Das Universelle lässt uns suchen

Ost-West Freiheit, Gleichheit: Nichts an den Menschenrechten ist selbstverständlich. Der Abgleich mit der Denktradition Chinas zeigt: Ihre Durchsetzung muss kein Heldenepos sein

Zwei deutschsprachige Texte wurden in den vergangenen Wochen publiziert, die über den aktuell zu verzeichnenden Fortschritt in der Menschenrechtsdebatte Aufschluss geben. Umso mehr lohnt es sich, sie auf das 2008 erschienene Buch eines Franzosen zu beziehen, der Philosoph und zugleich Sinologe ist: Das Universelle, das Einförmige, das Gemeinsame und der Dialog zwischen den Kulturen“ von Francois Jullien.

Die beiden deutschsprachigen Texte, die von Jullien nichts wissen, laufen geradewegs auf dessen Gegenstand zu. Da ist zum einen der Essay „Der tiefste Bruch in unserer Geschichte“ von Egon Flaig, dem Rostocker Professor für Alte Geschichte, in der FAZ vom 8. Januar. Flaig ruft in Erinnerung, dass erstens Sklaverei ein unbedingtes Übel ist, egal in welcher Kultur es auftritt – es gab keine, in der es nicht auftrat –, und dass zweitens ihre weltweite Bekämpfung eindeutig nur vom „Westen“ ausging. Er zeigt, wie es gerade der europäische Imperialismus des 19. Jahrhunderts war, der die Sklaverei an vielen Orten bekämpfte. Deshalb scheint es, als müsse ein beliebtes Argument geradezu umgedreht werden: Wenn heutige Kriege mit Menschenrechtsargumenten geführt werden, erinnere das an den Imperialismus, sagt man. Schon damals waren Menschenrechte nicht bloß Ideologie, antwortet Flaig.

Aber dann schreibt er diese verblüffenden Sätze: „In China hatten die Kaiser bis zum achtzehnten Jahrhundert die Sklaverei de facto zum Verschwinden gebracht, freilich mit rein administrativen Maßnahmen, ohne prinzipielle Begründung. Aber nur die prinzipielle Begründung kann ein für allemal verhindern, dass ein überwundenes Übel lautlos zurückkehrt. Woher also diese westliche Besonderheit?“ Jetzt liegt die westliche Besonderheit nicht mehr darin, dass ein Menschenrecht durchgesetzt wird – Freiheit statt Sklaverei –, sondern darin, dass dies mit „prinzipieller Begründung“ geschieht.

Das jüngste Heft der Zürcher Zeitschrift Widerspruch (Nr. 59, 2. Halbjahr 2010) ist dem Thema „Integration und Menschenrechte“ gewidmet. Hervorheben möchte ich den Aufsatz „Entschleierungen in der Kopftuch- und Burkadebatte“ von Elisabeth Joris und Katrin Rieder. Ausgehend davon, „dass viele Frauen das Kopftuch freiwillig tragen“ und dass sogar eine Burkaträgerin das (Menschen-)Recht hat, „ihre Kleidung frei zu wählen“, bringen sie die oft nivellierte und doch zentrale Unterscheidung ins Spiel: „Rechte Populisten wie linksliberale Frauenrechtlerinnen vermengen argumentativ den Kampf gegen die Ganzkörperverschleierung mit dem Kampf gegen die Genitalverstümmelung, gegen Zwangsheirat und generell gegen Gewalt an Frauen. Diese Verletzungen der Integrität und Wahlfreiheit von Frauen mit einem Kopftuch- oder mit einem Burkaverbot zu bekämpfen, ist freilich völlig verfehlt: Das Verbot eines Symbols bringt keine real existierende Gewaltsituation zum Verschwinden.“

Das Situationspotenzial

Es ist klar, dass Flaigs Argumentation relativiert wird, wenn man den Unterschied von Symbolik und purer Gewalt gelten läßt. Wie bekämpft man den Zwang zum Burkatragen, wenn man nicht ausschließen kann, dass es freiwillige Burkaträgerinnen gibt? Menschenrechte in verschiedenen Symbolsystemen – das ist nun Julliens Einsatz. Man wird am Ende sehen, auch Flaigs „prinzipielle Begründung“ von Menschenrechten ist an eine bestimmte Symbolik gebunden.

Jullien nähert sich dem Thema als Sinologe. Wenn man eine Menschenrechtsdebatte will, die in ganz China statt nur von einigen chinesischen Intellektuellen geführt wird, muss man sich auf die chinesische Symbolik einlassen. Selbst bei Mao, der sich den europäischen Marxismus aneignete, dominierten die chinesischen Koordinaten. Seine Kriegstaktik zum Beispiel, mit der in Vietnam die USA besiegt wurden, hatte etwas mit dem taoistischen Begriff des „Nicht-Handelns“ zu tun. Nicht-Handeln bedeutet nicht, kein Engagement zu haben und der Entwicklung der Dinge tatenlos zuzusehen, sondern dass man den Einfluss des Handelns auf diese Entwicklung nicht überschätzt.

Der Ausgangspunkt ist, dass die Dinge sich ohnehin entwickeln. Was man selbst tun kann, beschränkt sich darauf, die verschiedenen Tendenzen des Wandels gut zu beobachten und einige zu verstärken.

