Die Leiche im Keller der Sozis

Klassenkampf Rot ist die erste Farbe, derer sich die Menschheit bewusst wurde. Als politisches Symbol nervt sie die Leute bis heute
Michael Jäger | Ausgabe 52/2013 47
Die Leiche im Keller der Sozis
Rot bleiben ohne zugleich mit dem Feuer zu spielen – ein unerhörter Widerspruch

Foto: AFP/ Getty Images

Flaggen haben Farben, ebenso Fußballmannschaften, auch Parteien. Doch welche und warum, scheint nicht sehr wichtig zu sein. Man mag sich zwar immer wieder gern ins Gedächtnis rufen, wie das Schwarz-Rot-Gold der deutschen Fahne im Befreiungskrieg gegen Napoleon entstanden ist: Da kämpften Korpsstudenten mit, deren verschiedenfarbige Uniformröcke schwarz eingefärbt wurden, damit sie einheitlich aussahen; die Knöpfe waren golden (messingfarben), die Aufschläge an den Ärmeln rot – und so waren die Kämpfer als militärische Sonderabteilung gekennzeichnet. In Erinnerung daran entschied sich die Paulskirchen-Versammlung 1848 für Schwarz-Rot-Gold als Farbkombination der deutschen Fahne. Doch diese Vorgeschichte bewirkt ja nicht, dass von den Farben heute noch eine Verhaltensorientierung ausginge. Man muss sie nicht kennen.

Im Sport sind die Farben der Kleidung immerhin deshalb wichtig, weil sie die Unterscheidung der kämpfenden Mannschaften ermöglichen, unwichtig aber wieder darin, dass man sie beliebig austauschen könnte. Doch es scheint, als gehe auch von den Farben der Parteien keinerlei politische Wirkung aus. Die dienen ebenfalls der Unterscheidung (ob Schwarz-Rot oder Schwarz-Grün in Hessen regiert, ist nicht dasselbe), aber um das vorzuführen, bräuchte man – anders als im Sport – Farben nicht einmal zu bemühen.

Und doch gibt es mindestens eine politische Farbe, die mindestens in einer Verwendungsweise mindestens früher für erheblichen Wirbel gesorgt hat: Rot.

Noch 1967 war es ein bedeutsamer Augenblick gewesen, als in einer großen Westberliner Studentendemonstration, die den Kurfürstendamm und dann den Tauentzien hinaufzog, erstmals rote Fahnen mitgeführt wurden. Der einfache Demonstrationsteilnehmer erlebte das wie eine Offenbarung. Es war nicht angekündigt worden, aber nun erfuhr er, dass er zu einer Menge gehörte, die das Tischtuch zerschnitten hatte. Er hörte es auch von den wütenden Westberliner Bürgern, die am Straßenrand standen und „Geht doch rüber!“ schrien. Er verließ deshalb nicht etwa den Demonstrationszug, sondern fühlte sich im Gegenteil erhoben, in der eigenen Bedeutsamkeit bestärkt.

Bei Rot-Rot zuckt man heute noch zusammen

Mit einer grünen Fahne, wie sie heute auf einer Demonstration von Ökologen entrollt würde, wäre es nicht möglich, einen auch nur annähernd ähnlichen Effekt zu erzielen. Wenn aber die Strategen einer rot-rot-grünen Regierung auf die Idee kämen, auf einer von ihr veranstalteten Massenkundgebung die roten Fahnen auszupacken, da wäre die Hölle los.

Dergleichen wird allerdings nicht geschehen. Denn selbst wenn die Beteiligten sich noch mit dem Traditionsstück identifizieren könnten, würden sie es einer „individualisierten Gesellschaft“ nicht mehr angemessen finden, sich einem so aufdringlichen Kollektivsymbol zu unterstellen. So wie die Farbenkombination der deutschen Fahne scheint auch die politische Farbe Rot nur noch historisch interessant.

Immerhin: Bei der Zusammenstellung Rot-Rot zuckt noch heute mancher heftiger zusammen, als wenn nur SPD und Linkspartei gesagt worden wäre. Und es stellt sich die Frage, ob das wohl daran liegt, dass sich die rote Farbe zwar – abgesehen vielleicht von den Wänden hinter den Podien der Parteitage – in die Sprache zurückgezogen hat, ihre Herkunft von der roten Fahne aber offenkundig ist?

