Glückliches England

Monarchen Unmengen von Devotionalien: Das britische Parlament muss nicht den ganzen „Volkswillen“ verkörpern. Das Königshaus hilft mit

Eine Milliarde Menschen werden am 29. April die Hochzeit des William, Prince of Wales, erstgeborener Sohn von Prinz Charles und Lady Diana, mit der Unternehmertochter Kate Middleton live am Fernsehbildschirm verfolgen. Woher dieses überwältigende Interesse? Eigentlich erwartet man, dass monarchische Angelegenheiten nur in richtigen Monarchien Topereignisse sein können. Eine richtige Monarchie ist aber nicht einmal England selbst, vielmehr nur eine konstitutionelle; und das ist eine Konstitution, die dem König oder der Königin kaum mehr zu tun übrig lässt als das pure glanzvolle Repräsentieren. Doch gerade England wird aus dem Häuschen sein. Elf Tage lang werden viele Geschäfte schließen müssen, andere produzieren seit Monaten Unmengen von Devotionalien. Ja, und was haben erst die USA, Frankreich oder Deutschland damit zu tun? Man fragt sich, ob etwa auch hier von der Monarchie etwas übrig geblieben sein sollte, irgendwelche unsichtbar gewordenen Tiefenstrukturen, die die fortdauernde Betroffenheit erklären.

Es ist, als gäbe es ein Gespür, dass der König auch hierzulande nicht wirklich tot sei, und als werde der Denkhaushalt entlastet, weil William und Kate dem unklaren Gefühl zum Bild verhelfen. Als Bild ist die Sache ja deutlich genug. Wenn das kein schönes Bild ist! Die beiden sind wirklich ein „Traumpaar“, fast möchte man sie für Filmschauspieler und die ganze Handlung für erfunden halten. Ein König in spe wird erstmals auf eine Universität geschickt, wo auch Bürgerstöchter zugange sind, die ihm denn auch über den Weg laufen. Er lernt Kate kennen, die beiden sind jahrelang zusammen. Einmal trennt sie sich von ihm, wohl weil da noch mehr Mädchen sind. Doch bald sind sie wieder zusammen, und schließlich gibt William die Verlobung bekannt. Schöne Frau heiratet sportlichen Flieger der Royal Air Force. Vater Charles und die Queen zeigen sich hocherfreut. Die Monarchie versöhnt sich mit dem Volk!

Das Bild mag ein paar Risse haben – die Königsfamilie ist nicht bereit, Kates Eltern vor der Hochzeit zu empfangen, und Kate fährt nicht, wie alle Königsbräute vor ihr, mit der Kutsche zur Trauung; sie muss das banale Auto benutzen –, doch können sie den Gesamteindruck nicht schmälern. Es sind kleine Irritationen, gar nicht vergleichbar mit den schweren Stürmen jüngst vergangener Königsheiraten. Den ersten Versuch, eine Bürgerliche zu heiraten, hatte Eduard VIII. im Jahr 1936 getan. Da er sich nicht umstimmen ließ, obwohl die meisten Premierminister des Commonwealth widersprachen, musste er auf den Thron verzichten, was übrigens ein Glück war, denn er sympathisierte mit Hitler und hätte wahrscheinlich in die Politik eingegriffen. Den Widerstand der Premiers pflegt man damit zu erklären, dass Eduards Braut eine Amerikanerin mit zweifelhaftem Vorleben gewesen sei, mehrfach geschieden, als Hure sogar bezichtigt, die den König in einer Sado-Maso-Beziehung sexuell beherrscht habe.

Die ewige Einheit

„Lady Di“ gehörte dem Adel an, doch benahm sie sich sich wie eine Bürgerstochter. Dass Prinz Charles noch eine andere hatte, war für die alte Queen kein Thema, so sind halt Adelssitten. Doch die Lady führte einen publizistischen Kreuzzug, in dem sie sich Mühe gab, Charles‘ Seitengleis als eine Monstrosität darzustellen. Nachdem er sich von ihr geschieden hatte, benahm sie sich weiter als Repräsentantin der Königsfamilie, der sie nicht mehr angehörte, hatte viel Anhang in der Bevölkerung, war Vorsitzende von Wohlfahrtsvereinen und reiste wie eine Vertreterin Englands in der Welt herum, bis ein dubioser Unfall in einem Autotunnel ihrem Leben 1997 ein Ende setzte.

So viel Stress für den Buckingham Palace! Kate Middleton ist ganz anders. Sie lässt sich zur Zeit willig in höfischer Etikette unterrichten. Und William gleicht Eduard VIII. in keiner Weise. Die Hochzeit der beiden ist nicht zuletzt für die Königsfamilie selber ein Traum. Denn nichts deutet auf neue Monstro­sitäten.

