Die Passagen zur Homosexualität

Ein kleiner Leitfaden durch die Bibel - kommentiert von Michael Jäger

I Der Mythos

Sodom und Gomorra
Genesis 13, 5 bis 13
18, 1 bis 19, 14

Charakteristisch für den Aufbau eines Mythos ist die Opposition von Sinnelementen: Hier das fruchtbare Land Abrahams, dort die Wüste, zu der Sodom werden wird. Und die Verkettung von Oppositionen: Fruchtbares Land verhält sich zu ödem Land wie Kindersegen zu Kinderdürre. Und die Umkehrung: Abrahams anfängliche Kinderdürre verwandelt sich in Kindersegen, gegenläufig verwandelt sich Sodoms anfängliche Landesfruchtbarkeit in Landesdürre.


Eine Parallelerzählung
Richter 19, 1 bis 30

Mythen können sich in einer Fülle von Varianten vervielfältigen, wobei einzelne Elemente ausgetauscht werden, die Struktur aber unverändert bleibt. So in diesem Fall: Es geht nicht um Abraham und Lot, Sodom und Gomorra, und der Gast ist kein Engel. Aber es bleibt, dass die Männer der Stadt mit dem Gast Geschlechtsverkehr haben wollen und dass der Gastgeber ersatzweise eine Frau anbietet. Lot hatte zwei Töchter angeboten, hier wird eine Nebenfrau angeboten. Die Töchter Lots wurden zurückgewiesen, die Nebenfrau wird genommen. Und jetzt entwickelt sich die Variante eigenständig weiter: Die Nebenfrau überlebt die Massenvergewaltigung nicht, der Gastgeber schreitet zur Rache, indem er sie zerstückelt und die Stücke an die verschiedenen Stämme sendet, um sie aufzuwiegeln. Was das bedeutet, bedürfte einer näheren Analyse - man müsste einen Vergleich mit all den viel älteren Mythen anstellen, in denen durch die Zerstückelung eines Ur-Körpers Weltschöpfung geschieht.


Eine Parallelerzählung zur Parallelerzählung
Heinrich von Kleist: Die Hermannsschlacht, 4. Akt, 6. Auftritt

Das Motiv der Zerstückelung des Körpers einer geschändeten Frau und der Versendung der Stücke zwecks Aufwiegelung zum Krieg wird hier aufgegriffen. Warum? Im Hintergrund steht jedenfalls die zeitgenössische deutsch-französische Auseinandersetzung. Den Franzosen alias Römern ist die Frau nicht angeboten worden, sie haben sie trotzdem genommen. Und sie sind nicht die einheimischen Männer, sondern die fremden; die Gäste. Vielleicht ist das die Bedeutung: Die Feindschaft gegen die Franzosen ist klar, aber es mag sein, dass man sie als Gäste willkommen geheißen hätte. Ihrem revolutionären Ansatz wäre ein Gastrecht eingeräumt worden.

Mit Homosexualität hat das Ganze inzwischen überhaupt nichts mehr zu tun, sie ist längst durch andere Sinnelemente ersetzt. Nach der Logik der Mythen wird sie, die Homosexualität in der Sodomgeschichte, schon ihrerseits ein Element gewesen sein, das ein anderes vorausgegangenes Element ersetzt hat. Das will sagen, der Sinn eines Mythos erschließt sich nie aus ihm selbst allein, sondern nur, wenn man ihn "intertextuell" mit anderen Mythen vergleicht. Das gilt auch für die Sodomgeschichte im Buch Genesis, nur dass wir in diesem Fall die vorausgegangenen Mythen nicht kennen (während wir z.B. wissen, was der Geschichte von Noahs Arche vorausgegangen ist, nämlich das Gilgamesch-Epos).



II Interpretation des Mythos

Jesaja interpretiert die Sodomgeschichte
Jesaja 1, 1 bis 20
6, 1 bis 13

"Der Prophet Jesaja wurde um 765 v. Chr. geboren. Im Todesjahr des Königs Usija, 740, empfing er im Tempel von Jerusalem seine Berufung zum Propheten, die Sendung, den Untergang Israels und Judas als Strafe für die Treulosigkeit des Volkes anzukündigen, [Kap.] 6,1-13. Sein Wirken umfasst einen Zeitraum von vierzig Jahren; sie waren bestimmt durch die wachsende Bedrohung, die Assyrien auf Israel und Juda ausübte." (Jerusalemer Bibel) Jesaja reduziert die Sodomgeschichte auf das Thema Dürre infolge Ungehorsams gegen Gott. Die von ihm angekündigte oder schon eingetretene Dürre ist keine Metapher, sie ist so real wie der Ungehorsam, den er beklagt.