Wir sehen den Zusammenhang zwischen einer vergangenen Verwendung, die erregt hat, und einer gegenwärtigen, die für Folklore genommen, zugleich aber auch ein wenig bedenklich gefunden wird – was nun die Frage nach dem Unbewussten der Politik aufwirft. Denn von Rot geht eben noch immer eine gewisse verhaltensorientierende Wirkung aus, wobei es bezeichnend ist, dass man nicht weiß, aus welchem Grund eigentlich. Noch auffallender ist es dann, dass die Bedeutung der roten Fahne denen, die sie schwenkten, schon 1917, ja schon 1848 nicht mehr bekannt war. Von 1917 und der Zeit danach haben wir in Erinnerung, wie ihr Sinn bei aller Begeisterung derer, die sie trugen, nur noch durch eine Rationalisierung zugänglich gemacht werden konnte. Sie sei wie blutgetränkt, hieß es, von den Kämpfern der Revolution. Aber was bedeutet sie denn wirklich? Es kann nicht unwichtig sein, das in Erfahrung zu bringen – und das nicht nur, weil Rot-Rot als sprachlicher Platzhalter der Fahne ja immer noch präsent ist. Schließlich liegt es in der Logik des Unbewussten, dass ein bloßer Faden, der ausliegt und von dem niemand mehr weiß, ob er zu einer Bombe hinführt oder nicht, in einer heute unvorhersehbaren Situation doch wieder gezündet werden könnte.

Herrschaftsumkehrung mit Leuchtkraft

Widmen wir uns zum besseren Verständnis also der Farbe Rot als solcher. Sie ist die erste, derer sich die Menschheit als einer Farbe bewusst geworden ist (während sie sich mit Blau, der letzten, bis zum Mittelalter Zeit ließ), sicher wegen ihrer ungeheuren Leuchtkraft, vielleicht auch wegen der Bedeutung des gezähmten Feuers für die Frühgeschichte der menschlichen Entwicklung. Weil sie aber so früh bewusst wurde, wird man sich nicht wundern, dass ihr Sinn von Anbeginn und bis heute extrem zweideutig ist. Es ist wie bei der lateinischen Vokabel „altus“, die sowohl „hoch“ als auch „tief“ bedeutet. So wurde einmal gedacht. Und denkt man ans Feuer, liegt die Zweideutigkeit auch in der Sache: Wie es wärmt, kann es gefährlich werden. Gerade diese Bedeutungen, Wärme und Gefahr, sind der Farbe bis heute geblieben. Die russische Sprache hat für „rot“ und „schön“ dasselbe Wort (wie die englische für „blau“ und „traurig“), und wie man von Rilke weiß, ist das Schöne „nur des Schrecklichen Anfang“. Interessanterweise wurde die Zweideutigkeit indes auch auf die historische Zeitachse übertragen, wenn auch sehr spät, nämlich erst mit der Französischen Revolution.

Bis dahin war Rot die Farbe der Herrschenden und herrschaftstreuen Reichen gewesen, sagen wir kurz: die Farbe des Ancien Régime. Die Haupterklärung liegt darin, dass die Herstellung purpurroter Kleidung extrem teuer war (und übrigens immer noch ist). Das war im alten Byzanz so und ist am Beginn der Französischen Revolution nicht anders. Nun aber verfallen die Jakobiner darauf, sich rote Mützen aufzusetzen, und der Sinn ist klar: Statt des Ancien Régimes soll das Volk herrschen, unter ihrer Führung. Schon in der Antike, glauben sie irrig, sei die auch „phrygisch“ genannte Mütze das Symbol befreiter Sklaven gewesen. Ein anderer Zusammenhang weist in dieselbe Richtung: Schon im Ancien Régime und noch am Beginn der Revolution war die rote Fahne das Zeichen des Militärrechts und Ausnahmezustands. Das bewaffnete Bürgertum zog sie im Juli 1791 auf, als es Arbeiter auseinandertrieb, die gegen die Brotpreise protestierten. Im April 1792 indes stellt ein besonders radikaler Jakobinerclub eine rote Fahne mit der Inschrift „Kriegsrecht des Volkes gegen die Empörung des Hofes“ her. Wir können verallgemeinern: Wie das natürliche Rot die Farbe ist, die das Gegensätzlichste bedeutet, ist Rot als historische Farbe das Symbol der Herrschaftsumkehrung.

Dass das so schnell in Vergessenheit gerät, liegt daran, dass die Jakobiner sich verhasst machen und ihrerseits gestürzt werden. Napoleon sieht sich zwar als Vollender der bürgerlichen Revolution, doch wenn er sich zum Kaiser krönen lässt, soll sein roter Kaisermantel wieder an die Tradition der vorausgegangenen Jahrtausende erinnern.

