Die Kunst der Provokation

Occupy Ist Occupy gescheitert, weil die Proteste nicht radikal genug waren? In der vorigen Ausgabe diskutierte die Community. Nun antwortet Freitag-Autor Michael Jäger
Die Kunst der Provokation
Es fehlt nicht an Gewalt, sondern an einer klugen Idee, um aus dem Frust der Menschen einen Flächenbrand zu machen
Illustration: Otto

Da der Irrsinn der Finanzmärkte und einer Politik, die sich ihnen anpasst, einfach immer weiterläuft und auch die Occupy-Bewegung nicht geholfen hat, ist der Ruf nach einer irgendwie stärkeren Form von Widerstand nur zu verständlich. Und was wäre stärker als „die Gewalt“? Es klingt plausibel: Occupy war zu nett – Revolutionen pflegen gewaltsam zu sein, und um endlich etwas zu ändern, wird man um eine Art Revolution nicht herumkommen.

Aber „die Gewalt“, was ist das denn überhaupt? Welche mögliche Aktion hier und jetzt gemeint sein könnte, bleibt schleierhaft. Steinwürfe auf Polizisten oder die Zerstörung von Fensterscheiben führen auch nicht weiter als Occupy. Sonst müsste sich längst viel verändert haben, denn solche Taten gibt es Jahr für Jahr. Das wäre anders, wird man vielleicht einwenden, wenn eine große Bewegung hinter ihnen stünde. Aber dann müsste gesagt werden, wie die große Bewegung erschaffen werden soll. Es gibt keine, Gewalt könnte nur von kleinen Grüppchen verübt werden. Was soll es nützen? Oder soll wieder eine RAF gegründet werden? Selbst dieser Irrweg könnte nur beschritten werden, wenn eine Massenbasis schon vorher da wäre. Entstand doch die RAF aus der 68er-Bewegung und nicht umgekehrt.

Dass es einen historischen Zusammenhang von Gesellschaftsveränderung und Revolution, von Revolution und Gewalt gibt, ist unbestreitbar. Ob er nur manchmal besteht oder allgemein notwendig ist, wäre erst noch zu untersuchen. Hier wollen wir nur fragen, wie er aussah, wenn es ihn gab. In den klassischen Revolutionen, der französischen von 1789 und der russischen von 1917, war die erdrückende Mehrheit der Revolutionswilligen für den Sieg entscheidend. Von einzelnen Ausschreitungen abgesehen, die mal nur das vorübergehende Machtvakuum anzeigten (Juliaufstand in St. Petersburg), mal auch auf wirre Art den revolutionären Prozess voranbrachten (Sturm auf die Bastille), wurde Gewalt erst zum notwendigen Revolutionsthema, als die Revolutionsgegner mit Waffen auf ihre Niederlage reagierten und die revolutionären Kräfte sich auf dieselbe Weise verteidigen mussten (Aufstand in der Vendée, Kornilowputschversuch). Wenn die Verteidigung gelang, dann wieder unter der Voraussetzung der Mehrheit der Revolutionswilligen. Diese Voraussetzung setzt ihrerseits voraus, dass ein innergesellschaftlicher Konflikt bewusst geworden und zugespitzt, das heißt mit völliger Klarheit herausgearbeitet worden war. Dafür ist immer eine lange Inkubationszeit nötig (in Frankreich die Epoche der Aufklärung, in Russland ein Jahrhundert vergeblicher zaristischer Reformversuche).

Massenbasis entsteht nicht durch Gewalt

Die Gewalt, mit der die Bolschewisten nach der Oktoberrevolution eine Verfassung verhinderten, wird heute schwerlich jemand nachahmen wollen. Es war Gewalt gegen die schlecht organisierte Bevölkerungsmehrheit, gestützt auf die Minderheit einer noch jungen, aber schon disziplinierten Arbeiterklasse. Da es eine große Minderheit in einem großen Land war, zeigt auch dieser Weg, so wenig er ein Vorbild sein kann, vor allem die Bedeutung der Massenbasis. Die entscheidende Frage ist immer: Wie kommt eine Massenbasis zustande? Und niemals kann geantwortet werden: „durch Gewalt“. Wenn es eine Massenbasis gibt, kann Gewalt wirksam sein. Wenn es keine gibt, führen Gewalttaten dazu, dass sie nicht entstehen kann.

Dies wird in Umkehrung auch dadurch bewiesen, dass die Massenbasis eines reaktionären Regimes zerbricht, wenn es seinerseits gewalttätig wird. So war es mit dem Nimbus des Zaren vorbei, als eine Bauerndemonstration sich seinem Palais näherte, um eine Petition zu überreichen, und von Soldaten zusammengeschossen wurde. Hier muss natürlich ergänzt werden, dass ein gut organisierter Staat, der gegen seine eigenen Bürger regiert, sich auch auf eine kleine Minderheit von Soldaten gestützt behaupten kann, seit die Waffentechnik industrialisiert und zuletzt auch noch computerisiert worden ist. Ein solcher Staat kann nur von der eigenen Armee besiegt werden.