Der mythischen Logik bedient er sich aber, wenn er Gott in der Berufungsgeschichte sagen lässt: "Verhärte das Herz dieses Volkes, verstopf ihm die Ohren, verkleb ihm die Augen, [...] damit sein Herz nicht zur Einsicht kommt, [...] bis die Städte verödet sind" usw. Bei rationalistischer Lektüre ist das rätselhaft: Wie kann Gott Jesaja zur Prophetie beauftragen, wenn er gleichzeitig will, dass der Prophet nicht begriffen wird? Der in Mythen denkende Hörer hört aber heraus, dass sich an diesem Punkt die Sodomgeschichte wiederholt, denn dort werden die Männer, die sich an den Engeln vergreifen wollen, mit Blindheit geschlagen: "Dann schlugen sie die Leute draußen vor dem Haus, groß und klein, mit Blindheit, so dass sie sich vergebens bemühten, den Eingang zu finden." (Genesis 19, 11) Jesaja will tatsächlich sagen, dass er sich nicht vorstellt, er könnte mit seinen Warnungen sein Volk zur Umkehr bewegen; vielmehr will er etwas ähnliches wie den Auszug Lots mit seiner Familie aus Sodom erreichen, nämlich die Rettung wenigstens eines "Rests".


Hosea interpretiert die Sodomgeschichte
Hosea 11, 7 bis 9

Adma und Zebojim sind Städtenamen, "die wahrscheinlich in der elohistischen Überlieferung an die Stelle von Sodom und Gomorra der jahwistischen Überlieferung getreten waren" (Jerusalemer Bibel). Man beachte das neue Motiv in Hoseas Aufgreifen der Sodomgeschichte: Gott hat aufgehört, Sodom vernichten zu wollen. Dass Gott, weil er Gott ist, "nicht in der Hitze des Zorns kommt", ist nicht die ganze Wahrheit. Es ist vielmehr so, dass Gott sich entwickelt. Früher war er sehr zornig gewesen, vgl. die Geschichte von der "Rotte Korah", wegen deren Verfehlung Gott gleich das ganze israelische Volk vernichten will, aber Mose stellt sich in seine Mitte und zwingt Gott, sich zu entscheiden, ob mit dem Volk auch Mose sterben oder mit Mose auch das Volk leben soll (Numeri Kap. 16; über diese Geschichte gibt es eine "Diskussion" zwischen Walter Benjamin, Jacques Derrida und Giorgio Agamben).

Später nimmt Gottes Zorn noch mehr ab. Im Buch über den Propheten Jona (5. Jh. v. Chr.) nimmt Gott seine Vernichtungsdrohung gegen Ninive einerseits deshalb zurück, weil die Bewohner der Stadt "sich von ihren bösen Taten abwandten". Andererseits heißt es ganz allgemein, ihn "reute [...] das Unheil, das er ihnen angedroht hatte". (3, 10) Sein Ausspruch im letzten Vers dieses Buches (4, 11) müsste auch auf Menschen Anwendung finden, die sich von ihren bösen Taten nicht abwenden: "Mir aber sollte es nicht leid sein um Ninive, die große Stadt, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen leben, die nicht einmal rechts und links unterscheiden können - und außerdem so viel Vieh?"


Weisheit Salomonis interpretiert die Sodomgeschichte
Weisheit 19, 13 bis 17

Diese Passage ist interessant, weil es hier wirklich noch um Homosexualität geht - und der Verfasser sich nicht die Bohne dafür interessiert. Wichtig ist ihm einzig, dass die Bewohner von Sodom das Gastrecht verletzt haben. Und auch das führt er nur auf, weil er sagen will, die Ägypter hätten es viel stärker verletzt. "Weisheit" ist das jüngste Buch des Alten Testaments, es kann in der zweiten Hälfte des 1. Jh.s v. Chr. geschrieben worden sein. Der Verfasser lebte wahrscheinlich in Alexandria und war von seiner hellenistischen Umwelt beeinflusst.