Ein europäischer Stratege würde die große Entscheidungsschlacht vorbereiten – vergeblich warteten die Amerikaner in Vietnam darauf –, ein Modell von ihr entwerfen und es der Wirklichkeit aufzwingen, falls sie sich das gefallen lässt. Anders der chinesische Stratege. Er unterstützt Zerfallsprozesse in der gegnerischen Armee, macht sie müde, versucht ihr den Mut zu nehmen. Er „verändert das Situationspotenzial“. Wenn es dann wirklich noch zur Schlacht kommt, ist von vornherein klar, dass der Gegner verlieren wird. Das ist nicht erst Maos Strategie, sondern so in der ältesten chinesischen Literatur zu lesen. Die Triebe treiben von selbst, sagt ein chinesischer Weiser: Wer an ihnen zieht, macht sie nur kaputt. Also: Nicht-Handeln. Dennoch wird dies und das getan, in der Umgebung, mit der Hacke, um das Treiben zu fördern. In China haben nicht nur Bauern so gedacht, sondern auch Kriegsstrategen.

Diskurs des "Reifenlassens"

Der Diskurs des „Reifenlassens“ führt dazu, dass die Taten der Förderer des Wachstums anonym bleiben. Die Namen irgendwelcher Bauern kennt niemand. Im alten China brachten es aber auch Kriegsstrategen nicht zu großer Bekanntheit. Auch sie hatten ja nur „das Feld bereitet“. Weil man in China so dachte, sind dort keine Heldenepen entstanden, es gab keinen Homer. Wenn aber die intervenierende Handlung und das freie Subjekt so wenig Gewicht haben, wie rezipiert man dann eine Erklärung, die betont, dass jeder Mensch frei und gleich geboren sei und unveräußerliche Rechte habe?

Sogar der Freiheitsbegriff liest sich in China anders. In Europa weiß man, dass Freiheit eine Art Spontaneität ist – frei wäre die Handlung, zu der es spontan käme statt kausal, sagt Kant. Spontaneität im chinesischen Denken ist dagegen zuerst Eigenschaft jenes „Feldes“, auf dem die Triebe wachsen. Sie tun es spontan, und der Mensch unterstützt es. Soll er nun auch noch spontan sein? Vielleicht so nebenbei. Man wird kein Aufhebens davon machen.

Es geht nicht darum, eine solche Denkweise zu billigen. Aber wenn man sie bestreitet, muss man den Diskurs kennen, in dem man sich bewegt, und sich auf ihn einlassen. Sonst lässt sich, was man einzuwenden hat, nicht mitteilen. Was das bedeutet, zeigt das von Jullien gewählte Beispiel: Wo in unseren europäischen Sprachen vom „Ding“ die Rede ist, sagt die chinesische Sprache „das Ost-West“; sie sieht da zwischen zwei Polen etwas auftauchen, das sich erst noch herauszubilden scheint, nicht von vornherein „dingfest“ gemacht werden kann – als hätte es sich noch nicht ganz entschieden, zu sein. Wo das Subjekt nicht der große Ausgangspunkt ist, bleibt eben auch das Objekt im Diffusen. Kann man sich vorstellen, dass eine Philosophie wie die Edmund Husserls, die danach fragt, wie Sachen im Bewusstsein „gegeben“ sind, in China erdacht worden wäre?

Das Allgemeine ist europäisch

Das „gegebene“ Objekt, der Akzent, der auf dem immer unterstellten Subjekt liegt, und das der Wirklichkeit aufgezwungene Modell: Alles, sagt Jullien, weist auf einen in der Welt ganz einzigartigen europäischen Begriff zurück, den des Allgemeinen, Universellen. Die griechischen Philosophen haben es erdacht, Rom politisierte es (Ausbreitung des Bürgerrechts über das ganze römische Reich), Paulus schließlich verschob seinen Fokus ins Zukünftige: In dieser Form, Universalität als Zukunft, prägt das Allgemeine unser Denken und Handeln. Wir Europäer haben durchaus Grund, diesen Diskurs, der schließlich auch die Gestalt von Menschenrechtserklärungen annahm, für einen Wahrheitsfortschritt anzusehen. Das Universelle „hält die Menschheit auf der Suche“, sagt Jullien.

Falsch wäre es aber, in der Universalität der Menschenrechte so etwas wie Universalien zu sehen, die immer schon vorhanden gewesen und von den Europäern nur entdeckt worden wären. Flaig scheint so zu denken, wenn er darauf hinweist, dass China zwar die Sklaverei abschaffte, aber „ohne prinzipielle Begründung“. Jullien wirft Karl-Otto Apel und Jürgen Habermas vor, sie dächten so. Nein, die Wahrheit hat eine Geschichte, und es war eine schöpferische Tat, den Schritt zum Universellen zu tun. Es ist gut und notwendig, ihn der Welt mitzuteilen. Dass er in China nicht getan wurde, wirkt sich noch heute im ungelösten Demokratieproblem aus, sagt Jullien. Es aber mit dem Unterton der Empörung mitzuteilen, im Glauben, China müsste von selbst drauf kommen, dazu hat Europa kein Recht. Das ist unproduktiv und gefährlich. Die Durchsetzung der Menschenrechte soll kein Heldenepos womöglich im Stil der Iliade werden. Besser wäre es, wenn etwas vom chinesischen „Nicht-Handeln“ in sie einginge.

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09:40 15.02.2011
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Ausgabe 29/2021

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