Wir begreifen in diesem Zusammenhang Hannah Arendts Unterscheidung zwischen Gewalt und Macht. Unter Macht – nicht mit Herrschaft zu verwechseln – versteht sie die Wirksamkeit einer Mehrzahl von Menschen, denen es gelungen ist, sich fest zusammenzuschließen. Deshalb kann sie schreiben: „Der Extremfall der Macht ist gegeben in der Konstellation: Alle gegen einen, der Extremfall der Gewalt in der Konstellation: Einer gegen alle. Und das Letztere ist ohne Werkzeuge, d.h. ohne Gewaltmittel niemals möglich.“ Mit dieser Unterscheidung kann sie die 68er-Revolte verteidigen: Sie führt deren Stärke gerade nicht auf Gewalt, sondern auf Macht zurück. „Deshalb ist die oft gehörte Behauptung, eine Handvoll unbewaffneter Extremisten sei imstande, ‚gewaltsam‘ – durch Geschrei, Spektakel, Krawall – den Abbruch stark besuchter Vorlesungen zu stören, obwohl eine große Mehrheit für deren normale Durchführung stimmte, so irreführend.“ Vielmehr müsse angenommen werden, „dass die Universitäten sehr viel mehr Studenten gegen sich haben, als man gemeinhin glaubt, und dass die militante Minderheit ein größeres Machtpotenzial besitzt, als die in öffentlichen Abstimmungen ermittelte Zahl erwarten lässt“. Böse fügt sie hinzu: „Man braucht sich nur vorzustellen, was geschehen wäre, wenn ein paar unbewaffnete Juden im Vor-Hitler-Deutschland versucht hätten, die Vorlesung eines antisemitischen Professors zu unterbrechen, und die Absurdität des Geredes von der ‚Handvoll‘ extremer Elemente springt in die Augen.“

Das Problem beim Namen nennen

Arendts Beispiele zeigen, worum es wirklich geht – auch heute. Hätten die 68er-Militanten wirklich Gewalt angewandt, wären alle empört gewesen und einverstanden mit dem Ruf nach der Polizei. Was aber taten die Militanten stattdessen und wodurch kam es, dass immer mehr Studenten sich ihnen anschlossen? Man nennt es Provokation. Das Wort bedeutet, es ist etwas vorhanden, das trotzdem erst noch hervorgerufen werden muss. Damit das Etwas hervortritt, muss es beim Namen genannt werden. Das ist die Kunst der Provokation. Es kann sich um eine Kampfbereitschaft handeln, die den Kampffähigen noch nicht bewusst ist, es aber wird, wenn jemand imstande ist, ihnen ein plausibles Kampfziel zu nennen. Oder um eine übertünchte Hässlichkeit der Zustände, die hervortritt, wenn es der Provokation gelingt, sie nackt vorzuführen. Hierfür ist Rudi Dutschkes Auftritt in einem Westberliner Weihnachtsgottesdienst ein unvergessliches Beispiel: Er trat einfach an die Kanzel, wo der Pastor schon stand, und redete der Gemeinde wegen des grausamen Vietnamkriegs der USA ins Gewissen. Die Folge war, dass einer der anwesenden Christen mit dem Krückstock auf ihn einschlug. Über der Szene hing Christus am Kreuz.

Eine vergleichbare Provokation hatte sich vorher bei einer Immatrikulationsfeier der Freien Universität abgespielt: Als nach dem Rektor wie üblich der AStA-Vorsitzende sprach, hielt er sich nicht an die ihm aufgeherrschte Vereinbarung, gewisse kritikwürdige Dinge nicht anzusprechen. Flugs wurde ihm das Mikro entzogen. Daraufhin verließen er und die beiden anderen AStA-Vertreter, die zwischen den Dekanen auf dem Podium gesessen hatten, den Saal – rechts, links und durch die Mitte, eine Minute lang, während alles schwieg. Es war eine unvergessliche Lektion: Widerstand ist machbar! Wir Neuimmatrikulierten hatten das echt nicht gewusst, begriffen aber sofort.

Wie funktioniert Widerstand?

Warum genügt nicht auch heute ein Funke, um den Ärger der Menschen zum Flächenbrand zu entzünden? Weil es an Gewalt fehlt? Nein, was fehlt, ist der zündende Gedanke. Eine Provokation hat immer etwas mitzuteilen. Sie ruft zwar hervor, was schon da ist, aber indem sie eine letzte Bedingung hinzufügt. Durch sie tritt der mögliche Widerstand erst in die Existenz. Da war noch eine Unklarheit! Vielleicht die Frage, wo der Widerstand konkret anzusetzen hätte, um wirksam sein zu können, oder die Frage, was er denn, wenn er könnte, an die Stelle der kritikwürdigen Zustände setzen würde. Gestehen wir es doch, von Antworten auf diese Fragen sind wir heute weit entfernt. Und wer eine Fensterscheibe einwirft oder sich mit der Polizei balgt, kommt ihnen dadurch nicht näher.

Solche Antworten, wären sie vorhanden, würden erst einmal die Militanten selbst zusammenschweißen – die kleinen Gruppen, von denen die Provokation ausgehen müsste. Mit Arendt gesprochen hieße das, sie hätten dann „Macht“. So wäre auch der Elan da, den sie zum Provozieren brauchen. Tatsächlich erleben wir oft das Gegenteil: Gruppen schließen sich zusammen und zerfallen wieder. Selbst die Linkspartei ist ständig vom Zerfall bedroht. Würde es ihr helfen, wenn sie sich Gewalt verordnete? Aber so wenig wir ihr den Untergang wünschen, weil es ihrer Kampfweise noch an Genialität fehlt, so wenig haben wir Anlass, Occupy zu schmähen. Occupy war ein guter Anfang mit guter Parole: „Wir sind die 99 Prozent.“ Wer mehr will, muss einen Vorschlag machen: wie wir es anstellen, die 99 Prozent zu provozieren.

09:25 12.09.2012
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