Leasen lautet die Lösung

Nachhaltigkeit Edda Rydzy und Monika Griefahn fordern, dass Kulturpolitik sich stärker um Fragen der Ökonomie und Technik kümmern muss
Michael Jäger | Ausgabe 05/2014 55

Edda Rydzy und Monika Griefahn kommen beide aus der politischen Klasse: Rydzy war im Parteivorstand der PDS für Kulturpolitik zuständig, Griefahn als Bundestagsabgeordnete der SPD und in anderen Funktionen. Kulturpolitik soll nach allgemeinem Konsens gesellschaftliche Herausforderungen bestehen helfen, tut das aber nach Auffassung der Autorinnen auf dem ökologischen Feld nicht hinreichend. Sie steht zu sehr in der geisteswissenschaftlichen Tradition.

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Kaum kümmert sie sich um Fragen der Ökonomie und Technik, die doch entscheidend sind. „Kultur nimmt die Funktion einer Grenze der Industrie ein, statt zu deren lebendigem, innerem, sich selbst organisierendem Informations- und Operationsvorrat zu gehören“, schreiben sie in ihrem Band Natürlich wachsen. Wenn ihr aber nur „Fragen der Ethik, der Normen und der Werte“ bleiben, kann sie zur Bekämpfung der „Schäden“ nichts beitragen. Auch Marx werfen die Autorinnen vor, er setze Natur und Kultur entgegen. Nach den Frühschriften hat er von Kultur geschwiegen. Gegen Marx berufen sie sich auf Ernst Bloch. „Wie kann überhaupt der konkrete Mensch-Natur-Stoffwechsel den Weg in die öffentliche Verhandlung finden?“ Ohne Bezugnahme auf die Kultur der Öffentlichkeit wird das schwerlich gelingen.

Wen wundert es dann, dass gerade bei den „erfolgreichen“ Experten der Ökologie, unter denen Rydzy und Griefahn eine Umfrage durchgeführt haben, das Bewusstsein vom kulturellen Charakter ihres Gegenstands vollkommen fehlt. Mit dem Ansatz, von dem aus sie selbst die Brücke zur Ökonomie und Technik schlagen, mag man nun zwar ebenfalls hadern. Aber was sie herausfinden, ist von großem Interesse.

Die 68er und das Unbekannte

Ihr Ausgangspunkt ist die Notwendigkeit von Wirtschaftswachstum. Wie man es oft gehört hat, unterstellen sie ungenannten Ökologen, diese hätten sich wenigstens früher „zu Industrie und Wirtschaft“, die in solchen Formulierungen mit Wachstumswirtschaft einfach gleichgesetzt wird, feindlich verhalten, kreiden dies gar der 68er-Bewegung an und meinen, der ökologischen Kritik am „technologischen Sachzwang“ liege „Fremdenangst“ vor „dem Unbekannten“ zugrunde.

So fahren sie aber nicht fort: In der Durchführung loten die Autorinnen ganz präzise, wie es auch andere nicht besser tun könnten, die Dialektik von Wachstum und Wachstumsgrenze aus. Sie wollen nicht, dass Ökologen Grenzen und gar den Konsumverzicht propagieren. Das sei defensiv und falsch. Wachstum sei ja schon in der Biologie angelegt. Die Ausdifferenzierung des Lebens gehe notwendig mit der Vermehrung von Stoff, nämlich Biomasse, einher. Bei der gesellschaftlichen Ausdifferenzierung könne es nur ebenso zugehen, und sie zu stoppen sei weder möglich noch wünschenswert.

Rydzy und Griefahn wissen und betonen aber, dass „die Menge der auf der Erde vorhandenen stofflichen Ressourcen endlich ist“. Damit ist zwar angeblich keine „objektive Grenze für Wirtschaftswachstum“ gesetzt – aber alles, was sie dann entwickeln, verweist auch auf Grenzen. Faktisch zeigen sie, dass man auch ökologisch mehr Wachstum verantworten kann, als viele denken, aber eben in Grenzen, die nur weiter gezogen wären.

Man hat zuletzt den Eindruck, der Wachstumsakzent, den sie setzen, sei vor allem eine kulturpolitische Kommunikationstechnik. Von Grenzen zu sprechen, würde die Menschen nicht aktivieren, meinen sie. Schon den Ausdruck „nachhaltig“ als Übersetzung für „sustainable“ halten sie für zu defensiv. Man könne doch auch von „Vorsorglichkeit“, „Zukunftsfähigkeit“ oder einer „durchhaltbaren Entwicklung“ sprechen.

