Mario Draghi, der Alchemist

Drama "Die Plünderung der Welt": Michael Maier hat ein Buch verfasst, das die Finanzpolitik unserer Tage als faustisches Erbe beschreibt
Michael Angele | Ausgabe 27/2014 13
Mario Draghi, der Alchemist
Der aktuelle EZB-Chef spielt eine hervorstechende Rolle
Foto: John Thys/ AFP/ Getty Images

Es gibt Bücher, die zum Nachdenken anregen wollen, andere wiederum wollen unterhalten, und dann gibt es solche, die den Leser durchschütteln sollen. Diese Bücher sagen dem Leser: Wach auf, Mann (oder Frau). Es ist fünf vor zwölf. Das vorliegende Buch sagt zwar, dass es Viertel vor eins sei, aber es ist dennoch ein Wachrüttelbuch. Oft stammen diese Bücher von Journalisten, die für eine Sache brennen und sich nicht zu schade sind, ihr Anliegen mit einem reißerischen Titel zu befeuern. Das Buch von Michael Maier heißt Die Plünderung der Welt. Wie die Finanz-Eliten unsere Enteignung planen.

Maier hat eine glanzvolle Karriere als Journalist in den Mainstream-Medien hinter sich, er war Chefredakteur der Berliner Zeitung und des Stern, gründete dann die Netzeitung (für die ich gearbeitet habe), tauchte zur Erforschung sozialer Netzwerke in die USA ab, dann als Herausgeber der Deutschen Wirtschaftsnachrichten, der Deutsch-türkischen Nachrichten, und der Deutschen Mittelstandsnachrichten im Internet wieder auf. Der dritte Titel gibt einen Hinweis darauf, wie weit der kapitalismuskritische Impuls in die Mitte der Gesellschaft gerückt ist.

Ein ordentliches Wachrüttelbuch braucht einen einprägsamen Slogan. Bei Thomas Pikettys Capital in the Twenty-First Century (das zur Subgattung der Nichtgelesenen Wachrüttelbücher gehört) ist es eine Formel: r > g. Meint: Die Vermögen wachsen schneller als die Wirtschaftsleistung. Meint: Die Reichen werden immer reicher.

Ein toller Fund

Bei Maier ist es eine simple Zahl: 0,123. Sie beantwortet die Frage, wer die Welt beherrscht. „Eine winzige Gruppe von 0,123 Prozent der Eigentümer internationaler Konzerne (Trans National Coprorations, TNC) kontrolliert 80 Prozent des Wertes dieser 43.000 Konzerne.“ Ermittelt hat die Zahl ein gewisser James B. Glattfelder. Nie gehört? Kein Wunder, er ist ein junger Schweizer Physiker, der in seiner Freizeit gern klettert. An der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich hat er über die „Vorhersagen von Finanzkrisen“ geforscht. Keine Ahnung, wo Maier dessen Dissertation ausgegraben hat. Aber sie ist ein toller Fund.

Diese winzige Superelite besteht im Wesentlichen aus britischen und amerikanischen Banken, aus Deutschland sind nur die Deutsche Bank und (vermittelt) die Allianz auf der Liste. Die Personen dahinter interessieren Michael Maier nicht. Es geht, anders als der Titel suggeriert, nicht um eine Verschwörung. Maier, der in Jerusalem über „Antisemitismus in den Medien der DDR“ geforscht hat, steht für Montagsdemos offenkundig nicht zur Verfügung.

So wie nun an Piketty Kritik geübt wird, kann man möglicherweise auch die Daten von Glattfelder relativieren. Es ändert nichts an der Grundstimmung unserer Zeit. Wir glauben, dass die Reichen immer reicher werden. Auf Kosten der Vielen. Praktisch überall auf der Welt.

Dass wir die Kosten der von der Elite entzündeten Finanzkrise tragen, bildet das Mantra in Michael Maiers Buch. Wir bezahlen selbst da, wo es nicht intendiert ist. Etwa bei den niedrigen Zinsen der Zentralbanken, die nicht bloß die Staaten entschulden sollen, sondern auch dazu führen, dass die Einlagen der Sparer an Wert verlieren. Maier braucht hier nicht Marx zu zitieren, es genügt der Deutsche Sparkassen- und Giroverband, der von einer „Enteignung der Sparer“ spricht.

