Michael Angele
12.10.2011 | 12:45 5

Jenseits der großen Erzählung lauert der nackte Code

Sprachkritik Warum wir von „Staatstrojanern“ und „digitalem Ungeziefer“ reden müssen, wenn es um ein hochkomplexes Gebilde geht

Sprachbilder sind ja erstaunlich resistent gegenüber den Veränderungen in der Wirklichkeit. Obwohl wir die kopernikanische Wende längst vollzogen haben, sprechen wir ohne Skrupel von der Schönheit eines Sonnenuntergangs, und nur ein paar Schriftsteller in der Tradition eines Gustave Flaubert wollen sich nicht damit abfinden, dass unsere so genannt natürliche Sprache hinter den Wahrheitsansprüchen der Moderne hoffnungslos zurückbleibt. „Ich fürchte, wir werden Gott nicht los, weil wir noch an die Grammatik glauben“, schrieb vor rund hundert Jahren Friedrich Nietzsche.

Heute ist nicht nur die Schreibmaschine, mit der Nietzsche als einer der ersten Philosophen schreibend experimentierte, ein Anachronismus, sondern auch die Vorstellung des Computers als einer Art Optimierung dieser Schreibmaschine. Aus den Buchstaben eines antiken Alphabets besteht dessen Tastatur trotzdem, auch die Tastatur, auf der dieser Text hier gerade entsteht. Und so wundert es nicht, dass jemand beim Griff in die Metaphernkiste auf ein simples Holzpferd aus der griechischen Mythologie gestoßen ist, um eine hochkomplexe Überwachungssoftware vorstellbar zu machen.

Vorstellbar machen, heißt einen Sachverhalt in eine Narration übersetzen. Wenn man, frei nach dem Philosophen Hans Blumenberg, die Welt schon nicht begreifen kann, so soll sie sich doch erzählen lassen. Natürlich sind Veranschaulichungen nicht immer verkehrt. Metaphern funktionieren ähnlich wie Vergleiche über Ähnlichkeiten zwischen dem Bild und dem Gemeinten. Die Software, die der Chaos Computer Club (CCC) da gehackt hat, muss also etwas mit einem trojanischen Pferd gemein haben. Sieht harmlos aus, dringt aber ins Innerste eines Gehäuses ein und richtet dort großen Schaden an. Weil nun aber solche Vergleiche nicht einfach wahr oder unwahr sind, sondern Geschmackssache, wundert es nicht, dass nicht alle Gefallen am Bild vom Bundestrojaner gefunden haben. Der Journalist Wolfgang Michal schreibt in seinem Blog:

„Hören Sie also zunächst auf, den Sympathie-Begriff ‚Bundestrojaner‘ zu verwenden. Denn schon in der Schule haben wir gelernt, dass der tolle Trick mit dem hölzernen Pferd der Trick ‚der Cleveren‘ war. Der ‚Bundestrojaner‘ ist eher mit einer digitalen ‚Drohne‘ zu vergleichen, einer ferngelenkten Waffe. Denn die Schnüffelsoftware ermöglicht es, jeden einzelnen Computer, der mit dem Netz verbunden ist, anzusteuern und komplett auszuforschen.“

Inkompetenzkompensationskompetenz

Die Drohne für den besseren Vergleich zu halten, heißt, die Dinge noch drastischer erzählen zu wollen. Was aktuell über diesen „Staatstrojaner“ zu lesen ist, ist ja eine große „Erzählung“, wie sie als Postulat in der politischen Publizistik attraktiv geworden ist. Dabei handelt es sich einfach um einen weiteren Fall von „Inkompetenzkompensationskompetenz“ (Odo Marquard). Je komplexer die Verhältnisse werden, desto dringlicher wird der Ruf nach einer solchen Kompetenz. Aber wer kennt sich schon aus mit Programmierung?

Vor dem Gott der Algorithmen und Codes sind wir ja fast alle gleich – und das heißt gleich dumm. Wie sehr es da die Erzählung braucht, zeigt schon der Name der Partei, die für die neuen Verhältnisse wie keine zweite steht. Es ist ja kein Zufall, dass die Piratenpartei so heißt, wie sie heißt; hochkomplexe Verhältnisse provozieren archaische Reaktionen. Wie der Piraten-Name ein rechtlich unklares Gewaltverhältnis assoziiert, so ruft die Rede von Trojaner und Drohne eine irgendwie kriegerische Situation aus.

