Spielarten des Grauens

Elektroschocks In Boris DezŠulovic´s Lyrikband "Gedichte aus Lora" muss ein Gefolterter die kroatische Hymne singen

Es scheint in Mode zu kommen, das kalte literarische Spiel mit der Täterperspektive. Gerade eben hat Jonathan Littels Skandalepos Die Wohlgesinnten mit der Inthronisierung eines SS-Offiziers zum Romanhelden einen literaturkritischen Streit um die geschichtspolitische Deutungshoheit über die Verbrechen des Nationalsozialismus provoziert. Jetzt führt uns ein junger kroatischer Autor mitten in die finstersten Scheußlichkeiten der jugoslawischen Bürgerkriege.

Die Gedichte des in jeder Hinsicht radikalen kroatischen Schriftstellers Boris DezŠulovic´ sind ganz unten angekommen - im Folterkeller. Diese Gedichte lassen uns so tief in den Abgrund des Sadismus und der Entmenschlichung blicken, wie das zuvor kein Gedichtband eines europäischen Autors jemals getan hat. Was uns DezŠulovic´ mit seinen lapidaren Protokollen der Grausamkeit zumutet, ist keine traditionelle Ästhetik des Schreckens mehr, die mit bewährten Strategien der Drastik und der Tabuverletzung den Horror des Krieges vor Augen rückt.

DezŠulovic´ geht weit darüber hinaus: Er lässt die Folterknechte selbst sprechen, gibt ihrem tödlichen Hass, ihrer amoralischen Kälte, ihrer Lust am Quälen breiten Raum. Der in Kroatien für seine schrillen Provokationen bekannte Autor setzt auf eine brutale Konfrontationsstrategie: Aus der Täterperspektive werden en detail die Verbrechen durchgespielt, die im kroatischen Militärgefängnis Lora nahe der Hafenstadt Split im Jahr 1992 begangen worden sind.

DezŠulovic´ reagierte mit seinen Gedichten ursprünglich auf einen skandalösen Prozess gegen kroatische Militärpolizisten, die wegen "unmenschlichen Verhaltens" gegen Gefangene angeklagt und zunächst freigesprochen wurden. Im Militärgefängnis in Lora hatte man während des kroatisch-serbischen Konflikts einige Angehörige der serbischen Minderheit in Split nebst serbischen und montenegrinischen Kriegsgefangenen inhaftiert. Dort kam es zu entsetzlichen Übergriffen gegen Gefangene, in deren Verlauf vier Häftlinge ums Leben kamen.

Erst in einem Wiederaufnahmeverfahren Anfang 2006 rang sich dann die kroatische Justiz zu Schuldsprüchen gegen acht Folterer durch. Die Höchststrafen gegen den Gefängnisleiter und seinen Stellvertreter betrugen allerdings gerade mal acht Jahre. Für die Angehörigen der Opfer war das angesichts der milden Strafen kein rechter Trost - die unverbesserlichen kroatischen Chauvinisten und Kriegs-Veteranen haben ihrerseits das in ihren Augen skandalöse Urteil bis heute nicht akzeptiert.

Mit seinen Gedichten hat DezŠulovic´ nun die Krankheit des Nationalismus zur Kenntlichkeit entstellt. Schon in den Kriegsjahren hatte sich der unerschrockene Provokateur bei den Sachwaltern des Tudjman-Regimes unbeliebt gemacht, da er in seiner satirischen Wochenzeitschrift Feral Tribune keine Gelegenheit ausließ, die Perversionen des kroatischen Chauvinismus als solche zu benennen. In seinen auf deutsch bislang noch nicht übersetzten Romanen setzte er von Beginn an auf eine Schockstrategie. Sein erster Roman Christkind erzählt offenbar von der fantastischen Zeitreise seines Protagonisten ins österreichische Braunau, die Geburtsstadt Adolf Hitlers, um dort den Jahrhundertverbrecher gleichsam vorzeitig zu ermorden. Das jüngste Opus, der Roman Wer schert sich zum Teufel um 1000 Dinar inszeniert den jugoslawischen Bürgerkrieg als makabre Tragikomödie.

DezŠulovics Gedichte aus Lora, die Klaus Detlef Olof in einer bösen Lapidarität übertragen hat, zertrümmern nun alle hehren Vorstellungen von Erhabenheit oder sentimentalischer Innigkeit, die man noch immer mit Lyrik verbinden mag. Diese Gedichte sprechen nicht nur von Bestialität - sie repräsentieren durch ihre affirmative Haltung das Bestialische. Schon das grausige Eingangsgedicht rekapituliert in allen Details die entsetzlichen Prozeduren der Folter, denen die Gefangenen in Lora ausgesetzt waren. Am Ende des Textes soll der mit Schlägen und Elektroschocks malträtierte Gefangene die kroatische Hymne singen. Die Unbarmherzigkeit dieses Anfangs setzt sich fort und DezŠulovic´ präsentiert immer neue Spielarten des Grauens. Einer seiner lyrischen Antihelden erinnert sich an die Erschießung eines Mädchens, ein anderer vergegenwärtigt in höhnischer Omnipotenzphantasie die Vergewaltigung eines gefangenen Serben.

Diese Schock-Ästhetik der Tortur wird auf vielen Seiten in so obszönen Bildern vorgeführt, dass die Lektüre zur Zerreißprobe wird. DezŠulovic´ zeigt das Unerträgliche, die Bestialisierung des Menschen als Normalfall. Mit Dichtung hat das nur noch wenig zu tun. Vielleicht sollte man eher von Protokollen eines inhumanen Bewusstseins sprechen. An einer Stelle steigert sich einer seiner verkommenen Antihelden in eine Hass-Suada auf alles Un-Kroatische. Das Stammtisch-Ressentiment verbindet sich hier mit einer allumfassenden Tötungsbereitschaft - jenseits des Hasses gibt es nichts mehr: Sieh dir zum Beispiel an was die / Juden machen sieh dir an was die / durchtriebenen Juden mit den Palästinensern machen / walzen sie lebendig mit Baggern nieder / und dann auch wieder diese Palästinenser / das ist alles Al Kaida / die dreckigen Araber das sind alles dieselben / sieh dir doch an welche Scheiße sie / mit den Amerikanern mit den Flugzeugen / in die Wolkenkratzer / und dann wieder diese Amerikaner / sieh dir doch an was diese aufgeblasenen / Amerikaner mit den Irakern / in den Gefängnissen machen diese Arschficker / und dann wieder diese Irakis / sieh dir doch an was die stinkenden / Irakis mit den Kurden machen / mit Kampfgas eine Million / Kurden umbringen ja hallo... Kein Zweifel: Hier spricht, hier bramabarsiert der Feind des Menschengeschlechts. Wir müssen gefasst sein auf seine Wiederkehr.

Boris DezŠulovic´ Gedichte aus Lora. Aus dem Kroatischen von Klaus Detlef Olof. Drava, Klagenfurt 2008. 126 S., 17,80 EUR

#ff0000>Wenn Sie dieses Buch bestellen möchten: Zum Shophref>

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare