Die Traumtänzerin

Porträt Inbal Pinto zählt mit ihrer Tanzkompanie zur Avantgarde der israelischen Szene. Den Zauber ihrer Choreographien erlebt man am intensivsten bei ihren Proben

Keine zwanzig Sekunden nachdem ich israelischen Boden betreten hatte, pickten mich zwei blutjunge Sicherheitsbeamtinnen zielstrebig aus dem Passagierstrom. Die beiden bauten sich breitbeinig vor mir auf. „Was ist die Absicht Ihres Besuchs?“, bellte die eine. Ich war sofort bereit, alles zu bekennen: „Ich werde die Tänzerin Inbal Pinto treffen“. Die eine starrte mich emotionslos an, bei der anderen aber regte sich, nur für Sekunden, echtes Interesse: „Äh… woher … ich meine: Kennen Sie sie persönlich?“

Wie kommt es, dass 19-jährige Sicherheitsleute die Protagonisten der schrägen Tanztheaterszene kennen, während hierzulande Feuilleton-Leser nach langem Nachdenken nur auf Sasha Waltz kommen?

Nackte Tänzer provozieren

Israel, das muss man wissen, ist ein Land, dessen Tanzgruppen so legendär sind wie seine Besatzungspolitik gefürchtet. Es ist nicht die Heimat der spektakulärsten Tanzkompanien, eher jener, die in der Szene als Avantgarde gelten. Die Spitze bildet die Batsheva Dance Company unter der Leitung von Ohad Naharin. Sein Verständnis von Avantgarde geht ungefähr so: Das Schicksal der Juden ist schon auch Thema, aber vor allem lotet er die Grenzen des Theaters aus. Das Publikum wird miteingebunden und provoziert – wie weit kann ich gehen? (Ein Tänzer zieht sich nackt aus, lächelt das Publikum an, das Ensemble nimmt die Zuschauer der ersten Reihe an die Hand und starrt ihnen sekundenlang in die Augen.) Die 40-jährige Inbal Pinto war ein Star der Batsheva Tanzgruppe.

Im Alter von 13 Jahren begann sie in ihrer Heimatstadt Naharia die Ausbildung in Jazztanz und Ballet. Bald galt sie als eine der talentiertesten Tänzerinnen Israels. Als sie 1992 zusammen mit Avshalom Pollak, dem bekannten Schauspieler, eine eigene Tanzformation gründete, war das ungefähr so, wie wenn Steffi Graf und André Agassi auf dem Höhepunkt ihrer Karriere im Mixed-Doppel in Wimbledon gespielt hätten. Pollaks Handschrift ist unverkennbar: Die Tänzer können mehr als bloß die Augen aufzureißen oder traurig zu gucken. Inbal Pinto wiederum, so heißt es, sei zurecht die Namensgeberin der Kompanie, denn sie habe der Gruppe ihren eigenen, ungeschönten Tanzstil verliehen. Ihr ist aber auch viel vorgeworfen worden. Vor allem ihr jüngstes Werk „Shaker“, das nächste Woche bei den Festwochen Movimentos in Wolfsburg zu sehen ist, geriet unter die Räder. Die New York Times beschrieb es so: Ein gruseliger Mann und ein Püppchen schlürften durch eine Schneekugel. Eine comichafte Figur fliege ständig durchs Bild. Kurz: es sei Pose.

Hier sehen Sie einen Auszug aus einer Choreographie von Inbal Pinto und Avshalom Pollak


