Mikael Krogerus
19.10.2010 | 13:35 10

Der Wunsch nach dem Pamphlet

Deutsche Prosa Adam Soboczynski hat fast einen Roman geschrieben und skizziert darin die neoliberalen Tugenden unserer Zeit

Auf Seite 84 steht der Satz, in dem sich die genaue Beobachtung, der feine Humor und das ganz nebenbei Politische des neuen Adam-Soboczynski-Romans am eindrucksvollsten ergänzen: „Wer immerzu sagt, er müsse sich entspannen, betont immerzu, wie viel er doch arbeiten, wovon er sich entspannen müsse. Mithin, er verrechnet die Arbeit mit seiner Freizeit, was die Freizeit zur Funktion der Arbeit degradiert. Die Freizeit ist dann der Ort, der keine Mühe, keine Aufregung, keinen Übermut, keine Unfreundlichkeit mehr lohnt.“ Es lohnt sich, den Satz noch einmal zu lesen.

Der Plot in dem kleinen Bändchen Glänzende Zeiten geht so: ein namenloser Ich-Erzähler erregt sich in bester Thomas-Bernhard-Manier über die neoliberalen Tugenden unserer Zeit. Mut, Früh-Aufstehen, Gesundheit, Sex, die richtige Wohnung, Lachen, Liebe – all das, was uns angeblich so glücklich macht, wird hier stilvoll aber erbarmungslos hingerichtet. Zum Thema „Leibesübung“ zum Beispiel lesen wir, dass die Kunst körperlicher Tätigkeit ja historisch darin bestand, die Mühe, die sie machte zu verbergen. Zum Jogging aber gehöre es heute, die Mühe, die es macht, hemmungslos, fast pornografisch zur Schau zu stellen.

Die Erzählung kreist lose um den Protagonisten – der, man ahnt es, gut geschnittene Anzüge und zielloses Flanieren schätzt und generell das Gefühl nicht los wird, dass früher alles besser war. Und der uns dabei eine wohlbekannte Welt vor Augen führt: unsere eigene. Er beschreibt die „Glättung, Aufhellung, Gesundung, Normierung der Welt, die ungute Disziplinierung, die Verbannung individueller Verrücktheiten und Fluchten des Alltags, obgleich sich doch jeder ungeheuer individuell glaubt“. Ja, genau so ist es! möchte man bei solchen Sätzen laut rufen und dem Autor die Hand schütteln aus Dankbarkeit, dass endlich jemand mal sagt, was alle ahnen (und diejenigen, die ihren Foucault gelesen haben, schon längst wissen).

Natürlich arbeitet sich der 35-jährige Autor – Adam Soboczynski ist Redakteur der Zeit – auch an Erwartbarem ab. So stört er sich ausführlich am Rauchverbot und darüber, dass Hausmeister heute Facility Manager heißen. Er erregt sich über die Tatsache, dass neuerdings Kinder überallhin mitgebracht werden dürfen – auch in Trendbars – und dass die Deutschen in der Bahn immer ihre Schuhe ausziehen und unter Oberhemden T-Shirts tragen.

Unbeirrt nostalgisch

Das alles ist so originell, wie über Flugzeug-Passagiere lachen, die nach der Landung klatschen. Dennoch zählt es zu den außergewöhnlichen Fähigkeiten des Adam Soboczynski, Allgemeinplätze derart gut auszuleuchten, dass man das Gefühl hat, sie zum ersten Mal so zu sehen. Ein Beispiel: „Oft habe ich schon gedacht, dass die Paare, die mit Kindern immer in Cafés und in Bars herumsitzen, ihre Kinder eigentlich nur mitnehmen, um zu verhindern, dass andere Leute einander rauchend näherkommen, da sie selbst, erloschener Leidenschaft wegen, es den Leuten, die ohne Kinder sind, einfach nicht gönnen, dass die einander sich näherkommen, weshalb sie jede Bar, die früher immer Ort der dunklen Geheimnisse, der schlüpfrigen Anbandelei und abwegigsten Frivolitäten gewesen ist, zum Kinderplatz verwandeln.“ So lautet ein typischer Soboczynski-Satz – für jeden mit Deutsch als Fremdsprache ein echter Alptraum.