Wohin er blickt, das Muster ist immer das gleiche, Maier spricht von einem „System der Plünderungen“. Das klingt rabiat, aber nicht unvertraut. Sein Buch ist auch ein Kompendium der aktuellen Wirtschaftskritik. Dort, wo Maier die „Schulden-Tyrannei“ von IWF, Weltbank und WTO kritisiert, klingt er nicht nur nach Joseph Stiglitz, sondern auch nach Jean Ziegler und – an anderer Stelle explizit – nach David Graeber. Andere Stimmen sind überraschender. Etwa die von Hans-Hermann Hertle, der gezeigt hat, wie tief die DDR in die Schuldenfalle getappt ist. Die Beschreibung des Historikers erinnert Maier „fatal“ an die Zeitungsberichte über die heutige Lage der südeuropäischen Länder. Das Ende der DDR ist bekannt.

Das Skandalon

Der kühne Vergleich bildet seit Oswald Spengler die stärkste rhetorische Waffe der Wachrüttelbücher („schon das römische Reich ...“). Er ist einem ästhetischen Blick auf die Welt geschuldet. Wir sind Zeugen eines Dramas, sagt Maier. Und wir haben es mit einem Verbrechen zu tun. Das Skandalon besteht darin, dass das Verbrechen nicht geahndet wird. Es ist eben kein Raub, sondern eine „Plünderung“. Da sind keine Pistole und keine alte Frau mit Handtasche. Da sind die Zentralbanken, die im Interesse der Finanzwirtschaft agieren, und da sind wir, die Bürger. Aber auch dieser Plot eignet sich nur bedingt für einen guten Krimi. Das Personal der Finanzeliten, sagt Maier, ist blass. So hat der heutige EZB-Chef Mario Draghi zwar mitgeholfen, die Öffentlichkeit bei der Rettung der ältesten italienischen Bank zu täuschen, hervorstechend ist auch seine Rolle als Manager bei Goldman Sachs (die Bank, die Griechenland half, das massive Schuldenproblem vor der EU zu verschleiern), er bleibt dennoch ein Biedermann. Er hat keine faustische Tiefe.

Dabei bildet der Faust-Mythos das Fundament dieses Buchs. Was Maier das „Falschgeldsystem“ nennt, findet in der Studie Geld und Magie des St. Galler Nationalökonomen Hans Christoph Binswanger eine kulturtheoretische Durchringung. Binswanger hat aus dem zweiten Teil von Goethes Faust die Grundlagen der modernen Wirtschaft herausgelesen. Mit der Erfindung des Papiergelds wurde ein alter Alchemistentraum wahr; eine wertlose Sache wurde zu „Gold“ gemacht. Diese Verwandlung verhieß Reichtum ohne Anstrengung, grenzenlose Herrschaft, basierend auf der wundersamen Vermehrung von Werten, gegen die Natur und ihre Beschränkungen. Das „große Werk“ der Alchemisten. Man muss nur daran glauben. Indem die Wirtschaft transzendent geworden ist, hat sie die Religion weitgehend beerbt, sagt Binswanger. Deshalb ist dieser Glaube so hartnäckig, obschon er doch buchstäblich auf dem Schein beruht.

So weit zur Ästhetik. Und die Moral? Trotz einer schillernden Rhetorik hat Michael Maier kein linksradikales Buch geschrieben. Er will den Kapitalismus nicht abschaffen, sondern auf ein menschliches Maß zurückstufen. In seiner Mitte steht der „partizipative Unternehmer“. Anders als der CEO der großen Konzerne, dessen einziges Ziel es ist, den Börsenwert der Firma zu steigern, ist dieser Unternehmer ein verantwortliches Wesen. Einer, der persönlich haftet. Ein Modell, das Maier auch für die Banken vorschwebt, der Staat soll sich da raushalten. Die EU wiederum muss reformiert werden, der Euro darf kein Fetisch sein, Währungsreformen gab es immer schon; eine Kritik, die implizit zwischen Linkspartei und AfD einen dritten Weg einschlägt. Das kann man vernünftig finden. Wem es noch zu wenig ist, der sollte bedenken, dass Wachrüttelbücher ihre größte Stärke im Wachrütteln haben.

Die Plünderung der Welt Michael Maier Finanzbuchverlag 2014, 288 S., 19,99 €

 

11:54 02.07.2014
Geschrieben von

Kommentare 13

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community