Michael Schulze von Glaßer
Ausgabe 0717 | 01.03.2017 | 06:00

Ein Trauma-Job

Bundeswehr Bei der Werbung um den Soldatennachwuchs werden Risiken einfach ausgeklammert

Gewaltrituale, Erniedrigungen, sexuelle Nötigung: Ein neuer Skandal prägt das Bild der Bundeswehr. In der Staufer-Kaserne im baden-württembergischen Pfullendorf soll es zu zahlreichen Übergriffen von Vorgesetzen auf junge Soldatinnen und Soldaten gekommen sein. Kurz bevor das bekannt wurde, veröffentlichte der Wehrbeauftragte des Bundestags, Hans-Peter Bartels (SPD), seinen Jahresbericht, mit Ergebnissen, die hellhörig stimmen. Die Zahl meldepflichtiger Vorkommnisse in der Bundeswehr wegen des Verdachts auf Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung ist 2016 auf 131 gestiegen, im Vorjahr waren es 86 Fälle. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. Vor zwei Jahren stellte die Bundeswehr in einer eigenen Studie fest, dass 50 Prozent der Soldatinnen während ihrer Dienstzeit schon mal belästigt wurden.

Das Verteidigungsministerium präsentiert der Öffentlichkeit lieber ein anderes Bild: Die Truppe ist jung, sportlich, kameradschaftlich, modern und offen für jeden – diesen Eindruck vermittelt zumindest die Werbekampagne der Armee. Für 10,6 Millionen Euro werden seit fast eineinhalb Jahren Plakate und Anzeigen mit Sprüchen wie „Wahre Stärke findest du nicht zwischen zwei Hanteln“ oder „Bei uns geht es ums Weiterkommen, nicht ums Stillstehen“ gedruckt und Fernsehspots geschaltet. Durch Dresden fuhr eine Straßenbahn mit Bundeswehr-Lackierung. „Grünzeug ist auch gesund für deine Karriere“, in elf Städten hingen Großplakate mit diesem Slogan. Die Bundeswehr verspricht jungen Leuten mit der Kampagne, die unter dem übergeordneten Motto „Mach, was wirklich zählt“ steht, Chancen zur Selbstoptimierung: Du willst stark werden, Karriere machen oder Menschen helfen? Komm zur Armee!

Wie es dann in der Grundausbildung zugeht, zeigte die Bundeswehr bis Ende Januar in ihrer 7,9 Millionen Euro teuren YouTube-Serie „Die Rekruten“, für die zwölf junge Menschen drei Monate begleitet wurden. Knapp 300.000 Abonnenten folgten ihnen auf YouTube, fast 40 Millionen Mal wurden die täglich neu hochgeladenen Videos angeklickt. Auf der zugehörigen Webseite wurden die Protagonisten wie Popstars präsentiert: Lukas Keitel, Abiturient aus Heidelberg, spielt Tischtennis und schraubt gerne an Oldtimern, steht neben dem Foto, auf dem der junge Rekrut kokett seine Hornbrille zurechtrückt. Optisch auf Hochglanz getrimmt, inhaltlich flach: politische Fragen rund um den Dienst an der Waffe, Aufgaben und Auslandseinsätze der Armee, darum geht es in der YouToube-Serie nicht. Verwundung, Tod oder die Situation, dass man auf andere Menschen schießen muss, werden in „Die Rekruten“ nicht ernsthaft thematisiert. „Wir Kameraden reden auf jeden Fall untereinander und hin und wieder ist auch die ein oder andere Kamera dabei, aber es ist nicht unsere Entscheidung, was für Szenen wirklich reingeschnitten werden in die Serie und was nicht“, erklärte Lukas Keitel bei einem Pressetermin für die Bundeswehr-Soap.

Selbst in Armee-Kreisen stößt „Die Rekruten“ deshalb auf Kritik. Sascha Stoltenow, Offizier der Reserve, der nach zwölf Jahren bei der Bundeswehr heute als Kommunikationsberater arbeitet, urteilte auf seinem Blog: „Die Entscheidung von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, diese Serie produzieren und senden zu lassen, ist verantwortungslos.“ Die in der Serie gezeigten jungen Soldaten seien „mediales Kanonenfutter in von der Leyens Dschungelcamp“. Er könne alle aktiven Angehörigen der Truppe nur davor warnen, bei einer solchen Art von Werbung mitzumachen. In einem WDR-Interview konkretisierte er seine Kritik: Die Serie zeige zwar gut, wie die Grundausbildung funktioniere, aber „der Ernst der militärischen Ausbildung wird quasi immer durch den Gegenschnitt konterkariert“. Stilistisch sei „Die Rekruten“ durch den Einsatz von Fish-Eye- und Drohnen-Kamera-Aufnahmen modern und für junge Menschen ansprechend. Aber: Die YouTube-Serie „hat immer ein bisschen was von Abenteuercamp für junge Leute – und über dieses Problem kommt man nicht hinweg“.

