Religionsdebatten in Deutschland

Notiert Darf man den Papst mit einem Urinfleck auf der Soutane zeigen? Vier Sms-Essays über Religionsdebatten der vergangenen Monate und Jahre

Von Hagens "Körperwelten"Von Hagens „Körperwelten“

Die Ausstellung Echte Körper – von den Toten lernen wurde zuerst 2006 in Leipzig gezeigt. Zu sehen sind präparierte menschliche Leichenteile wie eine Raucherlunge oder ein Fötus, aber auch ein zusammengeflickter Männerkörper, dem man, über offenem Hals, ein Gesicht mit abwartend cooler Miene aufgestülpt hat. Als die Ausstellung 2009 nach Hannover kam, ver-langte die Behörde den Nachweis, dass die Verstorbenen in die Plastination ihrer Leichenteile eingewilligt hatten. Die Pionier-Ausstellung dieser Art, Gunther von Hagens Körperwelten, war 2003 in Hannover noch vollständig verboten worden, während sie etwa in Berlin gezeigt werden konnte. Gegen beide gab es kirchlichen Protest. So sagte der Stadt-Superintendent von Hannover, die Würde des Menschen müsse über den Tod hinaus gewahrt werden. In Berlin wurden seinerzeit Totenmessen für die ausgestellten Verstorbenen veranstaltet. In Leipzig aber führte man zahlreiche Schulklassen vor die „echten Körper“. Was ist „echt“? Davon hat mancher Aufklärer eine ganz andere Vorstellung als alle Religionen. Im Jahr 2005 ergab eine Emnid-Umfrage, dass 51 Prozent der Bevölkerung die Menschenwürde gewahrt sieht, wenn Tote ausgestellt statt begraben oder verbrannt werden; 35 Prozent gar verdankten der Ausstellung Impulse für eine „gesündere Lebensführung“.

Das Urteil zur BeschneidungDas Urteil zur Beschneidung

Das Urteil eines Kölner Gerichts, dem zufolge die Beschneidung am männlichen Geschlechtsglied als Körperverletzung anzusehen und grundsätzlich strafbar sei, trifft die jüdischen Gemeinden mehr als die muslimischen, weil letztere die Altersgrenze der Operation nicht festlegen. Eine Einigung durch Zustimmung des Beschnittenen wäre also noch vorstellbar. Das Argument aber, Eltern dürften nicht für ihre Kleinkinder entscheiden, zieht die christlichen Kirchen in Mitleidenschaft. Hier ist es Brauch, Säuglinge zu taufen. Nach den Worten des Apostels Paulus ist die Taufe der vorweggenommene Tod. Wie also muslimische und jüdische Kinder ein Stück Körper real verlieren, verlieren sich christliche symbolisch ganz und gar. Konnten da Regierung und Opposition etwas anderes tun, als mit dem Plan eines neuen Gesetzes zu reagieren, das an die besonderen Rechte von Religionsgemeinschaften erinnert? Frieder Otto Wolf, der Philosoph, hat aber recht, die Religionsgemeinschaften selber zu fragen, ob sie nicht „Reste vormoderner Gemeinschaftlichkeit gleichsam unter dem Deckmantel der Religion bis heute reproduzieren“. Tatsächlich haben sie anerkannt, dass die Anpassung an Gebote der Moderne nicht per se irreligiös ist. Wie könnte denn dadurch, dass die Individuen selbst über ihre Beschneidung, ihren symbolischen Freitod entscheiden, die Wahrheit der religiösen Anliegen beeinträchtigt sein?

Die Mosebach-DebatteDie Mosebach-Debatte(n)

Der Schriftsteller Martin Mosebach macht aus seinem strammen katholischen Glauben keinen Hehl. Im Juni 2012 forderte er, das Blasphemie-Verbot müsse strikt angewandt werden, Gotteslästerung gefährde die „staatliche Ordnung“. Nicht immer macht er es seinen Kritikern so leicht. Bei der Entgegennahme des Georg-Büchner-Preises 2007 verglich er den Revolutionär Saint-Just mit Heinrich Himmler. Er zitierte Saint-Just: „Der Weltgeist“ bediene sich „in der geistigen Sphäre unserer Arme ebenso, wie er in der physischen Vulkane oder Wasserfluten gebraucht“; es laufe daher moralisch aufs Gleiche hinaus, ob Menschen „nur an einer Seuche oder an der Revolution sterben“. In der folgenden Debatte spielte der Historiker Heinrich August Winkler die Worte Saint-Justs als typische Überspitzung eines Bürgerkriegs herunter. Wesentlich sei, dass um die Aufklärung gekämpft wurde. Das war zu einfach. Man kann nicht leugnen, dass es eine „Dialektik der Aufklärung“ gibt, in der Mosebach die offene Flanke zum Angriff fand, ähnlich wie Mephisto im geöffneten Drudenfuß vor Fausts Studierzimmer. Saint-Justs Worte enthüllen den eingebildeten Naturzwang, auf den sich nicht nur totalitäre Regimes beriefen. Er steckt auch in Maggie Thatchers Satz „There is no alternative“, mit dem man die Kollateralschäden des kapitalistischen Wachstumszwangs zu entschuldigen pflegt.

Der Streit um das Titanic-CoverDer Streit um das Titanic-Cover

„So geht man nicht mit einem Menschen um“, sagt der Sprecher der Bischofskonferenz, und man möchte zustimmen: Einen Menschen, der alt ist und unter Inkontinenz leiden könnte, stellt man nicht mit gelbem Fleck auf der Soutane dar. Der Journalistenverband indes hat die Titanic mit Hinweis auf die Freiheit der Satire unterstützt. Denn das ist nicht irgendein alter Mann, sondern der Papst, und seine suggerierte Inkontinenz figuriert als Metapher für die „undichte Stelle“ im Vatikan, durch die seit Monaten Vertrauliches in die Öffentlichkeit gelangt. Man wird einwenden: Satirefreiheit oder nicht, ist das Bild nicht in jedem Fall unmenschlich? Und darf eine hohe religiöse Persönlichkeit so respektlos behandelt werden? Aber gerade weil die katholische Religion im Spiel ist, fällt das Urteil schwer. Denn nun erfasst man erst die Brisanz der Metapher: Sie dringt in die körperliche Intimsphäre ein, wie das die katholische Kirche seit zwei Jahrtausenden ebenfalls tut. Was ist denn unmenschlicher, der gelbe Fleck auf der Soutane oder der päpstliche Widerstand gegen den Kondomgebrauch in Afrika? Eigentlich ist das kein Thema nur für die Satire. Man müsste darüber reden, wie die Kirche in den ersten christlichen Jahrhunderten auf Körperschnüffelei verfiel, um vom Ende des politischen Märtyrertums der Christen abzulenken. Es wurde durch sexuelles Märtyrertum ersetzt.

09:00 09.08.2012
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