Die Frage nach dem Monströsen hat die Königsgeschichte der Neuzeit begleitet. Das mag man erstaunlich finden, denn warum soll ein König nicht „ausschweifend“ leben – früher zumal, als er die größte Macht hatte? Aber man muss wissen, was ein König ist. Er ist nicht einfach der Mächtigste im Land, sondern hat einer komplexen und geradezu metaphysischen Rolle gerecht zu werden. Seit dem 16. Jahrhundert wurden ihm von britischen Kronjuristen „zwei Körper“ zugeschrieben. Sein natürlicher Körper, hieß es, repräsentiere den Körper eines überwiegend unsichtbaren Königs, der nie sterbe und mit dem der sichtbare König nur zu dessen Lebzeiten zusammenfalle. Daher sei das Einzige, was den unsichtbaren König ständig sichtbar mache, die Krone. Die Krone sei ja auch dann da, wenn ein König gestorben und sein Nachfolger noch nicht gekrönt sei. So gebe es auch im Interregnum keine Unterbrechung der Herrschaft des eigentlichen, des unsichtbaren Königs. Der aber ist auch seinerseits ein Repräsentant, er verkörpert nämlich die ewige Einheit des Gemeinwesens. (Ich folge Ernst Kantorowicz und der Arbeit des Projekts „Poetologie der Körperschaften“ um Albrecht Koschorschke.)

Was hat das mit dem Monströsen zu tun? Nun, wenn sich der natürliche Königskörper monströs verhält, weiß man, dass er den unsichtbaren politischen Königskörper nicht repräsentiert. Er überträgt dessen Allmacht auf eine Ebene, wo sie nichts zu suchen hat. Er ist illegitim. Als in der Französischen Revolution Ludwig XVI. zum gewöhnlichen Bürger degradiert wurde und nur noch „Louis Capet“ hieß, waren die Journalisten immer noch der Meinung, sie hätten seine Monstrosität nicht genügend herausgestellt. Eine pornografische Kampagne gegen den König und die Königin war schon in den Jahren vor 1789 begonnen worden. Jetzt hieß es, man müsse die Nation vor ihren Gelüsten in Schutz nehmen, vor Inzest und Anthropophagie. Täglich hielt die Presse ihre Leserschaft über Ludwigs körperliche Verrichtungen auf dem Laufenden.

Körper-Vorstellungen

Blicken wir weiter zurück: Im 17. Jahrhundert gab es „die Medien“ auch schon, damals waren es die Theaterdichter. Inzest und Muttermord von Königen werden vom deutschen Barocktheater gern behandelt, und auch Shakespeare weiß Schlimmes von Königen zu berichten. Richard III. hinkt und ist hässlich, hat aber so viel sexuelle Macht über die Frau des Mannes, dessen Mörder er ist, dass sie ihm gleich nach der Beerdigung des Ermordeten ins Bett folgt. Kann so ein wüster König als Verkörperung des politischen Körpers gelten?

„Verkörperung“ ist unser zweites Stichwort. Das Seltsame an dieser ganzen Metaphysik ist ja nicht, dass der König für eine unsichtbare politische Einheit des Gemeinwesens steht, die er sichtbar macht, ohne sie zu sein. Denn diese Einheit, so viel versteht man, muss unterstellt werden können, und das gelingt besser, wenn sie veranschaulicht wird. Der König, indem er sie „verkörpert“, ist diese Veranschaulichung. Erstaunlich ist aber, dass auch die unsichtbare Einheit für sich genommen als ein Körper gilt.

Seit Menenius Agrippa aufmüpfigen Plebejern erklärte, der Fuß habe auch etwas davon, wenn alles Essbare immer nur in den Magen gelange, seit den alten Römern also und bis zum heutigen Tag kann man sich politische Einheit nicht anders vorstellen denn als Körper. Die politische Einheit von heute, der Staat, ist immer noch eine „juristische Person“, der man einen eigenen Willen zuschreibt. Wie sehr sie einen wenn auch unsichtbaren Körper haben muss, sieht man etwa an der Sitzordnung der Repräsentanten im Parlament, in der sich die Staatseinheit spiegelt: Die Bänke bilden einen geschlossenen Halbkreis, um sie zu veranschaulichen (so Philip Manow), und die Repräsentanten teilen sich in eine rechte und eine linke Hälfte, wie ein Körper.

In dieser Struktur verhalten sich die Abgeordneten wie früher die Könige. Sie sind vielleicht in zweiter Linie auch Repräsentanten der Bürger, in erster Linie jedoch repräsentieren sie den unsichtbaren Staatskörper. Das ist vielleicht der Grund, weshalb sie uns so abgehoben erscheinen. Bevor sie, zu Parteien zusammengeschlossen, „an der Willensbildung teilnehmen“ und so an einer Bürger-Einheit arbeiten, die erst hergestellt werden müsste, ist die Einheit des „Staatswillens“ längst über sie gekommen, wie in unbefleckter Empfängnis. Sie selber sind vorab geeint. Es kommt vor, dass ihre Repräsentanz der fiktiven Einheit die wirkliche Willensbildung geradezu verhindert.

In England jedoch ist das Parlament vom Druck, sie vorspiegeln zu müssen, ein wenig entlastet. Der König, wenn er seine Rolle gut spielt, also nicht monströs ist, nimmt es ihm ab. Nach der englischen Auffassung ist das Parlament nicht dazu da und auch gar nicht fähig, einen „einheitlichen Gesamtwillen“ herauszubilden, und man sieht auch nicht „in einer parlamentarischen Mehrheit den Volkswillen verkörpert“ (so Kurt Kluxen). Wenn jemand das Bedürfnis hat, sich der Einheit zu versichern, kann er ja die Queen anschauen oder William mit Kate, der Bürgerstochter – die sind Verkörperung genug. Glückliches England!

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14:00 25.04.2011

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