Im Krankenbett

Ägypten Das Bild des gestürzten Machthabers Mubarak vor Gericht ist eine doppelte Inszenierung – und so unklar wie die ganze "Arabellion"

Der Diktator muss sich vor Gericht verantworten, das ist wichtig. So haben es die Aufständischen gewollt, und der Militärrat, von dem man nicht weiß, ob er sich in den Dienst der Demokratie stellen oder sie ausbremsen will, hat ihnen schließlich nachgegeben. Ist nun eine Etappe der Revolution erfolgreich zurückgelegt? Mubarak im Krankenbett hinter Gittern der Polizeiakademie, die eben noch seinen Namen trug: ein wichtiger Tag, ein sprechendes Bild? Das Bild ist recht vieldeutig.

Politische Angeklagte spielen oft eine Rolle in einer Inszenierung. Mal inszenieren sie sich selbst, mal werden sie inszeniert. Im Fall Mubarak ist wohl beides der Fall. Mubarak ist möglicherweise nicht so krank, wie er sich gibt. Seine Anwälte behaupten, er sei depressiv, verliere oft das Bewusstsein, verweigere Nahrung und Medikamente. So schwach wirkt er nicht, wenn er die Anklage "kategorisch" zurückweist. Nur dass er im Bett liegt und von dort aus spricht. Ohne vielleicht wirklich schwach zu sein, zeigt er ein Emblem der Schwäche. Er will zeigen, er werde ungerecht behandelt. Der Militärrat sagt mit demselben Bild etwas ganz anderes: Seht her, das Alte ist hinfällig und gar nicht mehr vorhanden, denn dieser Kranke hinter Gittern war seine Inkarnation. Auch hier ergänzen wir: So hinfällig wirkt das Alte gar nicht. Der Militärrat jedenfalls ist nicht schon das Neue.

Dann kommt noch hinzu, dass so ein Bild sich gewissermaßen selbst inszeniert, indem es an frühere Bilder anschließt. Das geschieht hinter dem Rücken der Beteiligten. So kommt in Mubaraks Fall die Vieldeutigkeit des Bilds zustande. Man kann sich ans Siechtum anderer Gerontokraten erinnern, etwa des Stasi-Chefs Mielke nach dem Ende der DDR. Oder sich sagen, Unrecht finde doch zuletzt seine Strafe, wie beim Nazischergen Demjanjuk. Auch der wurde im Krankenbett hereingerollt. Man kann aber auch an Pharaonen denken, deren Mumiensärge Bilder liegender Menschen sind. In der Presse wird Mubarak häufig als Pharao bezeichnet. Aber dann spricht das Bild seiner liegenden Gestalt nicht für Verfall, sondern für Konservierung. Und mehr noch, es gibt recht ähnliche Bilder, die sehr positiv gemeint sind. Viele kennen Davids Gemälde vom französischen Revolutionshelden Marat, der hautkrank in seiner Wanne liegt, die Schreibfeder noch in der Hand, tückisch ermordet von einer Konterrevolutionärin. Man kann auch an Richard Wagners siechen König Amfortas denken, der zwar an seinem Leiden nicht unschuldig ist, aber doch Gnade und Erlösung findet.

Das Bild des kranken Mubarak ist so unklar wie die "Arabellion" selber. Während er vor Gericht seine Unschuld behauptet, schlagen sich vor dem Gebäude seine Anhänger mit seinen Gegnern. Wie wird dieser Kampf ausgehen? Wie ist die "Arabellion" im Ganzen überhaupt einzuordnen? Auf welches neue Regime läuft sie hinaus, wenn sie überhaupt erfolgreich sein sollte? Sie hat mit Hungerrevolten begonnen, an denen gewiss nicht nur Mubarak schuld ist, mag er noch so korrupt gewesen sein, sondern auch der Westen. Von dem ging die Verteuerung der Nahrungsmittel aus. Die Nahrungsmittel wurden knapper, seit Anbauflächen für Biosprit verbraucht werden, und wurden nach der Immobilienblase zum neuen Spekulationsobjekt. So hängen Hungerrevolten und Weltfinanzkrise zusammen. Die Krise hat zu Revolten geführt: nicht in den Zentren der Finanzmacht, sondern an der Peripherie. Können sie dort eingehegt werden? Oder greifen sie vielleicht auf Südeuropa über? Fragen über Fragen. Mubarak im Krankenbett gibt keine Antwort. Nein, das ist kein sprechendes Bild.

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Geschrieben von

Michael Jäger

Redakteur (FM)

studierte Politikwissenschaft und Germanistik. Er war wissenschaftlicher Tutor im Psychologischen Institut der Freien Universität Berlin, wo er bei Klaus Holzkamp promovierte. In den 1980er Jahren hatte er Lehraufträge u.a. an der Universität Innsbruck für poststrukturalistische Philosophie inne. Freier Mitarbeiter und Redaktionsmitglied beim Freitag ist er seit dessen Gründung 1990. 1992 wurde er erster Redaktionsleiter der Wochenzeitung und von 2001 bis 2004 Betreuer, Mitherausgeber und Lektor der Edition Freitag. Er beschäftigt sich mit Politik, Ökonomie, Ökologie, schreibt aber auch gern über Musik.

Michael Jäger

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