aber er unterlag doch, in der Welt, dem Verdacht des Gratismuts. Er mag in diesem Fall unbegründet sein, aber ist nicht etwas dran an der Unterstellung, dass das eigene Leben erst durch das Wissen um Fremdbeobachtung aus seiner Nichtigkeit gehoben wird? Früher war diese Aufgabe Gott vorbehalten, heute den Programmen.

Und noch eins kommt dazu. Wenige Tage später fand man den Versuch von Yogeshwar in der FAZ geschildert. Er mündete in einem Aufruf, der klang, als hätten ihn Zola, Sartre und Foucault gemeinsam verfasst: Wenn wir nicht aufwachen, werden „Worte wie ‚Freiheit‘ und ‚Selbstbestimmung‘ (...) ihren Inhalt verlieren, und bald werden wir uns womöglich unfrei fühlen, wenn unsere Handys keinen Empfang haben.“ Diese neue Form des Totalitarismus lässt Unschuld zu einem seltenen Fall werden – vielleicht ist es nicht zuletzt auch dieses Gefühl, das die Empörung nicht größer werden lässt.

Ein Transparenztraum verbindet Überwacher und Überwachte; der Literaturwissenschaftler Manfred Schneider hat die Geschichte dieses Traums, den er auch einen Wahn nennt, gerade bei Matthes & Seitz als Buch veröffentlicht. Transparenz ist ja nur eine Metapher für Information. Wir wollen alles wissen, in die Köpfe reinschauen, wir dulden kein Geheimnis und keine Täuschungen. Lange war dieser unbedingte „Wille zum Wissen“ (Foucault) nur ein Traum der Künstler und Intellektuellen, mal abgesehen von den jakobinischen Phasen der Französischen und der Russischen Revolution. Heute beherrscht er Politik, Wissenschaft und Technik, sagt Schneider. Ob die 75 Prozent, die sich über die NSA-Affäre laut Allensbach so gar nicht empören können, ihrer Verwicklung schon ganz bewusst sind, darf allerdings ebenso bezweifelt werden, wie dass es schon ein Erwachen aus dem Traum gibt.

06:00 08.11.2013
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