Geborstene Fahrt

Montage Man könnte Ernst Bloch als einen Vordenker der Dekonstruktion begreifen. Einstimmung auf eine Tagung zu "Erbschaft dieser Zeit"

Ernst Bloch ist ein ganz toter Hund. Die Universitäten haben wenig Interesse an dem 1977 verstorbenen Philosophen. Was kann denn auch abgestandener sein als der philosophische Marxismus mit seiner drögen "Grundfrage der Philosophie"? Gerade Bloch hat sich in ihr bewegt und immerzu den Materialismus entwickeln wollen. Und dann auch noch seine "Hofferei", wie Günther Anders, der Philosoph der Abschaffung des Menschen, es bitter spottend nannte. Ja, wenn Bloch sich mit etwas in Erinnerung hält, dann mit dem Titel seines Hauptwerks: Das Prinzip Hoffnung. "Hoffnung ist kein Prinzip", kommentiert Adorno. Damit könnte ich diesen Artikel schon beenden. Aber es gibt zwei Bloch-Gesellschaften in Deutschland: Eine davon, die Ernst-Bloch-Assoziation, eröffnet heute in Tübingen eine Tagung zu Blochs Buch Erbschaft dieser Zeit, dessen erste Fassung vor genau 70 Jahren erschien. Wenn man es liest und von da aus in andere Bloch-Bücher schaut, ist man erstaunt über den Reichtum, die Aktualität und die Modernität dieser Philosophie.

Der zentrale Begriff des Buchs heißt "Montage". Damit schreibt sich Bloch in einen Bogen ein, der von Walter Benjamin bis in unsere Zeit reicht. Der Montage-Begriff meint eine kulturelle, nicht zuletzt künstlerische Technik, zum Beispiel die surrealistische, in der Bruchstücke zu neuen Einheiten äußerlich zusammengefügt werden, wobei ihre Herkunft aus Zertrümmerung sichtbar bleibt; dennoch tritt das Montierte wieder als Einheit auf und mag sogar konstruktiv, ja positiv wirken. Zu Blochs Modellen gehört Joyce, dessen Roman Ulysses er als "Wortkinetik" und "Kathedrale des Relativismus" liest: "Zote, Chronik, Gewäsch, Scholastik, Magazin, Slang, Freud, Bergson, Ägypten, Baum, Mensch, Wirtschaft, Wolke gehen in diesem Bildfluss aus und ein, mischen sich, durchdringen sich in einer Unordnung", wobei alles aber gehalten ist von "Symmetrie, ja, Durchentsprechung" der Teile und "ruhelos verdeckter Konkordanz". Dass auch Altes und Ältestes wieder auftaucht, Scholastik, "Ägypten", die Odyssee nicht zu vergessen, ist charakteristisch und zeigt den unheimlich schöpferischen Charakter des Zerfalls. Nicht zufällig ist es Blochs Buch über Montage, in dem auch "das Ungleichzeitige" erörtert wird, der biblische Traum vom Tausendjährigen Reich, der sich so seltsam in die Hitlerzeit fügt. Die Geschichte selber montiert Zeiten, die gar nicht zusammenpassen.

Montage als Gestaltungstechnik ist Bloch zufolge eine Reaktion im großbürgerlichen Geist auf die Endkrise, in die der Kapitalismus eintrete. Die Reaktion wird bleiben, auch wenn die Krise revolutionär gelöst sein wird, meint Bloch; denn sogar der Verfall einer Kultur bringe Innovatives hervor, das man tradieren müsse. Deshalb heißt das Buch Erbschaft dieser Zeit. Wie wir heute wissen, ist der Kapitalismus noch längst nicht am Ende. Aber solche Gebilde, die sichtbar Zerstörtes und doch konstruktiv Zusammengefügtes zeigen, beschäftigen uns weiter. Derridas Begriff der "Dekonstruktion" verrät schon als Wort diese Spannung, dass man einem Destruierten das Konstruierte ansehen soll und umgekehrt. In der Grammatologie sagt Derrida, er beginne "mit der Destruierung und, wenn nicht der Zerschlagung, so doch der De-Sedimentierung, der Dekonstruktion aller Bedeutungen, deren Ursprung in der Bedeutung der Logik liegt".


Destruiert und doch nicht zerschlagen? Der Begriff "De-Sedimentierung" hilft weiter. Ein Sediment ist der Niederschlag oder Bodensatz einer Flüssigkeit. Die Sedimentierung bringt das kontinuierlich Fließende in den diskret niedergeschlagenen Zustand. De-Sedimentierung tut das mit dem Ziel der De-Codierung, also der Entschlüsselung dessen, was fließt. Wer am Niederschlag den Fluss kenntlich macht, will ihn als Fluss konstruieren, aber um zu zeigen, dass er gar keiner ist. Wohl ist der Bodensatz einheitlich, gehört jedenfalls zusammen, aber doch nicht als Kontinuum. Sondern als "Konfiguration" und denkmöglicher "Weg, der sich durch die Trümmer hindurchzieht"; das waren Begriffe, die Benjamin noch vor Blochs Montage-Begriff bildete, den er dann seinerseits übernahm. Achten wir auch auf die Fortsetzung des Satzes von Derrida: Alle Bedeutungen sollen dekonstruiert werden, "deren Ursprung in der Bedeutung der Logik liegt". Gerade die unterstellte Ursprungs-Bedeutung gibt es gar nicht, und doch wollen sich andere Bedeutungen von ihr ableiten. Nimmt man den eingebildeten Ursprung weg, hat man diese Bedeutungen als bloßen Niederschlag. Aber was schlägt sich denn nieder, wenn es nicht der Ursprung ist? Jedenfalls treibt da etwas und bringt Differenzen hervor, um sie gleich wieder zu verunklaren; nur was es ist, können wir nicht sagen, da wir mehr als diese "Spur" nicht sehen.