III Die Grundlage im Gesetz

Levitikus 19, 9 bis 13

Dies ist die Passage im mosaischen Gesetz, nach welcher männliche (nicht weibliche) Homosexualität mit dem Tod zu bestrafen ist. Das übergreifende Thema ist der Erhalt der Familie, besser gesagt der Strukturen der Verwandtschaft ("besser gesagt", weil dies zugleich und zuerst die Strukturen der Gesellschaftsordnung waren). Es beginnt deshalb mit der Ehrung von Vater und Mutter, also praktisch mit einem der zehn Gebote.


IV Aufhebung des Gesetzes im Neuen Testament

Paulus im Römerbrief
Römer 1, 18 bis 2, 6;
3, 9 bis 26

Paulus will in der Tradition der Propheten einen Gott verkünden, der seinen Zorn zurücknimmt. Das ist das übergreifende Thema, in das die Homosexualitätsfrage mit einer Art Levitikus-Zitat nur eingepasst ist. Der Zorn, mit dem seinerzeit Sodom vernichtet wurde, ist zurückgenommen. Dass Paulus ihn zunächst drastisch ausmalt, hat eine "rhetorische Funktion", die darin besteht, dass er "seine Leser (insbesondere die mit jüdischer Herkunft oder Prägung) zunächst bei den Positionen 'abholt', die nicht strittig sind, um sie dann zunehmend [...] in ihrer Selbsteinschätzung in Frage zu stellen" (so Haacker, Der Brief des Paulus an die Römer, Leipzig 1999, S. 46). Unter dem "'Tag des Zornes'" und des Gerichts (2, 5) versteht Paulus wahrscheinlich kein Jüngstes Gericht nach dem Weltende, sondern das Tag des Sterbens: Er stellt sich vor, dass dann die "Gedanken [...] sich gegenseitig an[klagen]" (15 f.), es sei denn, der oder die Betreffende ist vorher mit sich ins Reine gekommen.

In 3, 21 bis 26 formuliert er den zentralen "christlichen" Gedanken, der sich also direkt als Antwort auf die vorher aufgeworfene Frage von Gottes Zorn präsentiert. Alles, was sonst noch im Neuen Testament steht, kann als Versuch verstanden werden, diesen in seiner verknappten Formulierung fast unverständlichen Gedanken zu interpretieren. Das fängt schon mit der Frage an, wie man am besten übersetzt. In der hier wiedergegebenen quasi offiziellen katholisch-evangelischen "Einheitsübersetzung" heißt es, Jesus sei "dazu bestimmt" gewesen, "Sühne zu leisten mit seinem Blut": Das lässt sich immer noch so lesen, als habe er als stellvertretendes Menschenopfer für die Sünden "Sodoms", "Babylons" usw. fungiert; dabei hatten sich doch schon die Propheten gegen den Opferkult ausgesprochen (s.o. Jesaja). In der wörtlicheren Übersetzung von Fridolin Stier wird deutlich, dass "Erlösung" vielleicht eher heißt, dem Beispiel Jesu zu folgen, d.h. wie er den Tod nicht zu scheuen (um mit sich ins Reine zu kommen, s.o.): Gott hat ihn nicht abstrakt zu etwas bestimmt, sondern hat ihn "vornhin gestellt" - damit alle es sehen und sich eben ein Beispiel nehmen können, und auch damit einer den Anfang macht - "als durch Glauben zu erlangende Versöhnung in seinem Blut".


Paulus im 1. Korintherbrief
1. Korinther 6, 1 bis 11

In dieser Passage kommt Paulus noch ein weiteres Mal auf Homosexualität zu sprechen. Sie bestätigt in allem das, was er im (wahrscheinlich später geschriebenen) Römerbrief schreibt. Es geht darum, dass man andere nicht verurteilen soll, weil man es selbst nicht besser macht, und dass man trotz aller "Sünden" gerechtgemacht wird.


Ein Paulusschüler
1. Timotheus 1, 5 bis 11

Man erkennt die Doktrin des Lehrers wieder, aber sie ist verflacht und verschoben: Es bleibt, dass das mosaische Gesetz durch Gottes Liebe überboten wird, aber es soll nun trotzdem gültig sein gegen alle, die sich irgendeinem Laster des paulinischen Lasterkatalogs unterwerfen. Dass vom Gottes Liebe zu reden keinen Sinn mehr macht, wenn das "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet" nicht mehr gilt, ist hier vergessen.

Die aufgeführten Bibel-Passagen finden Sie in der Einheitsübersetzung der Bibel

Die Parallelpassage bei Heinrich von Kleist finden Sie hier

19:25 07.04.2009
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