Inbal Pinto, eine egozentrische Künstlerin? Als ich ihr zum ersten Mal im Vorraum des Studios im Suzanne Dellal Center begegnete, einem arabisches Sandsteingebäude mitten im alten Neve Tsedek Viertel in Tel Aviv, lächelte mich eine großgewachsene, hochschwangere Frau mit einer viel zu großen Brille im Gesicht an. Ihr Blick war warm und offen. Hinter ihr standen die Tänzer in Trainingshosen. Mir wies man einen Platz auf der Bank zu. Sie probten „Rushes“, eines ihrer Erfolgsstücke, am Intro musste gefeilt werden. Und was für ein Intro: Fünf Tänzer saßen auf Stühlen im Kreis wie Patienten einer Psychiatrie. Plötzlich kam ein sechster durch die Luft geflogen und wurde von einem der fünf, der noch Sekundenbruchteile zuvor mit dem Rücken zu ihm saß, in der Luft aufgefangen. Es folgten irre Traumsequenzen, in denen eine erstarrte Tänzerin von den drei Jungs wie auf Schlittschuhen durch den Raum getanzt wurde. Der Höhepunkt aber war eine pedantisch getimte Gruppenübung, bei der die sechs Tänzer je zwei Stühle in einem irren Tempo synchron durch den Raum schoben. Ein wenig erinnerte das Ganze an ein Broadway-Musical. Es war viel Komik dabei. Aber nicht zu viel. Insgesamt eher Cirque du Soleil als Bolschoi Ballet. Und gerade, als man sich wie ein Kind im Zirkus beigeistern ließ, kippte die Szenerie in bodenlose Traurigkeit.

Nicht alles ging auf. Manchmal waren die Bewegungen so abstrakt, als ignorierten die Choreographien die Geschichten, die die Musik zu erzählen versuchte. Was soll das? Das, so flüsterte mir die Probenleiterin ins Ohr, sei Inbal Pintos Stil.

In der Pause kam Pinto zu mir. „Wie hat es Ihnen gefallen?“ fragte sie.

„Gut, aber ich weiß nicht, ob ich alles verstanden habe“, antwortete ich.

„Niemand versteht die Handlung.“

„Das tut gut zu hören – gibt’s denn eine?“

„Es gibt eine Struktur, eine Anlage, aber was Sie sehen, ist immer nur das, was Sie mitbringen.“

„Wenn ich also in ‚Shaker’ den Holocaust sehe, dann bin ich bloß deutsch?“

„Wie kommen sie auf den Holocaust“?

„Nun, ein Mann in einem gestreiften Pyjama schleicht durch eine Schneelandschaft, dunkle Gestalten, jüdische Darsteller…“

Pinto schaute ein bisschen genervt. Trank aus ihrer Limonade. Neue Frage.

„Wie fallen Ihnen Choreographien ein?“

„Es gibt immer einen Ausgangspunkt, einen Schlüssel, mit dem bewege ich mich in einen dunklen Raum. Und wenn ich dann nichts mehr erkenne, warte ich, bis langsam die Wände sichtbar werden, sich Konturen abzeichnen. Verstehen Sie?“

Ich verstand kein Wort.

Sie sagte: „Ich rede auch nicht so gut.“

Im Grunde braucht man Inbal Pinto auch nicht zu bitten, sich über sich selbst auszulassen. Man braucht ihr nur bei der Arbeit zuzuschauen, dann erklärt sich ihr Werk, erklärt sie sich selbst. Die Tanz-Kompanie probt täglich von 10 bis 16 Uhr. Ich lernte von ihr in diesen Stunden: Wie wenig Angst sie vor dem Erfolg anderer hat, dass hoher Anspruch nicht rücksichtslos sein muss, Großzügigkeit nicht gönnerhaft. Sie wollte ihren Schülern lehren, sich unabhängig zu machen von ihrem, Pintos, Urteil. Und doch war sie genau. Sie ließ so lange proben, bis sie irgendwann das erlösende „Ken“ (Ja auf Hebräisch) rief. Vorne tanzte jetzt Shay Haramaty. Ihr athletischer Körper erinnerte an Madonna, die harten Gesichtszüge an die Schweizer Autorin Annemarie Schwarzenbach. Sie tanzte das Finale aus „Wrapped“, einem Stück, für das Inbal Pinto vor zehn Jahren den Bessie – so etwas wie den Tanz-Oscar – erhielt. Jetzt gab Haramaty jene Rolle, die Inbal damals perfektioniert hatte. Sie bewegte sich mit schweren Schritten und grob vorgeschobenen Schultern. Das Stück handelt von einer alternden Ballerina, die das Stück zum hundertsten Mal tanzt; frustriert, gelangweilt, verbittert. Keine einfache Aufgabe für eine talentierte 27-Jährige, die bald zu den weltbesten Tänzerinnen gehören möchte.

