Vorsicht, kein Nachruf!

Legende Die "Harald Schmidt Show" auf Sat.1 geht Anfang Mai zu Ende. Auch wenn er zuletzt geschwächelt hat: Er ist viel zu gut, um einfach nun aufzuhören

Ein großes Wehklagen ist nicht gerade ausgebrochen, als in der letzten Woche das Ende der Harald Schmidt Show auf Sat.1 bekannt wurde. Schmidt, so war unter anderem zu lesen, sei eben eine unzeitgemäße Figur geworden. In einer Zeit, die nach „Haltung“ dürste, könne man mit einem, der sich nicht festlegen will, der alles und jeden verspottet, nicht mehr viel anfangen: „Was wählt Schmidt eigentlich?“ „Wie denkt er wirklich über Waldemar Hartmann?“ Man wisse es nicht.

Nein, weiß man nicht, aber muss man?

Mir persönlich ist auch egal, wie er zu Joachim Gauck „wirklich“ steht. So lange Schmidt mit einer Pointe genau zu treffen vermag: „Wie lautete der berühmte erste Satz seiner Rede“, fragte er am 20. März sein Publikum. „’Was für ein schöner Sonntag’. Ja. ‚Was für ein schöner Sonntag.’ Deswegen hat man die Wahl auf einen Sonntag gelegt, damit der Satz passt.“ Schmidt hat genau gesehen, was passiert, wenn eine groteske Erwartungshaltung auf einen trifft, der sich als Redner vor dem Herrn versteht.

Das ist eine Pointe, die man auf einem Satire-Gipfel vermutlich vergebens sucht, sie ist zu filigran. Geschenkt, dass man nicht weiß, von welcher „Haltung“ sie getragen ist. So wenig wie man die Haltung kennt, die Georg Büchners Lenz beim Gang durch das Gebirge denken ließ: „Nur war es ihm manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte.“ Kunst ist keine Haltungsfrage, oder genauer: sie strebt nach unmöglichen Haltungen.

Auf YouTube

Zugegeben, ich habe jene Sendung vom 20. März nicht live im Fernsehen gesehen. Ich habe sie im Internet nachgeschaut. Seit längerem konsumiere ich Harald Schmidt fast nur noch über YouTube, denn wahr ist eben schon, dass er zuletzt kaum noch Kunst, sondern allzu viele banale, langweilige und herzlose Sachen gemacht hat. Schaue zu fortgeschrittener Stunde dann seine schönsten Szenen, manchmal sogar parallel zu einer gerade aktuell laufenden Sendung.

Zum Beispiel das Dramolett Claus Peymann kauft sich keine Hose, geht aber mit essen. Schmidt spielt darin den halb logorrhoisch-abstoßenden, halb sympathisch-schrulligen Peymann, und Benjamin von Stuckrad-Barre den Reporter, der Peymann beim Hosenkauf und Spaziergang durch Charlottenburg begleitet. Zusammen gehen sie zu einem Italiener, Peymann alias Schmidt stellt sich den Vorspeisenteller zusammen. Der Schlusssatz: „Man nimmt immer zu viel. Herrlich!“ 17.696 Aufrufe bei YouTube. Nicht gerade wahnsinnig viel, aber ordentlich. Und die Leute im Studio scheinen auch ihren Spaß gehabt zu haben, sie klatschten frenetisch.

Man verstand ihn nicht mehr

Ich glaube, dass Schmidt von seinem heutigen Publikum nicht mehr verstanden wird. Als er sich neulich Gedanken gemacht hat, wie man die Gottschalk-Show herrichten könnte und in bester Tradition ein Modell-Studio nachbauen ließ, – und auch gleich erklärte, dass der Professor Weicker (Regie) und der Professor Wieder (Bühnenbild) die Gottväter des Studiowesens seien –, konnte das Publikum über drei Dinge abstimmen: einen Bagger auf Biergläsern, etwas mit Tieren oder Gespräche mit Hans Küng. Spärlicher Applaus für letzteren Vorschlag. Es gewannen die Tiere. Das Publikum kannte den katholischen Rebellen Küng wohl gar nicht. Einen Harald Schmidt ohne Geisteswelt kann man aber vergessen. Das hat man gemerkt, als er mit Oliver Pocher zusammen die Late Night Show aus dem Quotenloch holen wollte und scheiterte.

In der werbewirksamen Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen erzielte die Harald Schmidt Show zuletzt noch einen Marktanteil von sechs Prozent. Es schauten also im Durchschnitt 690.000 Zuschauer die Sendung. In den Zahlen des Fernsehens ist das wenig, aber es sind immer noch weit mehr Menschen, als an einem Spieltag in die Stadien der ersten Bundesliga strömen.

In seinen besten Zeiten, um das Jahr 2000 herum, konnte Schmidt Akademiker und Nicht-Akademiker gleichermaßen begeistern. In ihrer Schmidt-Biografie vergleicht Mariam Lau ihn mit Wolfgang Neuss, dem in den sechziger Jahren Gleiches gelang. Das leuchtet ein. Aber vielleicht sollte sich Schmidt und jeder Fernsehsender, der künftig mit ihm zusammenarbeitet, von dieser verführerischen, pädagogisch ausgezeichneten Vorstellung verabschieden.

