Hinter Gittern

Medientagebuch Konkrete Kunst: Wie die "FAZ" es geschafft hat, auch mit einem Bild auf Seite eins unverwechselbar zu bleiben

Als die Frankfurter Allgemeine Zeitung sich im letzten Oktober dazu entschied, täglich mit einem Foto auf der Titelseite zu erscheinen, vermuteten nicht wenige einen Gesichtsverlust. 58 Jahre lang hatte die Zeitung nur in Ausnahmefällen zum Bild gegriffen und war am Kiosk darüber unverwechselbar geworden. Nun trabte man der Konkurrenz nach, die mit Nachrichtenfotos einen "Blickfang" bietet, und nahm die Herabsetzung der Hauptschlagzeile in Kauf - als dürfte man fernsehgeschädigten Menschen keine pure Textseite mehr zumuten. Die Leser protestierten prompt.

Doch nach gut einem Jahr lässt sich feststellen: Wenn Bilder den Gehalt der Texte erweitern, ja überbieten, kann niemand unzufrieden sein. Die FAZ lässt offenbar die ästhetischsten Köpfe über die Wahl der Titelseitenbilder entscheiden. Manchmal sind es nur die witzigsten Köpfe, auch das macht Spaß. Es kommt vor, dass die Donald-Duck-Fraktion zuschlägt oder das Karikaturistenpaar Greser Lenz.

In der Regel werden politische oder kulturelle Fotos geboten, wie es auch andere Zeitungen halten. Aber die Fotos der FAZ sind im Durchschnitt besser: Den Eindruck, man müsse die Tagesschau nochmals ertragen, hat man selten. Meistens gelingt eine ästhetische Transzendierung des Bildthemas. Viele Fotos sind von nur ein oder zwei Farben beherrscht. So gab es am Freitag voriger Woche das Bild "Der dritte ›Einzelfall‹ bei der Tour", in dem man rechts ein Stück gelbe Außenwand eines Mannschaftswagens sieht, links ein Stück gelbes Trikot, daneben noch, schwächer gelb, eine unidentifizierbare Spiegelung im Autofenster. In der Mitte der Arm, der das Rennrad hineinhebt, das halb zu sehen ist und mit seinen dünnen mechanischen Linien den kompakten Gelbflächen widerspricht. Gelb schimmern Teile der Felge, der Wasserflasche und der senkrechten Einfassung einer Schiebetür. Das Ganze erinnert in seiner unperspektivischen Zweidimensionalität an Gemälde von Max Beckmann.

"Entspannung mit Wagner in Pjöngjang" steht über einem anderen Bild: Zwei Konzertbesucher von oben mit schwarzem Haar und schwarzem Anzug, beide je auf ihr Konzertprogramm mit schwarzweißem Wagnerfoto blickend. Dieses ragt in den Schatten der Sitze vor ihnen hinein. Was man vom Fußboden und zwei Sitzreihen sieht, ist hellgrün oder -braun, so dass sich insgesamt ein Aufbau grün, schwarz, braun, schwarz, grün ergibt.

Eine Gemeinsamkeit vieler Fotos ist das raffinierte Spiel mit Linien. Empfang des russischen Präsidenten vor dem Kanzleramt. Nierenförmige Rasenstücke, auf einer Niere die Plastik aus verschlungenen Eisenträgern, der rote Teppich V-förmig ausgelegt, drei Reihen Soldaten dahinter - es sind Inseln im Steinboden, der in schräger Draufsicht das Bild bedeckt. Kanzlerin und Präsident sind Punkte, die man vernachlässigen kann. Nicht selten treffen Linienästhetik und monochrome Teilflächen zusammen. Wenn wir dünne, gitterförmige Säulen vor einem Pfeiler der Golden Gate Bridge betrachten, an der Arbeiter hochhangeln, um ein Transparent von Exiltibetern zu entfernen, bietet sich ein Bild nur aus Himmelsblau und Brückenrot. Oder der israelisch-libanesische Gefangenenaustausch: Das Foto zeigt ein Gitter, sehr nah, halb blau, halb weiß, das einen Spalt weit geöffnet wird. "Sechs Parteien suchen ihre Schnittmengen" wird durch ein Gemälde von Siegfried Steinach veranschaulicht, "der mit Hilfe eines Computerprogramms Ring- und Farbphantasien verwirklichte". Dieses Gemälde im Stil der Konkreten Kunst fasst gleichsam die ästhetische Konzeption zusammen.

Mancher mag sich der ganz anderen Ästhetik der früheren FAZ-Fotografin Barbara Klemm erinnern, die eine große Künstlerin ist. Vorige Woche Donnerstag wurde ein Foto von ihr aus den siebziger Jahren ausgewählt. Man sieht "Gastarbeiter" am Tresen eines Lohnsteuerhilfevereins. Das für Klemm Typische ist, dass das Bild einen sofort erkennbaren Sinn hat: Die Arbeiter, Italiener oder Griechen, schauen ihr und damit uns aggressiv entgegen, signalisieren teils, dass man bei ihnen auf Beton beißt, teils scheinen sie Klemm das Fotografieren verwehren zu wollen. Diese Menschen wissen noch, was "Klassenkampf" ist. Es ist sicher ein Verlust, dass die Kontinuität von Klemms Arbeit abgerissen ist. Dafür ist die neue, an der Kunst­avantgarde geschulte Ästhetik vielleicht ehrlicher.

Denn sie streicht heraus, dass der "Blickfang" nur oberflächlich sein kann, in keine Tiefe vordringt, vielmehr vor allerlei Gittern Halt machen muss. So leicht gibt sich die Welt dem Interpretieren, gar dem Verändern nicht preis. Die Gitter immerhin lassen sich genau betrachten. Und hat nicht Ernst Bloch darauf hingewiesen, dass aus flächiger Montagekunst, Picasso ist sein Beispiel, der weiterführende Gedanke dennoch hervorbrechen könnte? Es gibt die Tiefe gar nicht, aus der man ihn nur herauszuholen bräuchte. Er muss erst erfunden werden. Die Hauptschlagzeile deutet ihn am wenigsten an - eine heilsame Lehre auch für FAZ-Leser.

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