Wer aber mit ausufernden Nebensatzkonstruktionen, endlosen Einfügungen und mit dem langen Warten auf das Verb am Satzende kein Problem hat, wer also, anders gesagt, mit der Schönheit deutscher Prosa klarkommt, der wird dieses Buch ständig bei sich tragen wollen wie ein Punk seine Ratte. Denn so unbeirrt nostalgisch wie Soboczynski denkt, schreibt er auch. Es ist ein Buch wider dem windigen Zeitgeist und wider die neo-liberalen Selbstoptimierungstechniken. Und es ist ein Buch wider die SMS-Verknappungssprache, wider die 140-Buchstaben-Logik, wider die zwanghafte Knackigkeit von Sprache und wieder den Irrglauben, sich selbst und seinen Leser nicht hie und da etwas zumuten zu dürfen.

Das einzige, was man diesem beobachtungsbegabten Schreiber nach der Lektüre vorhalten kann ist, dass er nicht über dieses abgehangene „Beschreiben aus einer ironischen Halbdistanz“ hinausgeht. Man hockt da mit einer kleinen oder großen Wut über die lächerlichen Werte unserer Zeit und fühlt sich ein wenig allein gelassen – denn sind wir nicht längst an einem Punkt angelangt, an dem Schmunzeln allein nicht mehr hilft?

Die Aufsätze machen sich prima im magazinigen Feuilleton, man kann bei jedem zweiten Satz kopfnickend zustimmen, aber irgendwann verliert das seinen Reiz, weil die eigentlich radikale Kritik nur die abgedroschene Flucht ins dandyhaft-Ironische anbietet. Was man sich wünscht beim Lesen: dass Soboczynski sich an ein mutig-wütendes politisches Pamphlet wagt. Und vielleicht aber ist genau dieser Wunsch das Verdienst des Buches: Dass man sich nach der Lektüre ein politisches Pamphlet wünscht.

Glänzende Zeiten. Fast ein Roman Adam Soboczynski , Aufbau 2010, 224 S. 16,95

Kommentare (10)

Columbus 19.10.2010 | 17:23

Lieber Herr Krogerus,

Vielleicht liegt es an dem gewollten und erkünstelten Ennuie, trotz der ironisch gebrochenen Erregung, und an dem dumpfen Verdacht, da wolle jemand als Inkarnation oder Parodie eines Jemand auftreten, warum selbst diese gepflegte Sprache buchstäblich verpufft?

Der Groschen fällt sofort, hört man den Autor selbst lesen. Dieser Duktus, diese Prosodie:

video.zeit.de/video/626947888001

Zum zitierten Bild:

Allerdings, in einer Bar habe ich noch nie einen Vater, eine Mutter oder das Elternpaar gemeinsam mit ihrem Säuglings- oder Kleinkindnachwuchs angetroffen.

Im Café, auch in der abgedunkelten Variante, ja, da schon! Nur ist das je in Deutschland ein Ort dunkler Wünsche und Triebe gewesen, an denen Raucher ungestört geheimnisssend, anbandeln, Verliebtheiten tauschen mochten, bei denen sie hätten gestört werden können?

Café und Bar passen nicht zusammen, selbst wenn ein Schriftsteller und sprachbegabter Mensch es beobachtet haben mag.

Natürlich kann auch ich mich irren. Bestimmt kann es, irgendwo hinter dem Speersort eine solche Bar, trendig, angesagt, kinderoffen, tatsächlich geben und irgendwo in Berlin ganz sicherlich mehrfach ebenso. Denn da gibt es ja nichts, was es nicht gibt.

Aber gleich "jede" Bar, selbst nur jede dunkle Bar, soll so ihrer Bestimmung entweiht sein? Die Cafés gleich noch dazu? Da glaube ich dann dem sprachlichen Aufwand um eine kleine Pointe nicht.

Liebe Grüße
Christoph Leusch

Mikael Krogerus 19.10.2010 | 18:56

Lieber Columbus,
ich glaube Sie tun dem Autor unrecht, wenn Sie ihn anhand des zugegebenermaßen etwas manieriert wirkenden Vorlesestils bewerten. Haben Sie das Buch gelesen? Es ist wirklich an vielen Stellen wütend und gemein wie Thomas Bernhards "Holzfällen", und ich finde die Kritik an unserem neoliberalen Eigene-Welt-Verbesserungsfimmel wirklich sehr wichtig. Vielleicht ist es aber so, dass die Sprache und die Erregung über Kinder in Bars/Cafés den Blick verstellen auf das wichtige, was der Autor anschneidet. Apropos Bar/Cafés. Ich glaube, der Autor beschrieb im Buch ein Trend-Café, das mit Kindern bevölkert war, keine Bar. Mein Fehler. Aber gibt es da wirklich einen so eindeutigen Unterschied? (Und wenn ja: warum ist es so schlimm, wenn Kindern dort herumspringen? Ist es nicht genau das, was uns ins mediterranen Tavernen so gefällt?).