Was ist davon zu halten? Schwer zu sagen, denn die Vorstellung eines Cyberwars scheint ja fast schon zwingend, aber es fehlen ihm nun einmal die Insignien eines klassischen Kriegs. Tote lassen sich keine zählen, Kosten nicht beziffern. Vor diesem vagen, aber irgendwie konsequent gefühlten Hintergrund, der auch noch mit unscharfen totalitären Zügen daherkommt, wie Dietmar Dath in der FAZ schreibt, ist es äußerst schwer, eine andere Erzählung durchzusetzen.

Man könnte ja auch sagen, dass sich mit der Entschlüsselung der Software eines Nachrichtendienstes erst einmal Fragen des Datenschutzes stellen, und die Gründe der Dramatisierung dieses Vorgangs weniger in der Natur der Sache, als möglicherweise mehr in einer politisch-publizistischen Gemengelage liegen.

Anatomie eines digitalen Ungeziefers lautete, metaphorologisch wenig sensibel, die Überschrift zum riesigen Aufmacher im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS), verfasst von Frank Rieger, einem der Sprecher des CCC. Aber vermutlich ist der sehr wortreiche Artikel gar nicht der wichtigste in diesem Feuilleton der FAS. Der eigentliche Aufmacher erstreckt sich über fünf Seiten und ist Abdruck jenes „getarnten Teils der Spionagesoftware, der das illegale Nachladen von Programmen aller Art ermöglicht“. Es ist ein Code, der, wie es zu Recht heißt, trivial für Informatiker ist, aber für Laien, und das meint eben auch für Journalisten oder Richter, ein rätselhaftes Idiom bleibt.

Ein Code, der das lateinische Alphabet längst hinter sich gelassen hat, und es nur noch wie in einem Zitat benutzt. Ein Code, so wahr, wie im narrativen Gedächtnis nicht speicherbar. Er markiert die Grenze der Erzählung – was von ihm bleibt, ist die Buchstabenfolge „0zapftis“, die ein digitaler Scherzbold in ihn reingeschrieben hat. Bierzelthumor war allerdings nicht unbedingt die Konsequenz, die sich ein Flaubert oder ein Nietzsche aus der Unbegreiflichkeit der Welt erträumt hatten.

Kommentare (5)

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helena-neumann 12.10.2011 | 17:15

"Bierzelthumor war allerdings nicht unbedingt die Konsequenz, die sich ein Flaubert oder ein Nietzsche aus der Unbegreiflichkeit der Welt erträumt hatten."

Flaubert und Nietzsche? Die haben wenig gemein mit der Schlichtheit der Boolschen Algebra und Algorithmen....Obwohl die Church-Turing-These könnte Nietzsche provoziert haben:

Die Church-Turing-These lautet: „Jedes intuitiv berechenbare Problem kann durch eine Turingmaschine gelöst werden.“

So einen gewissen Hang zum Totalitarismus hatte Nietzsche ja auch, nicht wahr?

Calvani 12.10.2011 | 17:57

Ich bin ja immer noch ein wenig pikiert, weil Sie, Michael, meinen, schweizer Migranten müssten sich keine Herkunfts-Ableitungen gefallen lassen, Migranten anderer Länder dagegen schon. Aber Marquards "Inkompetenzkompensationskompetenz" kannte ich noch nicht und sie hat mir erstens den bisherigen Tag vergoldet und ist deshalb zweitens umgehend von mir in mein zukünftig zu verwendendes Vokabular überführt worden. Und angesichts der Tatsache, dass Sie mit diesem Artikel mal wieder mein persönliches Interessengebiet, das da an der Schnittstelle zwischen Kultur und Politik liegt, - um es kriegerisch auszudrücken - "besetzt" haben, will ich mal nicht so nachtragend sein - auch wenn es mir sehr schwer fällt, so von Migrantenabkömmling zu Migrant...

