Frau Daubners Gespür für Autorität

Medientagebuch Die "Tagesschau" ist eine Institution. Genauer gesagt: eine Nachrichtenbehörde - spricht der Staat hier doch über sich selbst

Nichts erscheint uns heute selbstverständlicher als die Tagesschau. Ihre Einschaltquoten sind so enorm wie ihre Reputation, der Zeitpunkt ihrer Hauptsendung, 20 Uhr, gliedert den Tag für viele Menschen so sehr wie der Arbeitsanfang. Deshalb haben fast alle Sender seit Jahrzehnten nachgezogen und bieten ebenfalls Fernsehnachrichten, die freilich nie die gleiche Autorität erreicht haben wie das Original.

Damit ist das Stichwort gefallen: Fernsehnachrichten. Was ist selbstverständlich daran, dass Nachrichten nicht gehört oder gelesen, sondern gesehen werden? Und wie können Nachrichten eine Autorität haben? Solche Fragen schießen einem nicht von selbst durch den Kopf, sondern man stellt sie sich, wenn man die Nachrichtensprecher beobachtet. Den meisten gelingt es erstaunlich gut, den Vortragsstil von Radionachrichten in die Fernsehsichtbarkeit zu übersetzen. Sprecher wie Ellen Arnhold, Jens Riewa und Jan Hofer bleiben stets nüchtern, unpersönlich und distanziert freundlich. Bei anderen aber, wie zum Beispiel Susanne Daubner und Marc Bator, wird das Persönliche spürbarer. Gerade Daubners Vortrag ist ein wenig autoritär, und vielleicht empfindet man ihn gerade deshalb als Tagesschau-typisch. Frau Daubner, die einen strengen Charme ausstrahlt, artikuliert die Wörter und Silben mit einer so demonstrativen Deutlichkeit, dass der Zuschauer nicht umhin kann, ihr dankbar zu sein: Wie verworren wäre die Welt ohne ihre klärende Hilfe. Herr Bator trägt die Vornehmheit eines Butlers zur Schau: Noch bevor er seine Nachricht zu Ende gesprochen hat, weiß man, dass die aufgetischte Mahlzeit jedes Vertrauen verdient. Das sind autoritäre Botschaften, die mit den Nachrichten nichts zu tun haben, sie aber unwillkürlich überlagern.

Ihr Gestus erscheint als typisch, weil sie nur zuspitzen, was auch im Vortrag der anderen liegt. Jan Hofer etwa unterstellt weder, dass der Zuschauer Nachhilfe braucht, noch fügt er den Nachrichten einen Vertrauensvorschuss hinzu - allein seine Distanziertheit ist im Grunde autoritär. Man durchschaut das nicht sofort, weil man ihn mit dem Radiosprecher vergleicht, dessen Distanziertheit wohltuend ist. Herr Hofer jedoch sitzt mir als Person gegenüber, wenn er zu mir spricht. Er sitzt virtuell in meinem Wohnzimmer und doch hinter einem sichtbaren Schreibtisch wie in der Amtsstube. Ja, es ist, als wenn ich im Arbeitsamt das außerordentliche Glück hätte, auf einen freundlichen und gutwilligen Sachbearbeiter zu stoßen, der aber eben doch Befugnisse hat, die ich nicht habe. Nun sehe ich erst, dass natürlich auch er seine Persönlichkeit nicht verbirgt. Das kann er gar nicht, da er mir eben gegenübersitzt. Er ist zurückhaltend und scheint etwas Verletzliches zu haben.

All diese Gesten - das Klärende, Vornehme, Verletzliche - sind zusammen mit den Einzelheiten, die vom Blatt abgelesen werden, die eigentliche Nachricht. Das Blatt versteht sich ja auch nicht von selbst. Die Sprecher könnten ebenso gut einen Teleprompter benutzen, wie es in allen anderen Sendern geschieht; also nachsprechen, was auf einem vor der Fernsehkamera verborgenen Bildschirm steht. Das würde natürlicher aussehen. Aber das Blatt signalisiert die Objektivität des Vortrags. Es autorisiert den Sprecher, der von ihm abliest. Woran sieht man das? Nun, eben am offiziösen Stil. Der Stil des Sprechers verleiht dem Blatt höchste Bedeutung - man darf es nicht beschädigen, denn es ist klärend und ein vornehmer Dienst am Zuschauer -, und das Blatt, so aufgeladen, gibt die Bedeutung dem Sprecher zurück. Ein perfekter Zirkel.

Wie erklärt sich das merkwürdige Ritual - wenn nicht aus der (Parteien-)Staatlichkeit dieser Sendung? Die ARD ist Staatsfernsehen. Die Tagesschau präsentiert sich als Nachrichtenbehörde. Ihre Sprecher plaudern nicht, wie es Steffen Seibert und Petra Gerster von der Konkurrenzsendung heute tun, ganz so als repräsentierte das ZDF nicht denselben Staat. Die Tagesschau ist ehrlicher. Aber spielt das überhaupt eine Rolle? Sind die Nachrichten nicht überall die gleichen, in allen Sendern, bei allen Sprechstilen? Das schon. Aber denken wir an Nachrichten, die nirgends oder nur am Rande vorkommen. Es könnte sein, dass alle Sender sich an der Tagesschau abarbeiten und sie in allen möglichen Hinsichten variieren, nur nicht in der Art und Weise der Nachrichtenauswahl. Diese Auswahl ist jedenfalls eine staatliche. Die internationalen Nachrichten setzen keine anderen Schwerpunkte als die amtliche Außenpolitik. Zum Beispiel hätte man in diesem Jahr viel mehr über die Hungerrevolten berichten können. Und die innenpolitischen Nachrichten behandeln vor allem SPD und Unionsparteien, die an der Regierung sind und auch die ARD beherrschen. Der Staat spricht über sich selbst - es wird aber so getan, als leite sich das Sprechen von einem Blatt Papier ab, das seinen Ursprung ganz woanders hat, aber an einem wichtigen Ort, womöglich ist es sogar vom Himmel gefallen. Frau Daubner und Herrn Bator öffnen dafür die Augen.

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Geschrieben von

Michael Jäger

Redakteur (FM)

studierte Politikwissenschaft und Germanistik. Er war wissenschaftlicher Tutor im Psychologischen Institut der Freien Universität Berlin, wo er bei Klaus Holzkamp promovierte. In den 1980er Jahren hatte er Lehraufträge u.a. an der Universität Innsbruck für poststrukturalistische Philosophie inne. Freier Mitarbeiter und Redaktionsmitglied beim Freitag ist er seit dessen Gründung 1990. 1992 wurde er erster Redaktionsleiter der Wochenzeitung und von 2001 bis 2004 Betreuer, Mitherausgeber und Lektor der Edition Freitag. Er beschäftigt sich mit Politik, Ökonomie, Ökologie, schreibt aber auch gern über Musik.

Michael Jäger

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