Columbus 19.10.2010 | 19:52

Lieber Mikael Krogerus,

Nein ich habe das Buch nicht gelesen. Ich habe mich nur auf den Auszug bezogen und kannte allerdings eine andere Rezension. - Daher stimmt auch, ich bin ein wenig ungerecht und dachte mir, er klingt nach Hans Magnus.

Vom Rheine, kenne ich, mitsamt Kind und Kegel, ein wenig die Cafés, die Herr Soboczynski gemeint haben könnte. Denen tat die angenehme Zonierung gut, weil es die Verstecke im Dunkel gab und andere Bereiche im Licht, die Familien besser gefallen. Manches Mal lohnte dort ein halber Samstag- oder Sonntag-Vormittag mit Freunden, das ist wohl analog dem mediterranen Element oder der derzeit niedergehenden Pub-Kultur in kleineren englischen Städten. - In Berlin kennen Sie sich bestimmt viel besser aus.

Soboczynski hat durchaus Sympathie für den Hausmeister, eine anerkannte Respektsperson im Rheinland, der durch diesen "Facility- Manager" ersetzt wird.

Allerdings, ein wirklicher Ironiker und Kritiker der neoliberalen oder neokonservativen Modernität ist Adam Soboczynski nicht. - Das haben Sie schon klar heraus gestellt.

An der Sprache, neidisch bin ich ja auch ( ;-)) ), kann ich mich schon freuen.

Kennen Sie das, was er über "Das Netz als Feind" geschrieben hat?

Liebe Grüße
Christoph Leusch

Columbus 22.10.2010 | 16:15

Lieber Mikael,

Ja, Nostalgie erfindet sehr schöne Bilder, oder verklärt den Blick auf tatsächlich Vergangenes. Daraus wird tatsächlich auch eine Ästhetik in der Literatur, ja, es entstehen sogar manches Mal gute Filme, bei denen dann das nostalgische Moment bis zur Kitschgrenze ausgereizt wird.
- Der Film, das TV-Filmbild, ist seit Jahrzehnten das eigentliche
Medium der Nostalgie.

Die Ruinen sind plötzlich schön, das Reich der Freiheit, selbst im Denken, riesengroß, weil das Tableau so frei und leergeräumt wirkt.

Nostalgie neigt andererseits auch zur Ausschmückung und zum Dekor. Das empfindet fast jeder Mensch als schön, in der Literatur, in der Barock-Oper, in der Architektur.

Z.B. empfinden die meisten älteren Deutschen, vor allem die im Westen, die Aufbaujahre nach dem Kriege als große Freiheit zum Erfolg und als überaus friedliche Zeit, mit wenig örtlicher Gewalt im eigenen Lebensumfeld.

Das stimmt, weil kurz vorher die Apokalypse herrschte.

Das stimmt nicht, weder für das Gewaltverbrechen, noch für die körperliche Gewalt, noch was das Führen von Kriegen angeht, vergleicht man diese Epoche mit unserer Zeit. - Das Sterben hat sich ja heute eher an den uns fernen Anfang der Akkumulation und in die Ausweglosigkeit der primären Grundproduktion verschoben. Medialisiert allenfalls, in den staubtrockenen Millionenzahlen die die UN-Unterorganisationen bereit halten.

Auf einer großen freien Fläche, allenfalls angereichert mit Nostalgieresten (ein Turm bleibt immer stehen), plant sich hingegen in der realen Wirklichkeit, ganz im Gegensatz zu den Fantasien der Nostalgiker, meist nicht funktional und eingepasst, sondern die eigene ganz bürgerliche Fantasie wuchert, wandelt sich zu einem Größenwahn.

Warum? Weil der intellektuellen Nostalgie der reale Widerpart fehlt, wie dem Architekten in der Großplanung und mit den Großinvestoren, das Widerständige diffuser und zahlreicher, kleiner, verschachtelter und sich selbst behauptender alter Bauten und deren Besitzer-, Bewohner-, oder Nutzerinteressen. - Diese Übermacht ist, was das Bauen angeht, durch die Zerstörung der Innenstädte im Bombenkrieg nur angeregt worden, sie war nicht zwangsläufig.