Streifzug 12.10.2011 | 18:25

Lieber Michael Angele,

Nietzsche war auf der Höhe seiner Zeit. In den wesentlichen Belangen. So ist es mit all den unsterblichen Philosophen, Schriftstellern und Wissenden. Wissen, genau darum geht es. Darin liegt der wesentliche Unterschied zum unwissenden Lokalmatador, der seine jetzt schon vergessenen Artikel für die Gartenlaube 3 schreibt. Das soll keiner Lokal-Gartenlaube-Diskriminierung das Wort reden, die einen wesentlichen Teil zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beiträgt. (Gartenzwerge bewachen unsere Kultur.)

Zu jeder Zeit gibt es Ignoranten, die durch Unwissenheit/Inkompetenz glänzen und auch noch stolz darauf sind. Möglichst viele große Namen in ihre Wortansammlungen einbauen und Kommata richtig verstreuen, darauf beschränkt sich deren Größe.

Die schreiben dann Kolumnen in der FAZ oder der FAS beispielsweise über InternetThemen, von denen sie fachlich keinen Schimmer haben, was heute jedes Grundschulkind sofort erkennt, und verstecken diese Leerstelle hinter gesellschaftskritischen Floskeln.

Unwissenheit/Inkompetenz beschneidet den Gartenlaubern weiterhin die Möglichkeit eines spielerischen, vielschichtigen Umgangs mit aktuellen Begebenheiten (bei denen mehr verlangt wird, als Wissen um das richtige Möhrenschälen). Ihnen bleibt nur der staubtrockene, eindimensionale, moralisierende, gutbürgerliche Beruhigungsungsauftrag von gleichgesinnten, scheintoten Vorgestrigen (die Beschreibung wirkt etwas ausufernd, aber keiner sollte zu kurz kommen).

Gänzlich anders beim Freitag. Hier findet sich Fachkenntnis gepaart mit Wortwitz. Eine narrative Wissenguerilla, deren geistige Verwandtschaft mit digitalen Scherzkeksen richtungsweisend ist. Das macht den Freitag so unbezahlbar.

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richard-der-hayek 16.10.2011 | 00:09

Sie schreiben sehr schlau.
Das Problem ist allerdings, daß Sprache immer vereinfacht, veranschaulicht, verfälscht.
Eine Blume etwa ist ein hochkomplexes Gebilde, von dessen biochemischer Struktur weder ein Dichter noch ein Galan eine Ahnung hat, im Allgemeinen.
Das gilt also für so gut wie jedes Wort. Oder wissen Sie genau, was Charakter, Geist usf bedeuten ?
Andererseits ist eine genaue Spezifikation nicht nötig. Es geht um die für den (Sprach)-User gewünschten Nutzen: er kann mit den Worten die für ihn nötigen Akte erzielen: wenn er einen Salat kauft, weil er Hunger hat, reicht es aus, von der Pflanze die für ihn notwendigen Teileigenschaften zu wissen und das richtige Wort zu sprechen.
Ich kann ein bischen programmieren, habe es von der Pike auf gelernt und habe den Code gesehen und als Assembler-Code erkannt. Inzwischen gibt es viel mehr Befehle in dieser Sprache als vor zwanzig Jahren, da die Schaltungen effektiver wurden. Ein bischen Ahnung taucht auf, wie das funktionieren könnte.

Na und ? Selbst wenn ich es genau verstände, was hilft mir das dann ? Wesentlich sind die verständlichen Worte: Bildschirm fotografieren und speichern, beliebige Funktionen nachladen und ungesicherte, dilletantische Verbindungsaufnahme.

Dieses Phänomen findet dauert statt und es ist unmöglich, anders zu sprechen: so viel kann man gar nicht wissen, um genaue Information zu verstehen, und ist nicht nötig.

Sie selber wenden dieses Prinzip immer und dauernd an: wenn Sie Fleisch, einen Radio kaufen, ihr Lieblingslied anhören: wissen Sie über Fourier-Analyse Bescheid, die unser Hirn durchführt ?

Ihr Blog hier ist wichtigtuerischer, ahnungsloser Quatsch.

Schönen Gruss rdh
Aber um die