Für die entstehende Arbeiterbewegung ist die Jakobinersymbolik gerade radikal genug. In Frankreich wie in Deutschland lassen sich in den 1830er Jahren schon vereinzelt rote Fahnen der Arbeiter nachweisen. 1848 ist es dann so weit: Pariser Arbeiter ziehen mit der roten Fahne zum Rathaus, wo die Revolutionsregierung gerade tagt. Doch der Bürger Lamartine, der ihr vorsitzt, tritt vor die Tür und weist sie zurück. Ein Gemälde von Félix Henri Philippoteaux hält die Szene fest. Auch in Deutschland tragen Arbeiter rote Fahnen, aber das Bürgertum setzt die schwarz-rot-goldene Fahne durch. In der ist immerhin auch Rot enthalten – wobei das Rot der bürgerlich-demokratischen Fahne bemerkenswerterweise auch an Radikales erinnern soll, an die nationalen Kämpfer gegen Napoleon nämlich und hier tatsächlich an das Blut, das sie vergossen haben. Dass die Kombination Schwarz-Rot-Gold schon in der alten Reichsflagge enthalten gewesen war, kann niemanden gestört haben, denn in Deutschland hatte das Reich auch den Bürgern nicht als böses Ancien Régime gegolten. Vielmehr verübelten sie den Franzosen, dass sie es aufgelöst hatten. Das Rot in der neuen deutschen Flagge wies also auch auf historische Kontinuität hin.

Die rote Fahne hat ihre größte Zeit erst danach, ausgehend von der russischen Oktoberrevolution. In Russland war Rot als Farbe des Zarentums und der orthodoxen Kirche bis 1917 allgegenwärtig gewesen. Hier hätte der Sinn der roten Fahne als Symbol der Herrschaftsumkehrung eigentlich ins Auge springen müssen. Es gab schließlich noch weitere solcher Symbole. So trug die neue herrschende Partei beispielsweise auf ihren Demonstrationen Bilder von Parteiführern in derselben Weise mit, wie auf Prozessionen der Kirche Ikonen mitgeführt worden waren. Allerdings scheinen diese Zusammenhänge nur noch aufs Unbewusste gewirkt zu haben, wohingegen die Nazis wiederum ganz sicher wussten, was sie taten, als sie wie ihre Todfeinde, die Kommunisten, mit einer roten Fahne herumliefen. Das war Herrschaftsumkehrung – unübersehbar durch das Hakenkreuz –, wie sie sich auch im Namen der national-„sozialistischen“ Partei ausdrückte.

Mehr als nur die Farbe im SPD-Parteilogo

Bevor sich die Kommunisten von den Sozialdemokraten abspalteten, hatten diese die rote Fahne getragen. Später taten sie es nicht mehr, um nicht selbst für kommunistisch gehalten zu werden. Unbewusst hatten sie damit den Kommunisten recht gegeben, die ihnen ja vorwarfen, sie hätten nicht mehr die Absicht, die kapitalistische Herrschaft zu überwinden. Lange bestritten sie das, doch der Zeitpunkt kam, wo sie es zugaben. Als neue Rolle nahmen sie nach und nach das Image der „Kümmererpartei“ an, die sich erst einmal vor der Herrschaft bückt und anschließend möglichst viel für die kleinen Leute erbettelt beziehungsweise „fordert“. Seither treten sie als „Gesamtbetriebsrat der Gesellschaft“ auf, die Formulierung fanden sie zu Beginn der neunziger Jahre. Doch bei der Farbe Rot als Parteilogo sind die Sozialdemokraten immer geblieben.

Es ist eigentlich ein himmelschreiender Widerspruch. Kann man rot bleiben, ohne mit dem Feuer zu spielen? Bleibt da nicht immer ein Rest, der nicht aufgeht, eine Vergangenheit, an die man sich unvermeidlich erinnert, kurz eine Leiche im Keller, der doch vielleicht einmal aufgebrochen werden wird?

Dabei müsste es nicht um Fahnen gehen, jedenfalls nicht um die rote Fahne. Es reicht aus, dass Rot in der Bundesflagge enthalten ist, neben zwei anderen Farben, die auch ihr Recht haben. Da könnte Rot als Elixier der Veränderung verstanden werden. Das Tischtuch wäre deshalb nicht zu zerschneiden. Es ginge nur darum, dass Rot statt Schwarz die Richtung bestimmt. Schwarz als Schimpffarbe der Unionsparteien hat übrigens die SPD erfunden im Hinblick auf die Kleidung der Geistlichen. Hat ihr da nicht das Unbewusste ein Schnippchen geschlagen? Die Union machte sich eine Ehre daraus: „Black is beautiful!“ Und die SPD? Scheint es sich so zusammenzureimen, dass Schwarz wie in der Bundesflagge das Höchste ist, während ihr Rot auf ewig die zweite Geige spielt.

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06:00 28.12.2013
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