Nostalgie kann daher umschlagen in eine reine Sehnsucht nach dem Einfachen und nach der Vereinfachung, obwohl doch die Beschreibung so dekorativ ist (ein beliebtes Motiv, dem ich bei Musiken manchmal verfalle)!

Bei Intellektuellen endet das in eine Art Hoffnung, den Diskurs nicht etwa im Sinne eines Dialogs mit dem immer zahlreicheren Widerständigen (im Web, jenseits der Unternehmensberatungsforen und Talkeinrichtungen, jenseits der universitären Kreise, die die Lust auf das Studium generale und die Lust dieses zu lehren, längst aufgegeben haben) zu führen, sondern endlich wieder anerkannt zu dekretieren.

Das ist im Moment ein Hang unter den medialen Intellektuellen, insofern es die überhaupt noch geben kann.

Denken Sie einmal daran, wie angestrengt sich manche Intellektuelle heute noch auf die Suche nach den "Meisterdenkern" begeben, vorzüglich solchen, die schon einmal dunkle und gefährliche Sätze raunten und nicht zur angeblich so weichgespülten und argumentierenden Diskurssprache neigen. Deren oftmals in Irreale ausgleitenden gedanklichen Hochzüchtungen werden als adäquate und vor allem moralische Realitätsbeschreibungen gesehen, die endlich wieder ein "freieres" Sprechen und Handeln, z.B. mit Begriffen wie Auswahl, Selektion, Elite, Anlage und Bildung gestatteten.

In der Identifikation damit steckt der Kern des eigentlichen Verrats der so genannten Intellektuellen.

Die Klage über den Verfall der intellektuellen Macht und diese schroffe Frontstellung der medial Einzigen und Einzigartigen gegen die Vielen im Web, das was Adam Soboczynski im Artikel so zuspitzt, ergibt sich ja zu einem Großteil auch aus einem Vorteil, der gar nicht durch Intellektualität erworben wurde, sondern durch die Berechtigung, ein Medium mit den eigenen Ansichten füllen zu dürfen. - Mit allem Recht hat sich übrigens der ZEIT-Chefredakteur Wolfgang Blau (direkt im Artikelthread) gegen Soboczynskis Thesen gewehrt.

Meine These lautet ja, dass das Web in seinen Foren bisher hauptsächlich den schlechten intellektuellen Stil der Medien imitiert, sie allerdings manches Mal darin sogar überholt, obwohl das schon verdammt schwer geworden ist.

Aber im Web herrscht auch das Andere (der Vernunft), dieser unglaubliche Widerstand (Filz, Netzigkeit des WWW und die Fakten die sich, trotz des massiven Widerstandes sie bekannt zu machen, trotzdem darin finden, fast hin verirren, weil in den realen Medien, neben der allzu zirkulären Meinung sehr weniger Leute, kein Platz mehr ist), den manche Intellektuelle als Bedrohung, als unglaubliche Beleidigung und Abkanzlung empfinden, weil ihnen auf ihrer kleinen Ebene kaum noch jemand widerspricht.

In einem anderen Bild ausgedrückt: Der so genannte Intellektuelle führt den Diskurs am Küchentisch des je eigenen Zirkels und hält das gegenseitige freundliche Nicken und Wangentätscheln, ganz im Sinne Wittgensteins, für eine Übereinstimmung in der richtigen Beschreibung und Ästhetisierung der Welt.

Er leidet nun, nostalgisch (Adam Soboczynski) oder bösartig (diese Variante wäre z.B. N. Bolz und etwas abgeschwächt "Sloti", der dabei auch noch anständig bleiben möchte), daran.

Wenn er sehr stark leidet, oder sehr stark an die Größe seiner neuen, nun tabulosen Sprache, ruhig auch in Altgriechisch, und an seine denkerischen Vorstellungen, geschult an tabulosen Denkern, glaubt, dann ist der Intellektuelle, bzw. derjenige der sich dafür hält, auch bereit zu lügen und die Fakten zu verdrehen, bis sie ihm passen. - Das ist übrigens auch der Kernmechanism für den thymotischen Menschen in der Politik (schön an "Zorn und Zeit" von P.S. aufzuzeigen, der allerdings die amerikanischen Quellen, bei denen er eigentlich abschrieb, ein bisschen unter den Tisch fallen ließ).

