Das Ich schöpft nie aus sich allein

Urheberrecht Künstlerische Werke können zwar ohne Verwerter entstehen, nicht aber ohne Geschmack. Und wer bezahlt den?
Das Ich schöpft nie aus sich allein
Natürlich gibt es immer intellektuelle Vorläufer. Aber in den allermeisten Fällen ist Kunst mehr als nur eine Kombination von schon Vorhandenem
Illustration: Otto

Manches an der Urheberrechtsdebatte, die von der Piratenpartei angestoßen wurde, ist nur zu verständlich. Man braucht ja nur über das Wort „Urheber“ als solches nachzudenken: Es suggeriert, dass die Neuschöpfung ein allererster Anfang und geradezu eine creatio ex nihilo sei. Demgegenüber haben die Piraten mit Recht daran erinnert, dass jedes Kunstwerk aus anderen Werken schöpft, die schon vorher da waren. Wenn daraus aber der Schluss gezogen wird, dass im Maß, wie ein Künstler von andern Künstlern profitiert, der Geldwert seines Werks sinke, wird’s schon problematisch. Denn auch eine andere Erinnerung drängt sich nicht auf: daran, dass man gerade die angeblich voraussetzungslosen Urheber, die Gottbegnadeten, die wahren Genies – seien es Religiöse, Philosophen oder eben Künstler – seit eh und je nicht nur aufs Höchste bewundert, sondern ihnen auch jedes Recht auf ein Entgelt abgesprochen hat. Es ist eine seltsame Konstellation: Ob die Leistung der Künstler zu hoch oder zu niedrig eingeschätzt wird, das Resultat ist immer, sie sollen wenig oder gar kein Geld bekommen.

In der Debatte, wie hoch das Urheben vergütet werden soll, will ich keine Position beziehen. Die Piraten machen hier mindestens so plausible Vorschläge wie andere Parteien. Aber man muss näher hinschauen und sieht dann Probleme, die vom speziellen Ansatz der Partei herrühren. Wenn man sagt, die Piraten „erinnern“ an etwas, das eigentlich bekannt ist, ist man schon mitten in diesen Problemen. Denn wissen sie selbst, dass ihre Kritik an der Vorstellung des Urhebens nicht originär ist? Zu denen, die von sich sagten, sie säßen „auf den Schultern von Riesen“, gehörte Isaac Newton. Die Formulierung wurde schon im Mittelalter gebraucht. Wenn einem das einfällt, sieht man leicht, dass die Piraten vom Gewinn, den ein Kreativer seinen Vorgängern verdankt, eine sehr andere Vorstellung als Newton haben. Nehmen wir zum Beispiel Julia Schramm. Sie meint, es seien immer schon „Ideen“ im Umlauf, auf die sich die nächsten Ideengeber stützen, wobei aber eigentlich gar nichts Neues herauskomme; wenn es eine Entwicklung gebe, dann die, dass die Ideen „mutieren“. Genau dieselbe Vorstellung wurde uns kürzlich von den Erfindern der Maschine „Iamus“ präsentiert, die selbsttätig komponieren kann. Von der musikalischen Entwicklung, die herauskam, wurde gesagt, sie sei ein Mutieren des vom Programmierer eingegebenen Ausgangsmaterials.

Picassos Fußstapfen

Dem Iamus-Konzept und Schramms Vorstellung vom Urheben ist gemeinsam, dass das Urheben automatisch abläuft, ohne Absicht, ohne Subjekt. An die Stelle von Absicht und Subjekt tritt bei Schramm der „Filter“, durch den das Ich die Welt in sich hereinlasse. Die Welt, das sind sicher „die Informationen“, deren Flut im Internet über uns hereinbricht, denn über sie vor allem denken Piraten nach. Nicht alle streichen das Subjekt durch oder glauben gar wie Schramm, die Privatsphäre bereits sei mit dem Internet unvereinbar und müsse ihm zum Opfer gebracht werden. Der Kreis derer jedoch, die sich unter dem Urheben die bloße Neukombination schon vorhandener Informationen vorstellen, kann nicht anders als groß sein, da sie dem großen Vorbild selber entspringt, der Informatik und Internet-Maschine, dieser Errungenschaft der Entwicklung der Produktivkräfte. Newton indes stand anders auf der Schulter des Riesen Galilei. In Galileis Fallgesetz die Bewegung von Himmelskörpern um einen Zentralkörper zu erkennen, war keine Neukombination vorhandener Bausteine. Was Newton Galilei verdankte, hatte nicht den Charakter eines Abrufs von Informationen.

Mehr als ein Jahrzehnt musste er tüfteln, um seine Physik des Planetensystems urzuheben. Er brauchte viele Modelle, die immer komplexer wurden, bis er gefunden hatte, was ihm befriedigend schien. Da wir hier vom künstlerischen Urheben reden wollen, drängt sich der Vergleich mit Komponisten wie Anton Bruckner auf, der in gewisser Weise immer dieselbe Sinfonie komponierte. Arnold Schönberg meinte, ein Künstler verfolge im Grunde immer nur einen einzigen Gedanken. Wenn das Ergebnis vorliegt, kann man gewiss sagen, er habe als „Filter“ der Welt funktioniert. Aber was muss er dafür nicht getan haben! Wenn Geld der Lohn für Arbeit ist, also für Qualifikation und Zeitaufwand, wobei die Qualifikation selber sich einem Zeitaufwand verdankt, ist sein Tun mit Geld gar nicht aufzuwiegen – auch wenn man es dem Ergebnis nicht immer ansieht. Picassos Skulpturen zum Beispiel sind wirklich „nur“ Neukombination schon vorhandener Bausteine. Da bildet ein Spielzeugauto den Kopf eines Pavians, oder die Hörner einer Ziege sind eine Fahrradlenkstange. Wer meint, solche Dinge, die man auf dem Müllplatz finden kann, „mutierten“ fast automatisch zu Kunstwerken, kann ja mal versuchen, in Picassos Fußstapfen zu treten – nicht durch Wiederholung derselben Idee natürlich, sondern mit einer, die genauso originell ist und auch ebenso eine Botschaft enthält.