Von der Wiege zur Wiege

In der Sache führt schon ihr biologischer Ansatz zu der Einsicht, dass es den Menschen gerade adelt, Grenzen setzen zu können. Pflanzen und Tiere können das nicht. Wenn bei deren evolutionärer Ausdifferenzierung, so argumentieren Rydzy und Griefahn, die Menge der genetischen „Informationen“ immerzu ansteigt, steigt zwangsläufig auch die davon nicht trennbare Biomasse. Der Mensch aber operiert auch sprachlich mit „Informationen“. Die Möglichkeiten ihrer Kombination und Vervielfältigung steigen damit ins Ungeheure, aber eben nur als Möglichkeiten. Sie zu verwirklichen, besteht kein Zwang. Überall, wo sie nicht verwirklicht werden, wächst auch die Stoffmenge nicht.

Die Autorinnen betonen ausdrücklich, dass dem Menschen der Verzicht möglich sei, ja dass jede Entscheidung den Verzicht auf Optionen bedeute. Ausgehen wollen sie freilich davon, wie sich Menschen tatsächlich verhalten. Das wird niemand verkehrt finden.

Ihr ökonomisch-technischer Ansatz ist das Prinzip „Cradle to Cradle“ (von der Wiege zur Wiege statt zum Grab). Damit ist eine Produktionsweise gemeint, in der kein Müll anfällt, sondern alles Abgenutzte regeneriert und wiederverwendet wird. Alle Produkte müssen dann von vornherein aus Stoffen zusammengesetzt und in Verfahren hergestellt sein, die das ermöglichen. Schon weil kein Stoff verloren geht, kann es mehr Wachstum in denselben Grenzen der Stoffendlichkeit geben. Der Wachstumsspielraum wird nochmals vergrößert, wenn der Nutzeffekt der Stoffe zunimmt und sie schneller und häufiger umgeschlagen werden (mehr Reproduktion im selben Zeitraum).

Aber auch das ändert ja an der Endlichkeit nichts. Grenzen ergeben sich auch aus der volkswirtschaftlichen Organisation, die das Prinzip „Cradle to Cradle“ erforderlich macht. Man muss nämlich zu einer Ökonomie geleaster Produkte übergehen. Sind diese abgenutzt, wird das Nachfolgeprodukt vom Unternehmen zur Verfügung gestellt: So lässt sich die Stoffrückgabe managen. Dabei steht es den Unternehmen frei, zurückgegebene Stoffe untereinander zu tauschen.

Eine neue Gesellschaft

Michael Braungart und William McDonough, von denen Rydzy und Griefahn diesen Ansatz beziehen, unterstreichen ausdrücklich, dass zwar Kreisläufe der Bioproduktion ökologisch schadlos vergrößert werden können, technische Kreisläufe aber solche der einfachen, nicht der erweiterten Reproduktion sein müssen. Rydzy und Griefahn selbst fügen noch hinzu, dass sie die Energieproblematik als gelöst unterstellen. Für diese ist ja wenigstens die theoretische Lösung längst bekannt: die Umstellung auf Erneuerbare. Würde man sie realisieren und dann auch noch die Problematik der Stoffe so angehen wie hier vorgeschlagen, hätten wir eine neue Produktionsweise.

Und auch eine neue Gesellschaft, wie schon aus dem Detail hervorgeht, dass bei „Cradle to Cradle“ die Unternehmer an den Verkaufsorten physisch anwesend sein müssen. Denn jetzt treten ihnen die Käufer nicht mehr „nur als Masse individueller Verbraucher gegenüber, sondern als Gesellschaft. Die sozialen Bindungen zwischen beiden sind stark genug, um Werte unmittelbar zu verhandeln.“ Genau an dem Ort, wo „die realen Stoff- und Energiekreisläufe in der materiellen Produktion stattfinden“, muss der „Stoffwechsel den Weg in die öffentliche Verhandlung finden“.

Die Überlegungen von Rydzy und Griefahn werden komplettiert durch ein Referat neuerer Ansätze der Strategietheorie, aus denen man ersieht, wie fahrlässig planlos die „Energiewende“ betrieben wird, und durch den Hinweis, dass Kunstrezeption das komplexe Denken fördert. Deshalb muss zur Beantwortung der Frage, „worin Strategie unter der Voraussetzung von Komplexität besteht“, unbedingt auch Kulturpolitik herangezogen werden. Dass „ästhetisch gebildete Hirnstrukturen eine befördernde Voraussetzung für den Umgang mit Komplexität“ sind, erläuterte Edda Rydzy bei der Buchvorstellung: Der kurze Satz eines Dichters – eines Lyrikers gar – kann so inhaltsreich sein, dass man Stunden bräuchte, ihn aufzudröseln. Das Buch ist in vielerlei Hinsicht lehrreich.

Natürlich wachsen. Erkundungen über Mensch, Natur und Wachstum aus kulturpolitischem Anlass Edda Rydzy, Monika Griefahn Springer VS 2014, 215 S., 26,99 €



AUSGABE

06:00 04.02.2014
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Ausgabe 22/2020

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