Es wächst dann auch die intellektuelle Versuchung, die Tabus zu brechen, und es steigt die Lust, einer vermeintlich erfolgreicheren Macht dienen zu können (Armin Mohler, Carl Schmitt, Heidegger ohne Holzwege und Lichtungen, Jünger ohne gläserne Bienen). -
Heutzutage spielen ökonomische Mächte eine größere Rolle.

Ich spare mir jetzt ein paar weitere Hinweise zu Soboczynskis Artikel. Die stehen aber unter den damals noch fast begrenzungsfreien, zahlreichen Kommentaren (Colón) in der ZEIT-Online.

Sie schrieben, Soboczynski wirke ein wenig altmodisch. Das erklärt die liebenswürdige Seite der Literatur. - Meisterhaft ironisch verpackt finden Sie das ja bei Fontane oder in der Lyrik, jedoch viel ernsthafter und mit diesem leisen, süßen Schmerz, z.B. bei Eichendorff, wenn er immer wieder die zwei Welten aufzeigt, die enge, aber geliebte, auch die verlorene Heimat, dagegen der Wandertrieb in die Fremde, mit Gottvertrauen und den Lieder als Selbstberuhigung auf der Wanderschaft, mit der Hoffnung auf Gottesgunst und Rückkehr. Die zarte Versuchung auf dem Reiseweg, eher selten durch reale Begegnungen, viel häufiger durch Marmorbildnisse in die er sich verliebt.

Liebe Grüße und schönes Wochenende
Christoph Leusch

Mikael Krogerus 23.10.2010 | 20:42

Das ist eine sehr schöne Übersicht über die alten Leiden der neuen Intellektuellen. Ich muss allerdings noch ein wenig drüber nachdenken, ob ich Ihnen in allen Punkten zustimme… Eine Frage wäre auf jeden Fall schon mal, ob Sie hier eine typisch deutsche Problematik skizzieren. Ob also der Umgang der Intellektuellen mit sich selbst und dem Netz anderswo anders läuft? Ich weiss aus Finnland, zum Beispiel, dass das Netz eher eine Heimat für herumirrende Intellektuelle geworden ist. Ein Ort, an dem sie endlich Widerrede finden, was ihnen bei allem Jammern ja doch mehr gefällt als unerhört zu bleiben. Und ist es nicht so, dass das Herumkritteln der Netzbewohner an den Intellektuellen nicht auch etwas sehr Deutsches ist? Eine Ausgeburt dieser "Find-den-Fehler"-Mentalität, die meiner Meinung nach dazu geführt hat, dass das deutsche Wikipedia vollständiger und akribischer geführt wird als alle anderen Ableger? Lose Fragen zum Wochenende…
Beste Grüsse
MK

Columbus 23.10.2010 | 23:48

Lieber Herr Krogerus,

Sie müssen gar nicht zustimmen, sondern einfach einer Tugend folgen, sich auf ein ausgeführtes Argument einzulassen.

Das ist es ja, was ich so bedauere an Intellektuellen, die medial so benannt werden. Sie können sich einfach nicht eingestehen, dass das Hauptfeld der Intellektualität eher der konstante Zweifel, auch der Selbstzweifel ist, aber nicht das bösartige, den Anderen oder soziale Gruppen klein machende, Nein oder Ja. Im Grunde glauben viele Gebildete nicht mehr an die allgemeine sprachliche Vermittelbarkeit von Differenz und flüchten sich in die Blase und die Phrase. - Ich glaube aber daran und an die einfache Formel, die da lautet, alles ist erklärbar, und dazu bedarf es, auf der Ebene der Vermittlung, keiner Kunstsprache.

Ich glaubte früher einmal, dass z.B. jüdische Intellektuelle, Herr Angele hat ja gerade zu dem Briefwechsel Taubes´ mit Carl Schmitt u.a., ein aufschlussreiches Interview geführt, aufgrund einer theologischen Devianz gegen Dogmen und sonstige Eindeutigkeiten gefeit seien.

Ich bin einfach viel zu wenig kenntnisreich, um die Frage zu beantworten, ob das nicht eine internationale Krankheit der hoffentlich wenigstens nach Wahrhaftigkeit Strebenden ist.