Inbal Pinto – hochschwanger im achten Monat – saß aufrecht im Schneidersitz wenige Meter vor Haramaty und tanzte jede Bewegung mit den Lippen mit. Nach einem Durchlauf herrschte eine unbequeme Stille im Probenraum. Pinto schob mit einer hastigen Bewegung die große Brille auf die Nase. Sie war noch nicht zufrieden. „Du musst niemandem zeigen, was du fühlst. Du bist 70. Tanz nur für dich. Kannst du das?“ Haramaty holte Luft, nahm einen weiteren Anlauf.

Das Politische muss warten

Plötzlich wälzte sich Pinto nach rechts und nutze das Gewichtsmoment ihres schweren Bauches, um sich auf die Beine zu richten. Ihre Brille steckte sie sich in den Ausschnitt. Als die Musik einsetzte, machte Pinto ein, zwei Armbewegungen. Rutschte mit einem Fuß nach vorne. Und da plötzlich sah man sie, die 70-jährige Ballerina, die an ihrer Eitelkeit litt wie an einer offenen Wunde, und die, gelangweilt von sich selbst, ihre Einkaufsliste im Kopf durchgeht, während sie zum hundertsten Mal ihre große Nummer tanzt. Es war ganz still geworden im Raum. Die anderen Tänzer schauten fasziniert zu. Es ging gegen Mittag, es wurde heiß, und doch waren alle konzentriert, gebannt sogar. Die Musik endete. Pinto fragte: „Wo ist meine Brille?“

Szene aus dem Stück "Shaker" der Inbal Pinto Dance Company

Israel ist eine junge Nation im Ausnahmezustand. Vielleicht erwartet man auch deshalb, dass ihre Tanzgruppen eine politische Dringlichkeit haben, die den europäischen fehlt. Bei Pintos Tänzen aber ist alles immer nur Andeutung, Realismus ein Fremdwort. Selbstverständlich muss man Fragen stellen: Warum ist Tanz nicht politischer? Warum sind keine Araber in der Formation? Wann zuletzt in Ägypten aufgetreten? Aber das Politische muss warten.

Abends feierte eine der Tänzerinnen ihren 26. Geburtstag im Luna Park, einem künstlich angelegten Vergnügungspark nördlich des Stadtzentrums. Wir saßen am See, tranken Bier, Joints wurden gerollt. Einige der Tänzer tollten herum wie junge Hunde. Wer jetzt mit Politik-Fragen nervte, erhielt einsilbige Antworten. Schulterzucken. Blicke auf den Boden. Manche sprachen sich für einen Palästinenser-Staat aus. Aber die wenigsten hatten zu diesem uneindeutigen Konflikt eine eindeutige Meinung. Und keiner fand, dass Kunst die richtige Form sei, um Politik zu machen. Warum auch? Woher kommt diese Erwartung, dass israelische Künstler politisch sein müssen? Sie hatten andere Sorgen: Wie finde ich meinen Ausdruck? Wie findet mich Inbal Pinto? Vor allem: Wie finde ich ein billiges Apartment? Der Durchschnittslohn der Tänzer liegt bei 900 Euro, eine schäbige Zweizimmerwohnung kostet 800 Euro.

„Willst du wissen, was das Besondere am israelischen Tanz ist?“, fragte der lässige Igar, der sich bei den Proben zu „Shaker“ einen Bänderriss zugezogen hat, „er ist körperlicher als der verkopfte europäische Stil“. Kommt die Kraft aus dem Staunen über das eigene Überleben? Er zuckt mit den Schultern, trinkt einen Schluck Bier, „manche sagen, die Körperlichkeit habe etwas mit dem Pflichtwehrdienst zu tun“. Ein anderer Tänzer, Ido Batash, unterbricht in scharf: „Das ist Quatsch, ich war nicht beim Militär.“ Die wenigsten hatten – entgegen der Gerüchte – Militärdienst geleistet.

