Natur ist nicht demokratisch

Ökologiedebatte Andreas Möller schreibt eine Polemik gegen das grüne Denken und sagt dabei leider nichts Neues
| Ausgabe 11/2013 9
Das ehemalige Atomkraftwerk Rheinsberg
Das ehemalige Atomkraftwerk Rheinsberg

Foto: Sean Gallup / Getty

Bei so einem Buch möchte man schon gern wissen, wer der Autor ist. Andreas Möller blicke „tief in die deutsche Seele“, lesen wir auf dem Cover von Das grüne Gewissen. Wenn die Natur zur Ersatzreligion wird. Möller schätze „das grüne Denken in Deutschland“ als „nationalen Mythos“ ein und wolle zeigen, „was die Realitätsflucht der Generation Landlust für unsere Gesellschaft bedeutet“. Zugleich, so schrieb die Financial Times Deutschland, sei sein Buch „eine Liebeserklärung an die Natur“.

Der Autor, erfahren wir, leitete bis 2009 den Bereich Politik und Gesellschaftsberatung der Deutschen Akademie für Technikwissenschaften (acatech) in Berlin. In dieser Institution arbeiten Technikwissenschaftler mit einem repräsentativen Querschnitt von Vertretern der Wirtschaft zusammen. Ihr Präsident zum Beispiel gehörte dem Vorstand des Softwareunternehmens SAP an und ist Aufsichtsratsmitglied bei BMW und vielen anderen Firmen. Der „Senats“-Vorstand von acatech war im Aufsichtsrat von ThyssenKrupp und der Deutschen Bahn.

Ziel der Akademie ist es, den Staat in Technikfragen zu beraten. Es ist gut, dass es so eine Institution gibt, man fragt sich nur, warum ihr nicht auch Ökologen angehören, die zu möglichen und sinnvollen Technikpfaden vielleicht auch etwas Nützliches beitragen könnten. Solche Ökologen kann es aber gar nicht geben, wenn man Möller liest. Bei ihm gibt es nur die einen, die Technik gelten lassen und dann den Unternehmen zustimmen, die sich für Stuttgart 21, für Atomkraftwerke, für unterirdische Abscheidung von Kohlendioxid und so weiter stark machen, und die anderen, die all dies ablehnen, weil sie überhaupt gegen „die“ Technik sind.

Ja, die Wirtschaft hat in Möller, 1974 geboren, für ihre seit den siebziger Jahren geläufige Polemik, Ökologen seien Modernisierungsversager mit einer illusionären Vorstellung von der Natur, zu der sie rousseauistisch zurückstrebten, einen neuen Boten. Der uns nun wieder erzählt, dass es nicht angehe, „die“ Natur auf Kosten „der“ Technik zu loben, denn sie sei nicht nur gut, sondern auch böse, wie man an der Krankheit Krebs sehe. Das Argumentationsschema ist aus anderen Debatten bekannt: Ist es nicht seltsam, fragt Möller, dass wir Deutschen „die“ Technik kritisieren, als ob es sonst nichts Kritikwürdiges gäbe, wie zum Beispiel eben „die“ Natur selber? Beweist das nicht unseren Antitechnizismus?

Unsichtbarkeit der Atome

Tatsächlich weiß man von Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen, weil sie Impfen für unnatürlich halten – aber auch weil sie den Pharmakonzernen misstrauen, wie Möller einräumt –, und dadurch zur Wiederausbreitung der Masern beitragen. Dieser Punkt steht aber nicht im Zentrum der Ökologiedebatten. Wollen die Stuttgart-21-Gegner, dass in der Mitte ihrer Stadt nur noch Gras wächst und Käfer krabbeln? Nein. Sie wollen, dass ihr Bahnhof überirdisch bleibt. Es geht in allen Debatten um alternative Technikpfade, und immer wieder stellt sich die Frage, was den Staat berechtigt, über solche nur zusammen mit Firmen zu entscheiden, wie sie in acatech vertreten sind, statt die Bürger demokratisch darüber abstimmen zu lassen.

Möller fällt das nicht ein. So sehr er betont, dass es keine unberührte Natur mehr gibt, die wir zu schützen versucht sein könnten, da wir sie längst in Kultur verwandelt haben – was auch Ökologen wissen –, kommt er doch nie auf den Unterschied zu sprechen, der sich hier aufdrängt: dass Natur nicht demokratisch ist, Kultur es aber sein könnte. Wenn wir Krebs haben, ist unsere Wahlfreiheit gering. Doch zur Frage, ob wir mit Atomkraft heizen wollen, hätte es schon vor Jahrzehnten freie Wahlen geben können. Uns wäre viel erspart geblieben. Über das Fehlen von ökonomischer Demokratie kann auch Möllers Liebe zur Natur nicht hinwegtrösten. Dass er gern angelt, glauben wir ihm. Nur tut es gar nichts zur Sache.

Nützlich ist Das grüne Gewissen insofern, als dass es Überblick über die ökologischen Debatten gibt und die Argumente sammelt, die die Industrie in die Waagschale legen würde, gäbe es ökonomische Wahlen. Windkraft oder Kohle? Atomkraft ja oder nein? Welche Lebensmittel? Wie viel Bodenverbrauch für Biogaserzeugung?

Man gewinnt den Eindruck, dass die Industrie guten Grund hat, die ökonomische Demokratie zu scheuen. Denn wer würde zum Beispiel für dieses Argument stimmen: Da gegen „die Unsichtbarkeit der Atome“ nichts spreche – Deutsche fänden sie aber beängstigend, weil „wir uns nach einer empirischen Erfassbarkeit der Dinge sehnen, um ihnen vertrauen zu können“ –, spreche auch nichts gegen Atomenergie? Wer ließe sich davon überzeugen, dass, wenn „manche Tierarten“ verschwinden, „die Natur nichts verliert, weil sie keine Person im Sinne des Menschen ist“?

Die Zeit wird kommen, wo man die Wirtschaft einlädt, die Probe aufs Exempel zu machen.

Das grüne Gewissen. Wenn die Natur zur Ersatzreligion wird Andreas Möller Hanser 2013, 261 S., 17,90 €

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