In Ländern mit großem staatlichen Druck, z.B. in China und im Iran, das ist ja eine alte Erkenntnis, ist die moralische und der Gesellschaft direkt verpflichtete Funktion der Aufklärung durch Intellektuelle noch intakt und sie nutzen dazu kreativ alle überhaupt erreichbaren Medien und Kanäle, auch das Web.

Was mir auch auffällt. Dort bildet sich mit den einzigen, halbwegs freien Kanälen eine neue Öffentlichkeit, die intellektuell ist. Da werden tatsächlich tausende und abertausende Menschen ernsthaft kreativ und nachdenklich und tauschen verbotene und verfolgte Botschaften. Mehr Gehirne bei der angestrengten Arbeit erzeugen mehr Trash, aber auch viel neues Potential. - Ein Beispiel für einen Intellektuellen, der nun auch über das Web wirkt, aus einem ganz anderen Bereich, nämlich dem der bildenden Kunst, mag ich hier noch nennen: William Kentridge.

Der Einfluss der Gesellschaftsdenker schwindet immer mehr, weil sie sich mit dem Teufel und dem Beelzebub einlassen. Mag sein, sie empfinden das als reizvoll. Wer würde aber heute noch einen Penny auf Giddens Theorie des dritten Weges geben? Niemand. Denn die Lehren sind verbrannt von eine lügnerischen Labour-Ära, bei der selbst die gestandenen Kritiker in der englischen Linken so lange ihre Bauchschmerzen geheim hielten, bis ihre Glaubwürdigkeit völlig abgeschmolzen war. - Derzeit erlebt ja dieses öffentliche Reden mit gespaltener Zunge eine zweite, vielleicht vernichtende Niederlage, weil eben Wikileaks exakt ans Tageslicht bringt, was Blair und die Mitgefangenen der Lüge, darunter Dutzende sehr intellektuelle Leute, unbedingt verschweigen wollten und dafür das Informations- und Medienrecht zurecht bogen. Das kann uns mit der FDP-Justizministerin, dem Innenminister und den vielen Bosbachs, Uhls und Wiefelspützen auch noch passieren. Warten Sie ab, was da ausgebrütet wird.

Meiner Ansicht nach liegt es zu einem großen Teil auch an der Faszination für eher knackig konservative Ansichten bezüglich Staat und Kultur, mit denen Intellektuelle nur spielen, während es die so angefütterten Verwerter in Politik und Medien damit dann ganz ernst meinen.

Bsp.: Wenn Sloterdijk anhebt über den Neid der Verlierer in der Globalisierung zu spekulieren, dann hat das ja keine direkte Auswirkung auf die Indexgruppe. Die versteht ihn sowieso nicht und ein weiterer, großer Teil der fleißigen Zuhörer und Durchleser nimmt das zum Anlass, tatsächlich wieder über Nutzen und Effizienz von Menschen zu faseln. Er zielt aber auf die Leute, die sich seinen wortreichen und wortschöpferischen Vortrag anhören, ohne hinter das Gebimmel und Geklingel schauen zu wollen. Das ärgert mich.

Was Wikipedia angeht, so ist eben ein Urteil über nationale Teilwikis sehr schwer, allein schon, weil mich schon ein vernünftiges einbändiges Lexikon an die Grenzen meiner geistigen Kapazitäten bringt.

Ich schämte mich jüngst, anläßlich eines Artikels Sabine Kebirs zu Edward Said, des miesen Eintrags im nationalen Wiki, verglichen mit den guten Beiträgen auf Wiki.en und fr. Ausgerechnet ein Musterland der Orientalistik und Orientwissenschaften hat da keinen guten Eintrag! -Übrigens geht es mir mit dem Beitrag zu Kentridge ebenso, obwohl doch deutsche Kultureinrichtungen im Umfeld des Goethe-Insituts diesen Künstler begleiten und präsentieren (Nafas im Auftrage von ifa und Universes in Universe) und auch andere deutsche Kultureinrichtungen, der Rundfunk und einige Galerien, sich gut mühten.

Aber jetzt bin ich wirklich viel zu weit vom Ausgangspunkt, Adam Soboczynskis Roman, weg. Was zu einer solchen Textwalze anregte, das sollte ich vielleicht doch lesen, wenn irgendwie Zeit bleibt.

Liebe Grüße und gute Nacht
Christoph Leusch