Es gilt für jede Art von Kunst, dass ihr Zeitaufwand in keinem Verhältnis zum Entgelt steht. Der Grund ist, dass sie nicht mechanisch, algorithmisch oder nach einer Ableitungsmethode generiert werden kann, sondern einer Logik der sprachlichen Verschiebung folgt. Dafür ist der Vorgang ein Beispiel, dass eine Fahrradlenkstange zur Metapher für Hörner wird oder dass, wenn man es umgekehrt sieht, Hörner Zivilisationsmüll erschließen. Zu einer solchen Verschiebung ist ein Kopf fähig, der sehr frei assoziieren kann und in dem sich viele Sinnstrukturen niedergeschlagen haben. Sie braucht aber Zeit. Vorbereiten lässt sie sich wohl, doch wann genau sie im Kopf eintrifft, kann nicht kommandiert werden. Selbst wenn es schnell geht, weil viel zeitaufwendige Übung vorausgegangen ist, bleibt das Verhältnis von Suchen und Finden immer inkommensurabel. Eben diese Inkommensurabilität ist der Grund dafür, dass man gemeint hat, es sei „Inspiration“, die von selbst komme und keines Geldes, wenn auch der höchsten Bewunderung wert sei.

Kants Gemeinsinn

Die Vorstellung vom kunstgenerierenden „Filter“ hat auch noch eine andere Seite. Die Piraten interessieren sich nicht nur für die Generierung von Kunst, sondern viel mehr noch für deren möglichst freie Rezeption. Da spielt nun statt des Künstlers der Rezipient die Rolle des Filters der Welt, hier der Kunstwelt – und will nicht, dass andere Filter sich einmischen. Im Fokus der Urheberrechtsdebatte sind ja gar nicht die Künstler, sondern die „Verwerter“, Buchverlage zum Beispiel, denen man voraussagt, sie würden vor dem Internet keinen Bestand haben. Diese Verlage, so scheint es, sind Schmarotzer am freien Austausch zwischen dem Ich, das sich selbst Filter genug sei, wenn es im Internet surft, und seiner frei herausgefilterten Kunst. Doch der Augenblick, in dem ich auf etwas stoße, das mich anspricht, ist in Wahrheit ebenso voraussetzungsvoll wie der Sekundenbruchteil, in dem sich die künstlerische „Inspiration“ ereignet. Denn alles, worauf ich stoßen kann, ist präfiguriert. Wenn etwas früher auf den Bildschirm kommt als anderes, haben Leute und Methoden dafür gesorgt. Und nicht nur, was ich finde, sondern auch, was ich suche, hängt immer von Mächten mit ab, Werbung zum Beispiel, die meinen Blick gelenkt haben.

Könnte man denn alle „Verwerter“ abschaffen, auch die blicklenkenden Internetunternehmen, ohne etwas Analoges an ihre Stelle zu setzen? Das ist unmöglich, denn das Ich, ob es nun vor dem Buch oder vor dem Bildschirm sitzt, braucht eine Art gesellschaftliche Beurteilung dessen, was man den „Geschmack“ genannt hat. Die Kritik der Urteilskraft von Immanuel Kant, sein Buch über Ästhetik, handelt davon. Ein zentraler Paragraf trägt den Titel: Die Bedingung der Notwendigkeit, die ein Geschmacksurteil vorgibt, ist die Idee des Gemeinsinns. Man sieht schon, er denkt die Filterung meiner Geschmacksbildung nicht so, dass eine bevollmächtigte Instanz sie mir vorschreibt. Wohl aber als Ergebnis einer Debatte und daher von Strukturen, die eine solche Debatte tragen können. Und genauso, wie zwar jeder ein Künstler sein kann, aber doch nur wenige die Kunst zu ihrer Berufung machen, gibt es Spezialisten der Geschmacksbildung, denen zwar keine Herrschaft zusteht, die man aber anhören soll. Was nun die Buchverlage angeht, sind sie nicht eine Mischung aus angemaßter Herrschaft, die uns ausbeuten will, und ästhetischer Urteilskompetenz, die wir brauchen? Und ist ihre Urteilskompetenz denn kleiner als diejenige von Internetunternehmen? Auf jeden Fall setzt sie Qualifikation voraus, verbraucht viel Zeit und würde also auch dann etwas kosten, wenn es gar nicht um „Verwertung“ ginge.

Mag sein, dass wir alle Formen von Verwertung einst abschaffen können. Es wäre wünschenswert. Aber eine gesellschaftliche Vermittlung unseres Geschmacks bräuchten wir auch dann. Wir müssten uns dann eben eine neue Institution ausdenken. Maschinen jedenfalls, die bloß eine Reihenfolge in die „Informationsflut“ bringen, können den organisierten Gemeinsinn der ästhetischen Urteilskraft nicht ersetzen. Was an der ganzen Debatte so sehr beunruhigt, ist die Vorstellung vom Ich, das ohne gesellschaftliche Strukturen der Beeinflussung frei entscheidet, was ihm gefällt und was nicht. Denn sie läuft auf Maggie Thatcher hinaus: „There is no such thing as society.“

16:20 14.08.2012
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