Radikale Islamkritik durch die Guttenberg-Brille

Taqiyya Ein hartnäckiges Vorurteil gegen gemäßigte Moslems lautet: Alles Blender, denn der Islam erlaubt, in der Not zu täuschen. Ist der Freiherr etwa ein Meister der Taqiyya?

Kleine Scherzfrage: Was hat ein bayerischer Adliger mit rund 1,5 Milliarden Moslems gemeinsam? Nun, auch Guttenberg ist ein Meister der Verstellung und Täuschung. Eine große konservative Tageszeitung attestierte ihm sogar eine „Täuschung großen Stils“, eine Einschätzung, die durch das bekannte Dementi des Noch-Verteidigungsministers, es sei „zu keinem Zeitpunkt bewusst getäuscht“ worden, eher noch gewinnt. Bekanntlich verwies der gute Mann auf seine Berufs- und Abgeordnetentätigkeit und seine Lage als junger Familienvater, um die „Fehler“ seiner Dissertation ins rechte Licht zu stellen. Eine Notlage also.

Damit zur aktuellen Islamdebatte. Zu den schärfsten Waffen der radikalen Islamkritik zählt der Hinweis auf taqiyya, auf das Recht des Frommen, in Not seinen Glauben zu verheimlichen und ergo die Umwelt zu täuschen, etwa durch falsche Freundschaften mit Ungläubigen. Es ist Konsens gelehrter Diskussionen, dass nur das Schiitentum das Recht auf taqiyya kannte und fraglich, ob es davon noch Gebrauch macht.

Solche Feinheiten scheinen eine Necla Kelek, einen Ralph Giordano oder einen Udo Ulfkotte allerdings nicht umzutreiben. Taqiyya wird von den radikalen Islamkritikern verstanden als Hinweis auf die haarsträubende Naivität des „Gutmenschen“, der glaubt, die gemäßigten Worte eines Sprechers der Türkisch- Islamischen Union oder des Euro-Islamtheoretikers Tariq Ramadan seinen mehr als Lippenbekenntnisse. Aber es bleibt nicht beim im Einzelfall vielleicht nachvollziehbaren Misstrauen gegen allzu weiche Worte. „Keine andere Parole der Islamkritik hat das alltägliche Zusammenleben so nachhaltig vergiftet“, schreibt Patrick Bahners in seiner furiosen Streitschrift Die Panikmacher. Und weiter: „Im islamkritischen Internet werden alle Äußerungen von Muslimen, die keine Aufrufe zum Dschihad sind, als Taqiyya etikettiert“. Mal abgesehen davon, dass ein solcher Begriff von taqiyya verflixt dem geschichtsmächtigen Vorwurf ähnelt, die Juden würden etwa durch Taufe Mimikry betreiben, ist ihm schwer zu begegnen. Gegen den Generalverdacht hilft keine Einzelfallprüfung.

Und der Gebrauchtwagenhändler um die Ecke?

Wer von einem solchen fundamentalen Misstrauen getragen wird, der ver­ortet den Krieg der Kulturen nicht nur bei den Dschihadisten, sondern den Moslems überhaupt. Ein Irrwitz. Hier schlägt „Aufklärung“ um in fantastische Literatur. Die Prosa ist aber wohl eine andere: Unabhängig davon, ob man die geläufigen Ansichten zu Frau, Alkohol und deutscher Gründlichkeit teilt, dürfte sich der überwiegende Teil der männlichen Muslime (es sind ja sowieso immer nur sie gemeint) in Deutschland weniger als Krieger fühlen denn mehr als Händler. Der Gebrauchtwagenhändler um die Ecke will mir ein Auto verkaufen und keinen Anschlag auf mich verüben. Er will mit mir allerdings auch nicht eine Freundschaft fürs Leben schließen – auch wenn ein sehr naiver Beobachter das glauben könnte.

Theatralische Verhaltensweisen sind kein Wesensmerkmal einer bestimmen Religionszugehörigkeit oder eines „Kulturkreises“. Sie gehören ironischerweise zu einem Arsenal an Verkehrsformen des In-Authentischen, ohne die – Soziologen wie Helmuth Plessner haben es betont – eine zivile Gesellschaft nicht denkbar scheint. Der Mensch kann nun einmal nicht zu jeder Zeit und an jedem Ort er selbst sein, ohne andere zu terrorisieren. Mit der Verteidigung eines fundamentalistischen Glaubens haben diese lässlichen Formen von Täuschung und Verstellung ebenso wenig zu tun wie mit der Erschleichung eines Dr. jur.

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11:55 28.02.2011

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