Wenn man Derridas Ansatz so skizziert, springt die erstaunliche Nähe zu Bloch ins Auge. Bloch bestreitet den Ursprung eben auch. Er zitiert die vitalistische Philosophie: "Der Weltgeist ist nach Bergson ›die Rakete, deren erloschene Schlacken als Materie niederfallen‹." Hat es also schon vor der Materie einen fertigen Weltgeist gegeben? Nein, der steht noch aus. Auch Blochs Denken ist auf Spurenlesen gerichtet, Spuren heißt ein frühes Buch, aber darüber hinaus auf Aktion. Wenn Derridas Dekonstruktion auf die Kenntlichmachung der Spur zielt, so will Bloch den Spuren die Richtung aufs Beste ablesen, wozu die Materie fähig ist, wohin sie aber nur dann treibt, wenn wir Hilfe leisten, unseren eigenen Trieb einbringend. Das Beste ist der Ursprung. Er kommt zuletzt, falls er denn kommt. Blochs Hoffnung ist darauf gerichtet. Es ist keine "Hofferei", vielmehr ein der Verzweiflung sehr ähnlicher Affekt. Bald nach dem Ersten Weltkrieg schrieb Bloch, "begriffene Geschichte" sei kein "festes Epos des Fortschritts und der heilsökonomischen Vorsehung, sondern harte, gefährdete Fahrt, ein Leiden, Wandern, Irren, Suchen nach der verborgenen Heimat; voll tragischer Durchstörung, kochend, geborsten von Sprüngen, Ausbrüchen, einsamen Versprechungen, diskontinuierlich geladen mit dem Gewissen" - nicht: der Gewissheit - "des Lichts".


Die "geborstene Fahrt", das ist Montage oder jedenfalls das Beste, was man aus ihr machen könnte. Picasso und Brecht, die Kommunisten, greifen anders als Joyce ins Zukünftige, will Bloch darlegen. Joyce fügt das Diskontinuierliche zum "Kaleidoskop", und das ist schon viel, schon kritisch; es zerreißt den falschen Schein einer vorhandenen Ursprungsmacht. Aber Picasso und Brecht zeigen, wie man sich, "durchstört", auf die Fahrt zum Besten begibt, mit acht Segeln und 50 Kanonen. Die Verzweiflung hat nützliche Spuren in der Fahrt hinterlassen: Die Fahrenden wissen, ihr Schiff ist nicht im Heimathafen ausgelaufen, den gibt es gar nicht, vielmehr auf offener See aus Treibgut zusammengesetzt.

Das charakterisiert aber auch die Fahrt, die Bloch selbst in vielen seiner Bücher unternimmt, und nicht am wenigsten im Prinzip Hoffnung, dem auf den ersten Blick so klassisch durchgestylten Hauptwerk. Es spricht milde, aber es rast in surrealen Montagen. Was wird da nicht alles zusammengefügt, zum Beispiel Parzival mit Old Shatterhand. Dass der so unwahrscheinlich unbesiegbar ist, zeigt nur, er gehört zum Genre des Ritterromans. Oder Bloch stellt Film mit Pantomime zusammen. Diese ist wortloses Bedeuten. Aber da steht die Pantomime nicht allein. Traditionell "unberedte" Handlungen sind auch "der Coitus, der erbitterte Kampf, der feierliche Empfang, zusammen mit langen Strecken jedes Zeremoniells". "Feuer wird bei den Najavos umtanzt in der Richtung des Sonnenlaufs, das Bild der Sonne wird schweigend hochgezogen." Ohne dass Bloch es direkt ausspricht, weil er sich hier selbst an die Regel des unberedten Ausführens hält, erkennt man, was er sagen will: Schweigen ist die Sprache des Dialogs mit dem Tod. Und nun ist das Besondere des Films, wodurch er sich vom Theater unterscheidet, die Verselbstständigung des pantomimischen Moments - des stummen Bedeutens im Ausdruck der Geste, des Gesichts, oft sogar der Dinge. Die hören auf, leblos zu sein. Es ist ein Glück, sagt Bloch, dass die Filmgeschichte mit dem Stummfilm begann. Aber wie kommt es, fragt er und löst die Frage nicht auf, dass gerade damals die Pantomime auf so glücklich hohem Niveau stand?

Vielleicht ist die Geschichte der Philosophie mit Derrida noch nicht zuende.

Zu Derrida und Bloch vgl. auch Stavros Arabatzis, Funken des Absoluten. Theologie als Kryptomaterialismus, in: VorSchein. Jahrbuch der Ernst-Bloch-Assoziation, Hg. Doris Zeilinger, Nr. 22/23, Berlin Wien 2002


Die Tagung
Ungleichzeitigkeit und Erbschaft dieser Zeit.
Produktion - Kommunikation - Religion
findet vom 30.9. bis 2.10. in der
Universität Tübingen statt.

Näheres unter www.ernst-bloch.net


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