Angst, zu sein

Neue Musik Kann die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine gelingen? Eine Roboter-Oper und das Ultraschall Festival in Berlin geben unterschiedliche Antworten

Androiden regen unsere Fantasie an, vergangene Woche haben sie auch das Berliner Musikleben beschäftigt. R.U.R., eine Roboter-Oper, gegeben im Theater im Delphi, steht für Rossum’s Universal Robots und ist eigentlich ein 1920 veröffentlichtes Drama des tschechischen Schriftstellers Karel Čapek, das seither viele Adaptionen erfahren hat. Für die Androiden, die von der Firma R.U.R. hergestellt werden, hat Čapeks Bruder die hier erstmals auftauchende Bezeichnung „Robot“ beigesteuert, nach einem tschechischen Wort, das „Fronarbeiter“ bedeutet. Die Roboter werden weltweit industriell eingesetzt, rebellieren aber bald und vernichten die Menschheit. Nur einer bleibt übrig, Alquist, ein Angestellter der Firma, von dem die Roboter erhoffen, dass er die verloren gegangene Formel ihrer Existenz reproduziert. Alquist kann aber nicht helfen, er war nur Baumeister gewesen. Am Ende werden zwei Roboter von selbst menschenähnlich – sie werden Kinder haben.

Die neue Adaption durch das Ensemble gamut inc hat mit Čapeks Stück wenig zu tun, nur dass in beiden Fällen Androiden Metapher für eine zeitgenössische Angst sind. Als Čapek schrieb, war noch der Bürgerkrieg im Gange, mit dem die Geschichte der Sowjetunion begann. Ihm schwebte offenbar die proletarische Revolution vor.

Wunderbar dissonant

Bei gamut inc geht es um einen einzelnen Menschen, der sich fragt, woher das Leben kommt und wohin es geht. Das Stück beginnt gleich damit, dass Alquist – eher in Nietzsches Sinn – der letzte Mensch ist, umgeben nur von zwei Robotern, einem Sopran und einem Countertenor, der seine Fähigkeit, sich zu bewegen, stetig weiterentwickelt. Auf die Rückwand der Theaterbühne ist so etwas wie ein Kirchenchor projiziert. Wie auch die Solist:innen singt er wunderbar dissonant a cappella. Alquist allerdings spricht nur. Während des Balletts der beiden Roboter, die mit „7 automatisierten Scheiben“ hantieren, sitzt er meistens hinter einem Schreibtisch und räsoniert. Etwa, die Sprache sei „für euch ein Werkzeug, für uns die Hülle um das Sein. Denn wir haben Angst, zu sein.“

Gott, meint er, sei von seinen Geschöpfen, den Menschen, überwunden worden, und ebenso würden die Menschen von den Robotern überwunden. Die Roboter würden damit im Grunde die Rache Gottes vollstrecken. Hier ist jemand zwischen seiner Vor- und Nachgeschichte eingeklemmt und weiß nicht, warum es ihn überhaupt gibt. Auch mit seiner Gegenwart kann er nichts anfangen: Kannst du mich fühlen, mich hören?, fragt er die Roboterin Helena, die aber nur fortfährt, ihren schönen musikalischen Algorithmus zu wiederholen. Sie finden keinen Kontakt zueinander.

Einen Tag vor der Premiere des Stücks war am vergangenen Mittwoch in Berlin das Festival für neue Musik Ultraschall mit einem Konzert des Deutschen Symphonie-Orchesters (DSO) unter Leitung von Jonathan Stockhammer eröffnet worden. Auf dem Programm stand unter anderem Macchine in echo für zwei Klaviere und Orchester (2015) von Luca Francesconi. Dieses Werk zeigte, dass es auch heute noch möglich ist, miteinander zu kommunizieren. Die Klaviere setzt der Komponist als „Maschinen“ ein, indem sie ein überschaubares Tonmaterial immerzu wiederholen, in Variationen, die man als solche erkennt. Das machen sie insofern nicht anders als die Helena von gamut inc. Sie aber haben ein Gegenüber, das ihnen zuhört. In der Reaktion des Orchesters ist die Vorgabe der Klaviere noch erkennbar. Und dann zeigt sich, dass die Klaviere ihrerseits auf die Reaktion reagieren können. Sie verlassen zwar auch da nicht ihren „Algorithmus“, haben ihn aber nach außen geöffnet, was doch bedeutet, dass sie nicht mehr dieselben sind.

Der Philosoph Yuval Harari behauptet, fast alle Menschen seien quasi algorithmisiert, weshalb eine Ersetzung der Menschheit durch „künstlich intelligente“ Maschinen im Grunde nicht viel ändern würde. Nur einige wenige Menschen seien nicht monoton, sondern kreativ. Aber diese Ansicht widerlegt sich selbst: Wenn es solche Menschengruppen gäbe und sie miteinander kommunizierten, würde jede die Eigenschaften der anderen adaptieren.

Dazu muss man sich öffnen können, doch das geht. Am Sonntag beim Abschlusskonzert von Ultraschall (wieder mit dem DSO, diesmal unter Johannes Kalitzke) unterstrich eine Komposition von Enno Poppe diese Fähigkeit. Fett für Orchester (2018/19) ist ein mikrotonales Gebilde, in dem sich bis zu 40 Stimmen übereinandertürmen. Das Stück beginnt zuhörerfreundlich, indem es an den Mittelsatz von Arnold Schönbergs Fünf Orchesterstücken (1909) erinnert, der den Titel Akkordfärbungen trug. Auch noch in der mikrotonalen Erweiterung klingt das wie Ein- und Ausatmen. Aber Poppe weitet dieses Selbstverhältnis eines Subjekts zu ungeheuren Räumen aus, auch zu lautstarken Gegensätzen, die freilich hörbar im Subjektraum verbleiben. Das ist wohl auch der Grund des Titels: Das Subjekt will aus sich heraus, sein einsames Zerren führt aber nur zur Verfettung. Und dann gelingt die Öffnung am Ende doch, mit plötzlich ganz leisen Tönen! Da hat sich wohl eine Muse gezeigt.

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Anmerkung: Der Titel und die Zeile darunter sind wie üblich nicht vom Verfasser. Ich selbst würde mir die Frage, "ob die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine gelingen kann", nicht stellen, es ist aber wohl nicht untypisch, dass der Artikel so gelesen wird.

Info

R.U.R. von gamut inc ist Anfang Februar in Köln zu sehen. Die Ultraschall-Konzerte kann man unter ultraschallberlin.de nachhören

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