Tel Aviv wirkt sehr glücklich. Mit ihren rund 400.000 Einwohnern hat die Stadt die ideale Größe: Derzeit wird an einer U-Bahn gebaut, trotzdem ist die Stadt so klein, dass man früh morgens an der Gordon Street plötzlich Inbal Pinto in einem Cafe sitzen sieht. Jeden morgen trinkt sie hier ihren Tee, plant den Tag. Ihr Leben hat sich stark verändert, seit sie und Pollak vor fünfeinhalb Jahren ihr erstes Kind bekamen. Jetzt, kurz vor der Geburt des zweiten Kindes, sagte sie: „Diese Familien-Logistik ist anspruchsvoller, als Stücke zu choreografieren“. Im vergangenen Jahr waren sie vier Monate auf Tournee durch die USA, der Sohn immer dabei. Die Großmutter auch. Inbal trank den Tee aus, richtete ihre Brille, dann sagte sie im Gehen: „Ich hatte immer gehofft, dass man effizienter wird mit Kind, das Gegenteil ist richtig: Man wird müder“.

Die Tänzer lernt man am besten kennen, indem man ihnen bei den Proben zusieht: Da ist der leidenschaftliche, ausdrucksstarke Andreas Merk, ein Deutscher aus Ravensburg und derzeit der einzige Ausländer im Ensemble. Dann der technisch versierte Ido Batash, der schelmische Nir Tamir. Mit der Zeit merkt man auch: Nicht alle sind – trotz perfekter Körperbeherrschung – gleich gut. Bei manchen langweilt die Fehlerlosigkeit, mit der sie die Choreographien abtanzen. Bei anderen, wie Talia Beck, möchte man Weinen vor Glück. Die 29-Jährige ist die erste, die unter dem Label Inbal Pinto ein Stück inszenieren darf. Einen Tag vor ihrer Premiere sitzen wir in der Sonne und rauchen eine Zigarette. Sie erzählt mit einer ansteckenden Heiterkeit von ihrem todtraurigen Stück. Es heißt Saudade. Das portugiesische Wort beschreibt die Sehnsucht nach etwas, von dem man ahnt, dass es nicht existiert.

Eine Kritikerin hatte mich vor meiner Abreise gewarnt: „Du darfst dir Inbal Pintos Tanz nicht auf DVD ansehen.“ Heute würde ich ergänzen: Man darf sich auch keine Aufführungen ansehen. Zu perfekt, zu theatralisch und manchmal zu bedeutungsschwer. Wer den Zauber von Inbal Pinto kennenlernen will, der sollte sich in die enge Yehieli Street begeben, im Studio A klingeln und sich auf die schmale Bank setzen. Hier im Probenraum, wenige Meter von den schwitzenden Körpern entfernt, erfährt man, dass Tanztheater die Wirkung einer Zigarette haben kann: Ist man nervös, beruhigt sie, ist man müde, regt sie an.

Szene aus dem Stück "Shaker" der Inbal Pinto Dance Company

Die internationalen Festwochen in Wolfsburg

Seit 2003 veranstaltet der Volkswagen-Konzern in der Autostadt Wolfsburg die Festwochen Movimentos, ein Festival für zeitgenössischen Tanz. Dieses Jahr steht es unter dem Motto Verantwortung, was abseits von Kunst und Tanz selbstverständlich gut in die Zeit passt. Neben der Tanzkompanie Inbal Pinto sind geladen: die Compagnie Montalvo-Hervieu aus Paris, das Bangarra Dance Theatreaus Sidney, Aterballetto aus Italien, das Cloud Gate Dance Theatre of Taiwan sowie

die Companiha de Dança Deborah Colker aus Rio de Janeiro. Wie jedes Jahr wird auch der internationale Movimentos Tanzpreis vergeben. Die Inbal Pinto Dance Company tritt am 21., 22. und 23. Mai im KraftWerk mit Shaker auf. Karten und Infos unter



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05:00 14.05.2009
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Ausgabe 41/2021

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