Fernsehen im Fernsehen

Er müsste vielmehr eine Show für diejenigen machen, die mit ihm alt werden. Seine Weltsicht teilen. Die ihn, emphatisch gesprochen, verstehen und weiter an seinem Bildungsroman teilhaben wollen. Auch wenn sie sich vielleicht über seine bornierte Fremdenfeindlichkeit mehr als einmal aufgeregt haben, etwa über die meist dämlichen Polenwitze, mit denen er angeblich ein Tabu im deutschen Fernsehen gebrochen hat. Diese Polenwitze wurden ja von einer ganzen Fabrik von Gagschreibern erstellt, und Mariam Lau hat eine ganz einleuchtende, psychoanalytische Erklärung: „Dass es gerade die Polen wurden, die in jener Zeit zur Zielscheibe wurden, darf man dabei vielleicht auch als eine Art Übertragung beachten: Underdogs, die nichts tun als Klauen – war das nicht auch der Alltag eines Heimarbeiters in der Witzmanufaktur?“

Eigentlich hätte Schmidt diese Manufaktur selbst hinreichend verspotten müssen. Wesentlich zu seiner Attraktivität hat ja sein reflexiver Umgang mit den Massenmedien selbst beigetragen, seit er 1988 mit MAZ ab! vom Düsseldorfer Kommödchen ins Fernsehen gewechselt war und bald schon im Ersten landete. Sogar noch sein erfolgloser Ausflug in die Samstagabendunterhaltung mit Verstehen Sie Spaß? war (vermeintlich) die Operation eines Medienguerilleros. „Das ist Adorno mit unterhaltenden Mitteln. Wenn ein Volk die ganze Woche malocht und samstags gefragt wird: ‚Verstehen Sie Spaß?’ kann die Antwort eigentlich nur Nein heißen. Das Volk lacht trotzdem. Das finde ich komisch“, sagte Schmidt einmal dem Stern.

Sein Publikum fand das weniger komisch. Es wollte keinen Medienzynismus, sondern gute Unterhaltung. Gleichwohl hat Schmidt dazu beigetragen, dass eine vielleicht harmlose Kritik an den Massenmedien die Massen erreichte. Entscheidend dabei war, dass sein Blick ins Gehäuse nie mythenzerstörend war, sondern, wie Mariam Lau einmal mehr klug bemerkt, das Fernsehen zum Leuchten brachte.

Warum? Weil er die spielerischen Möglichkeiten des Mediums vorführte. Und auch wenn seine Geschichtsstunden mit Playmobil-Figuren bis hin zu kleinen Theaterstücken manchmal doch arg putzig wirkten, so lag doch in diesen nicht zuletzt sendezeitverschwenderischen Auftritten eine seiner großen Stärken. Damit wollte Schmidt sich die Liebe des Feuilletons erheischen. Das Peymann-Dramolett basierte auf einem Beitrag für die „Berliner Seiten“ der FAZ, die dem Bildungsaufsteiger Schmidt eine Art Bewunderungsallianz anbot. Es hat ihn getroffen, als die FAZ ihr Idol nach der ersten Trennung von Sat.1 2003 in einem fast hysterischen Aufschrei fallen ließ.

Adorno mit anderen Mitteln

„Gibt es überhaupt einen ‚echten’, einen ernsthaften Harald Schmidt hinter der Bühnenfigur?“ Das Unzeitgemäße an Schmidt machte Stefan Kuzmany auf Spiegel Online auch daran fest, dass diese Frage nicht zu beantworten sei. Noch einmal: Muss man das beantworten können? Ist entscheidend, ob der „echte“ oder gerade der besonders „unechte“ Schmidt spricht, wenn er noch für den simpelsten seiner Gäste nur gute Worte hat?

Schmidt hat ein Charisma, das auf den scheinbar widersprüchlichen Eigenschaften der Empathie und der Kälte, des Charmes und des Zynismus beruht. Er hat die Gabe, seinem Gegenüber das Gefühl zu geben, in diesem Moment gerade der wichtigste Mensch der Welt zu sein. (Ich erinnere mich sehr gut daran, wie er mich, den schüchternen Interviewer, einmal mit ausgesuchter Höflichkeit in Köln-Mühlheim empfangen hat). Man wäre gern sein Freund.

Aber das täuscht. Wenn man der Geschichte glauben darf, hat er viele Menschen vor den Kopf gestoßen, Herbert Feuerstein zum Beispiel, mit dem er Schmidt­einander machte, und den er eiskalt abserviert hat. Und gerade hat sich sein ehemaliger Senderchef Roger Schawinski gemeldet und ein paar wenig schmeichelhafte Dinge gesagt. Schmidt, soviel ist klar, hat eben einen Abgrund. Dieter Nuhr oder Oliver Welke haben keinen Abgrund. Der eine interessiert mich nicht, der andere macht mit der heute-show eine ansprechende politische Satiresendung. Aber von Schmidt erwarten wir doch anderes. Notfalls auf Kabel Eins. Und irgendwie muss es uns gelingen, dass er dem Feuilleton wieder gefallen will.

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13:20 05.04.2012

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