Die Kritik, die Kinderrechtler an den aktuellen Werbemaßnahmen der Bundeswehr äußern, geht in eine ähnliche Richtung. Im vorigen Jahr hat sich die Kinderkommission des Bundestags, die dem Familienausschuss untersteht, mit dem Thema „Minderjährige und Militär“ befasst. Als geladener Experte kritisierte dort Ralf Willinger vom Kinderhilfswerk Terre des Hommes die falsche Selbstdarstellung der Armee in der „Mach, was wirklich zählt“- Kampagne: „Das kann dazu führen, dass sich Jugendliche mit einem völlig falschen Bild für die Bundeswehr interessieren. Aus unserer Sicht ist das auch aus kinderrechtlichen Aspekten nicht zulässig.“ Willinger und andere Experten sehen dringenden Handlungsbedarf – nicht nur im Hinblick auf die Werbung, sondern auch bei der Rekrutierung.

Im Konflikt mit Kinderrechten

1.946 Minderjährige waren im vorigen Jahr bei der Bundeswehr beschäftigt. Die Zahl der 17-Jährigen, die an der Waffe ausgebildet werden, hat sich damit seit 2011 (689) fast verdreifacht. Mittlerweile sind etwa 15 Prozent der neuen Rekruten minderjährig. Das stellt zwar keinen Verstoß gegen die von Deutschland unterzeichnete UN-Kinderrechtskonvention dar, im Januar 2014 forderte der „UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes“ die Bundesregierung dennoch auf, „das Mindestalter der Rekrutierung für die Streitkräfte auf 18 Jahre“ zu erhöhen und „alle Formen von Werbekampagnen für die deutschen Streitkräfte, die auf Kinder abzielen“, zu unterlassen. Die Kinderkommission des Bundestags unterstrich diese Forderungen im September nochmals in einer Abschlussresolution.

Das Verteidigungsministerium weiß um die Kritik, will aber nichts ändern. Die junge Zielgruppe der Werbung und das frühe Diensteintrittsalter von nur 17 Jahren begründen die Militärs mit dem Schulsystem: Junge Menschen, die nach der zehnten Klasse die Schule verlassen würden, müssten direkt in die Armee gehen können, statt erst noch Jahre bis zum richtigen Eintrittsalter warten zu müssen – mehr Argumente hat das Ministerium nicht. Die Bundeswehr schickt zwar erst nach dem Erreichen der Volljährigkeit in Auslandseinsätze, an der Waffe werden aber bereits 17-Jährige ausgebildet. Selbst der Wehrbeauftragte kritisiert in seinem aktuellen Bericht: „Mit dem Engagement Deutschlands bei der Wahrnehmung der völkerrechtlichen Verpflichtungen im Rahmen des Kinder- und Minderjährigenschutzes scheint es nicht ganz leicht zu vereinbaren, wenn die ausnahmsweise Rekrutierung Minderjähriger zum Regelfall mit steigender Tendenz wird.“

Auf den Wehrbeauftragten könnte wegen der Bundeswehr-Werbekampagnen in Zukunft mehr Arbeit zukommen: Die Armee verspricht jungen Menschen etwas, das sie in der Realität nicht halten kann – so lustig und locker wie in „Die Rekruten“ geht es in der Truppe meist nicht zu. Erst recht nicht bei den Auslandseinsätzen, für die sich junge Rekruten heute verpflichten. Wer mit falschen Versprechungen gelockt wurde, wird schnell unzufrieden. Auch die Quote der jungen Leute, die die Armee schon in der Probezeit wieder verlassen, könnte von derzeit 19,6 Prozent wieder steigen. Beides bleibt abzuwarten, denn bisher ist der Effekt der von der Düsseldorfer PR-Agentur Castenow erstellten Armee-Werbekampagnen noch nicht vollständig messbar.

2016 lag die Zahl der „Freiwillig Wehrdienstleistenden“ mit 9.686 im Jahresdurchschnitt sogar noch unter dem Wert des Vorjahres. Die Kampagnen sind jedoch langfristig angelegt, das heißt, nachhaltig könnten sie durchaus eine größere Wirkung entfalten. Voriges Jahr wurde die Kampagne im Auftrag der Bundesregierung vom Allensbach-Institut evaluiert. Bei der Schwerpunktzielgruppe der 16- bis 29-Jährigen erreichte die Kampagne mit 45 Prozent nicht nur hohe Aufmerksamkeitswerte, sie blieb auch bei 74 Prozent der Befragten in Erinnerung. „Im Ergebnis ist die Bundeswehr für Frauen und Männer nahezu gleichermaßen ein attraktiver bis sehr attraktiver Arbeitgeber“, lautete das Fazit der Demoskopen. Wären da nur nicht immer wieder solche Skandale wie in Pfullendorf, die ein ganz anderes Bild von der Truppe zeigen und am Image des nur scheinbar normalen Arbeitgebers kratzen.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 07/17.